Seeschlacht.tk - Die Seekriege, Seeschlachten und Duelle auf See von 1775 bis 1815
Chronologie der europäischen Seekriege 1793 bis 1815, Band 1, bis 1802
Chronologie der europäischen Seekriege 1793 - 1815
Band 1 : Von 1793 bis zum Frieden von Amiens 1802

von Thomas Siebe
Sprache: Deutsch Broschiert - 224 Seiten - BoD
ISBN 978-3-8423-2883-9 Erschienen: September 2010
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6. November 1794:   Ein französisches Geschwader von fünf Linienschiffen - MARAT (74), TIGRE (74), DROITS DE L'HOMME (74), PELLETIER (74), JEAN BART (74) - und drei Fregatten - CARENTE, GENTILLE (36), FRATERNITE (36) - unter Konteradmiral Joseph-Marie Nielly stellte 150 Seemeilen vor Brest die britischen Linienschiffe ALEXANDER (74 - Richard Rodney Bligh) und CANADA (74 - Charles Powell Hamilton).


Kapitän Richard Rodney Blighs
Bericht von der Übergabe des britischen Linienschiffes ALEXANDER (74) an ein französisches Geschwader unter Konteradmiral Nielly.

Aus der LONDON GAZETTE vom 3. Februar 1795

 

Das Büro der Admiralität, 3. Februar 1795

Ein Brief von Konteradmiral Bligh, zuletzt Kapitän von Ihrer Majestät Schiff ALEXANDER, an Mr. Stephens (...), von diesem Büro empfangen am 30. des letzten Monats

An Bord der MARAT, vor Brest, 23. November 1794

S I R ,

Die Ankunft der CANADA muss Eure Lordschaften schon längst über mein Unglück unterrichtet haben, Ihrer Majestät Schiff ALEXANDER verloren zu haben, zuletzt unter meinem Kommando, weggenommen durch ein Geschwader französischer Kriegsschiffe, bestehend aus fünf von 74 Kanonen, drei großen Fregatten und einer bewaffneten Brigg, kommandiert von Konteradmiral Neilly. Hiermit übermittle ich zur Information Eurer Lordschaften nähere Umstände und weitere Einzelheiten.  

Wir sichteten dieses Geschwader auf unserem Luv-Bug, nach 2:30 oder fast 3:00 am Morgen des 6. diese Monats, zu diesem Zeitpunkt in 48° 25'' Nord, 7° 53'' West, Wind von Westen, während wir nach Nordosten steuerten, worauf ich sofort zum Wind drehte, mit den Backbord Takeln an Deck, ohne Signal, die CANADA ganz in unserer Nähe.  

Wir passierten die fremden Schiffe ein wenig vor 4:00, das nächste von ihnen ungefähr eine halbe Meile entfernt, konnten aber nicht ausmachen, wer sie waren. Kurz danach näherten wir uns ihnen mehr, steckten die Reffs aus unseren Topsegeln aus und setzten Leesegel.  

Um 5:00 herum, nachdem ich durch mein Nachtglas wahrgenommen hatte, dass die fremden Schiffe auf uns zuhielten, setzten wir - ebenso wie die CANADA - alle möglichen Segel und drehten mehr nach Osten. Bei Tagesanbruch passierte uns die CANADA und steuerte nördlicher als wir, was sie auf unseren Backbord-Bug brachte.  

Zwei Linienschiffe und zwei Fregatten verfolgten sie, drei Linienschiffe und eine Fregatte folgten der ALEXANDER. 

Gegen 7:30 hissten die französischen Schiffe englische Farben. Gegen 8:15 setzten wir unsere Farben, worauf die Franzosen die englischen niederholten und ihre setzten. Wir kamen in Schussweite und begannen aus unseren Jagdgeschützen am Heck zu feuern, während wir ihr Feuer aus den Bug-Kanonen empfingen.  

Gegen 9:00 oder kurz danach, während ich beobachtete, wie die Schiffe, die die CANADA verfolgten, sich ihr näherten und sich mit ihr aus Bug- und Heck-Kanonen beschossen, signalisierte ich der CANADA, sich zu unserer gegenseitigen Unterstützung vor uns zu setzen. Ich war entschlossen, die Schiffe bis zum Äußersten zu verteidigen. Das Signal wurde sofort beantwortet und sie versuchte es umzusetzen, indem sie in unsere Richtung steuerte. Aber die sie verfolgenden Schiffe, die ihre Absicht sahen, hielten mehr nach Steuerbord, um sie abzuschneiden, was sie zwang, wieder den alten Kurs einzuschlagen. 

Wir feuerten weiter aus den Heck-Kanonen auf die uns verfolgenden Schiffe, bis annähernd 11:00, als drei Liniensschiffe zu uns aufschlossen und uns zum Gefecht auf kurze Distanz stellten, welches wir für über zwei Stunden aufrechterhielten, bis das Schiff ein komplettes Wrack geworden war. Die Großrah, der Klüverbaum und die Bramrahen waren weggeschossen, alle Untermasten vielfach durchschossen, so das wir erwarteten, dass sie jeden Moment über die Seite gehen würden. Alle anderen Masten und Rahen waren ebenfalls mehr oder weniger beschädigt, fast das ganze stehende und laufende Gut war in Stücke geschnitten, die Segel in Girlanden verwandelt und der Rumpf an vielen Stellen zerschmettert, so dass er viel Wasser machte und sie sie nur mit Mühe nach Brest bringen konnten. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Schiffe, die die CANADA verfolgt hatten, diese verlassen und kamen schnell auf uns zu. Ein Schuss von einem ging zu diesem Zeitpunkt über uns hinweg.  

In dieser Lage, abgeschnitten von aller Unterstützung, hielt ich es für ratsam, meine Offiziere zu konsultieren und versammelte sie folglich auf dem Achterdeck. Nach Betrachtung und Analyse der Lage des Schiffes (noch im Kampf, wie ich es zuvor beschrieb) betrachteten sie jeden weiteren Widerstand als untauglich, weil bereits vergeblich jede mögliche Anstrengung unternommen worden war, es zu retten. Deswegen waren sie einstimmig der Meinung, dass die Übergabe sinnvoll sei, indem sie das Leben einer Anzahl braver Männer retten würde. Danach erst und nicht vorher (schmerzhaft, es zu berichten) befahl ich die Flagge zu streichen, eine Maßnahme, von der ich hoffe und vertraue, das Eure Lordschaften sie bei eingehender Betrachtung nicht mißbilligen werden.

Bisher war ich noch nicht in der Lage, die exakte Liste der Getöteten und Verwundeten zu erstellen, weil viele der Ersteren während des Gefechts über Bord geworfen wurden, und , als wir in Besitz genommen wurden, die Leute getrennt und an Bord verschiedener Schiffe gesandt wurden. Ich glaube aber nicht, dass es mehr als 40 sind, vielmehr ungefähr so viel. Kein Offizier über dem Rang eines Bootsmannmaates wurde getötet. Leutnant Fitzgerald von den Marines, Bootsmann Mister Burns und der Pilot M'Curdy wurde verwundet und zwar mit guter Aussicht auf Genesung.

Das gelassene, standhafte und tapfere Verhalten all meiner Offiziere und Mannschaften, sowohl Marines als auch Seeleute, während des ganzen Gefechts verdienen den größten Beifall. Und ich würde mich unzulänglich gegenüber meiner Pflicht fühlen - auch in dem, was ich diesen tapferen Männern schulde - sollte ich vergessen , Euch zu bitten, euch daran zu erfeuen, sie in der nachdrücklichsten Weise der Gunst und Protektion Ihrer Lordschaften zu empfehlen. Besonders die Leutnants Godench, Epworth, Carter, West und Daracott, Major Tech, die Leutnants Fitzgerald und Brown von den Marines, Mr. Robinson, der Master, zusammen mit den Sergeanten und Unteroffizieren, deren Tapferkeit und guten Einsatz ich immer in höchster Wertschätzung halten werde.

Ich wurde bisher mit großer Liebenswürdigkeit und Menschlichkeit behandelt und habe keine Zweifel, dass ich dieselbe Behandlung während meiner Gefangenschaft erfahren werde.

Ich bin, Sir , mit großem Respekt, Euer untertänigster und treuester Diener.

R. R. Bligh

An Philip Stephens, Sekretär der Admiralität.

Aus dem Englischen übersetzt von T. Coladores


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Die Niederlage der Briten im Gefecht vom 6. November 1794 gehört zu den wenigen Erfolgen, die die französische Revolutionsmarine vorweisen kann. Die ALEXANDER (74 - Richard Rodney Bligh) und die CANADA (74 - Charles Powell Hamilton) hatten zuvor einen Konvoi von Handelsschiffen bis vor die Küste Portugals eskortiert und waren auf dem Rückweg nach England, als sie auf Niellys Geschwader stießen. Nielly (Bligh schreibt den Namen in seinem Bericht falsch) war kurz zuvor aus Brest aufgebrochen, um vielleicht eben jenen Konvoi abzufangen, hatte ihn aber verpasst und stieß nun auf dessen ehemalige Eskorte.
In einigen Quellen (z.B. William James) wird geschrieben, die ALEXANDER und die CANADA hätten sich getrennt, um die Verfolger zu verwirren. In Blighs Bericht findet sich dafür m.E. kein Indiz, zumal die Trennung der beiden Schiffe laut Blighs Bericht nicht abrupt geschah, sondern sich langsam vollzog.
Angesichts späterer Manöver in diesem Krieg ist es (etwas) verwunderlich, dass die CANADA sich bei ihrem Versuch, sich wieder mit der ALEXANDER zusammenzuschließen, ohne größeren Widerstand hat abdrängen lassen. Immerhin wurde sie "nur" von zwei Linienschiffen und zwei Fregatten verfolgt, ein Kräfteverhältnis, das im späteren Verlauf des Krieges die meisten britischen (Fregatten)-Kommandanten selbstbewußt als match, also annehmbar zumindest für ein Gefecht en passant (im vorübergehen) betrachteten. Freilich war es erst das zweite Jahr des Seekrieges und es handelte sich hier nicht um Fregatten und Korvetten, sondern u.a. um zwei kanonenstarrende Linienschiffe.
Bligh äußert sich kaum über die Einzelheiten des eigentlichen Gefechts. Folgender Verlauf des Kampfes ist plausibel: Während das französische Flaggschiff MARAT (74 - Nielly) und ein weiteres Linienschiff (vermutlich DROITS DE L'HOMME) die CANADA verfolgt hatten, erreichte als erster Franzose die JEAN BART Blighs Schiff, wurde aber durch die britischen Kanonen schon nach 20 bis 30 Minuten empfindlich zurückgewiesen. Danach oder noch während dieses Gefechts mit der JEAN BART kam die TIGRE an die Seite der ALEXANDER. TIGRE und ALEXANDER fügten sich gegenseitig schwere Schäden in der Rigg zu, während die JEAN BART abhielt oder zurückfiel. Vermutlich hatte auch die TIGRE die schwersten Verluste unter den französischen Schiffen. Am Ende wurde das französische Linienschiff dann vermutlich von der PELLETIER unterstützt, die sich offensichtlich halb hinter das Heck der kaum noch zu manövrierenden ALEXANDER setzte. Das dritte französische Linienschiff war vermutlich noch nicht der sofortige "Tod des Hasen", erst die Ankunft der MARAT und der DROITS DE L'HOMME, die die Verfolgung der CANADA aufgegeben hatten, zwang Bligh zur Kapitulation. Einige Historiker berichten freilich, dass auch die MARAT noch eine oder zwei Breitseiten in das Heck der ALEXANDER jagte, bevor die englische Flagge sank.

Ein französisches 74-Kanonen-Linienschiff
Ein französisches 74-Kanonen-Linienschiff

Im Rumpf der ALEXANDER fanden sich rund 300 Kanonenkugeln, die Verheerungen in der Rigg hatten das Schiff praktisch steuerlos werden lassen. Blighs Schätzungen von 40 Toten und Verwundeten sollten sich später bestätigen, doch die exakte Zahl ist mir unbekannt. Auf französischer Seite bzw. nach französischen Angaben war der Blutzoll angeblich zehnmal höher: William James spricht von 450 Toten und Verwundeten. Quelle sind jedoch wieder einmal die "french papers", also französische Zeitungen. Diese Angaben sind definitiv nicht verlässlich. Rechnet man die französischen Verluste auf Basis der britischen Ausfälle hoch, unter Berücksichtigung späterer Verlustraten, zugegeben eine höchst unreliable Rechnung, dann sollten jedoch tatsächlich rund 300 Franzosen gefallen oder verwundet worden sein.
Die ALEXANDER wurde nach Brest gebracht und dort repariert. Als ALEXANDRE (74) segelte sie danach unter französischer Flagge, doch die britische Revanche für ihren Verlust kam nur wenige Monate später: Am 23. Juni 1795 fiel Blighs ehemaliges Schiff in der Linienschiff-Schlacht vor der Ile de Groix wieder in britische Hände und kehrte unter ihrem alten Namen in die Reihen der Royal Navy zurück. 1798 nahm die ALEXANDER unter dem Kommando von Alexander John Ball an der berühmten Schlacht von Abukir teil. Die französischen MARAT (74), im Mai 1795 in FORMIDABLE (74) umbenannt, und die TIGRE (74) wurden ebenfalls vor der Ile de Groix von den Briten erobert. Die FORMIDABLE (74) wurde in der Royal Navy zur BELLEISLE (74) und kämpfte 1805 bei Trafalgar.
Richard Rodney Bligh, übrigens nicht identisch mit dem Bligh von der BOUNTY und bereits seit 1777 Kapitän zur See, hatte das Gefecht des 6. November 1794 unwissentlich bereits als Konteradmiral bestritten, denn in diesen Rang war er am 23. Oktober 1794 befördert worden. Nach seiner Rückkehr aus der Gefangenschaft nach England 1795 wurde er von einem bei Schiffsverlusten obligatorischen Kriegsgericht ehrenvoll freigesprochen.
Angeblich wurden seine Offiziere und Crew in Gefangenschaft im Gegensatz zu ihm nicht gut behandelt. Berichte klagten über Demütigungen durch die Bevölkerung, schlechte Unterbringung und Hunger. Diese Berichte von der damals üblichen Propaganda zu trennen, ist zwar kaum möglich, immerhin aber hatte Frankreich neben einem Hungerwinter auch die Folgen der Schreckensherrschaft Robespierres zu überstehen.


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