Seeschlacht.tk - Die Seekriege, Seeschlachten und Duelle auf See von 1775 bis 1815
 The Battle Of Trafalgar - Nelson's Victory [UK IMPORT]
Chronologie der europäischen Seekriege 1793 - 1815
Band 1 : Von 1793 bis zum Frieden von Amiens 1802

von Thomas Siebe
Sprache: Deutsch Broschiert - 224 Seiten - BoD
ISBN 978-3-8423-2883-9 Erschienen: September 2010
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Chronologie der europäischen Seekriege 1793 bis 1815, Band 1, bis 1802
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Die Seeschlachten von Algeciras 1801

Der Verlust der HANNIBAL und die Legende von Keats Nachtangriff


Service für Ungeduldige: Zur Kurzfassung

Zur Vorgeschichte

Die Geschichte der beiden Schlachten von Algeciras 1801 reicht zurück bis zur französischen Expedition nach Ägypten im August 1798:

Das Abenteuer General Napoleon Bonapartes hatte in Ägypten eine französische Armee hinterlassen, die infolge der verlorenen Seeschlacht von Aboukir 1798 und der gescheiterten Belagerung von Akko 1 1799 abgeschnitten war und in zunehmende Bedrängnis geriet. 1799 hatte bereits Admiral Bruix mit seiner Flotte aus Brest versucht, nach Alexandria durchzubrechen, war aber an seiner mangelnden Entschlossenheit wie auch an der mangelnden Kooperationsbereitschaft der spanischen Verbündeten gescheitert.

Zu Beginn des Jahres 1801 plante man in Frankreich ein weiteres Unternehmen a la Bruix: Es sollte massive Unterstützung für Ägypten durch eine Flotte unter Konteradmiral Ganteaume bringen. Ganteaume gelang im Januar 1801 der Ausbruch aus dem britisch blockierten Brest und der Durchbruch ins Mittelmeer. Das Unternehmen stand jedoch unter keinem guten Stern. Nach zwei vergeblichen Versuchen, Alexandria zu erreichen, mußte Ganteaume Ende April einen weiteren schweren Rückschlag hinnehmen, als er in Toulon Vorbereitungen traf, seinen Vorstoß nach Ägypten voran zu treiben. Auf dem Weg nach Livorno zeigte sich nämlich, dass die Linienschiffe INDOMPTABLE. (80 - Kapitän Moncousu), FORMIDABLE (80 Kanonen - Kapitän Lalonde) und DESAIX (74 - Kapitän Christy-Palliere) zu wenig Besatzung an Bord hatten, um Ganteaume weiter zu begleiten. Zusammen mit der Fregatte CREOLE mußten die drei Schlachtschiffe am 28. April 1801 nach Toulon zurückkehren. Ganteaumes dritter Versuch, die Ägyptenarmee zu retten, scheiterte schließlich ebenfalls.

Linois Weg nach Algeciras

Das in Toulon zurückgelassene Geschwader, nun unter dem Kommando von Konteradmiral Charles Durand-Linois, wurde 6 Wochen später schließlich auf ausreichende Besatzungsstärke gebracht. Das Geschwader sollte sich in Cadiz mit französischen und spanischen Schiffen vereinigen und verließ am 13. Juni Toulon. Begleitet wurden die INDOMPTABLE, FORMIDABLE und DESAIX von der Fregatte MUIRON (38 - Jules-Francois Martinencq), die 1799 den General Napoleon Bonaparte von Ägypten zurück nach Frankreich gebracht hatte, wo er dann alsbald als Erster Konsul die Macht übernahm - das Mittelmeer war damals schon recht klein...

Ebenfalls am 13. Juni verfolgten die englischen Linienschiffe VENERABLE (74 - Samuel Hood) und SUPERB (74 - Richard Goodwin Keats) vor Cadiz vergeblich die Fregatten LIBRE (40) und INDIENNE (40), die in den spanischen Hafen entkamen. An Bord waren Konteradmiral Dumanoir de Pelley, Kommodore Julien Le Ray, ein vollständiger französischer Offizierstab für sechs Schiffe und rund 300 Mann ausgewählte Mannschaften. Im Rahmen des französisch-spanischen Bündnisses und der französischen Finanzierung der bankrotten spanischen Marine sollte Dumanoir in Cadiz sechs Linienschiffe von den Spaniern zu übernehmen und mit französischen Besatzungen bemannen, sobald genügend französische Mannschaften aus den französischen Häfen von Brest, Rochefort und L‘Orient eingetroffen waren.

Mit diesen Schiffen und weiteren sechs spanischen Linienschiffen sollte Dumanoir nach den Vorstellungen des Ersten Konsuls Napoleon Bonaparte ursprünglich vor Lissabon die Portugiesen davon überzeugen, dass sie an der Seite Frankreichs im Krieg gegen England besser aufgehoben sein würden. Ganteaumes Scheitern änderte jedoch die Bestimmung der Geschwader von Linois und Dumanoir: Auch sie waren nun für Ägypten vorgesehen.

Auf seinem Weg nach Cadiz kam Linois am 1. Juli 1801 dem Felsen von Gibraltar recht nahe, als er gegen einen starken Westwind aufkreuzen mußte und gesehen wurde. Doch in dem berühmten englischen Hafen lag zu diesem Zeitpunkt als einziges Kriegsschiff die Sloop CALPE (14 ) unter dem Kommando von George Dundas. Immerhin hatte der Gegenwind auch Vorteile für den französischen Geschwaderführer. Am 2. Juli lief Linois Geschwader eine kleine britische Brigg in die Arme und am 3. Juli blies ihm der Westwind einen ganz besonderen Fang zu. Die DESAIX kaperte die Sloop SPEEDY unter Thomas Cochrane, der kurz zuvor, am 5. Mai 1801, immerhin eine normalerweise weit überlegene spanische Fregatte, die GAMO, im Handstreich erobert hatte. Von den gefangenen Engländern erfuhr der Konteradmiral aber nun, dass vor Cadiz ein starkes britisches Blockadegeschwader stand.

Deswegen steuerte der französische Geschwaderführer zunächst den Hafen von Algeciras an, wo er am 4. Juli Anker warf. Seine Ankunft blieb indessen nicht unbemerkt. Die CALPE hatte sich einen Ankerplatz gesucht, von dem aus sie Algeciras gut im Auge hatte. Deren Kommandant Dundas setzte sofort seinen ersten Offizier Richard Janvarin in eine Barkasse und schickte ihn zum Blockadegeschwader nach Cadiz, um dem dortigen englischen Kommandanten Konteradmiral Saumarez die Nachricht von Linois Ankunft zu bringen.

Charles Durand-Linois
Charles Durand-Linois
Richard Keats
Richard Keats
James Saumarez
James Saumarez


Das englische Geschwader unter Saumarez

Vor Cadiz standen die Linienschiffe CAESAR (80 - Jahleel Brenton) , POMPEE ( 74 - Charles Stirling ), VENERABLE (74 - Samuel Hood ), AUDACIOUS (74 - Shuldham Peard ), SPENCER (74 - Henry D'Esterre Darby ) und HANNIBAL (74 - Solomon Ferris) unter dem Kommando des Abukir-Veteranen Konteradmiral Sir James Saumarez, der kurz zuvor sein Kommando vor Cadiz angetreten und seine Flagge auf der CAESAR gehisst hatte.

Zum Geschwader gehörte auch die SUPERB (74 - Richard Goodwin Keats) 2, die jedoch zu diesem Zeitpunkt vor der Mündung des Guadalquivir patrouillierte, 20 Meilen vom Geschwader entfernt. Die SUPERB sollte später eine entscheidende Rolle spielen, doch zunächst war sie weit ab vom Schuss.

Als am 5. Juli Leutnant Janvarin die Decks der CAESAR betrat und die Nachricht von Linois Ankunft überbrachte, wartete Saumarez auch nicht auf Keats, sondern machte sich sofort auf den Weg nach Algeciras. Die Fregatte THAMES (32 - Askew Hollis) wurde aber losgeschickt, um auch die SUPERB in die Bucht von Gibraltar bzw. nach Algeciras zu leiten. Allerdings sollte sich Keats die Nelson ́sche Freiheit nehmen, den Ruf von Saumarez zu missachten, um die spanisch-französische Kooperation in Cadiz im Auge zu behalten.

Karte der Strasse von Gibraltar inklusive Cadiz

Der englische Konteradmiral brannte vor Angriffslust, eine Haltung, die man besser verstehen kann, wenn man seine Vorgeschichte kennt: Saumarez hatte zuvor 14 Monate ein Geschwader in der Kanalflotte geführt, für viele Seeleute ein gefürchteter Job, der an Eintönigkeit, gleichzeitig aber auch an nautischen Gefahren kaum zu überbieten war. Der Kanal bot so gut wie keine Chance, ins Gefecht zu kommen oder auch nur die Sonne zu sehen, dafür war er unvergleichbar eintönig... und u.a. deswegen so tückisch für Seeleute. Saumarez hatte unter diesen Bedingungen sichtlich gelitten, war nach Worten von Beobachtern stark abgemagert und , wie man so schön sagt, fertig mit den Nerven.
Ende September 1800 empfahl Admiral Earl St. Vincent deswegen, Saumarez abzulösen und gegen Edward Pellew auszutauschen. Er habe Berichte, so schrieb der Lord, dass Saumarez dünn wie ein Hering geworden und vom Dienst im Kanalgeschwader völlig zermürbt sei.
So kam es, dass Konteradmiral Durand-Linois vor der Südspitze Spaniens auf Konteradmiral Saumarez traf und nicht z.B. auf einen Edward Pellew 3.

Saumarez hatte kaum ein Bild von der Lage vor Algeciras, doch schon einen denkbar einfachen Plan. Wie sein früherer Kommandant Nelson vor Abukir und jüngst im April 1801 vor Kopenhagen, so gedachte er in die Bucht zu segeln, sofort anzugreifen 4 und die französischen Schiffe in Nahkämpfe zu verwickeln, ungeachtet der nautischen und geographischen Besonderheiten, ungeachtet der Landbatterien und Kanonenboote.

Saumarez schickte Samuel Hood mit der VENERABLE an die Spitze, angeblich, weil er um dessen Ortskenntnisse wusste. Dies bedeutete eine weitere Parallele zu den Geschehnissen vor Abukir : Dort hatte Hood mit seinem Schiff ZEALOUS ebenfalls den Angriff angeführt, bevor Kaptän Thomas Foley, übrigens ausgerüstet mit einem französischen Atlas statt mit “Ortskenntnissen”, die ZEALOUS mit seiner GOLIATH überholte. Auch 1801 gab es einen Haken an der ganzen Sache. Hoods Ortskenntnisse, beachtet man seine Laufbahn, konnten bestenfalls aus seiner Leutnantszeit stammen.

Die Version mit den “Ortskenntnissen” Hoods scheint mir doch eher ein Versuch zu sein, dem überstürztem und unvorbereiteten Angriff der Briten wenigstens den Hauch von Vorbereitung zu verleihen. Plausibler ist es wohl, dass die Wahl des englischen Oberkommandierenden für die Angriffsspitze auf einen seiner erfahrensten Männer fiel, dem schon von der Erfahrung her entweder die Vorhut oder Nachhut zustand. Den zweiten Abukir-Veteranen übrigens, nämlich Kapitän Darby von der SPENCER, setzte Saumarez dann auch an das wichtige Ende seiner taktischen Aufstellung, ein Beleg für die denkbar einfachste Erklärung seiner Wahl.

In der Marschordnung VENERABLE, POMPEE, AUDACIOUS, CAESAR, HANNIBAL und SPENCER machten sich die Briten auf den Weg. Trotz schwachen Windes wurde das Geschwader allein durch die herrschenden Strömungen schnell bis zur Spitze von Tarifa getrieben und bekam dann auch eine schwache Brise, die Saumarez Schiffe mit sanfter Hand auf den Felsen von Gibraltar zutrieb.

Bucht von Gibraltar

Vor dem Angriff

Am frühen Morgen des 6. Juli 1801, etwa gegen 7:00 meldete Hood von der VENERABLE Saumarez das französische Geschwader in Sicht und auch Linois konnte die heran driftenden Briten ausmachen.

Die Franzosen, in deutlicher Unterzahl, warpten 5 sich beim Anblick des englischen Geschwaders näher unter Land und suchten den Schutz ihrer Landbatterien. Dabei bildeten die französischen Linienschiffe eine nach Norden und parallel zum Land ausgerichtete Schlachtlinie mit Abständen von etwa 200 bis 300 Metern zwischen den Schiffen. Die FORMIDABLE ankerte an der nördlichen Spitze, das 74-Kanonen-Schiff DESAIX positionierte sich in der Mitte und an der südlichen Spitze stand die INDOMPTABLE. Die Fregatte MUIRON dagegen warpte sich sehr dicht unter Land und wurde von Landbatterien auf der Isla Verde und vom Festland aus gedeckt. Im kleinen südlichen Sund zwischen Festland und der “Grünen Insel” standen zusätzlich noch eine - leider unbekannte - Anzahl von Kanonenbooten, die aber höchstwahrscheinlich in das spätere Gefecht nicht eingriffen. Auf der kleinen Insel standen dafür sieben 24-Pfünder-Kanonen, die später eine buchstäblich gewichtige Rolle spielen sollten.

Im Norden der französisch-spanischen Linie waren in die San Jago-Batterie fünf Achtzehnpfünder eingebettet und auf dem Torre del Almirante, dem Admiralsturm, weitere sieben Kanonen, vermutlich vom selben Kaliber. Unter dem Schutz dieser Batterien ankerten sieben spanische Kanonenboote: Die Nr. 2 (Adrian Valcarcel) , Nr. 3 (Francisco Birminghan) , Nr. 4 (Rafael Dominguez), Nr. 7 (Jose Puente), Nr. 8 (Bernardo Rojas), Nr. 12 (Nicolas Abreu) und Nr. 13 (Jose Navarra) waren jeweils mit zwei Kanonen ausgerüstet, die am Bug und am Heck platziert waren. Die Bug-Kanonen verschossen vierundzwanzigpfündige Kugeln, die den Briten noch mächtig zusetzen sollten.

Britische Schiffe unter Konteradmiral Saumarez
CAESAR (80) - J. Brenton
VENERABLE (74) - S. Hood
AUDACIOUS (74) - S. Peard
HANNIBAL (74) - S. Ferris
POMPEE (74) - C. Stirling
SPENCER (74) - H. Darby
Französische Schiffe unter Konteradmiral Durand-Linois
FORMIDABLE (80) - Lalonde †
INDOMPTABLE (80) - Moncousu †
DESAIX (74) - Christy-Palliere
MUIRON (38) - Martinencq
Spanische Kanonenboote
Spanische Landbatterien

Linois verließ sich angeblich jedoch nicht allein auf die Schießkünste seiner spanischen Verbündeten, er schickte laut französischen Berichten Richtkanoniere an Land, die er den an den Landkanonen knapp besetzten Spaniern zur Verfügung stellte. Die Anzahl und tatsächliche Verwendung dieser Männer ist allerdings unbekannt, von größerem Nutzen dürften sie jedoch kaum gewesen sein, da sie weder die Kanonen noch die Bucht besser gekannt haben dürften als die Spanier...

Linois bester Verbündeter war nicht sichtbar bzw. unter der Wasserlinie verborgen: Es handelte sich um einige extrem unangenehme Untiefen und das launische Lüftchen, das in der Bucht wehte...oder eben auch nicht.
Die französischen Kanonen, ob auf den Kriegsschiffen oder an Land, waren jedenfalls bereit für eine Abwehr des englischen Schlages, von einem Überraschungsangriff konnte keine Rede mehr sein.

Das Saumarez trotz der offensichtlich vorbereiteten Franzosen und schlechten Windverhältnisse den Angriff fortsetzte, hatte viele Gründe:
Da war die pure Angriffslust des englischen Admirals aufgrund der bereits erwähnten Vorgeschichte. Bei den Briten herrschte auch eine gewisse Überheblichkeit durch die Erfahrungen von Abukir und Kopenhagen. Die erwähnten Schlachten und ihr Verlauf wurden von den Briten möglicherweise auch wie ein Schema auf die Lage angewendet. Immerhin waren einige der Führungsoffiziere und Leutnants vor Abukir persönlich dabei gewesen und die Lage der Franzosen in der Bucht von Algeciras weist ja wirklich einige Parallelen zum 1. August 1798 auf . Da wirkte sicherlich auch das schlichte Nelson-Dogma, dass es nicht verkehrt sein könne, sein Schiff einfach neben das des Gegners zu steuern und dann aus allen Rohren zu feuern. In Rechnung zu stellen ist ferner auch das Bewusstsein zahlenmäßiger Überlegenheit und das man auf offener Bühne vor dem Publikum Gibraltars kämpfte.
Man kann vielleicht die Versuchung nachvollziehen, die dieser Frontalangriff für Saumarez darstellte und der er nachgab.

Statt dessen hätte der englische Oberbefehlshaber natürlich zunächst das Terrain erkunden können, hätte die eine oder andere Landbatterie, z.B. auf der Isla Verde, ausschalten müssen. Er hätte Tiefenmessungen durchführen können und Angriffsalternativen wie z.B. den Einsatz von Brandern erwägen können. Er hätte auf stabilere Windverhältnisse setzen bzw. warten können und, eingedenk der späteren Geschehnisse, auch dem Gegner Gelegenheit geben müssen, Fehler zu machen.
Ob Saumarez etwas davon überhaupt erwogen hatte, bis er am Morgen des 6. Juli die Mastspitzen der französischen Schiffe sah ? Wenn ja, so gingen diese Pläne in diesem Augenblick, beim Anblick der feindlichen Schiffe, über Bord.

Genügend Zeit zur Besinnung hätten die Briten natürlich gehabt, denn der schwache Wind war zudem auch noch launisch und wurde um so kapriziöser, je tiefer das englische Geschwader in die Bucht vorstieß. Da konnten zwei Schiffe keine 100 Meter voneinander entfernt sein und doch konnte das eine in einer Flaute stecken, während das andere von einer leichten Brise bewegt wurde.

In dieser Phase ergab sich erneut eine Parallele zur Schlacht von Abukir, als sich Hood mit der VENERABLE und Stirling mit der POMPEE einen Wettlauf, besser gesagt, ein Schneckenrennen in die Bucht lieferten. Dieses Rennen in die Bucht hinein war der Auftakt zur ersten Schlacht von Algeciras.


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Der Angriff der Briten

Es war 8:15, als die spanische Batterie auf dem Festland und die sieben Kanonen auf der Isla Verde das Feuer auf VENERABLE und POMPEE eröffneten. In den Donner dieser Salven stimmten bald darauf auch die Kanonen der MUIRON ein. Stirling gewann einen Vorsprung vor Hood, bekam aber dafür das Feuer eines jeden französischen Schiffes zu spüren, während er INDOMPTABLE und DESAIX auf seinem Weg nach Norden passierte.
Die VENERABLE blieb schließlich gänzlich bekalmt 6 liegen, während die POMPEE die nördliche Spitze der feindlichen Linie erreichte und von Breitseiten der FORMIDABLE empfangen wurde.

Die POMPEE legte sich auf eine Distanz von 60 bis 90 Metern neben die Steuerbordseite von Linois Flaggschiff und ließ den Anker fallen. Linois dagegen hatte sich in seinem Rücken Raum für einen Rückzug erlotet und beantwortete das Ankermanöver der Briten mit Warpmanövern Richtung Ufer, womit er den Abstand zum britischen Schiff wieder vergrößerte. Eine größere Distanz lag nicht nur wegen der vor Abukir nachgewiesenen englischen Nahkampfstärke in Linois Interesse, sondern ermöglichte auch Landbatterien und Kanonenbooten, überhaupt auf die POMPEE zu schießen, ohne grössere Gefahr zu laufen, dabei die FORMIDABLE zu treffen.

Die VENERABLE war inzwischen gezwungen gewesen, Anker zu werfen, um wenigstens das schlingernde Schiff zur Ruhe zu bringen. Darüber hinaus gab es für Hood kein Vor oder Zurück, so das ihm nichts übrig blieb, als das Feuer auf die DESAIX zu eröffnen. Auf eine Distanz von rund 350 Metern konnten seine Kanoniere freilich viel weniger ausrichten, als ihr Kapitän es sich gewünscht hätte. Auf dem französischen Schiff hatte Minuten zuvor noch der gefangene Thomas Cochrane begeistert den sich entwickelnden Angriff der britischen Schiffe verfolgt, war dann aber unter Deck verbannt worden, “damit er nicht von den eigenen Landsleuten umgebracht werde”. Möglicherweise wäre er aber wie Hood eher in seinen hohen Erwartungen verletzt worden statt durch britischen Beschuss.

Der AUDACIOUS ging es ähnlich wie der VENERABLE. Rund 250 Meter querab der INDOMPTABLE ging gar nichts mehr und Kapitän Peard begann ebenfalls ein Artillerieduell auf große Distanz, was den Einsatz der Karronaden bzw. Nahkampfwaffen - eine Stärke der britischen Artillerie - unsinnig machte.

Die POMPEE bekam inzwischen das heftige Feuer von FORMIDABLE, der Batterie San Jago, des Admiralsturms und der Kanonenboote deutlicher zu spüren, als den Briten lieb war. Das englische Schiff begann plötzlich mit seinem Heck nach Nordosten zu drehen, ob absichtlich, um die Flucht vorzubereiten oder weil der Heckanker weggeschossen wurde, ist nicht bekannt. Jedenfalls geriet das Schlachtschiff dadurch in eine schlimme Lage, weil es die FORMIDABLE mit ihrer Breitseite kaum mehr fassen konnte, von den Breitseiten des französischen Flaggschiffs dagegen fast der Länge nach bestrichen wurde.

Zu diesem Zeitpunkt , etwa zwischen 9:15 und 9:30, stieß auch Saumarez mit der CAESAR in die Bucht vor, überholte mit seinem Schwung AUDACIOUS und VENERABLE und ließ schließlich den Anker fallen, als der CAESAR sozusagen die Puste ausging. Während er ein Tau zur VENERABLE herübergeben ließ und so die CAESAR an Hoods Schiff ausrichtete, nahmen seine Kanoniere die DESAIX und die weiter entfernte FORMIDABLE auf's Korn.

Saumarez war zu diesem Zeitpunkt durchaus klar, dass die POMPEE in Schwierigkeiten war und war auch verärgert, das er den Franzosen nicht näher rücken konnte, hoffte aber noch auf den Einsatz der sich nähernden HANNIBAL und SPENCER.

Kapitän Ferris versuchte auch, mit seinem Schiff möglichst nah an die POMPEE heranzukommen, doch auch die HANNIBAL konnte die unsichtbare Grenze, die das schwache Lüftchen und die leichten Strömungen in der Bucht von Algeciras zogen, nicht überschreiten. Nur rund 100 Meter vor der CAESAR blieb die HANNIBAL liegen. Dort aber war sie von eher geringem Nutzen, weil sie lediglich die FORMIDABLE auf große Distanz beschießen konnte.

Erste Phase des englischen Angriffs in der Bucht von Algeciras

Die SPENCER schließlich dämpfte dann die Kampfeslust des englischen Admirals endgültig, denn sie kam nicht einmal nahe genug heran, um richtig in das Gefecht einzugreifen. Dafür flogen den britischen Schlachtschiffen nun glühende Kugeln von Land her um die Masten; die Spanier hofften, die feindlichen Linienschiffe auf diese Weise in Brand zu schießen. Die offensichtlich bereits lahm geschossene POMPEE schien für diese Art von Munition ein ideales Ziel. Saumarez mußte nun auf die schwierige Lage Stirlings reagieren und ließ Boote aussetzen, um der POMPEE Hilfe zu bringen. Gleichzeitig erkannte der englische Konteradmiral an den Verklickern, dass die HANNIBAL eine Brise hatte und suchte diese Chance sofort für seine Zwecke zu nutzen. Der englische Befehlshaber befahl Kapitän Ferris, “...to go and rake the French admiral”, also Fahrt aufzunehmen und den französischen Admiral zu beharken.

Der Auftrag der HANNIBAL

War dies lediglich eine Aufforderung an Kapitän Ferris, sich in bessere Schussposition zu bríngen ? Oder konnte man in einer Royal Navy nach Abukir diesen Befehl kaum anders verstehen als einen Auftrag, sich durch die Untiefen und vorbei an den Kanonenbooten, dem Admiralsturm und der Batterie San Jago hinter die gegnerische Linie zu begeben ? Also wieder ein Manöver, dass an Abukir erinnerte, offensichtlich ja ein wiederkehrendes Motiv, dass das Handeln von Saumarez bestimmte ? Zum besseren Verständnis: Ein kühnes Manöver dieser Art hatte am 1. August 1798 Kapitän Foley mit seiner GOLIATH vor Abukir erfolgreich bewerkstelligt und damit gleich zu Beginn die Vorentscheidung der Schlacht herbeigeführt.

Zunächst wurden die Signale des englischen Oberkommandierenden auf der HANNIBAL aber gar nicht registriert, wertvolle Zeit ging verloren. Es war ca. 10:15, als Ferris dann doch die Ankertaue seines Schiffes löste, die HANNIBAL zunächst nach Norden trieb, um dann einen Bogen beschreibend zu wenden und mit südlichen Kurs nahe unter Land zurückzukehren. Es war nun offensichtlich, dass er versuchte, hinter die französischen Schlachtschiffe zu schlüpfen.

Linois erkannte vermutlich die Absicht der Briten und signalisierte der DESAIX und INDOMPTABLE, sich ebenfalls näher ans Ufer zu warpen. Ob er damit wirklich auf den Kurs der HANNIBAL reagierte, eine weitere britische Annäherung provozieren wollte oder lediglich seine Schiffe dem Feuer der Briten zu entziehen trachtete, darüber lässt sich lediglich spekulieren.

Es ist zwar nicht bekannt, aber durchaus anzunehmen, das Linois Manöver wiederum den Kurs der HANNIBAL beeinflusste. Viel zu nahe unter Land nämlich passierte das englische Schlachtschiff die Batterie auf dem Admiralsturm. Zunächst wütete die Artillerie der HANNIBAL unter den spanischen Kanonenbooten, die entweder nicht mehr hatten fliehen können oder sich dem englischen Linienschiff todesmutig in den Weg gestellt hatten. Dann aber lief die HANNIBAL gegen 11:00 in denkbar ungünstigster Position auf Grund.

Zwar konnten die Kanonen des englischen Schlachtschiffs aus dieser Position nun in der Tat Linois Flaggschiff von hinten fassen und auf der anderen Seite gegen die Landbatterien und Kanonenboote gerichtet werden, doch war dieser Effekt im Hinblick auf das heftige gegnerische Feuer wenig tröstlich und auch nur temporärer Natur, denn die FORMIDABLE bewegte sich mehr und mehr Richtung Ufer und aus der Schussweite der HANNIBAL.

Ferris mußte dagegen feststellen, dass sein Schiff nun gründlich fest sass. Die zwei, drei überlebenden Kanonenboote, zuvor noch pure Zielscheiben, konnten sich nun in einen toten Winkel zu den englischen Kanonen manövrieren. Sie jagten dem aufgelaufenen englischen Kriegsschiff eine 24-pfündige Kugel nach der anderen in den Rumpf oder bekämpften anlaufende Boote, die der HANNIBAL zur Hilfe kamen. Da waren z.B. die Boote von VENERABLE und CAESAR, die zuvor der POMPEE assistiert hatten. Sie bemühten sich nun, der HANNIBAL zu helfen.

Inzwischen waren neben der CALPE, deren Boote sich ebenfalls anschickten, Ferris zu unterstützen, auch zahlreiche andere Boote von den englischen Kriegsschiffen oder aus Gibraltar auf der Kampfszene erschienen, die sich mühten, die angeschlagene POMPEE aus der Kampfzone zu ziehen. Doch das Areal um die unter schwerem Feuer liegenden HANNIBAL wurde jetzt eine echte Todeszone. So sank mindestens eine Barkasse mit Hilfsmannschaften von der CAESAR durch den Beschuss der Landbatterien oder durch den Angriff spanischer Kanonenboote. Auch um die in Schlepp genommene POMPEE herum wurden helfende Boote getroffen und versenkt.

 DAS SCHIFF von Stephen Biesty, Richard Platt
Englische Version des in Deutschland weitgehend vergriffenen Werkes von Stephen Biesty, Richard Platt

Der zweite Angriff

Für die Briten war das Gefecht bis zu diesem Zeitpunkt denkbar schlecht gelaufen, doch mit den Manövern von DESAIX und INDOMPTABLE schien sich das Blatt nun zu wenden. Deren Kommandanten führten Linois Befehl, sich näher ans Ufer zu bewegen, allzu gründlich aus. Die DESAIX lief unerklärlicherweise auf eine gut bekannte Untiefe auf, möglicherweise spielte dabei die Unerfahrenheit ihres noch recht jungen Kommandanten eine Rolle. Immerhin blieb das französische 74-Kanonen-Schiff aber an einem doch recht sicheren Platz liegen , weil dicht unter den Kanonen von Algeciras. Hätten die Briten aber zu diesem Zeitpunkt Brander gehabt...

Die INDOMPTABLE wiederum geriet bei ihrem Rückzug unter Land plötzlich in eine Strömung und lief nahe der Isla Verde auf Grund. Dort schien sie Konteradmiral Saumarez besonders verwundbar und er signalisierte all seinen Kapitänen mit Ausnahme der HANNIBAL und POMPEE, zu wenden und die INDOMPTABLE als Ziel zu nehmen. SPENCER und VENERABLE mühten sich jedoch weitgehend vergeblich ab, sie rührten sich kaum vom Fleck. CAESAR und AUDACIOUS aber gelang es, eine minimale Brise nützend, sich einer recht guten Schussposition anzunähern.

Schon konnten die englischen Linienschiffe ihre ersten Breitseiten auf die bewegungslos liegende INDOMPTABLE abfeuern, als die letzte Bewegung in der Luft verschwand und die beiden Schlachtschiffe zur Bewegungslosigkeit verdammte. Dafür schossen sich nun die Batterien der Isla Verde so richtig auf die Gegner ein und eine Strömung drohte Saumarez und Peards Schiffe ebenfalls auflaufen zu lassen. Saumarez dürfte es angesichts der Schäden auf seinen Schiffen bereut haben, dass er diese sieben 24-Pfünder auf der “grünen Insel” nicht zuvor weggenommen hatte, was angesichts der rezenten kritischen Situation eine eher leichtere Übung dargestellt hätte. Zu diesem Zeitpunkt jedoch, am Mittag des 6. Juli, hatten die AUDACIOUS und CAESAR fast alle ihre Beiboote durch feindlichen Beschuss verloren und konnten nicht einmal einen Versuch starten, auf die kugelschleudernde Insel zu gelangen. So erwies sich also ausgerechnet diese Batterie auf der Insel als der härteste Gegner der Engländer.

Englischer Rückzug und Kapitulation der HANNIBAL

Die restlichen Boote des Geschwaders waren damit beschäftigt, die POMPEE nach Gibraltar zu schleppen oder der HANNIBAL zu assistieren, soweit sie konnten. Saumarez hatte sogar Schwimmer einsetzen müssen, um Botschaften zu übermitteln. Die Lage wurde immer unhaltbarer und gegen 13:30 mußte sich Saumarez dann unter dem verheerenden Beschuss der spanischen Kanoniere offenbar eingestehen, dass der Tag für sein Geschwader verloren war.

Zweite Phase des englischen Angriffs in der Bucht von Algeciras

Er tat aber sogar noch mehr, denn er gab auch die HANNIBAL verloren und war gezwungen, sie im Stich zu lassen. Dieser Vorgang, der so ziemlich einzigartig in der Geschichte der Royal Navy zur Zeit Napoleons bleiben sollte, wird in den zeitgenössischen britischen Berichten über die Schlacht schamvoll übergangen, auch wenn Saumarez sicherlich kaum eine Möglichkeit blieb, noch etwas für Ferris und seine Leute zu tun. Doch gerade diese Hilflosigkeit zu benennen weigerten sich offensichtlich die Beteiligten und damaligen Chronisten, ein typisches Muster, wie man es auch bei den Spaniern und Franzosen findet.

Wie dem auch sei: Um ca. 13:40 befahl der englische Oberbefehlshaber den Rückzug nach Gibraltar und brachte sein arg mitgenommenes Flaggschiff in Sicherheit, gefolgt von der ebenfalls schwer beschädigten AUDACIOUS. Für Kapitän Moncousu von der INDOMPTABLE kam dieser Rückzug allerdings zu spät: Er war - wie schon zuvor sein Kollege Lalonde von der FORMIDABLE - im Feuer der englischen Breitseiten gefallen. Fregattenkapitän Touffet trat an seine Stelle.

Zu diesem Zeitpunkt kämpfte die HANNIBAL nach wie vor, praktisch entmastet zwar und wohl auch ohne Chance, aber doch noch aus allen verbleibenden Rohren schießend. Fünf der sieben spanischen Kanonenboote, die die HANNIBAL und ihre Boote bekämpft hatten, waren bereits versenkt worden. Gegen die Geschützbatterien des Admiralsturms und der Batterie San Jago aber war die HANNIBAL auf Dauer machtlos. Trotzdem: Erst als Kapitän Ferris beobachten mußte, wie die CAESAR und die AUDACIOUS ihre Ankertaue lösten und sich vom Gegner absetzten, gab auch er auf und ließ die Flagge vom behelfmäßigen Flaggenmast niederholen. Gleichzeitig befahl er als umsichtiger Kommandant seinen Männern, sich in die relative Sicherheit der unteren Decks zu begeben. Denn er hatte nunmehr keine Hoffnung mehr auf Befreiung seines aufgelaufenen Schiffes und suchte, unnötige weitere Verluste zu vermeiden.

Dies war vielleicht gegen 14:00, vielleicht aber auch wesentlich später, jedenfalls aber nach dem Rückzugsbefehl des englischen Admirals, obwohl dies u.a. namentlich von Kapitän Brenton von der CAESAR bestritten wurde.

Es war jedoch noch nicht das letzte Wort an diesem Tag, denn Minuten später wurde die englische Flagge an Bord der HANNIBAL erneut gehisst. Wie es dazu kam, ist bis heute nicht endgültig geklärt. Als Erklärung für das erneute Erscheinen der britischen Flagge auf der HANNIBAL hatte man zunächst immer wieder eine spanische Kriegslist angeführt, die bewirken sollte, dass die Hilfe anbietenden Boote von der CALPE herangelockt werden sollten. Doch die Beobachtung, dass nach dem ersten Verschwinden der britischen Flagge auf der HANNIBAL das spanische Feuer nicht ganz verstummte und dass der zeitliche Abstand zwischen Verschwinden und erneutem Hissen der Flagge relativ gering war, nährte Vermutungen, die Flagge sei weggeschossen worden und von den Briten wieder gesetzt worden.
Die Boote von der CALPE jedenfalls gelangten daraufhin doch noch zur HANNIBAL, kamen jedoch nie wieder zurück; Dundas Männer gerieten wie die Männer der HANNIBAL in Gefangenschaft. Von größerer Bedeutung ist dieses Rätsel aber nicht wegen der Handvoll Kriegsgefangener, sondern wegen der Möglichkeit, dass die HANNIBAL möglicherweise sogar erst gegen 14:30 kapitulierte.
Zu diesem Zeitpunkt waren alle englischen Linienschiffe bereits auf dem Weg nach Gibraltar, ein Bild, das sich in den Annalen der Navy wenig schmeichelhaft ausgenommen hätte. Es wurde deswegen wohl immer energisch bestritten, der Rückzug der Briten habe vor der Kapitulation der HANNIBAL stattgefunden.

Nach der ersten Schlacht

Es ist interessant, dass die englische Flotte damals mit schmerzlichen Fakten bzw. Niederlagen wohl auch nicht anders umging als die spanischen und französischen Gegner: Sie wurden nach Möglichkeit ignoriert. Kritik an Saumarez Vorgehen wurde meines Wissens in der Öffentlichkeit später nicht laut.
Linois wurde später in der französischen Presse natürlich als großer Sieger gefeiert. Der spanische Einsatz, wie später ja auch bei Trafalgar, wurde dagegen in Frankreich völlig unterschlagen. Dabei hatten die Spanier mindestens fünf Kanonenboote im Kampf verloren, hatten die spanischen Landbatterien, namentlich die des Torre del Almirante und der Isla Verde, den Löwenanteil der Verluste und schweren Schäden auf den englischen Schiffen verursacht.

Und die waren beträchtlich : Nach englischen Angaben wurden 121 Briten getötet und 240 erheblich verwundet, 14 Männer blieben verschollen. Die größten Ausfälle hatte natürlich die HANNIBAL: Eine lange Verlustliste von 75 Toten, 6 Vermissten und 61 Verletzten mußte Kapitän Ferris aufstellen.
Die POMPEE, als erstes englisches Schiff schwer getroffen, hatte 12 Männer verloren und 72 Verwundete unter Deck liegen.
Das Flaggschiff CAESAR verzeichnete 12 Tote, 8 Vermisste und 26 Verwundete, AUDACIOUS und VENERABLE verloren jeweils 8 Seeleute und hatten 32 bzw. 28 Verwundete.
Sogar die SPENCER, die kaum hatte eingreifen können, hatte durch den spanisch-französischen Beschuss 6 Tote und 27 Verletzte zu beklagen.

Die Schäden an den Schiffen waren erheblich bis katastrophal. Am schlimmsten hatte es natürlich die HANNIBAL getroffen, die in die Hand der Franzosen gefallen war. Sie war fast völlig entmastet worden, lediglich die Mastfüße standen noch.
Die POMPEE und die CAESAR hatten vor allem Toppmasten verloren, doch ihr Gehölz war praktisch überall durchlöchert und angeschlagen und nicht einmal mehr einer kleinen Brise gewachsen. Beide Schiffe waren auch signifikant durch Treffer in der Rumpf, z.T. auf Höhe der Wasserlinie beschädigt worden. Die CAESAR verfügte über kein einziges Beiboot mehr.

Konteradmiral Linois lag mit seiner späteren Einschätzung , dass beide Schiffe nurmehr Wracks waren 7, nicht so weit daneben . Der Schaden auf den restlichen englischen Schiffen war ebenfalls erheblich, beschränkte sich aber auf Probleme in der Takelung und erwiesen sich als relativ schnell reparabel.

Auf französischer und spanischer Seite gab es keine detaillierten Verlustlisten. Nach offiziellen Angaben hatten die Alliierten 300 Mann Tote und Verwundete, die Madrider Gazette schrieb von 500 Mann. Unter den Toten dürften vor allem Männer von der FORMIDABLE und der INDOMPTABLE gewesen sein, die beiden Kapitäne dieser Schiffe wurden ja ebenfalls, wie bereits erwähnt, getötet. Die spanischen Verluste rekrutierten sich höchstwahrscheinlich aus den Besatzungen der Kanonenboote, die die Hilfe für die HANNIBAL so erschwerten.

Ohne Zweifel durften die Franzosen und Spanier an diesem Tag einen deutlichen Sieg über die Royal Navy verbuchen, obwohl Linois sich selbst kaum als großen Sieger betrachtete. Seine ersten Handlungen nach der Schlacht waren keinesfalls Jubelreden, er bemühte sich ohne Verzug, seine aufgelaufenen Schiffe und die eroberte HANNIBAL wieder flott zu kriegen.
Letzteres schien ein nahezu unlösbares Problem und die Franzosen waren nahe daran, die HANNIBAL aufzugeben - ein absolut entlastender Befund für den in Gefangenschaft geratenen Kapitän Ferris.
Mit der DESAIX und INDOMPTABLE wurde Linois dagegen sogar noch am selben Tag flott, womit er die Briten in Gibraltar überraschte. Sie wurden auf ihre Fehleinschätzung aber erst Tage später aufmerksam. Linois wiederum unterschätzte zunächst die Schäden, die die englischen Schiffe genommen hatten. Der französische Admiral vermutete, daß ein zweiter Angriff unmittelbar bevorstand. Er sandte sofort Boten in alle Himmelsrichtungen, einen mit der Bitte um Hilfe nach Cadiz, aber davon später.

Warum scheiterte Saumarez ?

Die Schlacht von Algeciras wies viele Parallelen mit Nelsons Sieg vor Abukir auf. Warum aber war Saumarez weniger erfolgreich als einst Nelson in Ägypten und kurz vor Algeciras - mit einer gewissen Einschränkung - vor Kopenhagen ?

Ein Hauptgrund war sicherlich... Pech ! Oder besser noch: Weniger Glück, denn Nelson geriet mit seiner Brechstangenmethode vor Kopenhagen ja auch in Probleme, hatte am Ende aber viel Glück. Dies fehlte Saumarez an diesem Tag.

Ein zweiter Grund: Brueys Flotte vor Abukir hatte sich praktisch nicht gerührt und wie auf dem Schießstand verharrt, Linois Schiffe dagegen waren wesentlich schwerere Ziele. Der Misserfolg hatte seine Ursache ja besonders im Scheitern der Briten, ein Gefecht auf kürzeste Distanz, also z.B. Pistolenschussweite, zu erzwingen, wie es Nelson vor Abukir in glänzender Weise gelungen war. Statt dessen , durch die Untiefen behindert, wurde vor Algeciras auf Distanzen zwischen 200 und 400 Metern geschossen, was natürlich eine ungünstige Distanz für den Gebrauch von Karronaden darstellt.

Der dritte und wohl wichtigste Grund war die Unterstützung der französischen Schiffe durch die landgestützten spanischen Kanonen. Selbst ein gelungener Durchbruch der HANNIBAL hätte an dem verheerenden Feuer dieser Geschütze wenig ändern können. Das Jahr 1801 brachte den Engländern in Kopenhagen und in der Bucht von Algeciras die Erkenntnis, dass es teuer zu stehen kam, wenn man sich mit Landbatterien auf Feuergefechte einließ.


Segel vor Bombay
von Porter Hill
Sprache: Deutsch
Broschiert - Ullstein-Verlag
Erscheinungsdatum: 1988
Adam-Horne-Reihe


Vorgeschichte zur zweiten Schlacht

Am 7. Juli 1801 traf in Cadiz ein Bote von Linois ein, der dem spanischen Admiral Mazzaredo die Bitte des französischen Konteradmirals überbrachte, das französische Geschwader in Algeciras zu unterstützen. Diese Botschaft ist besonders von englischen Historikern als etwas kläglicher Hilfeschrei des Franzosen interpretiert worden, was den Sieger der ersten Schlacht vor Algeciras diskreditiert.

Primäres Anliegen von Linois war es, Geleitschutz nach Cadiz zu erlangen, denn der Sieger des 6. Juli wusste nicht, wieviele englische Schiffe sein Geschwader beim Auslaufen erwarten würden. Natürlich brachte er gegenüber seinen spanischen Verbündeten in einer anderen Passage seiner Botschaft auch seine Befürchtungen zum Ausdruck, die französischen Schiffe vor Algeciras könnten durch Branderangriffe vernichtet werden.

Der englische Historiker William James zitiert in seinem Werk lediglich diese Passage, weswegen Linois durchaus dringliche Bitte um Hilfe einigermaßen ängstlich klingt. James versäumt es aber, das o.g. primäre Anliegen von Linois , nämlich den Geleitschutz, zu erwähnen, bei dem natürlich auch Eile geboten war. Linois Botschaft ist kein Dokument der Angst vor den Briten, sondern ein militärisch absolut sinnvoller Vorschlag.

Admiral Mazzaredo war jedoch gar nicht begeistert von der Aussicht, seine bzw. die französischen Schiffe in spe nach Algeciras zu schicken. Auch ihn beeinflusste dabei nicht die Ängstlichkeit vor der fürchterlichen Royal Navy, sondern folgende Umstände:
Der geplante Austausch der Besatzungen gegen französische Crews hatte seine Linienschiffe mannschaftsmäßig bereits ausgedünnt, die Schiffe waren nicht voll einsatzfähig und die Bucht von Gibraltar war immerhin die Höhle des Löwen. Auf der anderen Seite wurde Mazzaredo von Konteradmiral Dumanoir de Pelley bedrängt, keine Minute zu verlieren. Dumanoir vertrat dabei einfach nur die französischen Interessen und hatte, wie der Zufall es wollte, gerade sehr gute Argumente. Immerhin gehörten sechs Schiffe ohnehin den Franzosen, sobald die französischen Besatzungen eintreffen würden.

Weder Linois noch die Alliierten in Cadiz konnten ahnen, das Saumarez weit davon entfernt war, einen Angriff auf Linois Geschwader zu planen. Zum einen unterlag Saumarez bekanntlich einer Fehleinschätzung, was den Zustand der aufgelaufenen französischen Schlachtschiffe betraf, die keineswegs “zu Wracks geschossen” worden waren. Zum anderen waren POMPEE und CAESAR eben genau das, was Saumarez von Linois Schiffen dachte: praktisch Wracks !

Linienschiffschlachten 1794 - 1806 Download

Mazzaredo übertrug schließlich Vizeadmiral Juan Joaquin de Moreno das Kommando über fünf Linienschiffe. Es waren drei alte Dreidecker, nämlich das Flaggschiff REAL CARLOS (112 - Jose Esquerra), die SAN HERMENEGILDO (112 - Manuel Emparan) und die SAN FERNANDO (96 - Joaquin Molina), sowie zwei Zweidecker mit den Namen ARGONAUTA (80 - Juan Herrera) und SAN AUGUSTIN (74 - Ramon Topete). Begleitet wurde dieses Geschwader von der spanischen Fregatte SABINA (34). Zur gleichen Zeit wurde die ehemalige spanische SAN ANTONIO, nun die französische SAINT ANTOINE (74 - Julien Le Ray) von den Franzosen fieberhaft seeklar gemacht, um die spanischen Schiffe nach Algeciras zu begleiten.

Vor Cadiz wurde Kapitän Keats mit der SUPERB auf die Vorbereitungen der Spanier aufmerksam. Als er keine Zweifel über das beabsichtigte Auflaufen des feindlichen Geschwaders mehr hegte, schickte er die Brigg PASLEY (16 - Lt. William Wooldridge) nach Gibraltar, um Saumarez auf ein sehr wahrscheinliches Aufkreuzen Morenos in der Bucht von Gibraltar vorzubereiten.

Am frühen Morgen des 9. Juli 1801 lief das spanische Geschwader aus, angeführt von der Fregatte SABINA. Keats hielt sich mit der SUPERB und der Fregatte THAMES vor Morenos Schiffen und nahm ebenfalls Kurs auf die Bucht von Gibraltar. Er hatte noch feststellen können, dass die SAINT ANTOINE offensichtlich nicht rechtzeitig seeklar geworden war und in Cadiz zurückblieb. Da der Kapitän der SUPERB die Entwicklung der Lage vor Algeciras nicht kannte, wartete er nicht auf das französische Linienschiff. Hätte er es getan, hätte er Le Rays Schiff möglicherweise bereits vor Cadiz abfangen können... wenn es denn mit Ausblick auf die SUPERB ausgelaufen wäre.

Schon am Nachmittag des selben Tages lief Morenos kleine Flotte, auf respektvolle Distanz begleitet von SUPERB und THAMES, in die Bucht von Gibraltar ein. Keats warf vor Gibraltar Anker, Moreno ließ seine Schiffe in Schlachtlinie vor der Bucht von Algeciras festmachen.

Den Briten in Gibraltar war natürlich klar, dass Morenos Schiffe Linois Geschwader und seine Prise, die HANNIBAL, nach Cadiz eskortieren sollten. Als böse Überraschung mußte Saumarez nun aber registrieren, dass die französischen Schiffe bereits seeklar waren, lediglich die HANNIBAL schien noch nicht bereit.
Dafür war die POMPEE auf britischer Seite auf absehbare Zeit außer Gefecht. Ihre Besatzung wurde in Arbeitskommandos auf die anderen Schiffe verteilt, denn natürlich wollte der englische Oberbefehlshaber den Gegner nicht ohne weiteres ziehen lassen. Dies war möglicherweise eine letzte Chance, die doch gut sichtbare Scharte des 6. Juli auszuwetzen. Dabei mußte Saumarez aber die Möglichkeit ins Auge fassen, ohne die schwer angeschlagene CAESAR zu kämpfen. Tatsächlich hatte der Admiral seine Flagge bereits auf der AUDACIOUS gesetzt. Damit hätte er mit lediglich vier Schlachtschiffen ins Gefecht gehen müssen.

Am 10. Juli erhöhte sich die Überzahl der alliierten Schiffe sogar noch, denn die französische SAINT ANTOINE, begleitet von den Fregatten LIBRE (40) und INDIENNE (40), lief in die Bucht ein. So standen nun 9 Linienschiffe und 3 Fregatten gegen 4 englische Linienschiffe und die Fregatte THAMES. Die Engländer arbeiteten nun Tag und Nacht an der CAESAR, um wenigstens deren 80 Kanonen noch mit in die Waagschale werfen zu können.

Am Abend des 11. Juli traf das spanisch-französische Geschwader Vorbereitungen, Anker auf zu gehen. Die HANNIBAL war inzwischen wieder flott, mußte allerdings von einer Fregatte in Schlepp genommen werden. Angesichts des bevorstehenden Aufbruchs des Gegners verdoppelten die Briten womöglich noch ihre Anstrengungen und als am Morgen des 12. Juli Admiral Moreno den Befehl zum Aufbruch gab, hisste Saumarez auf der CAESAR erneut seine Flagge.

 Terror Before Trafalgar: Nelson, Napoleon, and the Secret War

Terror Before Trafalgar: Nelson, Napoleon, and the Secret War
von Tom Pocock
Sprache: Englisch
Gebundene Ausgabe - 255 Seiten - W. W. Norton & Company
Erscheinungsdatum: 1. April 2003

1801 : An der Kanalküste zieht Napoleon Bonaparte Truppen zusammen und läßt Transportschiffe bauen. In Frankreich und England werden neue geheime Waffen entwickelt: Raketen, U-Boote, Treibminen oder Torpedos. In Vorbereitung der Invasion Englands tobt im Schatten der europäischen Politik und des Experimentalfriedens von Amiens ein gnadenloser Krieg der Spionage und Subversion, geführt von kaum bekannten Männern. Anhand von Tagebüchern, Briefen und Zeitungen aus dieser Zeit zeichnet Tom Pocock ein Bild dieses geheimen Krieges.

Der Marsch nach Cadiz

Der Aufbruch des spanisch-französischen Geschwaders verzögerte sich, sei es durch die HANNIBAL, die nur sehr widerspenstig im Schlepp der INDIENNE aus der Bucht herauszuziehen war, sei es, weil die riesigen spanischen Dreidecker knapp an Besatzung bzw. erfahrenen Seeleuten waren. Als Sammelpunkt für seine Schiffe hatte der spanische Vizeadmiral Point Cabrita gewählt, wo sich die Schlachtschiffe nach und nach in einer Schlachtlinie formierten.

5 spanische und 4 französische Linienschiffe boten nun den 5 englischen Schlachtschiffen ganz offensichtlich eine Schlacht an. Deutliches Indiz für die Absicht Morenos war der Wechsel seiner Flagge von der REAL CARLOS auf die Fregatte SABINA. Es war in der spanischen Marine vor dem Beginn einer Schlacht üblich, das der kommandierende Admiral mit seinem Stab auf die Brücke einer Fregatte “umzog”. Auch Linois mußte sich auf die SABINA übersetzen lassen und - folgt man den Chronisten - dies höchst widerstrebend. Das Kommando der FORMIDABLE überließ er dem eher unerfahrenen Fregattenkapitän Amable-Gilles Troude

Britische Schiffe unter Konteradmiral Saumarez
CAESAR (80) - J. Brenton
SUPERB (74) - R. Keats
VENERABLE (74) - S. Hood
AUDACIOUS (74) - S. Peard
SPENCER (74) - H. Darby
THAMES (32) - A. Hollis
CARLOTTA (34) - C. Duncan
Spanische Schiffe unter Vizeadmiral Moreno
REAL CARLOS (112) - Esquerra
SAN HERMENEGILDO (112) - Emparan
SAN FERNANDO (96) - Molina
ARGONAUTA (80) - Herrera
SAN AUGUSTIN (74) - Topete
SABINA (34) - Moreno & Linois
`
Französische Schiffe unter Konteradmiral Durand-Linois
FORMIDABLE (80) - Troude
INDOMPTABLE (80) - C. Touffet
SAINT ANTOINE (74) - Le Ray
DESAIX (74) - Christy-Palliere
LIBRE (40) - ?
INDIENNE (40) - ?
MUIRON (38) - Martinencq

Erst um 19:00 setzte das französisch-spanische Geschwader seinen Weg nach Cadiz fort. Hatte Moreno vergeblich auf die Annahme seiner Herausforderung gewartet ? Hatte wieder die HANNIBAL den Aufbruch verzögert, die so schwer zu ziehen war, dass die INDIENNE sie schließlich nach Algeciras zurück bringen mußte ?

Die englischen Linienschiffe waren jedenfalls gegen 15:00 aufgebrochen, mit der zusammengeflickten CAESAR und noch verstärkt durch die portugiesische 34-Kanonen-Fregatte CARLOTTA (34 - Crawford Duncan).
Zum Zeitpunkt des englischen Aufbruchs war die HANNIBAL aber wohl schon wieder in der Bucht von Algeciras angelangt oder zumindest auf dem Weg dahin, denn die sie schleppende INDIENNE begleitete schließlich Morenos Geschwader. Die fünf britischen Schiffe dürften wohl auch kaum 4 Stunden bis Cabrita Point gebraucht haben. Die einzige Erklärung für den verspäteten Aufbruch der Alliierten war Saumarez Entscheidung, an diesem Tag und vor Cabrita Point eben keine Schlacht zu fechten, angesichts der Überzahl des Gegners verständlich.

Vielleicht hatte der englische Konteradmiral aber auch bemerkt, dass die spanischen Schiffe nur schlecht bemannt waren, die Manöver schlecht ausgeführt wurden und versprach sich von einem Nachtangriff einfach mehr. In diesem Fall war es am Ende eine weise Entscheidung des englischen Oberkommandierenden, die Herausforderung auszuschlagen !

Dies war um 19:00 jedoch kaum abzusehen, denn die CAESAR kam vor Cabrita Point zunächst kaum vom Fleck und dann nur sehr langsam in Schwung. Als das britische Geschwader dann die Verfolgung der davon segelnden Gegner aufnahm, so gegen 20:00, war es bereits dunkel und der Gegner in der Neumondnacht kaum mehr zu sehen. Das schnellste Schlachtschiff war unter diesen Umständen die SUPERB, weil sie als einziges englisches Schlachtschiff unbeschädigt war bzw. keine Folgen von Beschädigungen tragen mußte. So schickte Konteradmiral Saumarez die SUPERB auf die Verfolgung Morenos. Der folgende Befehl von Saumarez an Kapitän Keats war der Auftakt zur zweiten Schlacht von Algeciras, ausgefochten freilich in der Straße von Gibraltar und eigentlich besser benannt als "Keats Angriff"


Keats Angriff - Ende der Legende

Go ahead and bring the enemy’s rear to action and keep between them and the spanish shore. Stoßen Sie vor und greifen Sie die Nachhut des Gegners an und bleiben Sie zwischen ihnen und der spanischen Küste. So lautete der vollständige Befehl des englischen Konteradmirals an Kapitän Keats von der SUPERB und war Ausgangspunkt für ein inzwischen legendäres Manöver, weil einer der spektakulärsten Angriffe, den je der Kapitän eines Linienschiffs dieser Ära vollzogen hat... wenn er denn wirklich so ausgeführt worden wäre, wie die Legende es berichtet !

Saumarez beabsichtigte offensichtlich, Morenos Geschwader bzw. Teile von ihm aufzuhalten und im Morgengrauen dann mit seinem Geschwader in die Zange zu nehmen. Es ist offensichtlich, das dieser Befehl den Angriff auf die Nachhut und den damit beabsichtigten Zweck und die Anweisung, zwischen den Spaniern und der Küste zu bleiben, als gleichrangig aufführt. Dies ist deswegen wichtig, weil diese Anweisungen natürlich den Kurs von Keats bestimmten.

Die Spanier hatten zu diesem Zeitpunkt einen Vorsprung von rund 5 Meilen vor den Briten gewonnen und segelten nicht in einer Schlachtlinie, sondern mit Westkurs und vor dem Wind in drei Reihen.

In der ersten Reihe an der Spitze , im folgenden von Norden nach Süden aufgeführt, stand die Fregatte SABINA mit der Flagge Morenos, darunter die INDOMPTABLE , die DESAIX, die FORMIDABLE und die INDIENNE. In der zweiten Reihe segelten die SAN FERNANDO 8, die ARGONAUTA, die SAN AUGUSTIN und die Fregatte LIBRE. Die Nachhut bildeten die REAL CARLOS, die SAN HERMENEGILDO und SAINT ANTOINE, deren in der Summe rund 300 Kanonen möglicherweise als eine Art Puffer gegen eben diesen britischen Nachtangriff gedacht waren.

Keats Angriff

Die SUPERB, um ca. 20:00 von Saumarez auf diese Nachhut angesetzt, arbeitete sich im Verlauf der nächsten Stunden an den Gegner heran, wobei sie von einem zunehmend auffrischenden Wind profitierte. Um ca. 23:15 begann dann ihr Angriff:

Die Legende 9 berichtet nun, dass der von Nordosten aufkommende Keats Segel kürzen ließ, sein Schiff in tiefer Dunkelheit genau zwischen REAL CARLOS und SAN HERMENEGILDO setzte und dann das Feuer eröffnete. Dann soll der schlitzohrige Seemann wieder mehr Tuch aufgezogen und beschleunigt haben. Die Legende will nun, das die angegriffenen Spanier ebenfalls das Feuer eröffneten und sich, weil sie sich gegenseitig für den Gegner hielten, genau so gegenseitig beschossen und am Ende auch gegenseitig vernichteten: Eine tolle Story !

Dies ist, Sie werden es erraten haben, aller menschlichen Vernunft folgend, tatsächlich nur eine Legende.

Kapitän Keats, sicherlich mit allen Wassern der Seekriegsführung gewaschen, führte, hervorragender Kommandant, der er war, die Befehle seines Vorgesetzten exakt aus. Als er um 23:15 die Nachhut angriff, stand die SUPERB auch genau dort, wo sie nach dem Befehl von Saumarez zu stehen hatte: Zwischen den spanischen Schiffen und der Küste, aber keinesfalls zwischen den spanischen Schiffen !

Die SUPERB sichtete an Backbord die REAL CARLOS und konnte - so gut waren die Sichtverhältnisse - auf deren Backbordseite die sich annähernde SAN HERMENEGILDO erkennen. Keats ließ die Segel kürzen, hielt näher an das spanische Schlachtschiff und eröffnete das Feuer. Exakt drei englische Breitseiten auf mittlere Distanz sind dokumentiert. Dann bemerkten die Briten auf dem spanischen Schlachtschiff ein sich rasend schnell ausbreitendes Feuer. Es muß sich dabei um ein bereits visuell erkennbar verhängnisvollen Brand gehandelt haben, denn Keats ließ sofort das Feuer einstellen. Dann trachtete er danach, sich bzw. sein Schiff so schnell wie möglich von dem riesigen Brander zu entfernen, denn er konnte antizipieren, dass das riesige Holzschiff binnen kurzem eine Funkenschleuder ohne gleichen darstellen würde. So ließ er Segel setzen und gewann schnell genügend Abstand, bereits sein nächstes Opfer im Auge, die französische SAINT ANTOINE.

Thomas Sturges Jackson - Logs of the great seafights


Das brennende spanische Schlachtschiff drehte sich derweil, offensichtlich steuerlos, mit dem Bug in den Wind und bewegte sich als flammendes Verhängnis in Richtung SAN HERMENEGILDO, die sich bereits vor Keats erster Breitseite genähert hatte, um der REAL CARLOS im Kampf beizustehen. Dabei hatte sie wahrscheinlich sogar einige für die REAL CARLOS bestimmte englische Kugeln gefangen, also auch hier ein Körnchen Wahrheit in der Legende.

Die SAN HERMENEGILDO konnte nicht mehr rechtzeitig auf die ebenso unfreiwillige wie unwillkommene Annäherung ihrer Kollegin reagieren und wurde gerammt. Dabei fing auch der spanische Dreidecker an diesem überdimensionalen Streichholz Feuer und stand binnen kurzem ebenfalls lichterloh in Flammen. Man muß dazu bedenken, daß beide Schlachtschiffe bereits ältere Damen waren und infolge dessen das alte Holz - durch die Juli-Sonne Spaniens in den Wochen zuvor womöglich noch trockener - wie Zunder brannte. Auf der REAL CARLOS lösten sich nur wenig später durch Einwirkung der Flammenhitze die geladenen Kanonen, später wohl auch auf der ebenfalls dem Untergang geweihten SAN HERMENEGILDO.

Vielleicht ist dies Teil der Entstehunggeschichte der Legende, die spanischen Schiffe hätten aufeinander gefeuert. Es ist aber durchaus möglich, dass im entstandenen Chaos z.B. die ganz außen segelnde SAINT ANTOINE, die die SUPERB bekämpfte, auch die spanischen Schiffe traf. Das die Dreidecker sich gegenseitig beschossen, ist aber barer Unsinn. Die Sichtverhältnisse waren nachweislich gut genug, um Verwechslungen vorzubeugen, gerade wenn es um den Unterschied zwischen einem Dreidecker und einem Zweidecker geht. Und es ist unglaubhaft und hier schon hätte so mancher legendenhöriger Autor stutzig werden müssen, dass an Bord eines rasend schnell abbrennenden Schiffes irgendeine Geschützbesatzung noch auf die Idee kommt, einen Gegner zu beschießen.

An Bord der beiden spanischen Schiffe starben durch diese Brandkatastrophe in nur wenigen Minuten rund 1800 Männer. Explosionsartig schnell muß das Feuer das Holz der spanischen Linienschiffe verzehrt haben. Nach französischen Quellen retteten sich 262 Männer mit Booten auf die SAINT ANTOINE, die SUPERB berichtete von einem Boot mit 38 Spaniern, die sie später auffischte. 10

Wie das Feuer auf der REAL CARLOS entstanden ist, darüber kann man nur spekulieren. Brennende Ladungsrückstände aus den Kanonen der Briten kamen als Ursache kaum in Frage, dafür war die Feuerdistanz zum Gegner zu groß und das Feuer auf der REAL CARLOS auch zu schnell außer Kontrolle. Ich würde wegen der Geschwindigkeit der Ausbreitung des Brandes über eine Entzündung von Schwarzpulver im untersten Batteriedeck spekulieren. Der von hinten kommende Wind könnte durch die Stückpforten einen Kamineffekt auf den entstandenen Brand gehabt haben und weitere Pulvervorräte an den anderen Kanonen hätten als weitere Beschleuniger des Brandes gedient.

Die beiden spanischen Schiffe brannten noch, als sich gegen Mitternacht die SUPERB auf die SAINT ANTOINE stürzte und sie sofort in ein heißes Duell auf kürzeste Distanz verwickelte. Als um 0:15 die Pulverkammer der REAL CARLOS explodierte und das spanische Schiff versank, war auch das Schicksal der SAINT ANTOINE schon fast entschieden. Die 730 Mann starke französisch-spanische Besatzung war der englischen Feuerdisziplin offensichtlich nicht gewachsen, denn gegen 0:30 mußte Kommodore Le Ray, selbst schwer verwundet, die Flagge niederholen. Kurz zuvor war auch die SAN HERMENEGILDO in einer gewaltigen Explosion auseinander gebrochen und gesunken.

Wenig später kamen die CAESAR und die VENERABLE, gefolgt von der SPENCER und der THAMES, heran. Durch ein offensichtliches Missverständnis schickte sich die SUPERB daraufhin an, die Verfolgung des alliierten Geschwaders fortzusetzen, während man auf der CAESAR den Breitwimpel des Kommodore Le Ray mit der französischen Flagge verwechselte. Alle vier anlaufenden englischen Schiffe eröffneten das Feuer auf die SAINT ANTOINE und erst nachdem bereits erheblicher Schaden und zusätzliche Verluste zu beklagen waren, konnten Keats Signale das englischen Geschwader auf den Irrtum aufmerksam machen, dass daraufhin das Feuer einstellte.

Die SUPERB und die CARLOTTA verblieben bei der SAINT ANTOINE, während der Rest des englischen Geschwaders die Verfolgung der spanisch-französischen Flotte fortsetzte. Wieviele Männer auf dem französischen Schiff in dieser Nacht fielen, ist unbekannt geblieben, es dürfte aber nicht weniger als 100 Tote und Verwundete gegeben haben.

Die SUPERB hatte dagegen lediglich 14 Verwundete, eine Zahl, an der vielleicht die Admiralität die Intensität des Kampfes mit der SAINT ANTOINE gemessen hat. Keats hatte aber, ohne auch nur einen Mann zu verlieren, im Laufe seines Angriffs drei Linienschiffe ausgeschaltet... wie immer dieses Ergebnis auch zustande kam ! Allerdings hatte er dazu in der Tat relativ wenig tun müssen und hat seinen Bericht wohl entsprechend verfasst. Hätte Keats dagegen das legendäre Manöver wirklich ausgeführt oder hätte man ihm damals die Vernichtung der spanischen Schiffe wirklich zugeschrieben, sein Name wäre sicherlich in einem Atemzug mit dem Nelsons genannt worden.

 Historische Schiffsmodelle
Historische Schiffsmodelle
von Wolfram zu Mondfeld

Sprache: Deutsch
Gebundene Ausgabe - 384 Seiten - Orbis
Erscheinungsdatum: 1. August 2003
Die Bibel für Modellbauer historischer Schiffe !

 Historische Schiffsmodelle
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von Klaus Krick

Sprache: Deutsch
Broschiert - Neckar-Verlag
Erscheinungsdatum: Februar 2003
Dieses Buch ist für Anfänger empfehlenswert.

Das Jagdgefecht der FORMIDABLE

Am frühen Morgen des 13. Juli zwang der auffrischende Wind das französische Geschwader zum Segel kürzen, weil z.B. die FORMIDABLE mit Hilfstoppmasten unterwegs war und die Masten der INDOMPTABLE bedrohliche Geräusche von sich gaben. Auch den englischen Schiffen bereitete der zeitweise mit Sturmböen wehende Wind Probleme, die Geschwader wurden auseinander gerissen.

Um 4:00 wehte dann nur noch ein mäßiges Lüftchen. VENERABLE und THAMES hatten die CAESAR ein gutes Stück hinter sich gelassen, Abukir-Veteran Darby war mit seiner SPENCER noch weiter zurückgefallen. Peards AUDACIOUS war sogar überhaupt nicht mehr in Sicht. Hoods Schiff dagegen stand ziemlich weit unter Land und vor ihrem Backbordbug, weiter draußen auf See, versuchte die FORMIDABLE, Anschluss an ihr Geschwader zu finden.

Wegen der ungünstigen Windverhältnisse und ihrer Luvstellung zur FORMIDABLE hatten nur die VENERABLE und die THAMES noch Aussichten, Troudes Schiff zu erreichen. Es entwickelte sich ein Jagdgefecht, in dessen Verlauf die Briten dem französischen Linienschiff immer näher rückten, während dieses sich aus seinen Heckgeschützen nach Kräften gegen diese Annäherung wehrte - zum Leidwesen und wachsenden Schaden der Briten. Begünstigt wurde die Präzision der französischen Schüsse dabei durch die spiegelglatte See. Gegen 5:30 erzielten die französischen Kanoniere auf der VENERABLE dann auch noch einen Wirkungstreffer, der die Jagd weiter verlängerte, als eine Kanonenkugel den Besantoppmast der VENERABLE knickte.

Daraufhin änderte Hood seine Taktik und befahl der THAMES, statt sich weiter dem Franzosen zu nähern, die FORMIDABLE unter das Feuer ihrer Breitseiten zu nehmen. Tatsächlich schienen die Kugeln der Fregatte die Flucht des Gegners zu verzögern und gegen 6:45 war die VENERABLE fast nahe genug herangekommen, um all die Kugeln , die sie bis dahin hatte schlucken müssen, zu vergelten, doch das britische Schiff sollte die Ziellinie nicht erreichen: Zu viele französische Treffer hatte der Vormast der VENERABLE zuvor erleiden müssen und knickte nun bei einem letzten Treffer endlich um. Während das englische Schiff nun fast hilflos liegenblieb, setzte die FORMIDABLE ihren Weg im Schneckentempo fort, blieb jedoch noch über eine Stunde in Schussweite und beraubte die VENERABLE auch noch ihres Hauptmast und schließlich, gegen 8:00, verlor das Schiff auch noch den Besanmast.

Diesen Beschuss konnte die VENERABLE lediglich mit einigen wenigen Kugeln beantworten. Damit nicht genug: Bald darauf, hilflos in einer Strömung treibend, lief Hood mit seinem Schlachtschiff dann auch noch auf eine Untiefe und lag fest, keine 12 Meilen mehr von Cadiz entfernt. Nun mußte der Abukir-Veteran sogar fürchten, das Schicksal von Kapitän Ferris bzw. das der HANNIBAL zu teilen.

Dies erkannte auch Konteradmiral Saumarez, der sich vergeblich mühte, die CAESAR heranzubringen. Um sicher zu gehen, das Hood seine Absichten richtig verstand - möglicherweise erinnerte er sich mit Bitterkeit an die Signale Richtung HANNIBAL vor Algeciras - schickte der englische Admiral seinen Kapitän Brenton mit der Gig zur VENERABLE, um folgende Botschaft zu überbringen:
“Evakuieren Sie die Crew und zerstören Sie die VENERABLE, sobald der Feind sich Ihnen nähert !”.
Dies war zum Zeitpunkt der Ankunft Brentons auf der VENERABLE aber bereits der Fall, denn nördlich des aufgelaufenen Schiffs konnte man schon die SAN AUGUSTIN und die ARGONAUTA ausmachen, die der FORMIDABLE entgegen liefen. Hood schickte Brenton mit der Bitte zurück, noch einige Anstrengungen unternehmen zu dürfen. In den nächsten Minuten, während man sich auf der VENERABLE weiter mühte, dürften die Briten so manchen bangen Blicke auf die sich nähernden Spanier geworfen haben.

Einmal mehr war es die SUPERB, die dramaturgisch zum richtigen Zeitpunkt auf der Szene erschien. Von See her näherte sich Keats Schiff, hinter sich die AUDACIOUS, die sich offensichtlich zunächst auf Abwegen befunden hatte.
Die spanischen Schiffe , falls sie denn überhaupt Interesse an der VENERABLE gehabt hatten, begnügten sich im Angesicht der nahenden englischen Schiffe mit dem Escort der FORMIDABLE nach Cadiz. Aus den Berichten kann man nicht ablesen, ob die Kapitäne Herrera und Topete hier eine Chance vergaben.

Die mastlose VENERABLE, unterstützt von den anderen englischen Schiffen, kam wenige Stunden später frei von der Untiefe und wurde von der THAMES nach Gibraltar geschleppt. Den Engländern blieb auch hier das Glück treu, denn das Wetter blieb die ganze Zeit über ruhig.

Das Gefecht mit der FORMIDABLE aber war blutig gewesen, Hood mußte auf seine Verlustliste 18 Tote und 87 Verwundete setzen. Die Opfer der FORMIDABLE während dieses Jagdgefechtes mit der VENERABLE und der THAMES sind nicht bekannt. Der zeitgenössische Historiker William James spekuliert mit 20 Toten, was angesichts des Verlaufs des Gefechts als zu hoch vermutet werden muss.

Bewacher aus Ehrgefühl

Dafür dürften auf der franko-spanischen SAINT ANTOINE die Verluste auch nach der Kapitulation durch den o.g. irrtümlichen Beschuß nicht gering gewesen sein. Um so bemerkenswerter, was sich auf der Prise SAINT ANTOINE, unlängst ja noch die spanische SAN ANTONIO, nach der Niederlage zutrug:

Keats hatte seinen Ersten Offizier mit einer minimalen Prisenbesatzung an Bord gelassen. Die durch den englischen Beschuss nach der Kapitulation verbitterten spanischen Gefangenen wollten, nachdem sie diese leichtsinnige Maßnahme realisiert hatten, das Schiff wieder übernehmen. Die französischen Offiziere jedoch verhinderten dies, weil sie das Schiff den Briten übergeben hatten und deswegen mit ihrer Ehre für den Bestand dieser Erklärung standen.

So kam es, das französische Kriegsgefangene die englischen Sieger beschützten und spanische Kriegsgefangene bewachten, die nur gefangen worden waren, weil sie auf einem ehemaligen spanischen Schiff unter französischem Kommando einem französischen Geschwader gegen die Engländer zur Hilfe geeilt waren ! Später enthob die zurückkehrende SUPERB die gefangenen Gefangenenbewacher dieser merkwürdigen Verlegenheit. Diese Anekdote ist keine Legende.

The Life and Times of Horatio Hornblower: A Biography of C.S. Forester's Famous Naval Hero

The Life and Times of Horatio Hornblower: A Biography of C.S. Forester's Famous Naval Hero
von Northcote Parkinson
Sprache: Englisch
Gebunden - 416 Seiten - McBooks Press
Erschienen:1. Mai 2005

From Trafalgar to the Chesapeake: Adventures of an Officer in Nelson's Navy

From Trafalgar to the Chesapeake: Adventures of an Officer in Nelson's Navy
von William Stanhope Lovell, Ruddock F. MacKay
Sprache: Englisch
Gebunden - 208 Seiten - Naval Inst Pr
Erschienen:1. Juli 2003

Nach den Schlachten von Algeciras

Die Franzosen daheim feierten Linois und Troude als Helden. Troude wurde vom Fregattenkapitän zum Kapitän zur See befördert, wohl auch infolge des äußerst schwungvollen und wohl auch phantasievollen offiziellen Bericht seines Jagdgefechts. William James, ansonsten relativ zu seiner Epoche ein recht objektiver Beobachter, bemerkt bissig, das Troude diese Beförderung mehr dem Bleistift als dem Schwert zu verdanken hätte, was ungerecht ist, denn der erwähnte Bericht stammte schließlich nicht von dem französischen Kapitän. Die Kanonenkugeln, die die VENERABLE lahm legten, stammten aber sehr wohl von Troudes Schiff.

Angesichts der Ehrungen für Konteradmiral Saumarez, der den Dank des Parlaments und die Ritterschaft des Bath-Ordens als Anerkennung seiner Leistungen 11 empfing, bleibt der englische Historiker dagegen ruhig, wo er wohl gerechterweise hätte schreien müssen 12. Der entscheidungsfreudige 13 Saumarez versuchte sichtlich, Nelson zu imitieren, machte dabei aber keine glückliche Figur.

Die Ehrungen kann man angesichts der Geschichte der beiden Seeschlachten nur als politischen Schachzug begreifen. Im Kontext von Saumarez Auszeichnungen erscheint es dem Beobachter höchst ungerecht, das Kapitän Keats völlig leer ausging. Wie wir heute wissen, ist er tatsächlich die Hauptfigur einer Legende, immerhin aber doch der englische Kapitän, der in diesen Tagen des Juli 1801 am meisten bewirkte.

Auf französischer Seite schrieb man dagegen die Eroberung der HANNIBAL und die erfolgreiche Verteidigung gegen die Briten am 6. Juli allein Konteradmiral Linois zu. Das war eine einseitige Attribution, doch wer Linois Biografie kennt, weiss, daß man dem Pechvogel der französischen Marine - ebenfalls einseitig oder gar ungerechtfertigt - auch so manches Negative zugeschrieben hat. Linois sollte in den folgenden Jahren im Indischen Ozean wahrhaft denkwürdige Fahrten gegen England unternehmen, aber davon später einmal...

Vergessen wurden die eigentlichen Helden dieses Tages, die spanischen Kanoniere und Kanonenboote. Ohne den Einsatz der zerbrechlichen "rudernden Kanonen" und ihrer todesmutigen Besatzungen wäre die HANNIBAL vielleicht nicht in französische Hände gefallen. Das der spanische Verdienst weitgehend ungewürdigt blieb, war um so bitterer, als die Spanier später in der Straße von Gibraltar die größten Verluste erlitten, während sie die “siegreichen” Franzosen nach Cadiz eskortierten.

Kapitän Solomon Ferris war einer der wenigen englischen Kapitäne zur See, die während dieser Kriege ihr Schiff dem Gegner übergeben mußten. Seine Gefangenschaft währte jedoch nur kurz. Ferris und übrigens mit ihm auch Thomas Cochrane wurden sehr schnell ausgetauscht und waren bereits im August 1801 wieder in England. Ferris wurde wegen des Verlustes der HANNIBAL vor einem Kriegsgericht in ehrenvollster Weise freigesprochen. Lange konnte er sich leider nicht über die schmeichelhaften Worte des Urteils freuen: Nachdem er den Kugelhagel auf dem Achterdeck der HANNIBAL überlebt hatte, trat Ferris 1803 auf Jamaika angeblich auf eine Schlange und starb an den Folgen des Bisses.

Die HANNIBAL wurde später von den Franzosen erfolgreich zunächst nach Cadiz und im November 1801 , zusammen mit Cochranes SPEEDY, nach Brest gebracht, wo sie als Trophäe des größten Seesieges der Franzosen in den Revolutionskriegen liegen blieb, ohne noch einmal in See zu stechen.
Die SAINT ANTOINE wurde in die englische Navy übernommen, nach Plymouth gebracht, verließ jedoch wie die HANNIBAL den Hafen nicht mehr - sie war zu alt.

Einige der Ersten Offizier der englischen Linienschiffe wurden, wie üblich nach siegreichen Duellen oder Schlachten, zum Commander befördert: Leutnant Samuel Jackson von der SUPERB, Leutnant Philip Dumaresq von der CAESAR und Leutnant James Lillicrap von der VENERABLE machten aber während ihrer folgenden Karriere nicht sonderlich von sich reden.

Fazit

Wenn man die historische Bedeutung der beiden Schlachten von Algeciras an ihren Folgen oder daraus gezogenen Konsequenzen misst, so gehören diese Gefechte eher in den Hintergrund der Geschichte. Militärisch, strategisch, politisch oder materiell wurde wenig gewonnen oder verloren.

Betrachtet man aber die Menschenverluste, so geht Algeciras mit 2300 bis 2500 Toten als eine der blutigsten Schlachten und als die verlustreichste Seeschlacht für Spanien in die Geschichte dieser Ära Napoleons ein. Selbst bei Trafalgar knappe 4 Jahre später sollte die spanische Marine nicht annähernd so viele Tote zu beklagen haben.

Militärisch lernten die Briten, sich besser nicht mehr allzu intensiv mit stärkeren Landbatterien anzulegen. Ob auf französischer oder spanischer Seite Konsequenzen gezogen wurden...? Ob die Legende von Keats Angriff die Haltung der Franzosen und Spanier in späteren Schlachten beeinflusst hat ? Wäre man auf Seiten der Alliierten ehrlich mit sich gewesen, hätte man vielleicht erkannt, dass man vielleicht das eine oder andere hätte besser machen können und / oder in Zukunft hätte verbessern können. Im Grunde genommen hätte das aber nichts an der Überlegenheit der Royal Navy geändert. Kurz: Trafalgar hätte es nicht verhindert.

Fast würde man es durch den herausragenden Schrecken der Brandkatastrophe vergessen: Die Briten erlitten in der Bucht von Algeciras eine ihrer seltenen Niederlagen, was für sie merklich ungewohnt war und zu ungewohnten Versuchen führte, die Wahrheit ein wenig zu manipulieren. Die Ehrungen für Saumarez, der ehrenvollste Freispruch für Ferris und die Legende von Keats Nachtangriff können die Fehler, die erlittene Hilflosigkeit und Schuld , die eine Niederlage begleiten, nur vor willigen Augen verdecken... wie so oft in der Geschichte.


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Fußnoten

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1 = Identisch mit Akko oder Akkon.

2 = Keats und Linois waren sich schon einmal auf See begegnet, siehe Keats Biografie, 20. März 1796.

3 = Auch Pellew war Linois schon im Gefecht begegnet, als dieser Kommandant einer Fregatte war: Am 13. April 1796 eroberte Pellews INDEFATIGABLE (44) die von Linois geführte Fregatte UNITE (32).

4 = Das Saumarez Nelson kopierte, ist allerdings pikant, denn als einziger der sogenannten Band of Brothers, also der Kapitäne, die mit Nelson gesegelt waren, hatte Saumarez Nelsons taktische Konzepte ganz offen kritisiert. Saumarez Kritik bezog sich aber auf das Kreuzen des T, also die frontale Annäherung an eine Schlachtlinie, um in sie hineinzustoßen. In der Annäherungsphase muß die angreifende Partei dabei Längsbeschuss in Kauf nehmen. 1805 setzte Nelson bekanntlich dieses Konzept vor Trafalgar um.

5 = Warpen bedeutet, sich mit Hilfe des Ankers vorwärts zu bewegen. Der Anker wird mit einem Boot in die Bewegungsrichtung verschifft und dort fallen gelassen. Dann zieht man das Schiff mit der Ankerwinde heran, holt den Anker wieder herauf und bringt ihn mit dem Boot wieder vom Schiff weg. Dies ist eine sehr mühsame und langsame, dafür aber sehr sichere Bewegungsmethode.

6 = Bekalmt bedeutet, das man in einer Flaute liegt, weil nahe Luftströmungen den durchaus vorhandenen Wind "klauen".

7 = In seinem Bericht schrieb Linois, er habe zwei britische Linienschiffe vollkommen einsatzunfähig geschossen. Unmittelbar nach der Schlacht aber ging der französische Konteradmiral noch davon aus, daß die Briten kaum geschwächt waren.

8 = Die MUIRON marschierte ein oder zwei Stunden mit der Flotte mit, kehrte aber noch vor dem Angriff von Keats nach Algeciras zurück.

9 = Viele Autoren haben diese Legende ungeprüft übernommen, so das sich diese Geschichte bis heute hartnäckig als "historisch verbürgt" hält. Wie diese Legende entstand, ist mir aber nicht bekannt.

10 = Die Rettungsaktion der SAINT ANTOINE fand übrigens noch während des Duells mit der SUPERB statt. In den Seekriegen dieser Zeit konnte man sich darauf verlassen, daß auf Boote mit Schiffbrüchigen nicht geschossen wurde, selbst wenn man auf das Schiff schoß, das sie aufnahm.

11 = Wohlgemerkt seine Leistungen im zweiten Gefecht !

12 = Was sich aber für einen Historiker überhaupt nicht ziemt.

13 = Wie man an diesem Beispiel sehen kann, ist das Attribut "entscheidungsfreudig" ein durchaus deskriptives, aber auch durch und durch neutrales Eigenschaftswort. Man darf es nicht schlicht als Gegenteil von "zögerlich" betrachten.


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