Chronologie der europäischen Seekriege 1793 bis 1815, Band 1, bis 1802
Chronologie der europäischen Seekriege 1793 - 1815
Band 1 : Von 1793 bis zum Frieden von Amiens 1802

von Thomas Siebe
Sprache: Deutsch Broschiert - 224 Seiten - BoD
ISBN 978-3-8423-2883-9 Erschienen: September 2010
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A Thirst for Glory: Life of Admiral Sir Sidney Smith

A Thirst for Glory: Life of Admiral Sir Sidney Smith
von Tom Pocock
Sprache: Englisch
Taschenbuch - 276 Seiten - Pimlico
Erscheinungsdatum:1998

Admiral Sir Sidney Smith hielt sich für einen zweiten Nelson...
und war tatsächlich eine Art James Bond der napoleonischen Zeit.


AMETHYSTE - Tödliche Falle vor Haiti



In den Bürgerkriegswirren nach dem Scheitern der ersten schwarzen Republik auf Haiti spielte eine englische Fregatte eine obskure Rolle in der Niederwerfung eines Aufstandes. Hinter ihrem Duell mit einem angeblichen Piratenschiff könnte sich ein wahrer Agententhriller des beginnenden neunzehnten Jahrhunderts verbergen, wenn man entsprechenden Spekulationen etwas I Raum gibt. Danach hätten die britische Admiralität und interessierte Kreise des Inselkönigreiches im Jahre 1812 einer kleinen, jedoch offensichtlich höchst lästigen Gruppe von Exilanten eine perfekte Falle gestellt, um sie zu eliminieren.


Am 2. Februar 1812 lag die englische 12-Pfünder II-Fregatte SOUTHAMPTON, 32 Kanonen, im Hafen von Port-au-Prince, Haiti. Das Kriegsschiff lag mit geöffneten Stückpforten und ausgerannten, geladenen Kanonen vor Anker. Dieser Anblick hätte sicherlich kaum vermuten lassen, dass sich die SOUTHAMPTON unter ihrem Kommandanten Kapitän Sir James Yeo in einem Hafen eines mit England verbündeten Staates befand und nicht in unsicheren Gewässern.

Haiti war 1812 allerdings auch alles andere als ein ungefährliches Territorium. Seit dem ersten Aufstand gegen die Franzosen 1791 unter dem Freiheitshelden Toussaint L’ Ouverture, später unter General Jean-Jaques Dessalines und schließlich unter den Generalen Alexander Petion und Henri Christophe wurde z.T. die ganze Insel von Aufständen, Bürgerkriegen und schließlich rivalisierenden Kriegsherren heimgesucht.

Der Südwesten des früheren Hispaniola und späteren Santo Domingo war 1812 Gebiet der Republik Haiti unter Präsident Petion, Port-au-Prince die Hauptstadt dieser Republik. Während der Osten der Insel - ungefähr das Gebiet der heutigen Dominikanischen Republik - von den Spaniern beherrscht wurde, hatte sich im Nordwesten Haitis der frühere General Christophe zum König Henri I ausrufen lassen. Die Republik und das Königreich befanden sich miteinander in unerklärtem, aber permanenten Kriegszustand und wurden jeweils selbst von Revolten und Aufständen heimgesucht.

Die Briten unterstützten beide Diktatoren Haitis, dass auf diese Weise dem Einfluß des französischen Kaiserreichs des Napoleon Bonaparte dauerhaft entzogen wurde.

Kapitän Yeo hatte aus diesen Gründen Anweisungen von der britischen Regierung, die Flaggen sowohl von Petion als auch von Christophe anzuerkennen, er traute aber sichtlich beiden Diktatoren nicht. Dies um so weniger, als Anfang 1812 mit General Borgellat ein Dritter um die Herrschaft in der früheren französischen Kolonie kämpfte. Borgellats Aufstand wurde von ehemaligen Anhängern aus den Lagern von Petion und Christophe unterstützt, besonders aber aus amerikanischen Quellen genährt. Neben den amerikanischen Geldgebern erfreute sich Borgellat noch einer weiteren, kleinen und diskreten Gruppe von wichtigen Helfern : Ehemalige haitianische und französische Pflanzer, die ursprünglich auch die haitianische Revolution finanziert hatten, sahen sich von Petion und Christophe um ihre Investitionen und Plantagen betrogen und versuchten nun über Borgellat, doch wieder in den Besitz ihrer haitianischen Pfründe zu kommen.

Vermutlich war sogar diese Unterstützung aus geheimen Quellen der Grund für Yeos Anwesenheit in Port-au-Prince. Genauer gesagt ging es der britischen Regierung und damit ihrem Repräsentanten möglicherweise vor allem um diese vergleichsweise eher kleine Gruppe von Leuten, die drohten, gegen die Interessen Englands Haiti wieder an sich zu reissen.


Kleine Geschichte Haitis


1789 war die Insel Hispaniola zweigeteilt: Im Osten herrschten die Spanier, der Westen war französische Kolonie. In beiden Teilen war die Ökonomie von der Sklaverei geprägt, die auf den Zuckerrohrplantagen des französisches Teils ihr brutalstes und häßlichstes Gesicht zeigte. Rund 400000 schwarzafrikanische Sklaven, vorwiegend aus Zentralafrika in die Karibik verkauft, standen dort rund 50000 freien Bewohnern gegenüber, wurden aber ungeachtet ihrer zahlenmäßigen Überlegenheit von ihren Sklavenhaltern denkbar unmenschlich untergebracht und behandelt. Unter den freien Bewohner Haitis existierte ebenfalls eine von der Hautfarbe abhängige Hierarchie: Die Farbigen, Mestizen und Mulatten, auch als gens de couleur bezeichnet, genoßen bei weitem nicht die selben Rechte wie die rund 20000 Franzosen. Trotzdem hatten vor allem die Mulatten, Nachkommen von freigelassenen Sklaven und weißen Sklavenhaltern, im Laufe der Zeit als Pflanzer einen gewissen ökonomischen und bürgerlichen Status erreicht.


 The Slave Trade: The Story of the Atlantic Slave Trade: 1440 - 1870

The Slave Trade: The Story of the Atlantic Slave Trade: 1440 - 1870
von Hugh Thomas
Sprache: Englisch
Taschenbuch - Simon & Schuster - 912 Seiten
Erscheinungsdatum: 1. Februar 1999

Das Standardwerk über den Sklavenhandel

Mit der französischen Revolution 1789 versuchten zunächst die haitianischen Franzosen, die auch auf Haiti erwartete revolutionäre Welle abzuschwächen und damit den Status quo einigermaßen zu bewahren, indem sie sich zusammen mit Repräsentanten der anderen Volksgruppen 1790 in Frankreich erfolgreich um die Autonomie Haitis bemühten und die haitianischen Pflanzer (Mulatten) und freigelassene Schwarzafrikaner stärker am Establishment beteiligten. Die Umwandlung der brutalen Sklaverei in eine De-Facto-Sklaverei war jedoch nicht genug, um die einmal in Bewegung geratenen Verhältnisse zu stabilisieren. Die Reaktion auf die Brutalität der Sklaverei der vergangenen Jahrhunderte entlud sich am 23. August 1791 im Aufstand der Sklaven – zu Beginn noch unter den Idealen der französischen Revolution- der dann aber schnell mit Massakern und unsäglichen Grausamkeiten in einem Krieg mündete. Als Führer der ehemaligen Sklaven zeichneten sich vor allem Toussaint L'Ouverture, Jean-Jacques Dessalines and Henri Christophe aus.

Im Juni 1793 hatten die schwarzafrikanischen Milizen schließlich die Kontrolle über die gesamte Kolonie hergestellt und errangen unter ihrem General François Dominique Toussaint L'Ouverture bald weitgehende Autonomie. Zwischenzeitlich beherrschte Toussaint L'Ouverture sogar fast die gesamte Insel Hispaniola und vertrieb 1797 auch die letzten weißen Kolonisten zugunsten der haitianischen Pflanzer.

Schon zu Beginn des Aufstandes hatten die schon zuvor begüterten Mulatten nach und nach die Ökonomie der ehemaligen Kolonie übernommen und wurden nun kurzfristig die eigentlichen Gewinner der Revolution.1799 gerieten sie jedoch in offenen Konflikt mit den Schwarzafrikanern unter Toussaint L'Ouverture und mußten schließlich zu einem großen Teil die Insel verlassen, nahmen jedoch aus der Ferne weiter Einfluß auf Haiti und versuchten, ihre Besitztümer zurückzugewinnen, u.a. mit Hilfe der 1. Konsuls von Frankreich, Napoleon Bonaparte, und gegen britischen Widerstand.

1801 landete der französische General Leclerque mit 25000 Mann auf der Insel und setzte nach hartem Kampf Haitis Freiheitshelden Toussaint L'Ouverture fest, der schließlich am 2. April 1802 in französischer Haft elendig starb. Die Franzosen waren in ihrem Feldzug sehr wirkungsvoll von der Gruppe Exilanten unterstützt worden, die die Briten später vermutlich in eine Falle lockten. Die Kollaboration mit dem späteren französischen Kaiser sollte jedoch ein Bund mit dem Teufel werden. Der starke Mann Frankreichs ließ nämlich auf Haiti die Sklaverei wieder einführen. Damit wurden die Exilanten, selbst strikte Gegner der Sklaverei, auf Jahre hinaus in Haiti verhaßt und machten sich England zum Feind.

Der französische Erfolg war jedoch nur von kurzer Dauer, denn unter dem schwarzafrikanischen General Jean-Jaques Dessalines brach der Aufstand der (ehemaligen) Sklaven erneut aus und im November1803 mußten die Franzosen und die mit ihnen Verbündeten die Insel räumen. Die haitianischen Exilanten gaben jedoch nicht auf und suchten sich schließlich in den Vereinigten Staaten von Amerika einen neuen Verbündeten, der mit ihnen gemeinsam den Umsturz auf Haiti betrieb. Viele von ihnen lebten in Lousiana, daß 1803 von Frankreich an die USA verkauft worden war. Von dort aus suchten die ehemaligen Zuckerrohrbarone weiterhin Einfluß auf die Karibikinsel zu nehmen.

1804 rief sich der offensichtlich größenwahnsinnige Dessalines zum Kaiser Haitis aus und dezimierte durch sein Regime das auf Haiti verbliebene Bürgertum III noch mehr. Haitis Kaiser fügte dadurch vor allem auch der Ökonomie schweren Schaden zu, der die Ärmsten der Armen am härtesten traf.

Haiti 1812

1805 wurde sein Regime folgerichtig gestürzt und Haiti teilte sich in die zwei bereits bekannten, miteinander kämpfenden Hälften: Der schwarzafrikanische Norden unter Christophe und der Süden unter dem Mulatten Petion. Bis 1808 führten beide einen offenen Bürgerkrieg, dann kehrte eine gewisse Ruhe und Stabilität ein. Henri war schon zuvor ein rücksichtsloser Despot, Petions Macht beruhte im Kern auf dem Militär und dem Einfluß ihm treuer Offiziere. U.a. versicherte er sich der Gunst des im Südwesten äußerst einflußreichen Generals Rigaud, eines alten Kampfgefährten und späteren Widersachers von Toussaint L'Ouverture.


Die Pläne der Exilanten

Petion und Rigaud trugen für einige Zeit die Hoffnungen der amerikanischen Exilanten, doch sie erfüllten sie am Ende nicht, sondern betrogen sie möglicherweise sogar. Es ist zwar lediglich Spekulation, aber die Annahme ist durchaus plausibel: Danach machten Petion und / oder der ihm treue General Rigaud den Exilanten große Versprechungen, allerdings gegen harte Dollars. Die inzwischen stark geschrumpfte Gruppe der Exil-Pflanzer – den meisten waren schließlich doch die Geldmittel ausgegangen - hatten vielleicht auf diese Weise tatsächlich einige Zeit einen gewissen Einfluß auf Haiti und gerieten dadurch zunehmend in das Fadenkreuz der Engländer, die in diesen Manipulationen ihre Interessen auf der Insel gefährdet sahen. Schließlich drohten die Exilanten doch noch Erfolg zu haben, was vermutlich die Briten zu einem Vernichtungsschlag herausforderte. Was war geschehen ?

Im Südwesten Haitis war 1811 General Rigaud auf unbekannte Art und Weise um´s Leben gekommen, möglicherweise sogar im Auftrag der Exilanten ermordet worden. Ein gewisser Henri Borgellat ergriff in diesem Teil Haitis die Macht, sammelte die mit Christophe und Petion unzufriedenen Soldaten um sich und nahm durch Bestechung und Verrat die Fregatte AMETHYSTE (38 - Kapitän Gaspard) inklusive einer Korvette und einer Kriegsbrigg, kurz: die gesamte kleine Flotte Christophes in Besitz. Dies waren die Fakten.

Im Folgenden muß man spekulieren, daß Borgellat im Kontakt mit den Exilanten den großen Umsturz plante. Er war sich sicher, daß er genügend Anhänger um sich sammeln konnte, allerdings fehlten seinen Truppen Feuerwaffen. Die sollten nun, von den Exilanten bezahlt, aus den USA oder vielleicht auch Frankreich über See geliefert werden.

Zu diesem Zweck kreuzte die AMETHYSTE, nun HEUREUX REUNION, vollbeladen mit Truppen vor der Insel Guanaboa: Borgellat und die Exilanten warteten auf die Waffenlieferung, um dann ihre Truppen zu landen. Vielleicht hat es diese Waffen allerdings nie gegeben.

1811 sahen die Briten offensichtlich die Chance, sich des Ärgernisses der haitianischen Exilanten zu entledigen, als sie höchstwahrscheinlich durch Verrat genaueste Informationen über die Pläne dieser Gruppe bekamen. Es gibt zwar keine historischen Beweise dafür, aber vermutlich schickten die Briten daraufhin einen jungen englischen Kapitän in einer Sondermission auf eine Art Menschenjagd. Als Köder für die Beute verkauften englische Mittelsmänner in den USA - möglicherweise gar nicht vorhandene - Feuerwaffen an Borgellat und seine Helfer. Die AMETHYSTE wartete also vielleicht nicht auf das Schiff mit den Waffen, sie wartete möglicherweise ahnungslos auf eine britische Fregatte !


Splinters Brief


Wahrscheinlich nur zufälliger Zeuge der Ereignisse vom Februar 1812 wurde der Agrarfachmann und ehemalige Angestellte der Ostindischen Gesellschaft, John Herbert Splinter, der - vielleicht im Auftrag der englischen Regierung - in Haiti geweilt hatte und genau an diesem 2. Februar 1812 an Bord der SOUTHAMPTON ging, weil er sich auf der Insel nicht mehr sicher fühlte.

 The Glorious First of June 1794: A Naval Battle and Its Aftermath (Exeter Maritime Studies) The Glorious First of June 1794: A Naval Battle and Its Aftermath
(Exeter Maritime Studies)
von Roger Morriss, Michael Duffy
Sprache: Englisch
Gebundene Ausgabe - 192 Seiten - University of Exeter Press

Erscheinungsdatum: 1. November 2001

Von Splinter ist ein allerdings nur unvollständiger Brief an seinen Bruder William erhalten geblieben, der sich u.a. mit den Ereignissen dieses Februars im Jahre 1812 beschäftigt. In diesem zwangsläufig lückenhaften Bericht äußerte Splinter sich zwar nicht über seine Aufgaben in Port-au-Prince, spekulierte aber interessanterweise über die Kapitän Yeos. Der Passagier war zunächst – wohl wegen seiner eigenen Sicherheit - erfreut über Yeos martialisches Auftreten mit geladenen Kanonen, dann beeindruckt über die Ruhe und Disziplin der Mannschaft des englischen Kriegsschiffes. Unangenehm beeindruckt war er jedoch von Kapitän Yeo selbst, den er als rüden und unartigen, jungen Mann” bezeichnete. Diese Beschreibung von Sir James Lucas Yeo fällt aus dem Rahmen dessen, was man über die Persönlichkeit des in der Tat noch sehr jungen Kapitäns weiß.


James Yeo


James Lucas Yeo, Jahrgang 1882, war bereits 1793 in die englische Kriegsmarine, die Navy, eingetreten. 1797 - im Alter von nur 15 Jahren - wurde er zum Leutnant befördert, obwohl das Mindestalter für diesen Rang bei 18 Jahren lag. Da man es damals mit der Bürokratie nicht so genau nahm oder die Offiziersanwärter nicht immer das korrekte Alter angaben, war die Altersgrenze jedoch nicht zwingend. Yeo war sowohl bei seinen Vorgesetzten als auch bei seinen Untergebenen sehr beliebt. Einer seiner kommandierenden Offiziere, Frederick Maitland, Kapitän der Fregatte LOIRE (40), charakterisierte seinen Leutnant als vollendeten Offizier, außergewöhnlich höflich und gewinnend, draufgängerisch und doch vor allem mit einer stoischer Ruhe gesegnet. In genau dieser Haltung soll Yeo am 4. Juni 1805 in der Bucht von Muros (Spanien) mehrere Artilleriestellungen und Forts des Gegners hintereinander gestürmt haben. Diese Tat machte aus dem Leutnant einen Commander. Als Kommandant der bei dieser Gelegenheit eroberten CONFIANCE (22) erhielt sich Yeo seinen Ruf als sympathischer Draufgänger. 1807 war Yeo unter dem berühmten Abenteurer Sir Sydney Smith an der Evakuation des portugiesischen Königshauses nach Brasilien beteiligt. Smith, der sonst kaum andere Offiziere neben sich gelten ließ, war insbesondere von Yeos Verhandlungsgeschick bzw. von seinen “social skills” begeistert und trug sicherlich zu dessen Beförderung in den Rang eines Kapitäns z.S. noch im gleichen Jahr bei. 1809 gelang Kapitän Yeo ein großer Coup, indem er mit einer relativ kleinen Truppe Cayenne ( Französisch-Guyana ) eroberte und die Franzosen vorübergehend ganz vom südamerikanischen Kontinent verdrängte. Dafür wurde er vom portugiesischen König zum Ritter geschlagen. In England wurde er 1810 sogar Ritter des exklusiven Bath-Ordens.


Sir James Lucas Yeo 1810

Yeo wird als echter Draufgänger und „Sunnyboy“ beschrieben, bis er Ende 1811 auf Jamaika das Kommando über die SOUTHAMPTON antrat. Plötzlich präsentierte sich der erst 29jährige Kapitän verändert: Er wurde zu dem verschlossenen, permanent schlecht gelaunten Mann, auf den dann Splinter offensichtlich vor Haiti traf. Auch nach den Ereignissen vor Haiti sollte Yeo nie wieder der heitere und aufgeräumte Offizier werden, als der er zuvor berühmt wurde.

Der Agrarexperte bezeichnet auch Yeos Crew als ungewöhnlich schweigsam und reserviert, wenngleich auch als ausnehmend diszipliniert und fähig.

Ungewöhnlich in diesem Zusammenhang: Bei seinem Kommandoantritt auf der SOUTHAMPTON Ende 1811 hatte Yeo rund 50 offensichtlich handverlesene Männer mit an Bord gebracht. Für ihre Dienste bezogen die meisten dieser Spezialisten (zwei Dolmetscher, ein Drucker (!), ein Schmied , zwei Kartenzeichner sowie einige Nautiker, Kanoniere und Feuerwerker) neben dem Lohn von der Admiralität nachweislich persönliche Gehälter, die Yeo aus unbekannten Quellen empfing und an die betreffenden Crewmitglieder auszahlte.

Man kann hier natürlich spekulieren, welchen Auftrag Yeo hatte, jedenfalls schien der Kapitän auf manche Eventualität eingerichtet und ging nicht nur den Interessen der Admiralität dienend auf Reisen.


Das Gefecht

Splinter wurde von Yeos Offizieren vor dem Auslaufen der Fregatte gesagt, dass die SOUTHAMPTON sich auf Piratenjagd begebe. Der Agraringenieur hatte jedoch bereits in Port-au-Prince gehört, dass das Petion-Regime eine Rebellion durch eine Landung von See her befürchtete. Splinter schrieb an seinen Bruder: Diese Offiziere sagten mir nicht die Wahrheit. Ich aber wußte, daß sie den Tyrannen halfen, einen Aufstand niederzuwerfen.”

Die SOUTHAMPTON stach in See, nahm zielstrebig Fahrt auf und stand am Morgen des 3. Februar rund 60 Meilen westlich von Port-au-Prince, südlich der Insel Guanoboa. Kurz darauf sichtete der Ausguck die AMETHYSTE und die zwei kleineren Schiffe, die die Fregatte laut Yeos Informationen begleiteten. Yeo konnte sich sogar offensichtlich aus einer Luvstellung heraus dem angeblichen Piratenschiff nähern.

Angesichts einer derartigen Punktlandung besteht wohl kein Zweifel: Der englische Kapitän hatte präzise Informationen über die Position von Kapitän Gaspards Flottille. Die ehemalige französische Fregatte war inzwischen von Borgellats Getreuen umbenannt worden in HEUREUX REUNION, wie die Briten nun deutlich auf dem Spiegel lesen konnten. Man kann davon ausgehen, daß sich an Bord genau die Gruppe von Exilanten und Ex-Pflanzern befand, die den Aufstand in Haiti betrieben hatten.

Der französische Kapitän der HEUREUX REUNION – ein Mulatte und dem Vernehmen nach ein Ex-Leutnant der französischen Marine - hatte bei der Annäherung der Briten sofort die Kanonen ausrennen lassen. Von der reinen Bewaffnung her war das haitianische Schiff den Briten überlegen, doch konnte sich Yeo sicher sein, dass seine erfahrenen, gut gedrillten Kanoniere den zwangsläufig völlig unerfahrenen und untrainierten Schützen auf der Gegenseite haushoch überlegen waren. Zwar hatte die ehemalige AMETHYSTE eine kleine Gruppe relativ erfahrener Seeleute französischer und amerikanischer Provinienz an Bord, die Mehrheit der annähernd 800 Mann waren jedoch Haitianer, die in ihrem Leben kaum einmal eine Kanone abgefeuert hatten.

Da nützte der HEUREUX REUNION der kleine Vorteil von 8 Achtzehnpfünder-Kanonen und 22 Zwölfpfündern gegen 26 britische Zwölfpfünder nur wenig. Noch weniger konnte Kapitän Gaspard auf seine zahlenmäßige Überlegenheit bei den 24-pfündrigen Nahkampfkanonen, den sogenannten Karronaden, hoffen. Die Briten hatten zwar lediglich 10 dieser Waffen an Deck montiert, die ehemalige französische Fregatte konnte immerhin aus insgesamt 14 Rohren des selben Kalibers schießen. Die englischen Crews hatten sich jedoch im Verlaufe der Revolutions- und Koalitionskriege als Meister in der Handhabung dieser Waffen erwiesen.

Man darf eigentlich davon ausgehen, daß Kapitän Gaspard seine militärische Lage korrekt einzuschätzen wußte, doch darf man Zweifel haben, ob er nach dem Auftauchen der SOUTHAMPTON noch über die volle Kommandogewalt an Bord verfügte. Der ehemalige französische Offizier hätte sonst möglicherweise mit seinem Schiff entkommen können.

An Bord der HEUREUX REUNION befanden sich jedoch abtrünnige Anhänger sowohl Christophes als auch Petions, die zuvor erbitterte Feinde gewesen waren. Wahrscheinlich kamen diese Gegensätze bei Insichtkommen der englischen Fregatte wieder zum Tragen. Gaspard selbst hätte eine Konfrontation wohl gerne vermieden, doch eine weitere Interessengruppe an Bord hoffte, zur Not die Engländer wenn schon nicht artilleristisch, dann aber im Enterkampf besiegen zu können.

Diese Leute waren unter der französischen Herrschaft einst reiche Männer auf Haiti gewesen und hatten – z.T. seit Jahren im Exil – auf den Aufstand und die Errichtung einer neuen Republik hingearbeitet. Ihr ganzes verbliebenes Vermögen steckte in diesem geplanten Aufstand, ihre Familien waren z.T. sogar mit an Bord. Sie hatten nichts mehr zu verlieren und waren wohl diejenigen an Bord der Rebellenfregatte, die die unterschiedlichen Gruppierungen noch unter Kontrolle hatten halten können. Diese Männer wollten und konnten offensichtlich auf die zum Aufstand notwendigen Waffen aus den USA nicht verzichten.

Es war gegen 6:00, als Yeo einen seiner Leutnants an Bord der HEUREUX REUNION schickte. Wie der Historiker William James berichtete, forderte Yeos Bote Gaspard auf, mit den Schiffspapieren an Bord der SOUTHAMPTON zu erscheinen, was dieser natürlich verweigerte. Der Franzose verwies auf die Flagge Borgellats, die Yeo wiederum nicht anerkannte. Yeo ließ Gaspard schließlich auffordern, der SOUTHAMPTON mit seinem Schiff nach Jamaika zu folgen. Gleichzeitig ließ der englische Kapitän ein Prisenkommando in die Boote setzen.

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ISBN 978-3-8391-0218-3 Erscheinungsdatum: Mai 2009
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Doch die HEUREUX REUNION setzte plötzlich zum Angriff auf Yeos Schiff an, die ersten Breitseiten wurden abgefeuert. Dies war ungefähr um 6:30. Gaspard und die Exilanten sahen ihre einzige Chance im Entern der SOUTHAMPTON und versuchten immer wieder das englische Schiff zu rammen (Siehe dazu Salamis-Manöver) , um ihre zahlenmäßige Überlegenheit, rund 800 Mann gegen 212 Engländer, zum Tragen zu bringen. Dabei handelten sie sich jedoch die schwersten Treffer im Längsbeschuss über den Bug ein. Yeo ließ die viel wendigere SOUTHAMPTON buchstäblich um das im krassen Gegensatz dazu manövrierende Rebellenschiff herumtanzen. Immer wieder schmetterten die englischen Karronaden Kartätschen in das mit Männern voll gepackte Schiff Gaspards und richteten unter den haitianischen Truppen ein schreckliches Blutbad an.
Tatsächlich hatten die Haitianer nicht die Spur einer Chance gegen die trainierten Kanoniere der englischen Fregatte, die den artilleristischen Widerstand des Gegners schnell auf wenige Kanonenschüsse reduzierten. Doch die HEUREUX REUNION kapitulierte erst gegen ca. 7:45, als sie praktisch manövrierunfähig geschoßen worden war. Ihre Decks müßen ein grauenhaftes Bild geboten haben, denn weit über 200 Männer lagen regungslos oder stöhnend an Deck oder wälzten sich schreiend in ihrem Blut. Kapitän Yeo selbst soll später einmal gegenüber seinem Bruder George Cosby Yeo von einem "unerträglichen Massaker" gesprochen haben.

Splinter ist zumindest einen gewissen Zeitraum während des Gefechts an Deck der SOUTHAMPTON geblieben, wo man aber offenbar sowieso relativ wenig zu befürchten hatte. Der Landwirtschaftsingenieur berichtet, bezogen auf das Gefecht, von großer Unordnung an Bord des Piratenschiffes“ und nur wenigen Treffern gegen uns“. Während des Duells, so berichtet er, habe Yeo oft laut geflucht. Dies ist unwürdig” und Welche Schande !” habe der Engländer ausgerufen. In seiner ganzen Art hat Yeo offensichtlich seine Abscheu gegen diesen ihm offensichtlich aufgezwungenen ungleichen Kampf zum Ausdruck gebracht.

Die englischen Verluste von einem Toten und 10 Verwundeten waren größten Teils nicht einmal auf Kanonenkugeln und Kartätschen von der HEUREUSE-REUNION zurückzuführen, sondern auf ein explodierendes Geschütz der SOUTHAMPTON, ein in diesen Tagen nicht ungewöhnliches Phänomen.

Im Gegensatz zu den englischen Verlusten waren die Decks der ehemaligen AMETHYSTE mit rund 100 Toten und über 150 Verletzten bedeckt. Der hinhaltende Widerstand der Haitianer hatte immerhin den beiden kleineren, haitianischen Schiffen die Gelegenheit gegeben, um sich uneinholbar abzusetzen. Doch waren die Briten, wie erwähnt, offensichtlich doch so gut informiert, daß sie wußten, auf welchem Schiff ihre wahre Beute sich aufhielt. An den Landungstruppen Borgellats waren Yeo und seine Männer – wie man noch sehen wird – kaum interessiert.


Nach dem Gefecht

Das eigentliche Ziel der Engländer offenbart sich auch in dem Brief des Landwirtschaftsexperten Splinter an seinen Bruder William:

Die Prisenbesatzung enterte das feindliche Schiff ohne Widerstand... Ich sah eine Gruppe von Zivilisten auf dem Achterdeck... Sie wurden in die Boote gesetzt und zur SOUTHAMPTON gebracht. In dieser Gruppe waren sehr gut gekleidete farbige Gentlemen und Ladies, die man an Bord brachte... Einige von ihnen waren in einem entsetzlichen Zustand...[ Höchstwahrscheinlich verwundet - Der Autor ] Ich war überrascht, denn sie wurden nicht wie Gäste behandelt, sie waren Gefangene und wurden ohne Umweg unter Deck gebracht.”

Erst viel später wurden der verwundete Kapitän Gaspard und seine Offiziere übergesetzt. Gaspard soll kurz darauf seinen Verletzungen erlegen sein.

Splinters Beschreibung ist möglicherweise eine Dokumentation der Eliminierung einer Gruppe von Exilanten, die britischen Interessen entgegenstanden. Vielleicht war diese Gruppe das eigentliche Ziel von Yeos Mission. James Yeo, ein Kapitän in der Tradition Lord Nelsons, kein Politikerfreund und ein überzeugter Gegner der Sklaverei, dürfte von seinem möglichen Auftrag wenig begeistert gewesen sein. Vielleicht traf Splinter deswegen einen tief verbitterten Kommandanten an, der meinte, seine Pflicht gegen seine Überzeugungen erfüllen zu müßen.


Sir James Lucas Yeo nach 1812

Ohne Zweifel hatten die Briten, ob primär gewollt oder nicht, die Landung von Borgellats Truppe verhindert. Yeo ließ die Rebellen indessen aber nicht an Petion oder Christophe ausliefern, sondern setzte die gesamte Truppe im äußersten Südwesten Haitis an Land. Auch die wenigen Franzosen und Amerikaner wurden umgehend auf freien Fuß gesetzt. Die von Splinter erwähnte Gruppe von Zivilisten, etwa zwanzig Personen, behielt Yeo jedoch weiter in Gewahrsam. Der korrekte Kapitän hat diese Personen, ohne sie freilich näher zu benennen, in seinem Bericht an die Admiralität erwähnt.

Über das Gefecht selbst schreibt Yeo lediglich, daß das „...Piratenschiff sich plötzlich annäherte und versuchte, zu entern. Wir nahmen Fahrt auf, feuerten unsere Breitseiten und frustierten ihre Enterversuche. Der artilleristische Einsatz des Piratenschiffes war armselig, während die Männer der SOUTHAMPTON eine effektvolle Kanonade leisteten.“ Die wenigen weiteren Sätze beschäftigten sich im wesentlichen mit den Toten und Verwundeten. Yeo war also auch in seinem Bericht alles andere als stolz auf diesen Sieg. Ein Beleg dafür ist das – ungewöhnliche - völlige Fehlen von positiven Erwähnungen und Empfehlungen der Leistungen der Crew und besonders einzelner Crewmitglieder, die gewöhnlich kein Kommandant nach einer erfolgreichen Aktion vermissen ließ.

Die SOUTHAMPTON brachte die AMETHYSTE anschließend nach Kingston (Jamaika), wo sie überholt wurde. Später wurde die Fregatte an König Henri alias Henri Christophe zurückgegeben.
Die Spur der Exilanten verliert sich auf Jamaika. Wurden sie eingekerkert ? Vielleicht sogar ausgeliefert und dann ermordet ? Oder mußten sie - wie in ähnlichen Fällen im Sinne eines "financial kill" praktiziert - für sich selbst ein hohes Lösegeld zahlen ? Jedenfalls schien die Gruppe später keine Gefahr mehr für die britischen Interessen auf Haiti dargezustellt zu haben.

John Herbert Splinter kehrte via Jamaika nach England zurück und wanderte später offensichtlich in die USA aus, wo er 1851 in hohem Alter von über 80 Jahren starb.

Aus Sir James Yeo wurde nie wieder der draufgängerische "Sunnyboy", der einst die Forts in der Bucht von Muros erstürmt hatte. Am 27. November 1812 verlor er die SOUTHAMPTON auf einem Riff vor den Bahamas, wurde aber vor dem bei einem Schiffsverlust üblichen Kriegsgericht in ehrenvollster Weise freigesprochen. Im Kontrast bekam seine Laufbahn sogar einen wahren Schub: Bei seiner Ankunft in England Anfang 1813 wurde er zum Kommodore befördert und bekam umgehend – möglicherweise als Belohnung für seinen Einsatz vor Haiti - im amerikanisch-englischen Krieg das wichtige Oberkommando (!) auf den kanadischen Seen, war aber dort weniger erfolgreich als in seiner Karriere zuvor: Der einstige Draufgänger präsentierte sich als defensiv und ging, wie sein amerikanisches Gegenüber, einer Entscheidungsschlacht aus dem Weg.

Yeos Gesundheitszustand verschlechterte sich im Laufe der Jahre immer mehr. 1817 – als einer der weniger Seeoffiziere nach dem Krieg mit einem Kommando priviligiert - jagte er vor der westafrikanischen Küste Sklavenhändler, erlitt auf dieser Reise jedoch einen gesundheitlichen Zusammenbruch.
1818, auf dem Weg von Jamaika nach England, erlag Yeo nach offizieller Todesursache einer allgemeinen Erschöpfung, hervorgerufen durch Fieberanfälle.


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Fußnoten

I   „Etwas mehr“, als wissenschaftlich-historisch haltbar wäre. Das ist das Schöne an der Spekulation, sie darf auch schon einmal ins Kraut schießen...

II   Das schwerste Artilleriekaliber des Schiffes bestand aus Kanonen, die zwölfpfündige Kugeln bzw. Ladungen verschoßen. Größere Fregatten wie etwa die AMETHYSTE führten im unteren Deck Achtzehnpfünder.

III   Aus dieser Zeit der Massaker soll übrigens der Begriff des „Zombie“ stammen . Der Anführer einer marodierenden und mordenden Horde mit dem Namen Jean Zombie soll sich durch Grausamkeiten so hervorgetan haben, daß dies sogar Dessalines erschütterte. Die Erinnerung an diese Grausamkeiten in Verbindung mit Inhalten aus den aus Zentralafrika stammenden Voodoo-Kulten, von denen einige angeblich mit dem Gift des Kugelfisches Tote aufweckten und zu willenlosen Sklaven machten, hat wahrscheinlich den Begriff für einen lebenden Toten, den „Zombie“, geprägt.

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