Victory at Tripoli : How America's War with the Barbary Pirates Established the U.S. Navy and Shaped a Nation
von Joshua E. London
Sprache: Englisch
Gebunden - 288 Seiten - Verlag John Wiley & Sons
Erschienen 2005

The Wars of the Barbary Pirates : To the Shores of Tripoli: The Rise of the US Navy and Marines:
von Gregory Fremont-Barnes
Sprache: Englisch
Taschenbuch - 96 Seiten - Verlag: OSPREY -
Erscheinungsdatum: November 2006
The Barbary War was the first war to be waged by the United States after gaining independence.


Wie ein Kaperschiff vor den Azoren New Orleans verteidigte

Das Ende der Legende von der GENERAL ARMSTRONG


Am 26. September 1814 gab es vor der Azoren-Insel Faial ein Gefecht, von dem der damalige General Andrew Jackson ("Old Hickory"), amerikanischer Held der Schlacht von New Orleans 1814 und späterer US-Präsident, gesagt haben soll: "Ohne Faial hätte es keine Schlacht von New Orleans gegeben". Wer die symbolische Bedeutung der erwähnten Schlacht im Mississippi-Delta für die nationale amerikanischen Geschichte kennt, weiß diese Zuschreibung an historischer Wichtigkeit einzuschätzen.
Aber was war dort mitten im Atlantik geschehen, das Andrew Jackson zu einer solchen Einschätzung brachte ? Hatten sich bei Faial zwei Flotten beider Nationen getroffen ? Hatten vor den Azoren zwei große Schiffe ein legendäres Duell gefochten ? Oder wurde dort ein Geschwader englischer Truppentransporter durch amerikanische Kaperschiffe versenkt ?
Weit gefehlt ! Die rund 90 Mann Besatzung einer kleinen amerikanischen Schoner-Brigg hatten zweimal den Angriff eines großen Rudels von englischen Booten und später die Attacke einer englischen Sloop blutig zurück geschlagen. Mindestens 34 Engländer verloren dabei ihr Leben, über 90 Angreifer wurden verwundet. Ein in diesem Rahmen sicherlich bemerkenswertes militärisches Ergebnis. Doch wie hatte dieses vergleichsweise nebensächliche Geplänkel des Krieges von 1812 - auch Zweiter Amerikanischer Unabhängigkeitskrieg genannt - zur erfolgreichen Verteidigung General Jacksons von New Orleans beigetragen, wie es noch heute selbst in einer Dokumentation der BBC behauptet wird ? Wir werden sehen...

Der englische Plan

Am 6. April 1814 dankte Kaiser Napoleon I von Frankreich zum ersten Mal ab. Die Alliierten unter englischer und russischer Führung hatten den Korsen zum ersten Mal bezwungen und die Waffen schien in Europa endgültig verstummt.
Nicht so für England: Die Briten aber hatten seit 1812 noch einen weiteren, lästigen Krieg in Übersee zu kämpfen, der in der Gestalt von US-amerikanischen Kaperschiffen freilich auch vor den europäischen Küsten kostspielig fühlbar war. Die gewaltige britische Überlegenheit auf See hatte zwar die amerikanische Kriegsmarine mehr oder weniger in den Häfen der US-Ostküste blockiert, doch kleine, schnelle Schoner, ausgerüstet mit einem in Washington ausgestellten Kaperbrief, fügten dem englischen Seehandel empfindliche Schäden zu. Außerdem stellte der 1812 ausgebrochene Krieg gegen die Ex-Kolonie Nordamerika eine diplomatische Schwäche dar, die die britische Position bei der anstehenden Neuordnung Europas schwächte.
Im Sommer 1814 holten deswegen die Kriegsplaner in London zu einem großen Schlag aus, um die bereits in die Defensive getriebenen unbequemen Ex-Kolonisten militärisch zu schlagen oder zumindest zu einem demütigenden Frieden zu zwingen. Neben den britischen Offensiven an der kanadischen Grenze und überfallartigen Landungen an der nordamerikanischen Ostküste plante die englische Führung auch im Süden der USA eine Invasion. Der Angriff sollte dem wichtigen Mississippi-Delta mit Zentrum New Orleans gelten.
Am 20. Juni 1814 waren die Planungen in London abgeschlossen und involvierten mehr große Schiffe als 1805 bei der Schlacht von Trafalgar ins Gefecht gegangen waren. Bis zum 20. November 1814 sollte sich diese Flotte mit den Landungstruppen und Ausrüstungen im Hafen von Kingston, Jamaika, versammeln, um dann Kurs auf New Orleans zu nehmen.


REVELL-Bausatz der USS CONSTITUTION Maßstab 1 : 96

Lloyds Geschwader

Im September 1814 verließ ein kleines englisches Geschwader unter Führung des Linienschiffes PLANTAGENET (74 - Robert Lloyd) Europa. An Bord der englischen Schiffe waren 2000 Mann und Ausrüstung, die wenige Wochen zuvor noch in den Schlachten Wellingtons auf der spanischen Halbinsel eingesetzt worden waren und nun dazu bestimmt wurden, zur englischen Streitmacht für New Orleans zu stoßen. Neben dem Linienschiff segelten die Fregatte ROTA (38 - Philip Somerville) und die Cruizer-Sloop CARNATION (18 - George Bentham) Richtung Westen mit Kurs auf die Azoren, wo man zwei weitere englische Schiffe zu treffen gedachte. Der dienstälteste Kapitän des Geschwaders und damit Kommodore der kleinen Flotte war der 49jährige Robert Lloyd, im Range eines Kapitäns seit 1799.
Der Name Lloyds hatte bis dahin wenig Aufmerksamkeit in der ruhm- und erfolgsverwöhnten Royal Navy erregt, seine solide Karriere scheint eher unauffällig und zeugt von einem eher leidenschaftslos seinen Dienst verrichtenden Kommandanten.
Sein Name ist freilich mit dem ersten spektakulären Sieg einer US-Fregatte über ein englisches Kriegsschiff indirekt verknüpft: Die englische GUERRIERE (38 James Dacres) unterlag am 19. August 1812 der berühmten amerikanischen CONSTITUTION (44 - Isaac Hull). Kurz vor Ausbruch des Krieges hatte Lloyd das genannte englische Schiff kommandiert und kannte deswegen Schiff und Besatzung gut. Aus dieser rein zufälligen Verbindung sollten nach dem hier noch zu schildernden Gefecht einige "Historiker" ein Rachemotiv konstruieren. Es sei aber schon hier gesagt:
Die Niederlage der englischen Fregatte gleich zu Beginn des Krieges war in der Royal Navy zwar allgemein als Schande empfunden worden, doch für einen speziellen Rachedurst Lloyds wegen der Niederlage seines ehemaligen Schiffes gibt es keinerlei Anhaltspunkte. Auch irgendwelche spezielle Animositäten gegen Kaperschiffe im Allgemeinen oder Besonderen fallen in seiner Biographie nicht auf.
Das gleiche gilt uneingeschränkt auch für seine Kollegen im Geschwader, Kapitän Philip Somerville und Commander George Bentham.
Die englischen Schiffe kamen auf ihrem Weg zu ihrem ersten Ziel gut voran. Am 25. September 1814 erreichte das englische Geschwader nach ereignisloser Fahrt die Azoren und kam am nächsten Tag in Sicht der Insel Faial (Fayal). Hier nun sollte Lloyd, folgt man dem eingangs erwähnten Spruch Andrew Jacksons, amerikanische Geschichte machen.

Die General Armstrong

Dort, vor der Insel Faial, auf der Reede von Horta, lag das amerikanische Kaperschiff GENERAL ARMSTRONG (9) unter dem Kommando von Kapitän Samuel Chester Reid. Das Schiff hatte kurz zuvor die Reede angelaufen, um Wasser und Feuerholz zu ergänzen.
Die GENERAL ARMSTRONG war eine 1812 gebaute kleine und schlanke Schoner-Brigg mit zwei Masten, an denen riesige Segel getakelt waren. Dies machte das leichte Schiff extrem schnell und verlieh ihm auch gegen den Wind Segeleigenschaften, die denen eines großen Rahenseglers überlegen waren. Die leichte Bewaffnung der GENERAL ARMSTRONG war bei dieser Betonung von Schnelligkeit nur konsequent: Insgesamt acht lange Neunpfünder-Kanonen und eine auf einem Schlitten drehbare Vierundzwanzigpfünder-Kanone reichten in der Regel aber aus, um dem Kaperschiff gegenüber den meisten Handelsschiffen einen entscheidenden Vorteil zu sichern.

Den Briten war das Kaperschiff sicherlich bekannt, denn unter ihrem Kapitän Guy R. Champlin war die GENERAL ARMSTRONG an der Küste Südamerikas im Jahr zuvor bereits recht erfolgreich gewesen. Doch der amerikanischen Brigg eine Verfemung innerhalb der englischen Flotte anzudichten, wie es zur Erklärung der folgenden Ereignisse oft gemacht wurde, erscheint mir eher als funktionale Bedeutungshascherei von Legendenbastlern, um den folgenden englischen Angriff in ihrem Sinne zu erklären. Reids Schiff war nur eines von vielen erfolgreichen Kaperschiffen, doch hatten die Taten des Kapers weder im Negativen noch im Positiven eine absolut herausragende Spur hinterlassen, die ein außergewöhnliches Interesse der Briten hätte hervorrufen können. Immerhin: Allein die Tatsache, daß der Schiffstyp bereits von weitem einen amerikanischen Letter of Marquee (Kaperbriefschiff) signalisierte, reichte sicherlich schon aus, um Kapitän Lloyds Interesse zu wecken.

Die GENERAL ARMSTRONG genoß indessen aber den Schutz neutraler Gewässer:
Die Azoren gehörten bereits damals zu Portugal. Das Königreich war im Krieg zwischen Großbritannien und den USA neutral, weswegen der Hafen von Horta - zumindest nach geltenden internationalen Kriegsregeln - für Reid auch angesichts des riesigen englischen Schlachtschiffes ein sicherer Ort hätte sein müssen. Trotzdem fühlte sich der Kommandant der GENERAL ARMSTRONG in einem portugiesischen Hafen, vor dem ein englischen Geschwader lag, offensichtlich nicht sicher: Kurz nach der Ankunft der englischen Kriegschiffe beobachtete Reid nach eigenem Bekunden sehr besorgt den intensiven Signalverkehr zwischen den Engländern und bezog dies - wohl nicht zu Unrecht - auf seine Anwesenheit.
Weil er einen Angriff befürchtete, beschloß der amerikanische Kaperschiffkommandant, sein Schiff so nah wie möglich unter Land zu verlegen, um den englischen Kriegsschiffen mit ihrem Tiefgang durch flache Gewässer eine Annäherung auf Schußweite zu erschweren oder unmöglich zu machen. In einem Artillerieduell auf kürzere Distanz hätte die GENERAL ARMSTRONG schließlich nicht einmal gegen das kleinste englische Schiff, die CARNATION (18 - Bentham), bestehen können. Den 16 Zweiunddreissigpfünder-Karronaden und 2 langen Sechspfünder-Kanonen von Commander George Benthams Sloop hätte die Brigg nur eine Breitseite von 4 Neunpfündern und eine Vierundzwanzigpfünder-Kanone entgegenzusetzen gehabt - bei weitem zu wenig.

 So dürfte die GENERAL ARMSTRONG tatsächlich ausgesehen haben

Der erste Schußwechsel

Zur gleichen Zeit, als die GENERAL ARMSTRONG Anker auf ging und sich mit ihren langen Rudern tiefer unter Land zurückzog, bewegte sich mindestens ein englisches Ruderboot in ihre Richtung oder auch nur schlicht Richtung Land.
Laut englischem Bericht sei dies die Pinasse von der PLANTAGENET gewesen. Welches Ziel dieses Boot verfolgte, bliebt allerdings im englischen Bericht etwas unklar. Einerseits sei sie auf dem Weg an Land gewesen, andererseits habe sie erkunden sollen, was für ein Schiff die GENERAL ARMSTRONG war. Plausibel wäre es noch, wenn sie beide Aufgaben hätte erfüllen sollen. Der amerikanische Kaper sei jedenfalls zwischen ihr Ziel an Land und die Pinasse gerudert und habe plötzlich das Feuer eröffnet, berichten die Briten.
Der amerikanische Bericht dagegen spricht von vier vollbesetzten englischen Booten von der CARNATION, die die unter Land rudernde GENERAL ARMSTRONG zum Ziel gehabt hätten, sei es, um sie zu erobern, sei es, um sie nach englischen Deserteuren zu durchsuchen.
Es läßt sich anhand der Berichte und Zeugen nicht klären, welche Version hier zutrifft, doch fast alle Publikationen gehen von mehr als einem englischen Boot aus. Das ist wiederum nicht verwunderlich, denn von den Historikern wurde fast ausschließlich die amerikanische Version der Geschichte rezipiert, weil eben nur diese Version die historische Bedeutung des Gefechtes betonte. Für die Briten war das Gefecht vor Faial nur ein eher bedeutungsloses Geplänkel, weswegen der englische Bericht in den zeitgenössischen Quellen oft lediglich als Hörensagen berücksichtigt wird. Die vorherrschende Version ist also wie so oft nicht zwangsläufig die genauere Schilderung.
Unbestritten ist aber, daß Kapitän Reid laut eigenem Bericht die anlaufenden Briten vor weiterer Annäherung warnte, dann höchstpersönlich den Vierundzwanzigpfünder richtete, das Feuer auf die seiner Meinung nach angreifenden Engländer eröffnete und damit die Kampfhandlungen begann.

Linienschiffschlachten 1794 - 1806 Download

Lloyds Motive

Wenn die englische Version zutrifft, muß man Kapitän Lloyds mögliche Motive für das weitere Gefecht weniger stark beleuchten. Die Amerikaner hatten auf das englische Boot geschossen und zwei Männer getötet. Dies wäre ein nachvollziehbares Motiv, einen umfassenden Angriff auf die GENERAL ARMSTRONG zu befehlen, ob das rechtlich so in Ordnung war oder nicht.
Trifft die amerikanische Version zu, muß man natürlich fragen, was Kapitän Lloyd bewogen hatte, die portugiesische Neutralität derartig grob und ohne sichtbaren Anlaß zu mißachten. Hier demonstrieren nach meinem Eindruck viele Autoren eine erstaunliche Phantasie bezüglich der Motive des Engländers. Folgende Motive werden hier, z.T. untereinander kombiniert, genannt:

  • - Lloyds Hass auf die Kaperschiffe
  • - Lloyds spezieller Hass auf dieses besondere, weil so erfolgreiche Kaperschiff, also die bereits erwähnte Feme-Theorie.
  • - Rache für die bereits erwähnte Niederlage der GUERRIERE (38 - Dacres) gegen die CONSTITUTION (44 - Hull).
  • - Jagd auf verhasste englische Deserteure
  • - Jagd auf zwei spezielle Deserteure von der erwähnten GUERRIERE, also eine persönliche Fehde Lloyds gegen ehemalige Untergebene. Wie diese These ins Spiel kam, werden wir noch sehen.

    Im Grunde genommen steht hinter all diesen Theorien die Annahme eines sehr emotionalen und unbeherrschten englischen Kapitäns. In allen Versionen der Geschichte außen vor geblieben ist dagegen ein militärisch-rationales, aber durchaus naheliegendes Motiv Lloyds :
    Die Möglichkeit einer leidenschaftslosen Provokation zur dann gerechtfertigten Beseitigung eines bedrohlichen Kaperschiffs in einem neutralen Hafen ist nämlich noch keinem der von mir gelesenen und um ein möglichst plakatives und leidenschaftliches Motiv bemühten Autoren eingefallen. Wenn Lloyd aber wirklich (nur) vier Boote geschickt hat, dann ist dies doch zumindest eine naheliegende Vermutung. Vier Boote - ohne Karronaden oder Kanonen - wären wohl nicht genug für einen ernst gemeinten Angriff, aber doch genug, um Reid in Besorgnis zu versetzen und zum Schießen zu veranlassen.

    The History of the American Sailing Navy

    The History of the American Sailing Navy
    von Howard Irving Chapelle
    Sprache: Englisch
    Gebundene Ausgabe - Verlag Bonanza Books
    Erschienen November 1988


    Der Angriff

    Ob nun ein Boot von der PLANTAGENET oder vier Boote von der CARNATION im Hafen von Horta die GENERAL ARMSTRONG ansteuerten , die Schüsse von der GENERAL ARMSTRONG töteten jedenfalls zwei Engländer und verletzten sieben weitere Seeleute. Es gab offensichtlich nur einen sehr kurzen Feuerwechsel, auf Seiten der Briten jedenfalls nur mit leichten Waffen. Das englische bzw. die englischen Boote zogen sich nun zurück, während die GENERAL ARMSTRONG, während des Angriffs unter Rudern und in Bewegung, schließlich einen Ankerplatz fand und sich mit Springs auf den Ankerketten auf einen eventuellen Angriff einstellte. Dies alles geschah bei Tageslicht.
    Kommodore Lloyd tat nun das, was man erwarten konnte: Er forderte den portugiesischen Gouverneur der Insel auf, die Amerikaner zu verhaften, weil diese die Neutralität des Hafens mißachtet hätten. Und er forderte dazu noch, unter der Besatzung der GENERAL ARMSTRONG Nachforschungen anzustellen, ob sich englische Deserteure unter dieser Crew befänden (Noch ist hier keine Rede von der GUERRIERE).
    Man muß dazu wissen, daß die Praxis der so gearteten britischen Kontrollen, die vor dem Krieg nicht selten zum Pressen von amerikanischen Seeleuten geführt hatten, den Krieges von 1812 überhaupt erst ausgelöst hatten. Lloyds diesbezügliche Forderung stellte also keine spezielle Suche nach bestimmten Männern dar, sondern war schon vor dem Krieg eine gängige Prozedur, die hier als Vorwand zum Verhör der Crew dienen sollte.
    Lloyd ging aber in seiner Nachricht an den Gouverneur noch weiter: Überhaupt wäre es für den Gouverneur am einfachsten, Kapitän Lloyd zu gestatten, die "Piraten" selbst festzunehmen, sprich: Einen durch den Gouverneur autorisierten Angriff auf das Kaperschiff zu starten.
    Man kann davon ausgehen, daß der britische Kommodore bereits zu diesem Zeitpunkt den Angriff plante, mit oder ohne Zustimmung des Gouverneurs.
    Dies entsprach auch der damals typischen Arroganz der Briten gegenüber einer im politischen Theater von Europa doch eher unwichtigen Nation, zumal man sich hier auch noch auf einem von Portugal weit entfernten Außenposten mitten im Atlantik befand. Dem Gouverneur der Azoren standen ja auch tatsächlich so gut wie keine Zwangsmittel zur Verfügung, sieht man von einer eher symbolischen kleinen Landbatterie von Geschützen ab. Weder gegen den Amerikaner geschweige denn gegen die Engländer hätten die Portugiesen somit vorgehen können. Trotzdem wies der Portugiese die Forderungen des Engländers zurück. Ein kleiner Inselgouverneur konnte sicherlich nicht anders handeln, mußte er sich doch sagen, das die Briten sowieso zuschlagen würden.

    Thomas Sturges Jackson - Logs of the great seafights


    Und die Briten planten tatsächlich, den Schoner im Schutz der hereinbrechenden Dunkelheit anzugreifen: Eine Flottille von - je nach Bericht - 7 bis 12 Booten wurde (erst jetzt) mit Karronaden ausgerüstet und mit 180 (englische Version) bzw. 400 Männern (amerikanische Version) besetzt. Wie man jedenfalls sieht, wurde hier der Angriff nunmehr sorgfältig vorbereitet, was an der Ernsthaftigkeit des ersten angeblichen Angriffs bei jedem Beobachter Zweifel aufkommen lassen kann. Im Schutz der Dunkelheit ruderten die Boote unter dem Kommando von Leutnant William Matterface, Erster Offizier der ROTA, in ihre Ausgangsstellung und gegen Mitternacht begann dann der Angriff, der aber von den Amerikanern erwartet wurde.
    Das amerikanische Abwehrfeuer des 24-Pfünders und der Neunpfünder war offensichtlich bereits sehr wirkungsvoll, was einerseits den Schießkünsten der Amerikaner geschuldet war, andererseits aber auch der großen Menge von Zielen, die auf den kleinen Schoner zuhielten. Offenbar gab es an den Bordwänden der GENERAL ARMSTRONG ein ziemliches Gedränge, sogar über den Bug des Schoners wurde ein Enterversuch vorgetragen. Den entschlossenen und gut koordinierten Abwehrbemühungen von Reids Besatzung gelang es über längere Zeit, die Angreifer jenseits der Enternetze zu halten und schwere englische Verluste zu verursachen. Es glückte den Amerikanern dann sogar, mindestens zwei englische Boote zu versenken.
    Trotzdem fand die englische Übermacht am Bug schließlich doch eine Lücke in der Verteidigung. Für einen Moment schien das Schicksal des amerikanischen Schiffes besiegelt zu sein. Dann aber brach der englische Angriff zusammen, sicherlich nicht zuletzt durch die zähe Verteidigung der Amerikaner. Wichtig für den Verteidigungserfolg scheint aber besonders der relativ gleichzeitige Ausfall der englischen Führungsoffiziere gewesen zu sein: Matterface und sein Kollege Charles R. Norman von der ROTA fielen, andere Offiziere wurden verwundet. Ein von Reid geführter Gegenangriff am Bug warf die Briten dann zurück in die Boote.
    Offenbar führungslos geworden wandten sich die Angreifer nun zur Flucht und besiegelten damit einen kaum zu erwartenden Abwehrerfolg der nur 90 Mann starken amerikanischen Crew . Reid hatte lediglich 2 Tote und 7 Verwundete zu beklagen.
    Bemerkenswert erscheint es, das auch auf amerikanischer Seite der Erste Offizier fiel und drei weitere Deckoffiziere verwundet wurden. Die Verteidigung hat dies offenbar nicht ins Wanken gebracht. Anders bei den Briten: Das englische Fiasko zeigt sich in den hohen Verlusten: 34 Tote und über 90 Verwundete mußte Kapitän Lloyd später der Admiralität berichten. Fußnote

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    Chronologie der europäischen Seekriege 1793 - 1815
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    Das Ende der GENERAL ARMSTRONG

    Doch damit war die GENERAL ARMSTRONG nicht gerettet. Als der Tag heranbrach, näherte sich die Sloop CARNATION - im Geschwader mit dem geringsten Tiefgang ausgestattet - dem in relativ flachen Wasser liegenden amerikanischen Schoner. Weil die Hauptbewaffnung von Benthams Schiff aus nur kurz tragenden Karronaden bestand, mußte sich die Sloop schon auf weniger als zweihundert Meter an Reids Schiff herantasten, um eine wirkungsvolle Breitseite anzubringen. Dies war ein wegen ihres größeren Tiefgangs ein schwieriges und risikoreiches Manöver, behindert durch das Abwehrfeuer der weiter tragenden amerikanischen Kanonen. Und prompt erlitten die Briten die nächste Schlappe. Möglichweise war es ein Schuß des Vierundzwanzigpfünders, der größeren Schaden in der Takelage der CARNATION anrichtete und deswegen die Sloop zum vorläufigen Abhalten und zu Reparatur des Schadens zwang.
    Doch war dies nur eine Atempause für die amerikanische Crew, denn kaum hatte die CARNATION ihre Schäden repariert, nahm sie einen erneuten Anlauf. Reid, der schon längst seine Verwundeten an Land hatte schaffen lassen, erkannte, das er auf Dauer der Kannonade der mit weit überlegenen Artillerie ausgerüsteten Sloop nicht würde entgehen können. Der amerikanische Kommandant schickte deswegen zunächst seine Männer in die Boote und bohrte dann sein eigenes Schiff an, bevor er selbst die sinkende GENERAL ARMSTRONG verließ.
    Die Briten gingen jedoch auf Nummer Sicher und verbrannten das langsam sinkende Schiff auch noch, um einer späteren Bergung vorzubeugen.

    Mit der Vernichtung der GENERAL ARMSTRONG war die Geschichte jedoch noch immer nicht bereinigt: Kapitän Lloyd intervenierte beim portugiesischen Gouverneur zwecks Inhaftierung oder Ausweisung von Kapitän Reid und seiner Crew. Neben dem bereits bekannten Vorwurf, die Amerikaner hätten die Neutralität verletzt, beharrte Lloyd auch auf seinem o.g. Recht, in der amerikanischen Crew nach englischen Deserteuren zu suchen. Nach amerikanischer Version suchte Lloyd - wie bereits oben erwähnt - zwei spezielle Deserteure. Und an diesem Punkt - nach dem Gefecht - ist zum erstenmal überhaupt die Rede von der GUERRIERE. Er kann also kaum der Auslöser des Gefechts gewesen sein. Der Triumph der CONSTITUTION über die englische Fregatte zwei Jahre zuvor war bekanntlich ein Pfahl im Fleisch der Engländer und der amerikanische Beauftragte beim portugiesischen Gouverneur spielte diese Karte sicherlich nicht ohne Grund. Das suggerierte Rache-Motiv der Engländer war aber offensichtlich nur eine polemische, diplomatische Spitze.
    Auf beiden Seiten ließen die Kommandanten die Muskeln spielen: Lloyd drohte, mit Truppen an Land zu gehen, um die Amerikaner zu holen, Reid verschanzte sich mit seinen Männern demonstrativ in einem alten Kloster und drohte seine Freiheit bis zum letzten Mann zu verteidigen. Es kam natürlich zu keinem Gefecht mehr, denn die Amerikaner stellten ohne ihr Schiff nicht länger eine Bedrohung für die englische Schiffahrt dar. Diese englische Zurückhaltung bzw. der Verzicht auf ei Landungsunternehmen konterkariert erneut die Rache-These, weil ein auf Rache sinnender Kapitän Lloyd - sei es auf der Suche nach den beiden Deserteuren, sei es aus Hass gegen die Kaperer - an diesem Punkt wohl kaum darauf verzichtet hätte, sein Mütchen zu kühlen, wenn er aus dieser Motivation heraus schon bereit gewesen war, eine Seeschlacht vom Zaun zu brechen.
    Statt also Truppen zu landen, verließ das englische Geschwader die Reede von Faial und erwartete die erwähnten Schiffe, die Lloyds Geschwader hier treffen sollte. Die Legende will, daß das Geschwader 3 Wochen bei den Azoren verblieb, bevor es Kurs auf Jamaika nahm.

    The Naval History of the United States V1

    The Naval History of the United States V1
    von Willis J. Abbot
    Sprache: Englisch
    Taschenbuch - 484 Seiten - Verlag unbekannt
    Erschienen 31. Mai 2006

    Das Gefecht von Faial und die Schlacht von New Orleans

    Historiker haben - dem Ausspruch Jacksons folgend - seit beinahe 200 Jahren behauptet, die Verluste der Engländer im Kampf gegen die GENERAL ARMSTRONG seien so groß gewesen, daß die ohnehin knapp besetzten Schiffe nicht mehr genug Besatzung gehabt hätten, um die Reise planmäßig fortzusetzen. Dadurch hätte sich Lloyds Geschwader auf seinem Weg nach Jamaika verspätet und dies hätte das geplante englische Landungsunternehmen bei New Orleans entscheidend verzögert. Ein prominentes Beispiel für einen Historiker, der diese Behauptung kritiklos übernahm, ist Theodore Roosevelt (1858-1919), amerikanischer Präsident von 1901 bis 1909, der in seinem gleichnamigen Werk von 1910 über The Naval War Of 1812 schreibt:
    " The British squadron was bound for New Orleans, and, on account of the delay and loss that it suffered it was late in arriving, so that this action may be said to have helped in saving the Crescent City."
    Auch jüngere Publikationen resorbierten ohne große Fragen die falsche Version, z.B. John Van Duyn Southworth in Age Of Sails: War At Sea von 1968 : "Captain Lloyd had made a serious mistake. He had lost 65 men killed and 117 wounded. Carnation was so badly damaged that she could not proceed. Thais and Calypso, when they arrived, had to be used for transporting the wounded to British bases. The invasion had been delayed nearly a month."
    Laut Southworth habe Kapitän Lloyd also nach dem Rendevous mit den erwarteten englischen Schiffen seine Weiterreise verschieben müßen. Die zwei Briggs hätten mit Verwundeten nach England zurückgeschickt werden müßen und erst nach über drei Wochen hätte Lloyds Geschwader wieder über eine annehmbare Crewstärke verfügt.
    Folge dieser Verspätung: Eine Verzögerung der Landung bei New Orleans. Und diese Verzögerung hätte General Andrew Jackson die Gelegenheit gegeben, seine Truppen noch rechtzeitig in das Mississippi-Delta zu führen und zur Verteidigung zu formieren. Auf diese Weise hätte also das kleine Kaperschiff GENERAL ARMSTRONG mit seinem zähen Widerstand die erfolgreiche Verteidigung von New Orleans erst ermöglicht.

    Das klang für mich schon abwegig, als ich es zum erstenmal las und ich denke, gerade Kenner der Age of Sail werden ebenfalls ungläubig den Kopf schütteln. Und doch steht diese Geschichte so in Geschichtsbüchern, wurden amerikanische Kriegsschiffe nach Kapitän Reid benannt und präsentierte selbst die "hurrapatriotisch" unverdächtige BBC in ihrer Dokumentation über die legendäre Schlacht von New Orleans diese Version.
    Dabei gibt es neben der nun wirklich zweifelhaften Plausibilität dieser "Geschichtsente" sogar ein gut zugängliches Dokument, daß Jacksons faktenschaffenden Ausspruch einfach widerlegt:
    Auf seiner Website American Privateers in The War Of 1812 präsentiert Bob Rowen die Faksimile eines Auszugs aus dem Logbuch der PLANTAGENET. Dieses Dokument beweist , daß das Geschwader mit den Truppen bereits am 5. Oktober 1814, also 8 Tage nach dem Gefecht, die Azoren verließ und am 4. November 1814 Kingston, den Sammelpunkt für die Invasionsflotte, erreichte. Lloyds Schiffe waren damit keineswegs die letzten Transporter, die zu der versammelten Flotte stießen. Erst am 26. November 1814 lief die Invasionsflotte aus - absolut planmäßig, wie Rowen mit weiteren Dokumenten eindrucksvoll nachweist.
    So stellt sich denn die Legende von dem kleinen amerikanischen Kaperschiff, dass New Orleans rettete, als schlichte Geschichtsklitterung heraus. Auch wenn der an Mythen so reiche Krieg von 1812 in dieser Hinsicht noch mit einigen krassen Irrtümern aufwarten kann: Es ist dennoch erstaunlich, das sich eine derartig unplausible Geschichte über beinahe 2 Jahrhunderte als geschichtliche Wahrheit hat halten können.
    So groß erscheint manchmal offensichtlich in den Geschichtswissenschaften die Macht des geschriebenen Buches, daß sie historische Tatsachen qua Publikation (falscher) Thesen zu schaffen scheint. Es ist meine Erfahrung, das gerade Literatur im Kontext dieser Ära häufig auf uralte Schwarten und Lexika zurückgreift, ohne das offensichtlich das Plausibilitätsempfinden der Autoren durch so manche absurde Behauptung oder ein zeitgenössisches, aber "unpassendes" Dokument gestört wird. Wir werden uns an dieser Stelle - gerade auch im Kontext des Krieges von 1812 - noch mit so mancher krassen Behauptung herumschlagen, der wir z.B. auch in der Wikipedia als "einschlägig" begegnen - obwohl sie absolut falsch ist. Falsch wie die Legende von der GENERAL ARMSTRONG, die New Orleans an den Gestaden der Azoren vor der Eroberung bewahrte.

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    Fußnote = Hohe Verluste bei einem Enterversuch durch Boote gab es in der RN übrigens doch häufiger: Am 14. Mai 1807 zum Beispiel kam es vor Nizza während einer Flaute zu einem katastrophaler Enterversuch einer kleinen französischen Bark durch zwei Boote von der SPARTAN (38 - Jahleel Brenton). Von den 70 Angreifern starben 26, nur 7 Männer blieben unverletzt, die Bark entkam nachher. Am 12. Dezember 1808 versuchten vor Martinique drei Boote von der CIRCE (32 - Francis Augustus Collier) unter Leutnant Crooke die französische Brigg CYGNET (18) zu entern. Von den 68 Engländern kamen nur 12 Mann wieder zurück zum Schiff.

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