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Chronologie der europäischen Seekriege 1793 bis 1815, Band 1, bis 1802
Chronologie der europäischen Seekriege 1793 - 1815
Band 1 : Von 1793 bis zum Frieden von Amiens 1802

von Thomas Siebe
Sprache: Deutsch Broschiert - 224 Seiten - BoD
ISBN 978-3-8423-2883-9 Erschienen: September 2010
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Beispiel-Seiten
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Der Zweikampf der Fregatten vor Bordeaux 1798

BAYONAISE gegen AMBUSCADE

Nach dem Bericht in der "Naval History" (1837) von William James

Das Jahr 1798 war eigentlich eine Katastrophe für die französische Marine:
Vor Abukir hatte der französische Admiral Brueys fast sein ganzes Geschwader gegen einen entschlossen angreifenden Konteradmiral Nelson verloren und war auf seinem Flaggschiff ORIENT gefallen. Die französische Armee Napoleons war in Ägypten abgeschnitten worden, der Versuch eines französisch unterstützten Aufstandes in Irland scheiterte vollkommen, die Ionischen Inseln gingen an Russland und die Türken verloren und Frankreich verlor dazu noch viele Kriegsschiffe an die Engländer. Ein großer Seesieg des französischen Linienschiffes GENEREUX (74) gegen die allerdings schwächere britische LEANDER (50) wurde durch den Verlust Korfus und den Verlust des eroberten britischen Schiffs wieder zunichte gemacht.
Im Dezember dieses schwarzen Jahres 1798 aber gelang der französischen Marine, genauer gesagt, der kleinen französischen Fregatte BAYONAISE (Andere Schreibweise: BAIONAISE) vor Bordeaux ein überraschender Sieg gegen die stärkere britische Fregatte AMBUSCADE, 40 Geschütze.

Die AMBUSCADE unter Kapitän Henry Jenkins (Kapitän 1795) trug achtundzwanzig 12-Pfünder-Kanonen, vier 9-Pfünder und acht 24-Pfünder-Karronaden. Mit 212 Mann an Bord verließ sie am 5. Dezember 1798 den Hafen von Portsmouth mit Kurs auf Bordeaux, wo sie auf die britische Fregatte STAG, 32 Kanonen, unter Kapitän Yorke treffen sollte.
Auf ihrem Weg die französische Küste entlang war die AMBUSCADE zunächst erfolgreich, als sie zwei französischer Handelsbriggs erobern konnte.
Am 14. Dezember lag die Fregatte beigedreht unter gekürzten Segeln vor Bordeaux, als sich um ca. 9:00 von See her ein fremdes Schiff näherte. In der festen Annahme, dabei würde es sich um die STAG handeln, wurden auf der AMBUSCADE keinerlei Vorbereitungen für die Abwehr eines Angriffs oder die Verfolgung eines Gegners getroffen.
Erst als das fremde, schwächer mit Geschützen bestückte Schiff bereits in Schußweite war, seinerseits erkannte, daß es eine englische Fregatte vor sich hatte und sofort die Flucht ergriff, wurde die Besatzung der AMBUSCADE aufmerksam.
Die Engländer identifizierten das fremde Schiff als die französische Korvette bzw. kleine Fregatte BAYONAISE. Das Schiff unter dem Kommando von Leutnant Edmond Richer trug lediglich vierundzwanzig lange 8-Pfünderkanonen, sechs lange 6-Pfünderkanonen und zwei 36-Pfünder-Karronaden auf dem Achterdeck, insgesamt also 32 Geschütze. An Bord der BAYONAISE befanden sich 250 Mann Besatzung und eine kleine 30 Mann starke Truppe von Soldaten.

Auf der englischen Fregatte setzte man nun schnell Segel und nahm die Verfolgung des fliehenden Gegners auf. Sie erwies sich als schneller als das französische Schiff, denn gegen 11:30 feuerte die AMBUSCADE den ersten Schuß auf Distanz ab und war damit in Schußweite gelangt.
Leutnant Richer sah ein, daß der Kampf unvermeidlich war, ließ die Flagge hissen und Segel kürzen. Sehr bald befanden sich beide Kriegschiffe auf gleicher Höhe und die ersten Breitseiten wurden abgefeuert.

Nach einer Stunde Kampf war die artilleristische Unterlegenheit der BAYONAISE offenbar. Kommandant Richer und sein 1. Offizier wurden im Gefecht schwer verletzt und mußten unter Deck getragen werden.
Doch dann kam ein Unfall dem französischen Schiff zur Hilfe: Eine britische 12-Pfünderkanone auf dem Oberdeck explodierte und richtete erheblichen Schaden auf der AMBUSCADE an. Zeitweise war ein Teil der englischen Besatzung in großer Konfusion, so daß die BAYONAISE erneut einen Fluchtversuch unternahm.
Kapitän Jenkins ließ aber die Verfolgung wieder aufnehmen, nachdem sich die Konfusion auf dem britischen Schiff wieder gelegt hatte.
Auf der französischen Fregatte waren der Kommandant der Soldaten und der inzwischen kommandierende 2. Leutnant inzwischen zu dem Entschluß gekommen, das englische Schiff zu entern, weil sie die Aussichtslosigkeit weiterer Fluchtversuche mit dem schwer in Takelage und Rumpf beschädigtem Schiff einsahen.

Als die AMBUSCADE die BAYONAISE erneut einholte und zwar mit so viel Schwung, daß sie erst einmal an ihr vorbei segelte, nutzte die BAYONAISE offensichtlich irgendwie ihre Chance.
Sie rammte mit dem Bug die AMBUSCADE in Höhe des Achterdecks, zerstörte Schanzkleid, Wanten und traf mit ihrem Bugsprit heftig den Besanmast des Gegners, der daraufhin umknickte. Gleichzeitig wurde das englische Steuerrad weggerissen. Diesen Rammstoß nannte man damals übrigens das Salamis-Manöver.

Das Salamis-Manöver : Bayonaise rammt Ambuscade

Irgendwie verhakte sich die BAYONAISE am Gegner und wurde durch den Wind hinter das Heck der AMBUSCADE getrieben.
Vom Bug aus hatten die französischen Schützen ein hervorragendes Schußfeld auf das Achterdeck des Briten und schoßen in kurzer Zeit den Kapitän, alle Leutnants sowie den Steuermann nieder, während ihnen kaum Widerstand entgegenschlug.

Am Ende hatte der Zahlmeister der AMBUSCADE das Kommando, doch die endgültige Entscheidung fiel durch einen weiteren Geschützunfall am Heck, als Bereitschaftsmunition zur Explosion kam. Offensichtlich war die Crew der AMBUSCADE schlecht ausgebildet, denn die Männer verließen nun im Chaos ihre Posten und flüchteten vom Achterdeck.

Die französischen Truppen und Seeleute konnten gegen wenig Widerstand über den Bug ihres Schiffes, möglichweise sogar über ihren eigenen geknickten Vordermast die AMBUSCADE entern und hatten alsbald die britische Fregatte unter ihre Kontrolle gebracht. Allerdings verloren die Soldaten bei dieser Gelegenheit doch noch ihren Offizier, der zu den 30 getöteten Franzosen gezählt werden mußte. 30 weitere Leute von der BAYONAISE wurden verwundet. Auf der AMBUSCADE zählte man nur 10 Tote, dafür aber 36 ernstlich verwundete Männer.

Es ist auffallend, daß unter den Toten und Verwundeten fast alle Offiziere und Deckoffiziere der englischen Fregatte waren, ein mögliches Indiz für den mangelnden Einsatz und die schlechte Disziplin der englischen Crew.
Vor dem Kriegsgericht wurde gegen Kapitän Jenkins und die überlebenden Offiziere später wegen des Verlustes der AMBUSCADE verhandelt, doch wurde der Freispruch nach Meinungen des Historikers William James von der Tatsache beeinflußt, daß Kapitän Jenkins sich von seinen schweren Verletzungen nicht erholt hatte und ein Bild des Jammers bot. So wurde auch sonst niemand für die Niederlage gegen einen militärisch schwächeren Gegner zur Verantwortung gezogen.
Tatsächlich war die Disziplin an Bord mangelhaft gewesen, was sich schon bei der Annäherung der BAYONAISE gezeigt hatte. Auch waren die Männer der AMBUSCADE durch mangelhafte Klarschiffmanöver mehr dem feindlichen Beschuß ausgesetzt worden als das bei richtiger Ausführung geschehen wäre - viele Schutzmaßnahmen waren in der Gewißheit artilleristischer Überlegenheit versäumt worden. Das zeigte die kriegsgerichtliche Untersuchung.

In Frankreich aber wurden die Männer der BAYONAISE gefeiert, als sie mit ihrem Schiff und dem eroberten Engländer in Rochefort einliefen.
Leutnant Richer wurde zum Kapitän befördert und die eroberte AMBUSCADE als EMBUSCADE in die französische Marine übernommen.
Der französische Siegesrausch währte aber nicht ewig : Am 28. Mai 1803 wurde die EMBUSCADE von keinem geringeren Schiff als der berühmten VICTORY, zu dieser Zeit unter dem Kommando von Kapitän Samuel Sutton, zurückerobert und fuhr wieder in der Royal Navy. Die BAYONAISE aber wurde im November 1803 von dem britischen Linienschiff ARDENT (64) auf Grund gejagt und vernichtet.
Da die Geschichtsschreibung der napoleonischen Seekriege natürlich eher die Nelsons und Cochranes hervorhebt, ist der "kleine" Sieg einer französischen Korvette über eine viel stärkere englische Fregatte heute wenig bekannt.

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