Chronologie der europäischen Seekriege 1793 bis 1815, Band 1, bis 1802
Chronologie der europäischen Seekriege 1793 - 1815
Band 1 : Von 1793 bis zum Frieden von Amiens 1802

von Thomas Siebe
Sprache: Deutsch Broschiert - 224 Seiten - BoD
ISBN 978-3-8423-2883-9 Erschienen: September 2010
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 Seeschlacht



1805 : Die Eroberung der CALCUTTA



Es war der 25. September 1805 gegen Mittag, rund 250 km süd / südöstlich von Kap Clear (Süd-Irland) und rund 300 km westlich der Scilly-Inseln. An Bord des englischen 56-Kanonen-Schiffes CALCUTTA entdeckte der Ausguck in West/ Nordwest sieben größere Schiffe.
Der Kommandant des Kriegsschiffes, Kapitän Daniel Woodriff, wurde an Deck gerufen und warf einen besorgten Blick auf die sich mit dem Wind nähernden Fremden. Die CALCUTTA hatte Wochen zuvor vor der Insel St. Helena einen Konvoi übernommen und war mit ihren Schutzbefohlenen - dem Ostindienfahrer INDUS, drei Walfängern und zwei weiteren Handelsschiffen - am 3. August 1805 mit Ziel England aufgebrochen.
Am 14. September war das Londoner Handelschiff BROTHERS, das den Kontakt zu seinem Geleitzug verloren hatte, zu Woodriffs kleiner Flotte gestoßen und hatte um Schutz gebeten. Der Kommandant der CALCUTTA hatte das hilfesuchende Schiff aufgenommen, doch die BROTHERS leckte stark und segelte sehr langsam. Auf diese Weise hielt sie den gesamten Konvoi auf.
Doch nicht nur wegen dieses Klotzes am Bein blickte der 48-jährige englische Kapitän nun sorgenvoll durch das Fernglas auf die Segel der gesichteten Schiffe. Nur ein leichte Brise wehte aus westlicher Richtung, doch die Fremden, offensichtlich vom Wind mehr begünstigt, kamen rasch auf.
Mit dem Einbruch der Nacht manövrierte Woodriff die CALCUTTA zwischen seinen Konvoi und die unbekannte Flotte, denn noch immer konnte niemand sagen, ob es sich um Feinde oder Freunde handelte. Am nächsten Morgen wurde zumindest deutlich, das die Fremden den Konvoi verfolgten, der Abstand wurde immer geringer.
Gegen 11:00 ließ Woodriff das englische Erkennungssignal setzen, doch bis zum Mittag hatten die unbekannten Schiffe noch immer nicht geantwortet. Dies war ein klares Indiz für die Feindseligkeit der nahenden Armada.
1805 war es noch nicht außergewöhnlich, einem größeren französischen oder spanischen Geschwader auf den Weltmeeren zu begegnen, denn die englische Blockade der Feindhäfen war nicht lückenlos und die für Napoleons Marine so verheerende große Schlacht von Trafalgar sollte erst rund einen Monat später geschlagen werden. Woodriff mußte also davon ausgehen, es hier mit französischen oder spanischen Blockadebrechern zu tun zu haben.
Der englische Kapitän erkannte, das die lahmende BROTHERS den gesamten Konvoi in Gefahr brachte, wenn er versuchen würde, seine Schützlinge beisammen zu halten. Aus diesem Grunde übergab er der INDUS die Führung des Konvois, wies sie an, alle Segel zu setzen und den optimalen Fluchtkurs zu steuern.
Dann ließ sich Woodriff mit der CALCUTTA zurückfallen und riet dem Kapitän des zurückgebliebenen Londoner Handelsschiffes, sein Glück durch einen Kurswechsel zu versuchen. Im Stillen mochte er auch hoffen, einem möglichen französischen oder spanischen Gegner damit ein leichteres Ziel zu bieten als die zähe Verfolgung seines nun schnell davonstrebenden Konvois. Die BROTHERS bog jedenfalls sozusagen links ab, Richtung Norden und blieb damit auf der Flucht vor den Fremden, entfernte sich aber auch vom Geleitzug.
Die CALCUTTA selbst nahm Kurs auf den am weitesten vorgepreschten Verfolger, um dieses Schiff abzufangen. Und schon bald wurde es für Woodriff zur Gewissheit : Bei diesem Schiff handelte es sich tatsächlich um eine französische Fregatte.


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Dieses 40-Kanonen-Schiff, die ARMIDE, bildete die Spitze des Geschwaders von Konteradmiral Zacharie Allemand. Dieses war nach seinem Ausbruch aus Rochefort in den letzten Wochen der Schrecken der englischen Handelsschifffahrt gewesen und war von englischen Geschwadern vergeblich gesucht und erfolglos gejagt worden. Gleich fünf Linienschiffe, drei Fregatten, zwei Korvetten und einige kleinere Schiffe, an der Spitze Allemands Flaggschiff MAJESTEUX (120 - Etienne Joseph Willaumez) mit 120 Kanonen, kamen nun auf Woodriffs Schiff zu.
Die CALCUTTA, ein ehemaliger flachgedeckter Ostindienfahrer und späterer Truppentransporter, war erst wenige Monate zuvor artilleristisch aufgerüstet worden. Als bewaffnetes Transportschiff hatte sie zuvor lediglich 24 Geschütze getragen, nun verfügte sie im unteren Artilleriedeck über 28 lange Achtzehnpfünder-Kanonen, darüber hinaus über 26 Zweiunddreißigpfünder-Karronaden. Hinzu kamen zwei lange Neunpfünder-Kanonen als Jagdgeschütze an Deck. Diese Bewaffnung entsprach der Bestückung einer großen Fregatte.
So imponierend sich dieses Waffenarsenal auch anhört, gegen auch nur eines der heranrückenden 74-Kanonen-Linienschiffe MAGNANIME (74 - Pierre Francois Violette), JEMMAPPES (74 - Jean Nicolas Petit), SUFFREN (74 - Amable Gilles Troude) oder LION (74 - Eleonore Jean Nicolas Soleil) geschweige denn gegen die MAJESTEUX wäre ein längerer Kampf für den Briten völlig aussichtslos gewesen. Sogar nur eine Fregatte des Geschwaders - sei es die ARMIDE, die GLOIRE oder die THETIS - war der CALCUTTA an Feuerkraft ebenbürtig.
Mit einer Fregatte sollte es der Ex-Ostindienfahrer auch zuerst zu tun bekommen. Die ARMIDE (40) hatte sich nämlich bereits die schneckengleiche BROTHERS ausgeguckt, doch die CALCUTTA verlegte der französischen Fregatte zunächst den Weg. Das schnelle französische Schiff brach daraufhin den Angriffsversuch ab und machte sich an die Verfolgung des Konvois. Daher mußte der englische Kapitän den Schutz des Londoner Handelsschiffes aufgeben und verfolgte nun wiederum die ARMIDE.
Sofort nützte eines der kleineren französischen Schiffe die Gelegenheit. Die französische Korvette SYLPHE (20) setzte sich auf die Fährte der langsam in der See dümpelnden BROTHERS, deren Schicksal kurz darauf besiegelt war: Sie bereicherte die französische Liste der von Allemand erbeuteten Prisen.
Gegen 15:00 entbrannte zwischen der CALCUTTA und der ARMIDE ein Jagdgefecht : Die Fregatte versuchte den nach Ost / Nordost davonstrebenden Konvoi zu erreichen und feuerte aus ihren Heckgeschützen auf das sie verfolgende englische Kriegsschiff. Die CALCUTTA wiederum versuchte mit den Kugeln aus ihren Buggeschützen, die Absichten der ARMIDE zu vereiteln. Schließlich erntete sie damit tatsächlich einen Erfolg, denn die ARMIDE fiel zurück, offensichtlich durch den Beschuss der CALCUTTA in ihrer Takelage beschädigt. Es war jedoch ein Erfolg auf eigene Kosten: Konsequenterweise kürzte die Fregatte nun nämlich die Segel und suchte das Gefecht mit dem Engländer. Offensichtlich betrachtete ihr Kapitän den fliehenden englischen Konvoi nunmehr als unerreichbar und strebte jetzt danach, die CALCUTTA aufzuhalten.
Auf größere Distanz brachte die Fregatte ihre Breitseite zur Geltung und verlegte ihrerseits dem englischen Kriegsschiff den Weg, während sich hinter der CALCUTTA die ausgeschwärmten Schlachtschiffe Allemands näherten.
Hatte sich Woodriff zuvor noch als Jäger der ARMIDE betrachten können, so war er nun selbst zum Gejagten geworden. Das Netz, dass das französische Geschwader um das englischen Kriegsschiff ausgeworfen hatte, wurde immer enger. Um die Franzosen wenigstens vom Konvoi wegzuziehen, steuerte der Engländer zunehmend südöstlicher, während die Breitseiten der CALCUTTA die freilich ziemlich weit entfernte Fregatte unter Feuer nahm und die Kugeln der ARMIDE um den ehemaligen Ostindienfahrer herum einschlugen.


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Ein längeres Parallelgefecht mit der gleichwertigen Fregatte konnte sich der Engländer wegen der anderen aufkommenden Gegner aber nicht leisten. Der englische Kapitän suchte sein Heil lieber in einem überraschenden Ausbruchsversuch.
Am nächsten stand der CALCUTTA das Linienschiff MAGNANIME (74), das bereits aus seinen Bug-Geschützen das Feuer auf das englische Schiff eröffnet hatte. Woodriff hoffte, durch eine Blitz-Attacke die Takelage des feindlichen Linienschiffs so weit beschädigen zu können, das er durch dieses Loch des französischen Netzes schlüpfen und entkommen konnte. Anschließend noch die französische Fregatte THETIS (40), die der MAGNANIME folgte, abzuschütteln, wäre im Erfolgsfalle des Plans vermutlich das kleinere Problem gewesen.
Es war 17:00, als sich die CALCUTTA in einer plötzlichen Wende und unter vollen Segeln auf die MAGNANIME stürzte und ein heftiges Gefecht auf Pistolenschußweite entbrannte. Woodriff vertraute auf die für den Beschuss von Takelagen bestimmten Spezialgeschosse, die die Segel und das laufende Gut zerfetzen und so ein lahm geschossenes französisches Linienschiff zurücklassen sollten. Doch Kapitän Violette auf dem französischen Schlachtschiff war auf den Überfall vorbereitet. Die mächtigen Zweiunddreißigpfünder-Kanonen und alle anderen Geschütze des Linienschiffes konzentrierten ihr Feuer ebenfalls auf die Takelage des frechen Angreifers. Binnen weniger Minuten hingen Segel und Taue der CALCUTTA in Fetzen herab, das Schiff verlor fast den gesamten Vortrieb und ließ sich nicht einmal mehr steuern.
Um sein Schiff und dessen Crew nicht dem Beschuss des gesamten aufkommenden Feindgeschwaders auszusetzen, entschloss sich Kapitän Woodriff, den aussichtslosen Kampf einzustellen und holte die englische Flagge nieder. Diese Entscheidung - nicht selbstverständlich für so manchen Kommandanten dieser Zeit - und die Konzentration der französischen Artillerie auf die Segel begrenzten die Verluste der CALCUTTA auf sechs Tote und sechs Verwundete.
Wieviele der 331 gesund gebliebenen Crewmitglieder dem mutigen Woodriff Leben und Gesundheit verdankten, darüber kann man nur spekulieren. Verlustquoten über 40% waren bei ehrgeizigeren ( oder: rücksichtsloseren ?) Kommandanten wie z.B. Thompson von der LEANDER (50), Willoughby von der NEREIDE (38) oder auf französischer Seite Bergeret von der PSYCHE (32), die in ähnlich aussichtslosen Situationen auf Kosten ihrer Besatzungen weitergekämpft hatten, nicht ungewöhnlich.
Für die Franzosen stellte die CALCUTTA eine der ganz wenigen Eroberungen eines großen englischen Kriegsschiffes während des gesamten Krieges von 1793 bis 1815 dar. Die Briten erwähnten den Verlust des ehemaligen Ostindienfahrers seinerzeit kaum in der Presse, obwohl man doch nicht jedes Jahr ein Schlachtschiff an die Franzosen verlor. War die Wegnahme entgegen dem Geschmack der Zeit nicht blutig oder dramatisch genug gewesen ? Oder schämten sich die englischen Presseleute ? Wohl kaum, doch angesichts der Schlachten Calders vor Kap Finisterre im Juli, Villeneuves Flucht nach Cadiz im August und Nelsons großem Sieg im Oktober mag der Vorfall wohl in der Lawine der Erreignisse untergegangen sein. Und tatsächlich war der militärische Kampfwert von Woodriffs Schiff auch keinesfalls höher als der einer Fregatte. Auf der anderen Seite war das 900-Tonnen-Schiff ein mindestens so guter Fang wie eine große Fregatte und ein ebensolcher Verlust vice versa.
Auch Allemands weitere Erfolge verblassten vor dem Sieg Nelsons bei Trafalgar am 21. Oktober 1805. Und doch: Nach einem der immerhin erfolgreichsten Raubzüge eines französischen Geschwaders in der Geschichte der Koalitionskriege kehrte Allemands kleine Flotte am 23. Dezember 1805 mit seiner Beute nach Rochefort zurück: Keine englische Kampfgruppe hatte das Phantom-Geschwader während der 160 Tage auf See auch nur zu Gesicht bekommen. Letzteres dürfte die englische Admiralität besonders geärgert haben.
Kapitän Woodriff, seine Crew und rund 900 Männer von den erbeuteten Handelsschiffen gerieten in Kriegsgefangenschaft. Woodriff wurde im Juni 1807 ausgetauscht, kehrte nach England zurück und wurde von einem Kriegsgericht, obligatorisch einberufen wegen des Verlustes der CALCUTTA, ehrenvoll freigesprochen.
Sein ehemaliges Schiff leistete Jahre lang in der französischen Flotte unter Vizeadmiral Allemand gute Dienste. Doch der Glücksstern von Allemands Flotte und damit auch der der CALCUTTA sollte schließlich sinken. Am 12. April 1809 jagte der berühmte Branderangriff Gambiers und Thomas Cochranes die französischen Linienschiffe inklusive des ehemaligen englischen Kriegsschiffes vor der Ile d´Aix auf die Untiefen. Neben vier anderen Schlachtschiffen wurde auch die CALCUTTA von den Briten verbrannt. Die Vernichtung der CALCUTTA war möglicherweise ein tragischer Irrtum, denn natürlich hätten die englischen Oberbefehlshaber das ehemalige englische Schiff gern zurück nach England gebracht. Es war ein kleiner Fähnrich, der wahrscheinlich voreilig das von den Franzosen gänzlich verlassene und hilflos auf Sand festsitzende Schiff den Flammen überlieferte.

 

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