Seeschlacht.tk - Die Seekriege, Seeschlachten und Duelle auf See von 1775 bis 1815
Chronologie der europäischen Seekriege 1793 bis 1815, Band 1, bis 1802
Chronologie der europäischen Seekriege 1793 - 1815
Band 1 : Von 1793 bis zum Frieden von Amiens 1802

von Thomas Siebe
Sprache: Deutsch Broschiert - 224 Seiten - BoD
ISBN 978-3-8423-2883-9 Erschienen: September 2010
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Half-Mad Lord

von Nicolai Tolstoy
Sprache: Englisch
Gebunden - 239 Seiten - Henry Holt & Company Inc. - 1979
Die Geschichte von Thomas Pitt, Lord Camelford

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1798 : Der Mord des Lord Camelford

 

On 13 January 1798 HMS Perdrix, 22 and Favourite, 16, were under repair in the dockyard at English Harbour, Antigua. Capt. William Fahie of the Perdrix was absent from the ship on leave and Lieut. Charles Peterson was acting commander. Lord Camelford, Captain of Favourite, the senior officer, issued orders for the crew of Perdrix to row guard during the night, which orders Lieut. Peterson refused to obey and ordered his men to come ashore with arms. Lord Camelford ordered a party of marines to be landed and, with a pistol taken from Act. Lieut. Clement Milward in his hand, again asked Lieut. Peterson if he still refused to obey. When he replied that he did Lord Camelford shot him dead. The following day Lord Camelford surrendered to Capt. Mitford of HMS Matilda and at a subsequent Court Martial was honourably acquitted of murder. The court was unanimous in the opinion that he had been forced to take strong measures against mutiny.
Übersetzung

Am 13. Januar 1798 lagen die HMS PERDRIX (22) und die FAVOURITE (16) in der Werft von English Harbour, Antigua, zur Reparatur. Kapitän William Fahie von der PERDRIX war beurlaubt abwesend vom Schiff und Leutnant Charles Peterson war stellvertretender Kommandant. Lord Camelford, Kapitän der FAVOURITE, der höchste Offizier, gab Befehl für die Crew der PERDRIX, während der Nacht Wache zu rudern. Diesem Befehl verweigerte Leutnant Peterson den Gehorsam und befahl seinen Männern, mit Waffen an Land zu kommen. Lord Camelford befahl eine Gruppe Marinesoldaten an Land und fragte, bewaffnet mit einer Pistole, die er vom stellvertetenden Leutnant Clement Milward geliehen hatte, Leutnant Peterson erneut, ob er sich noch immer weigerte, zu gehorchen. Als dieser entgegnete, das dem so wäre, erschoss Lord Camelford ihn. Am nächsten Tag lieferte sich Lord Camelford Kapitän Mitford von der HMS MATILDA aus und wurde in einer nachfolgenden Kriegsgerichtsverhandlung ehrenvoll vom Vorwurf des Mordes freigesprochen. Das Gericht war einhellig der Meinung, das er gezwungen war, harte Maßnahmen gegen Meuterei zu ergreifen.

Aus: THE NAVAL CHRONICLE

(Aus dem Englischen übersetzt von Pellewserbe )

Die oben geschilderte Version des Vorfalls war die erste Schilderung dieser Tat, die in England einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde. Die Geschichte ereignete sich zu einer Zeit, in der England mit Frankreich, Holland und Spanien im Krieg lag und gerade eine Welle von Meutereien innerhalb der Flotte hinter sich hatte. Die Karibik war ein hart umkämpftes Territorium, das für den englischen Handel existentielle Bedeutung hatte, Antigua wiederum war eine Insel in extrem exponierter Lage. Aus diesen Gründen wirkte die Tat von Lord Camelfords auf den damaligen Leser vermutlich nicht so brutal wie sie dem heutigen Leser trotz aller genannten Umstände erscheint. Das Opfer der Tat, Leutnant Charles Peterson, erscheint in diesem Bericht als Anführer einer Meuterei. Seine Motive der angeblichen Befehlsverweigerung werden nicht genannt. Das veröffentlichte Urteil des Kriegsgerichts deutet diesbezüglich nur wenig mehr an:

 
Folgendes ist der Spruch eines Kriegsgerichts, zusammengekommen und abgehalten an Bord von HMS INVINCIBLE, in der Bucht von Fort Royal, Martinique, am 20. Januar 1798 (Samstag), jeden Tag fortgesetzt [Sonntage ausgenommen] bis zum 25. (Januar)
Vorsitzender : William Cayley, Esquire, Kapitän von HMS INVICIBLE und dienstältester Kapitän der Schiffe und Boote Seiner Majestät in der Bucht von Fort Royal, Martinique.
Kapitäne: Jemmet Mainwaring, Richard Brown, Charles Ekins und Alexander S. Burrowes.
Das Gericht [ordnunggemäß eingeschworen nach dem Parlaments-Beschluss] verhandelte auf Anordnung von Henry Harvey, Esquire, Konteradmiral der Roten Flagge, und Oberkommandierender aller eingesetzten und noch einzusetzenden Schiffe und Boote Ihrer Majestät vor Barbados und den Leeward Inseln und angrenzender Seegebiete den Fall von Right Honourable Lord Camelford, stellvertretender Commander von HMS FAVORITE, wegen des Todes von Leutnant Charles Peterson von HMS PERDRIX, am Abend des 13. Januar, auf der Werft von Antigua. Und nachdem alle bei dieser Gelegenheit vorgetragenen Beweise gehört wurden, und was der Gefangene zu seiner Verteidigung zu sagen hatte, und nachdem man dieselbe reiflich und wohlüberlegt erwogen hat, und im vollen Bewußtsein der Notwendigkeit sofortiger Maßnahmen im Falle von Meutereien, ist es (Das Gericht) einhellig der Meinung, dass das besonders außerordentliche und manifeste Ungehorsam von Leutnant Peterson, sowohl vor seinem als auch zum Zeitpunkt seines Todes, gegenüber den berechtigten Befehlen von Lord Camelford, dem höchstrangigen Offizier in English Harbour zu diesem Zeitpunkt, und die von Leutnant Peterson getroffenen gewalttätigen Maßnahmen, um denselben (Befehlen) zu widerstehen, indem er die Männer der PERDRIX bewaffnete, meuterische Handlungen waren, die die Disziplin des Dienstes Seiner Majestät auf das Höchste verletzten. Das Gericht urteilt deswegen einstimmig, das Right Honourable Lord Camelford ehrenvoll frei zu sprechen ist und er ist folglich offiziell einstimmig und ehrenvoll freigesprochen. Wm. Cayley, Jem. Mainwaring, C. Ekins, Rich. Brown, A.S. Burrowes, J.H. Briggs, Anwalt für diesen Fall.

Aus: The European magazine, and London review, Band 33 /1798, S.279 ff.

(Aus dem Englischen übersetzt von Pellewserbe )

Das Urteil betont, dass Camelford das Recht hatte, die Befehle zu geben, weil er zu diesem Zeitpunkt der höchstrangige Offizier vor Ort war. Das Verdikt bezeichnet Camelford als ranghöheren Commander im Gegensatz zum Leutnant Peterson. Der Akt, der laut dem Urteil Camelford zu dem Todesschuss berechtigte, war aber weniger die Befehlsverweigerung, sondern vielmehr Petersons vermeintlicher Befehl an seine Männer, sich zu bewaffnen und damit seine Befehlsverweigerung zu unterstützen. Dieser bewaffnete Widerstand brachte die fünf Kapitäne * offensichtlich dazu, die Handlungsweise Petersons als Meuterei zu betrachten und Camelfords Gewaltakt abzusegnen.
Warum aber verweigerte Peterson den Befehl ? Im Urteil werden seine Motive nicht genannt, doch kann man davon ausgehen, dass die urteilenden Kapitäne eine Vorstellung davon hatten. Denn Camelford und Peterson hatten ihre gemeinsame Vorgeschichte:
Peterson war 1795 zum Leutnant befördert worden und damit ältester Leutnant an Bord der FAVORITE. Camelford, der am 7. April 1797 zum Leutnant befördert worden war, wurde im September 1797 durch einen Befehl Admiral Henry Harveys Kommandant der Sloop FAVORITE. Er wurde vom Admiral allerdings nicht zum Commander befördert - dies wäre sicherlich in allen Quellen betont worden - sondern wurde nur als "acting commander", also stellvertretender Commander oder Commander auf Probe, bezeichnet. Camelford, gerade einige Monat Leutnant, wurde damit auch Befehlshaber des dienstälteren und damit eigentlich ranghöheren Leutnants Peterson. Peterson wurde bald darauf jedoch auf die PERDRIX abkommandiert, ob auf eigenen Wunsch oder um das Mißverhältnis zwischen den verschiedenen Dienstaltern zu beenden, ist mir nicht bekannt. Höchstwahrscheinlich ist es zuvor zu Konflikten zwischen den beiden Offizieren gekommen und das Kriegsgericht hat Petersons Motive zur Befehlsverweigerung daraus abgeleitet. Wenigsten damit dürften die Kapitäne auch nicht so falsch gelegen haben.
Die gemeinsame Zeit der beiden Offiziere an Bord ist wahrscheinlich wirklich der Schlüssel zu den Ursachen des Konflikts, der sich am Abend des 13. Januar 1798 auf der Werft von Antigua entwickelte und der in dem Todesschuss endete. Aber war Peterson wirklich dabei, eine Meuterei anzuzetteln ? Was war an diesem Abend wirklich geschehen ? Folgende Darstellung findet sich - neben von niemand bestrittenen Fakten des Vorfalls - in den Aussagen von Leutnant Clement Milward, der im Hafen stationiert war, und Leutnant Jonas P. Parsons von der FAVORITE :

Abonnement des National Geographic

Die PERDRIX (22 - William Fahie) und die FAVORITE (16 - Thomas Lord Camelford) lagen zu beiden Seiten der Werft. Kapitän zur See William Fahie weilte auf Urlaub auf der Karibikinsel St. Kitts und Leutnant Charles Peterson war sein Vertreter. Weil keine anderen höheren Offiziere im Hafen anwesend waren, hatte entweder Peterson oder Camelford das Kommando in English Harbor. Am Abend des 13. Januar 1798 begann nun das Drama:
Peterson, der sich offensichtlich als Hafenchef sah, schickte einen Befehl an Camelford, dass dieser seine Leute zum "Wache rudern" einteilen und in den Hafen schicken sollte.
Camelford reagierte darauf, indem er seinerseits einen gleichlautenden Befehl an Peterson schickte.
Peterson lehnte die Befehlsgewalt Camelfords ab.
Camelford ließ daraufhin (acting) Leutnant Milward durch Leutnant Parsons befehlen, mit den Marinesoldaten der Hafenwache zur PERDRIX zu marschieren, um Peterson festzusetzen. Die Soldaten wurden vor dem Schiff von Männern der PERDRIX aufgehalten, Milward begab sich allein zu Peterson, musste diesen aber unverrichteter Dinge wieder verlassen. Peterson begab sich vor sein Schiff, umringt von einigen Männern der PERDRIX, die er mit dem Ausruf "PERDRIX" gerufen hatte. Auch Camelford , von Milward informiert, begab sich nun an Land, führte sechs Marinesoldaten zur PERDRIX und befahl Peterson persönlich, dass die Männer der PERDRIX im Hafen "Wache rudern" sollten.
Peterson wies den Befehl zurück und begründete dies mit der Behauptung, dass er als Leutnant dienstälter sei als Camelford.
Camelford erinnerte Peterson daran, dass dieser noch jüngst unter seinem Kommando gestanden hatte.
Peterson entgegnete, Camelford habe das Kommando an Bord der FAVORITE, aber nicht im Hafen und schon gar nicht über sein Schiff, die PERDRIX.
Camelford verwies auf seinen vermeintlichen Rang als Commander, Peterson verwies darauf, das Camelford nur "acting commander" sei, während er als der Vertreter eines Kapitäns zur See agiere.
Die beiden Männer fanden immer härtere Worte, während sich zu beiden Seiten immer mehr Männer von den beiden Schiffen einfanden.
Camelford drohte bei fortgesetzter Befehlsverweigerung mit Gewalt, Peterson ließ daraufhin zehn seiner Leute, die mit Entermessern (Von Schusswaffen ist hier keine Rede !) bewaffnet waren, vor der PERDRIX in einer Linie antreten. Wer die Männer mit Entermessern bewaffnete, wurde nie geklärt.
Camelford ließ seine sechs Marinesoldaten mit Musketen bewaffnet antreten, so dass sich die beiden Gruppen auf wenige Meter Distanz gegenüberstanden. Peterson stand vor seinen Leuten und hatte ein Entermesser blank gezogen, das er jedoch nicht erhoben hatte, die Spitze berührte den Boden. Camelford verließ für zwei Minuten den Schauplatz der Auseinandersetzung. Er lieh sich eine Pistole bei (acting) Leutnant Clement Milward, welche dieser erst aus einem Hafengebäude holen musste, und kehrte dann zurück an den Schauplatz des Konflikts. Dann trat Camelford Peterson gegenüber und fragte diesen, ob er weiter darauf beharre, die Befehle zu verweigern. Peterson antwortet : "Ja, Mylord, ich beharre darauf !"

War das nun Meuterei ? Drohte Peterson eine Meuterei anzuführen ? Drohten die Männer der PERDRIX zu meutern, sollte sich Camelford nicht durchsetzen ? Dafür gibt es auch nicht das kleinste Anzeichen.
Und hatte nicht Camelford zuerst seine Leute bewaffnen lassen ? Hatte nicht Camelford zuerst mit Gewalt gedroht und zwar offensiv, während Petersons Aufstellung eher einen defensiven Eindruck macht ? Hatten nicht Camelfords Männer Schusswaffen ? Warum wurde dies vom Tribunal nicht als drohende Meuterei betrachtet ?
Und was wäre geschehen, wenn sich Camelford nun zurückgezogen hätte, um sich später bei einem höheren Offizier zu beschweren ? Oder was hätte Camelford daran gehindert, Peterson mit der Feuerwaffe im Anschlag unter Arrest zu stellen ? Doch der Lord dachte gar nicht an irgendeine andere Lösung:

Camelford hielt Peterson nach dessen Antwort ohne Zögern die Pistole an die Brust und drückte ab. Der Leutnant brach zusammen und war offenbar sofort tot.

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Die Scharfschützen-Sharpe-Cannonball limited Edition inkl. Das letzte Gefecht (17 DVDs)

Regisseur Tom Clegg
Darsteller: Sean Bean, Daragh O'Malley, Toby Stephens
Format: Dolby, Limited Collector's Edition, Box-Set, 4:3
Sprache: Deutsch und Englisch
FSK: Freigegeben ab 16 Jahren
DVD-Erscheinungstermin: 13. November 2008
Spieldauer: 1688 Minuten

Verpackung: Nachbildung einer Kanonenkugel

Der Bericht der NAVAL CHRONICLE und selbst das Kriegsgerichtsurteil sind u.a. wegen der Auslassung des Disputs über die Kommandogewalt verfälschende Wiedergaben des Geschehens. Für die fünf Richter war offenbar sonnenklar, wer das Kommando im Hafen hatte ! Das Urteil hat darauf aufbauend eine einseitige Sicht, die u.a. nicht berücksichtigt, dass es Camelford war, der zuerst seine Leute bewaffnet zur PERDRIX schickte. Dazu findet das Urteil nur einen einzigen Satz zu der Frage, ob der Schuss verhältnismäßig war. Und es entspricht dieser Satz bezüglich der "sofortigen Maßnahmen" nicht dem bis dahin gängigen Verhalten in Fällen von Streitigkeiten über die Befehlsgewalt. Im Verlaufe des Krieges kam es in der Royal Navy auf Leutnantsebene bis hin zur höchsten Ebene (Siehe Konteradmiral Thomas Troubridge versus Konteradmiral Edward Pellew) mehrfach zu Disputen über die Kommandogewalt und dies sogar in Kampfeinsätzen. Es kam zwar auch zu Konflikten bis hin zu Duellforderungen, aber niemand hat in diesen Fällen von Meuterei gesprochen.
Dazu gibt es Autoren, die bezweifeln, dass Camelford wirklich der Ranghöhere der beiden Kontrahenten war. Gegenüber dem "acting commander" Camelford hätte Peterson völlig richtig darauf verwiesen, dass er in Abwesenheit Kapitän Fahies als "acting captain" fungiere. In keinem Fall habe Camelford Befehlsgewalt über die Crew der PERDRIX haben können, während die passive Befehlsverweigerung eines "acting captain" sogar gegenüber einem anderen Kapitän keinesfalls Meuterei sein könne, sondern bestenfalls Insubordination, die lediglich zur Aberkennung des Kommandos bis hin zum Ausschluss aus der Navy führen könne.
Es ist aber durchaus denkbar, dass der Befehl Admiral Harveys Camelford tatsächlich die Kommandoautorität über einen Leutnant gab, mochte dieser einen Kapitän zur See vertreten oder nicht. Mußte Camelford aber deswegen töten ? Natürlich nicht, denn entgegen dem Kriegsgerichtsurteil wurde er gar nicht bedroht, gab es keinen aktiven Aufruhr, drohte kein Verlust der Disziplin der Crews. Das Urteil ist im Kern - und das schreiben die Richter andeutungsweise sogar selbst - der Panik vor Unruhen im Anschluss an die Meutereien der Nordseeflotte Anfang und Mitte 1797 geschuldet. Dazu kam, das es einige Wochen vor dem Vorfall auf Antigua auf der INVINCIBLE (74 - William Cayley) zu Tumulten unter der Crew gekommen war, die gebrüllt hatte: "Keine Ketten mehr, keine Prügel mehr". Wir können daraus auch auf den Kommandostil Kapitän Cayleys, des Vorsitzenden des Verfahrens gegen Camelford, schließen. Dass die Herkunft Camelfords, der immerhin mit Premierminister Pitt verwandt war, ebenfalls eine Rolle gespielt hat, ist ebenso offensichtlich. Die Kapitäne, die den Freispruch verkündeten, konnten vielleicht ihr Gewissen darüber beruhigen, dass Peterson ebenso starrsinnig gewesen war wie Camelford, aber sie haben mit ihrem Spruch im günstigsten Fall eine Konzessionsentscheidung zugunsten des einflussreichen Überlebenden dieses Konfliktes getroffen. Im schlechtesten Fall haben sie einen Mörder gedeckt, sei es aus politischen oder sogar aus privaten Gründen.
Es ist schließlich aus diesem Geschehen offensichtlich, das hier zwischen den beiden Leutnants Rechnungen offen waren, zweifellos aus ihrer kurzen gemeinsamen Zeit an Bord der FAVORITE. Kapitän Henry Mitford von der MATILDA sagte z.B. gegenüber Admiral Harvey, es habe "a good deal of bad blood... between the two parties" gegeben. An Peterson nagte möglicherweise, dass man ihm auf der FAVORITE einen Leutnant mit einen Dienstalter von wenigen Monaten als Kommandanten vor die Nase gesetzt hatte. Warum sonst hätte er Camelford den provozierenden Befehl schicken und dann derart auf seiner Haltung beharren sollen ? Ein Lösungsversuch mit einem moderaten Wort seinerseits ist nicht überliefert. Doch Peterson fühlte sich auf der Insel sicher, war selbst auf der Insel Nevis geboren und hatte einflussreiche Verwandtschaft auf Antigua. Er kannte aber offensichtlich Camelford nicht gut genug, sonst hätte er versucht, einzulenken.
Camelfords Richter sahen sich womöglich vom Standpunkt der Disziplin nicht in der Lage, den Todesschützen zu verurteilen, haben aber bei ihrem Urteil geflissentlich übersehen, das Camelford Verteidigung, er habe strenge Maßnahmen zur Erhaltung der Disziplin ergreifen müssen, aus dessen Mund recht seltsam klingen musste. Jedermann in der Royal Navy dürfte damals über einen Vorfall (s.u.) gehört haben, an dem der Lord beteiligt gewesen ist. Und diese nur rund ein Jahr zurückliegende Geschichte zeigte einen Lord Camelford, der gerade wegen einer angeblich zu harten Disziplinierung seiner Person einen Mann mit seinem Hass verfolgte und dabei sogar gewalttätig wurde.

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Ein Blick in die Vorgeschichte des Mannes mit der Pistole wird mehr als nur nahelegen, dass es Camelford bei seinem Todesschuss nicht um die Abwehr einer Gefahr für Hafen, Schiff und auch nicht um die Disziplin in der Flotte ging. Er tötete m.E. aus rein persönlichen Motiven, möglicherweise, weil er Peterson hasste, möglicherweise auch nur, weil dieser sich erdreistet hatte, ihm einen Befehl zu erteilen. Die Lebensgeschichte des Lords wird zeigen, wie gewalttätig er auf Zumutungen reagieren konnte.
Ob es Petersons provozierender Befehl war oder dessen Attitüde während der gemeinsamen Zeit auf der FAVORITE oder einfach, weil der dienstältere Leutnant Camelford nicht die Achtung entgegenbrachte, auf die dieser seiner Meinung nach ein Anrecht hatte - auf keinen Fall ging es Camelford um die Niederschlagung einer nicht vorhandenen Meuterei. Um diese Behauptungen zu verstehen, muß man das Leben Camelfords unter die Lupe nehmen:

Thomas Pitt, Right Honourable Lord Camelford, wurde am 19. Februar 1775 in Boconnoc, Cornwall, als Sohn von Thomas Pitt, dem 1. Lord Camelford und dessen Gattin Anne Wilkinson geboren. Der Junge verbrachte seine ersten Lebensjahre in der Schweiz, besuchte dann eine Internatsschulle in England und taucht bereits 1781 zum ersten Mal in der Mannschaftsliste der HMS TOBAGO auf. Dass er in diesen Jahren tatsächlich zur See gefahren ist, ist eher unwahrscheinlich. Doch für den Beginn einer Karriere als Fähnrich in der Royal Navy brauchte man einen Nachweis über eine zwei Jahre andauernde Seefahrtpraxis.
1789 taucht der Name Camelfords im Zusammenhang mit der berühmten "Höllenfahrt" der HMS GUARDIAN unter Kapitän Riou auf. Camelford gehörte zu der Minderheit, die zusammen mit dem Kapitän an Bord des vermeintlich sinkenden Schiffes blieben und das Wrack nach mehreren Wochen des Bangens und Leidens in den Hafen am Kap brachten.

Die Höllenfahrt der GUARDIAN schildert Lord Thomas alias Thomas Siebe in der Erzählung Der getauschte Tod. Die Novelle ist auch in dem Kurzgeschichtenband Der getauschte Tod und andere Katastrophen aus der Age of Sail enthalten. Nach Motiven dieses Abenteuers hat auch Patrick O'Brian 1978 seinen Roman Desolation Island, Deutsch: Sturm in der Antarktis, geschrieben.

Diese Erfahrung veranlasste den jungen Thomas Pitt, sich 1791 als einfacher Seemann für die Expedition von George Vancouver an Bord der DISCOVERY zu melden. Dabei war das Abenteuer mit der GUARDIAN eine Empfehlung für einen heiss begehrten Platz auf dieser Expedition. Doch der junge Adelige benahm sich nicht wie ein Lord : Trotz eines erlassenen Verbotes, sexuelle Beziehungen mit eingeborenen Frauen einzugehen, verstieß er dagegen sowohl auf Tahiti wie auch in Port Stewart (Kanada). Dabei erkaufte er sich die Liebesdienste der verführerischen Eingeborenenfrauen mit Schiffseigentum. Beide Male und ein drittes Mal, als er ein Fernglas zerbrach, verhängte Vancouver über ihn die Prügelstrafe. Als Camelford dann auf Wache einschlief, wurde er ein viertes Mal über die Kanone gezogen. Der Entdecker konnte nicht ahnen, dass er bei dieser letzen Strafe einem Mitglied des englischen Oberhauses den Hintern versohlen ließ, denn während der Expedition war Pitts Vater gestorben und der junge Thomas wurde der 2. Lord Camelford.
Für den jungen Lord war gerade die letzte Bestrafung später unerträglich, für Vancouver der Junge, der sich schlimmer als der ordinärste Seemann benahm, eine Belastung. 1793 schickte er Camelford mit der DAEDALUS auf die Reise zurück nach England, einen nachteiligen Bericht über dessen Betragen im Gepäck. Der junge Lord verließ jedoch auf Hawaii das Schiff und suchte sich seinen eigenen Weg nach Hause, wofür er beinahe drei Jahre brauchte. Besonders lang war sein Weg durch Europa, wo er als Lebemann vergnügungssüchtig von Stadt zu Stadt zog. Dabei soll er auch mehrere Duelle ausgefochten haben. In England kam Lord Camelford nach Vancouver an und forderte diesen 1796 schriftlich zum Duell, weil der Entdecker ihn mit seinen Strafmaßnahmen beleidigt hätte. Vancouver hätte Disziplin mit brutalen und ungerechten Bestafungen erzwungen.
Vancouver wich dem Duell mit der nachvollziehbaren Begründung aus, dass seine Strafmaßnahmen gerechtfertigt und deswegen keine Beleidigung gewesen waren. Würde man Camelfords Duell-Forderung nachgeben, so könnte sich bald jeder Kapitän Forderungen seiner untergeordneten Offiziere gegenüber sehen. Erst wenn ein unabhängiges Offiziersgremium die Strafen gegen Camelford als ungerechtfertigt betrachten würde, würde er sich Camelford stellen. Camelford jedoch wiederholte seine Forderungen, verfolgte Vancouver wegen der mehrere Jahre zurückliegenden Geschehnisse monatelang und lauerte schließlich dem inzwischen schwerkranken Entdecker in London auf. Er versetzte seinem Ex-Kapitän mehrere Stockhiebe und ließ eine Flut von Beleidigungen auf ihn niederprasseln - sein Hass war offensichtlich. Vancouvers Bruder konnte dazwischen gehen, doch der Einfluss Camelfords (Memorate: Premierminister Pitt war sein Cousin) und die Presse machten den todkranken Entdecker zur lächerlichen Figur. Der wegen dieser Affäre erst posthum als großer Entdecker anerkannte Vancouver starb bald darauf, der "zornige Lord Camelford" aber wurde wegen dieser Affäre eine landesweite Berühmtheit.

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Rund ein Jahr später, im Oktober 1797, kommandierte Camelford die FAVORITE und stand in der Dunkelheit vor der Küste des englisch besetzten Grenada. Weil die FAVORITE keine Positions - bzw. Erkennungslichter hatte, feuerte eine kleine Batterie in der Ortschaft Goujave einen Schuss das näherkommende Schiff. Camelford, der den Kanonenschuss als persönlichen Affront gegen sich betrachtete - immerhin wurde er auf ein Versäumnis seinerseits aufmerksam gemacht - ließ daraufhin das Feuer seiner Breitseite auf die Batterie und die Ortschaft eröffnen, anstatt die Laternen zur Übermittlung des korrekten Erkennungssignals entzünden zu lassen.

Vor dem Hintergrund dieser Affären darf man wohl behaupten, dass Lord Camelford den Leutnant Peterson nicht wegen der Sorge um die Disziplin erschoss, sondern ihn aus ähnlich persönlichen Motiven heraus ermordete, aus denen heraus er Vancouver verfolgt hatte oder das Feuer auf die Ortschaft hatte eröffnen lassen: Er fühlte sich durch Vancouvers Bestrafung, durch den Kanonenschuss und durch Petersons Befehl von und vor Menschen bloßgestellt, die er geringer als sich selbst betrachtete. Das probate Mittel, diese Bloßstellung in das Gegenteil umzukehren, war für Camelford das Duell. Besonders interessant finde ich in diesem Zusammenhang die zwei Minuten, in denen Camelford den Schauplatz des Konflikts verließ, um sich ausgerechnet eine Pistole, Camelfords bevorzugte Duellwaffe, zu besorgen. Überhaupt gleicht die ganze Szenerie des Vorfalls von Beginn an einem Duell. Petersons fordert Camelford heraus, dieser nimmt die Forderung an, Milword fungiert sozusagen als Sekundant, die Kontrahenten treffen sich Auge in Auge zwischen den Schiffen, ein Wortduell beginnt, Peterson hat blank gezogen, Camelford holt seine bevorzugte Duellwaffe und gibt seinem Gegner noch die letzte Möglichkeit, sich zu demütigen und klein beizugeben, dann drückt er ab. Alles, was zwischen den beiden vorgefallen war und was an beiden nagte, hatte Camelford damit beseitigt - genau wie bei Vancouver.
Dem Richtergremium musste die Verfolgung Vancouvers durch Camelford ebenfalls bekannt sein und ich denke, die fünf richtenden Kapitäne ahnten zumindest, dass der Lord die Gelegenheit genutzt hatte, eine persönliche Rechnung zu begleichen. Die weitere Lebensgeschichte Camelfords sollte später ihr bereitwilliges Übersehen einer Mordtat nur noch deutlicher hervortreten lassen.

Lord Camelford 1804

Nachdem Camelford Peterson erschossen hatte, stellte er sich am nächsten Morgen dem Kommandanten der BEAVER (14 - R. Matson), die gemeinsam mit der MATILDA unter Kapitän Mitford eingelaufen war. Dem Vernehmen nach war dies auch eine Art Schutzhaft, denn auf Antigua sorgte der Tod Petersons für Aufruhr (sic !) und offensichtlich war der Lord an Bord seines Schiffes in der Werft nicht mehr sicher. Camelford wurde zum Geschwader vor Martinique gebracht und dort vor Gericht gestellt. Das Urteil ist bekannt. Innerhalb der Royal Navy wurde es zwar nicht öffentlich kritisiert, doch der Mörder wurde von seinen Offizierskollegen geschnitten. Camelford, entweder nicht unempfindlich für die Verachtung oder aus anderen Gründen, gab schon bald darauf sein Kommando zurück ... und blieb ein Leutnant.

Nach England zurückgekehrt versuchte er im Januar 1799 nach Frankreich zu reisen - mit welchen Absichten, ist nicht geklärt. Einige Autoren sprechen von dem wahnwitzigen Plan einer Privatinvasion zum Zwecke der Entführung von Napoleon Bonaparte. Wegen des Kriegszustandes galt diese Reise in das Land des Feindes als Verrat und Camelford wurde arrestiert. Was für einen Gemeinen wohl den Galgen bedeutet hätte, war für Lord Camelford am Ende nur eine Episode.
Im Mai 1799 landete er erneut vor Gericht, weil er den Direktor des Drury Lane Theaters niedergeschlagen hatte. Zum ersten Mal wurde Camelford nun verurteilt und musste eine hohe Geldsumme als Wiedergutmachung bezahlen.
Im Januar 1802 griff ein Mob sein Haus an, weil er angelegentlich des Friedens mit Frankreich sein Haus nicht erleuchtet hatte, wie es ganz London tat. Camelford bewaffnete sich, ging auf die Strasse und wurde in eine schwere Prügelei vor dem Haus verwickelt. Der Lord wurde schwer verletzt, nachdem er seinerseits einige Personen verletzt hatte.

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von Carl A. Thimm
Sprache: Englisch
Taschenbuch - 610 Seiten - Naval and Military Press - Februar 2009

Am 10. März 1804 schließlich endete das Leben des "halbirren Lords", nachdem er seinen Freund Captain William Best, einen Infanterie-Offizier, zum Duell gefordert hatte. Angeblich hatte Best zu einer halbseidenen Dame, die mit Camelford liiert war, schlecht über den Lord gesprochen. Camelford hatte nur die Aussage dieser Dame, doch er bestand auf dem Duell. Am 7. März 1804 trafen sich die Duellanten. Camelford hatte den ersten Schuss, doch er verfehlte seinen Kontrahenten. Best verfehlte Camelford nicht, der Lord starb drei Tage später an der Schusswunde, die sowohl seine Wirbelsäule als auch seine Lungen verletzt hatte.

Das Leben bzw. der Lebenswandel von Thomas Pitt, Lord Camelford, dient für mich als ein weiterer Beleg, dass sein Motiv, Leutnant William Peterson zu töten, nicht dienstlicher Natur war. Camelford hatte m.E. Minuten vor dem Schuss die Tat geplant und sie aus rein persönlichen Beweggründen ausgeführt. Die Tat war ein Mord des Lord Camelford.


Quellen:

Lord Camelford, London 1799 : Minutes of the proceedings of a court-martial, assembled and held on board His Majesty's ship the Invincible, in Fort Royal Bay, Martinique, on the 20th of January, 1798
TIMES vom 11. April 1798
Henry Wilson : Wonderful Characters Comprising Memoirs and Anecdotes of the Most Remarkable Persons of Every Age and Nation, s.o.
Nicolai Tolstoy : Half-Mad Lord, s.o.
The European magazine, and London review, s.o.
NAVAL CHRONICLE, s.o.
Algernon E. Aspinall, London 1915 : west indian tales of old


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* = William Cayley Kapitän seit 1782, Charles Ekins (1768-1855) ebenfalls Kapitän seit 1796, Jemmett Mainwaring (17?? - 1801) offenbar lediglich Commander seit 1795, Alexander Saunderson Burrowes (1767 - 1806) ebenfalls nur Commander, seit 1796. Über Richard Brown konnte ich nichts finden.


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