Chronologie der europäischen Seekriege 1793 bis 1815, Band 1, bis 1802
Chronologie der europäischen Seekriege 1793 - 1815
Band 1 : Von 1793 bis zum Frieden von Amiens 1802

von Thomas Siebe
Sprache: Deutsch Broschiert - 224 Seiten - BoD
ISBN 978-3-8423-2883-9 Erschienen: September 2010
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 The 50-Gun Ship: A Complete History with Other

The 50-Gun Ship: A Complete History with Other
von Rif Winfield
Sprache: Englisch
Taschenbuch - 128 Seiten - Mercury Books London
Erscheinungsdatum: April 2006

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Linois und die MARENGO (74) gegen die CENTURION (50)

Der französische Konteradmiral Charles Linois ist auf diesen Seiten bereits als Sieger von Algeciras, aber auch als Opfer eines bösen Bluffs bekannt geworden: Linois Geschwader wurde im Februar 1804 im südchinesischen Meer von der China Fleet, einer Flotte von bewaffneten Handelsschiffen, die sich als Schlachtschiffe getarnt hatten, in die Flucht geschlagen und anschließend sogar gejagt. Einige Wochen später hätte er diese Schlappe zumindest relativieren können, als er mit seinem Geschwader in einem ostindischen Hafen englische Handelsschiffe und das 50-Kanonen-Schiff CENTURION stellte. Was dann geschah, können Sie auf dieser Seite lesen:


Die Raubritter

Die Reise in das Südchinesische Meer hatte Schiffe und Männer hart beansprucht und so ist es nicht verwunderlich, daß Linois einige Zeit auf Mauritius verweilte, bevor er zum nächsten Schlag ausholte. Nach zweieinhalb Monaten, am 20. Juni 1804, stach die MARENGO (74) erneut in See, gefolgt von den beiden Fregatten ATALANTE (44 - Camille-Charles-Alexis Beauchene) und SEMILLANTE (36 - Leonard-Bernard Motard). Ihr Ziel war zunächst die Schifffahrtsroute südlich von Madagaskar, wo der französische Konteradmiral vermutlich hoffte, noch einmal auf einige Ostindienfahrer zu stoßen.
Doch dem kreuzenden Geschwader gingen diesmal keine Fische ins Netz, nicht einmal ein Nachzügler der China Fleet konnte gesichtet werden. Dafür mußten die französischen Schiffe schlechtem Wetter Tribut zollen und einige Zeit in der schützenden Bucht von Saint Augustin vor Anker gehen.

Mit den nach Südwest hin umschlagenden Monsunwinden machte sich Linois dann auf den Weg nach Nordosten und verlegte sein Jagdgebiet vor die Küsten Ceylons. In dieses Revier brachen die MARENGO und ihre schnellen Fregatten ein wie ein Rudel Wölfe in einen Hühnerstall. Die Franzosen fügten dem englischen und portugiesischen Handel schweren Schaden zu und eroberten mehrere wertvolle Prisen. Dadurch, daß Linois indische Seeleute, sogenannte Laskaren, als Prisenmannschaften rekrutiert hatte, wurde er auch nicht knapp an Männern.

Im englischen Marinehauptquartier in Madras erfuhr man viel zu spät von den Kaperfahrten des französischen Konteradmirals. Bevor die in Madras liegenden Linienschiffe des Vizeadmiral Rainier auf den Raubzug der Franzosen reagieren konnten, lief die MARENGO bereits in den Golf von Bengalen, machte einen guten Bogen um Madras herum und begann die ostindische Küste in Richtung Nordosten leer zu fegen, immer auf der Suche nach den wertvollen Ostindienfahrern der Company.
Den Handelsverkehr der Einheimischen ließ Linois dagegen in Ruhe, es sei denn, diese zeigten sich wenig auskunftswillig. Vor Masulipatam (Masulipa) bekamen die Franzosen auf diese Art - ein wenig Drohung, ein wenig Belohnung - die Nachricht, daß man vor Ort die Fregatte WILHELMINA im Escort eines Ostindienfahrer gesehen habe. Als Ziel des kleinen Konvois wurde Linois Vizagapatam (Vishakhapatnam) genannt. Gleichzeitig erfuhr Linois aber auch von zwei englischen Linienschiffen, die Tage zuvor gesehen worden sein sollten, freilich auf entgegengesetztem Kurs.

Das Geschwader um die MARENGO setzte seinen Weg nach Nordosten fort und Linois wies seine Ausgucks an, auch den Süden gut im Auge zu haben. Offensichtlich traute er den Auskünften der Einheimischen bezüglich des Kurses der erwähnten Linienschiffe nicht. Viel spricht auch dafür, daß der Admiral seit den Geschehnissen von Pulo Aor, deren wahre Hintergründe ihm mehr und mehr zur Gewißheit wurden, nicht mehr so umsichtig agierte wie in den Jahren zuvor. Tatsächlich könnte die peinliche Niederlage gegen die Ostindienfahrer bei Linois zu einer gewissen Unsicherheit, einer verzerrten Wahrnehmung von Risiken bei Entscheidungsprozessen, geführt haben.

Charles Linois
Charles Linois
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Ostküste Indiens

Vizagapatam

Es war der frühe Morgen des 15. September 1804, als sich die MARENGO, ATALANTE und SEMILLANTE vor dem herrschenden Südostmonsun laufend, rasch der Reede von Vizagapatam näherten. Dort lagen zwei Ostindienfahrer, die gerade beladen wurden. Auch ein englisches Kriegsschiff schwojte vor Anker und Linois hatte keinen Zweifel: Dies waren die Schiffe, über die er schon vor Masulipatam gehört hatte.

Bei dem Kriegsschiff handelte es sich jedoch nicht um die Fregatte WILHELMINA, sondern um das 30 Jahre alte Linienschiff CENTURION (50) unter dem Befehl von Kapitän James Lind.
Lind hatte die Vertretung des eigentlichen Kapitäns John Sprat Rainier übernommen. Der Neffe des gleichnamigen Vizeadmirals lag schwer erkrankt im Hospital in Bombay.

Die bereits 1774 gebaute CENTURION war erst im Jahr zuvor auf den Docks von Chatham (England) gewesen, nachdem sie in einem Sturm schwer beschädigt worden war.
Von der Kampfkraft glich sie eher eine 50-Kanonen-Fregatte als einem kleinen Linienschiff. Ihr schwerstes Kaliber stellten sechsundzwanzig 24-Pfünder-Kanonen auf dem unteren Artilleriedeck dar, während die ansonsten obligatorischen 12-Pfünder-Kanonen auf dem oberen Deck in Chatham gegen 32-Pfünder-Karronaden ausgetauscht worden waren. Diese konnten - wohlgemerkt: im Nahkampf - sicherlich jeder gegnerischen Fregatte den Garaus machen.
Gegen die Feuerkraft der MARENGO aber, besonders gegen deren weitreichende 32-Pfünder-Kanonen, würde die CENTURION einen schweren Stand haben.
Ein ähnliches Duell hatten die Briten schon einmal verloren, nämlich bei der Niederlage der LEANDER (50 - Thompson) gegen die französische GENEREUX (74 - Joillet) 1798.

An diesem Morgen des 15. September 1804 hatte Leutnant James Robert Phillips das Kommando an Bord der CENTURION (50), denn Kapitän James Lind weilte an Land, wo er Tags zuvor beim Beladen des Ostindienfahrers PRINCESS CHARLOTTE und des Handelsschiffes BARNABY Konsultationen abgehalten hatte.
Es war 6:00, als Phillips drei große Schiffe unter vollen Segeln gemeldet wurden, die rasch aus dem Südwesten aufkamen. Dies war an sich nichts Ungewöhnliches und nichts deutete daraufhin, daß unter den noch zehn Meilen entfernten Royals französische Seeleute bereits Pulverkartuschen neben ihren Kanonen aufhäuften und die Rohre sorgfältig reinigten.
2 Stunden später konnten die Engländer vor Vizagapatam dann allerdings schon die Schiffstypen bestimmen und mit jeder Minute wuchs in Phillips die Überzeugung, daß das sich nähernde Linienschiff die inzwischen im Indischen Ozean berüchtigte MARENGO (74) des französischen Admirals war. Er schickte einen Boten an Land, um Kapitän Lind zu benachrichtigen.

Während sich zahlreiche Ferngläser auf die Ankömmlinge richteten, wechselten Linois Schiffe den Kurs und hielten nun frontal auf die ankernden Schiffe zu.
Linois ließ das damals beliebte Spielchen der "Flaggenparade" spielen, indem er zunächst die dänische Flagge hissen ließ. Dazu mochte allerdings das St. George-Banner auf der SEMILLANTE , das Kapitän Motard hatte aufziehen lassen, gar nicht passen. Deswegen ließ der Konteradmiral nun die portugiesischen Farben flattern, doch auf der führenden ATALANTE erschien wiederum ein anderes nationales Emblem.
Zwar waren diese plumpen Täuschungsversuche mit den falschen Nationalflaggen mittlerweile so ziemlich aus der Mode gekommen, konnten aber immerhin da oder dort noch für Verwirrung sorgen. Immerhin verbreitete die "Flaggenparade" unter Freund und Feind zumindest eine gewisse Erheiterung, bevor der blutige Ernst des Krieges das Handeln auf See dominierte.

Auf der CENTURION hatte Phillips inzwischen das "beat to quarters" schlagen lassen, die Kanonen wurden geladen, die Stückpforten wurden aufgestoßen und die Geschütze ausgerannt.
Aus einem Sechspfünder am Bug feuerte die CENTURION der ATALANTE einen Schuß entgegen, eine Aufforderung, endlich Farbe zu bekennen. Immerhin bestand ja noch die abwegige Möglichkeit, daß die Annäherung keinen Angriff darstellte, die ATALANTE vielleicht als Prise einlief oder die Franzosen eine Friedensbotschaft brachten.

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von Kerri van Arden
Sprache: Deutsch
Broschiert - 188 Seiten - Plaisir d'Amour Verlag
Erscheinungsdatum:Juli 2006

Der Kanonenschuß war die letzte Warnung vor der unweigerlich folgenden Breitseite. Doch die französischen Schiffe näherten sich unbeirrt, über ihre feindseligen Absichten und ihre Ziele konnte nun kein Zweifel mehr bestehen. An Bord der Handelsschiffe entstand hektische Aktivität, denn mittlerweile hatte man auch dort erkannt, in welcher Gefahr die beiden Ostindienfahrer schwebten.
Die QUEEN CHARLOTTE war immerhin mit 24 Zwölf-Pfündern-Kanonen bewaffnet, die kleinere BARNABY aber, nur mit einer Handvoll kleinkalibriger Geschütze an Bord, war fast völlig wehrlos.

Phillips ließ der QUEEN CHARLOTTE und der BARNABY signalisieren, sich sofort in einem kleinen Hafen weiter unter Land in Sicherheit zu bringen. Dieser war aber gar nicht für den Tiefgang der angesprochenen Schiffe geeignet. Ob dies Kapitän John Logan von der PRINCESS CHARLOTTE wußte, ist nicht bekannt. Während sich die BARNABY allein auf den Weg machte, ließ Logan jedenfalls die zwölf 12-Pfünder-Kanonen einer Breitseite seines Schiffes laden und ausrennen. Zunächst schien es, als wollten die Männer des Ostindienfahrers den Geist von Pulo Aor erneut beschwören.

Die angreifenden Schiffe tasteten sich inzwischen näher an die englischen Schiffe heran und waren um 10:15 nur noch eine halbe Meile entfernt. Ihre Bewegungen verrieten indessen einen großen Respekt vor den navigatorischen Unwägbarkeiten dieser Küstenlinie. Namentlich die MARENGO mit dem größten Tiefgang blieb hinter ihren Fregatten deutlich zurück und schickte sich an, die CENTURION in größerem Abstand zu passieren. Dafür wurden auf allen drei französischen Schiffen nun die Trikoloren gehisst.

Die CENTURION hatte inzwischen begonnen, sich mittels Warpen zum Ufer hin abzusetzen. Phillips wollte damit den Einsatz des feindlichen Linienschiffs erschweren, verschlimmbesserte jedoch letztlich die Lage seines eigenen Schiffes.
Auch an Land bereitete sich eine kleine Geschützbatterie darauf vor, die Verteidigung zu unterstützen. Doch handelte es sich bei dieser Handvoll Feldgeschütze lediglich um Neunpfünder, deren Kugeln am Eichenholz der MARENGO schlicht abprallen mußten. Der kommandierende Offizier, Colonel Campbell, war zudem nicht einmal Artillerist.

Die CENTURION, die ihre Breitseite nach der sich nähernden ATALANTE ausgerichtet hatte, eröffnete das Feuer, als sie von der feindlichen Fregatte in ungefähr 150 Meter Distanz passiert wurde. Ein hitziges Artillerieduell entbrannte, in das Minuten später die folgende MARENGO, freilich aus wesentlich größerer Distanz, und schließlich auch die SEMILLANTE eingriffen.

Kapitän Lind eilte indessen an den Strand und beabsichtigte, sich in einem heimischen Ruderboot zur CENTURION übersetzen zu lassen. Weil das Gefecht aber schon begonnen hatte, weigerten sich die eingeborenen Ruderern verständlicherweise, das Boot zu dem unter Beschuß liegenden englischen Kriegsschiff zu bringen. Dies war schließlich nicht ihr Krieg. Kapitän Lind konnte fluchen und drohen, es gelang ihm vorerst nicht, "seine" Ruderer dazu zu bewegen, für eine fremde Krone und ein fremdes Vaterland ihr Leben zu riskieren.

Sein Vertreter Phillips hatte inzwischen das Warpen eingestellt und ließ sich von einer leichten Strömung Richtung Ufer treiben. Das Feuer war nun sehr intensiv geworden und nach einer Breitseite der SEMILLANTE verschwand auf der CENTURION plötzlich die Flagge, davongetragen von einer französischen Kanonenkugel. Auf den französischen Schiffen gab es den üblichen Jubel, weil man in solchen Fällen unterstellte, das der Gegner die Flagge gestrichen bzw. kapituliert hatte.

Natürlich wurde aber von den Engländern umgehend eine neue Flagge gehisst. Und sie revanchierten sich prompt, obwohl es wohl ein Glückstreffer von Campbells Landbatterie war, die der MARENGO die Nationalfarben vom Mast schossen. Das beschriebene Procedere wiederholte sich mit vertauschten Rollen, die Briten jubelten, die MARENGO hisste die Fahne wieder, während sie weiter Feuer und Rauch in Richtung des Gegners spuckte.

Nach rund einer halben Stunde rollender Breitseiten vergrößerte sich die Entfernung zwischen dem englischen 50-Kanonen-Schiff und den Franzosen mehr und mehr. Linois mutmaßte, daß der englische Kommandant ihn auf eine Untiefe locken wollte, vermutete wohl auch weitere Geschützbatterien weiter unter Land und befahl, das Gefecht zunächst abzubrechen, abzudrehen und auf einem neuen Schlag wieder anzugreifen.

Der Schiffbruch der Fregatte Medusa. Ein dokumentarischer Roman aus dem Jahr 1818

Der Schiffbruch der Fregatte Medusa. Ein dokumentarischer Roman aus dem Jahr 1818
von J. B. H. Savigny, Alexandre Correard
Sprache: Deutsch
Taschenbuch - 253 Seiten - Matthes & Seitz Berlin
Erscheinungsdatum:2007

Die berühmte Höllenfahrt der Überlebenden der MEDUSA,
die auf einem steuerlosen Floß treibend um ihr Leben kämpften.

Die entstehende Gefechtspause konnte Kapitän Lind nützen, um endlich an Bord der CENTURION zu gelangen. Das Schiff war inzwischen so weit zurückgetrieben, daß es die PRINCESS CAROLINE nicht mehr vor französischen Angriffen decken konnte. Deswegen ließ Lind Kapitän Logan signalisieren, seinen Ankerplatz zu verlassen. Dieser hatte jedoch beobachtet, wie die BARNABY auf ihrem Rückzug in die Brandung geraten war und nun mit den Brechern kämpfte. Eigensinnig verharrte er auf seinem Ankerplatz und plante offensichtlich, sich selbst gegen den französischen Zugriff zu verteidigen.

Seine Kampfeslust wurde freilich von seiner Besatzung nicht geteilt und als das französische Geschwader zu seinem zweiten Anlauf ansetzte, verließen viele Männer das englische Handelsschiff, das mit einer Breitseite von zwölf Kanonen leichteren Kalibers, auf sich allein gestellt, kaum ernsthaften Widerstand hätte leisten können.
Colonel Campbell konnte von Land aus den Exodus der Crew beobachten und kommandierte eine Kompanie Sepoys, indischer Soldaten in englischen Diensten, zu Kapitän Logan an Bord.

Die CENTURION hatte inzwischen knapp vor der Brandung erneut Anker geworfen und stand damit sozusagen mit dem Rücken zur Wand. Als beredte Warnung dieser Tatsache konnte die hinter ihr in der Brandung taumelnde BARNABY dienen, deren Besatzung einen vergeblichen Kampf um ihr Schiff führte. Das Handelsschiff sollte sich aus seiner misslichen Lage nicht mehr befreien können und wurde später aufgegeben.

Gegen 11:30 eröffnete die MARENGO erneut das Feuer, allerdings lediglich aus einzelnen Kanonen, als wollten die Kanoniere die Distanz zur CENTURION prüfen. Und schließlich warf das französische Linienschiff Anker, rund 1 Meile entfernt von dem englischen Kriegsschiff. Dann begann Linois die CENTURION mit seinen langen Geschützen einzudecken, während die ATALANTE - noch immer unter Segeln - auf ihren kurzen Schlägen die CENTURION von Steuerbord achtern unter Feuer nahm.

Es zeigte sich jedoch bald, daß das eigentliche französische Ziel die QUEEN CHARLOTTE war. Die SEMILLANTE näherte sich bereits mit drohend ausgerannten Kanonen dem Ostindienfahrer, doch dieser holte die Flagge nieder, bevor die französische Fregatte das Feuer auf den Indienfahrer eröffnen konnte. Campbells Sepoys kamen zu ihrem Glück nicht mehr rechtzeitig an Bord und kehrten in ihrem Boot zurück an den Strand.

Die CENTURION geriet inzwischen in immer größere Verlegenheit. Ihre 32-Pfünder-Karronaden waren im Duell mit der MARENGO wegen der großen Distanz wertlos, gegen die ATALANTE bestenfalls sporadisch einsetzbar, die 24-Pfünder-Kanonen im fortgeschrittenen Alter und das Artilleriefernduell mit der MARENGO auf Dauer aussichtslos. Das Feuer des französischen Linienschiffes, auf derartig große Distanz zwar auch mit einem deutlich geringeren Prozentsatz an Treffern pro Breitseite gesegnet, war andererseits stetig, während ihr Ziel keine Möglichkeit hatte, den heran rauschenden 32-Pfünder-Kugeln zu entgehen.
Kapitän Lind mußte relativ hilflos mit ansehen, wie die französischen Kugeln seinem Schiff schwere Schäden zufügten. Ein Schuß sauste sogar durch den Lagerraum des Feuerwerkers, führte aber zum Glück für die Briten zu keiner Entzündung der dort gelagerten Pulvervorräte und Kartuschen.
Lind, hinter dessen Schiff zusätzlich die Brandung drohte, blieb nichts anderes übrig, als sich wieder etwas näher an den Gegner heran zu warpen, um seine Karronaden wieder zur Geltung zu bringen und im Gefecht wenigstens ein wenig mithalten zu können.

An Deck der MARENGO war Konteradmiral Linois inzwischen beeindruckt, was das kleine englische Linienschiff an Treffern schlucken konnte. Das die CENTURION nun sogar einen kleinen Vorstoß wagte, erregte allgemein Bewunderung auf dem Achterdeck des französischen 74-Kanonen-Schiffes. Ohne Zweifel erkannte man dort die verzweifelte Situation Linds und wußte, daß man mit genügend Geduld und Munition die CENTURION würde vernichten können, wenn sie nicht zuvor die Waffen streckte.

Inzwischen war es 14:00. Ein Schuß von der MARENGO traf das Ankertau der CENTURION und Linds Schiff, das sich gerade einige Yards vorgearbeitet hatte, wurde wieder in Richtung Brandung zurückgetrieben. Auf dem Achterdeck der MARENGO wurde diese Szene geradezu mit Mitleid beobachtet und Linois warf einen Blick auf die PRINCESS CHARLOTTE, die , mit der Prisencrew bemannt und von der SEMILLANTE begleitet, auf See hinaus steuerte. Auf einen Wert von immerhin 60000 Pfund Sterling sollte das Schiff später geschätzt werden, genauso wie die in der Brandung verlorengegangene BARNABY.

Der getauschte Tod und andere Katastrophen aus der Age of Sail

Der getauschte Tod
und andere Katastrophen aus der Age of Sail

von Thomas Siebe
Sprache: Deutsch
Paperback - 94 Seiten - LULU
Erscheinungsdatum: November 2006

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Die Haltung des alten englischen Kriegsschiffes muß Linois zu Denken gegeben haben. War die Weigerung zu kapitulieren eine Herausforderung Linds an die MARENGO, sich in die Gefahr des Strandens zu bringen ? Vielleicht dachte Linois an Algeciras, die HANNIBAL und deren elendes Schicksal oder er erinnerte sich an die beiden englischen Linienschiffe, die gesehen wurden. Leistete Lind deswegen hinhaltenden Widerstand ?

In der Takelage des englischen Schiffs konnten die Franzosen nun wieder Segel erkennen, der britische Kapitän robbte sich vor einer leichten Landbrise mit seinem schwer angeschlagenen Schiff erneut an den überlegenen französischen Gegner heran, dessen Kugeln um die CENTURION herum fauchten, rings um das Schiff Wassersäulen produzierten oder krachend und brechend einschlugen. Längst hatte Lind alle Männer der Crew, die er nicht brauchte, in die relative Sicherheit der unter der Wasserlinie liegenden Decks geschickt. Und weil die ATALANTE ihre Angriffe eingestellt hatte, waren neben den Offizieren und der Bereitschaftscrew nur noch die Kanoniere der 24-Pfünder-Breitseite durch den feindlichen Beschuß gefährdet, auch wenn nicht wenige Kugeln die CENTURION unter der Wasserlinie trafen. Längst hatten die Engländer auch erkannt, daß sie ihre Karronaden nicht mehr würden einsetzen können. Lind war schon froh, die bedrohliche Brandung hinter sich hatte lassen zu können. Und der Durchhaltewille des kleinen, alten Linienschiffes wurde dieses eine Mal belohnt.

Denn kaum hatte die CENTURION erneut geankert und ihre Vierundzwanzigpfünder wieder geladen, da setzte die MARENGO die Segel und begann sich langsam mit Kurs Nordosten zu entfernen. Dies geschah etwa um 16:00, also Stunden vor Einbruch der Dunkelheit. Die CENTURION wurde verschont, doch warum ?
Auf britischer Seite sollte man lange rätseln, aus welchem Grund Linois das Bombardement, das er vermeintlich noch stundenlang hätte weiterführen können, abbrach. Auch heute ist nicht mit Sicherheit geklärt, warum Linois die CENTURION verschonte, doch ich denke, der Grund war so trivial, das die zeitgenössischen Historiker nicht darauf kamen: Linois litt unter einem Mangel an Kugeln für die 32-Pfünder-Kanonen. Möglicherweise hätte er auf die große Distanz sein ganzes Arsenal verschießen müssen, um die CENTURION zu vernichten. Für einen englischen Kapitän hätte das kein Problem dargestellt, denn praktisch jeder Hafen im Indischen Ozean war für ihn anlaufbar. Für das französische Geschwader waren in dieser Region Versorgung und Nachschub aber problematischer, als es die Historiker bisher würdigten. Und gerade Kanonenkugeln sollten für die Franzosen im Indischen Ozean ein zunehmendes Nachschubproblem werden, wie auch spätere Duelle zwischen englischen und französischen Schiffen nahelegen.

Das Bombardement der CENTURION schädigte vor allem das Schiff, die Menschenverluste hielten sich angesichts der Dauer des Gefechts in Grenzen. Nicht nur der großen Distanz, sondern auch der Umsicht der englischen Offiziere und Kapitän Linds ist es zu verdanken, daß an Bord der CENTURION lediglich 9 Männer starben. Weil die Briten die meisten ihrer Männer während des Gefechtes in die Deckung des unteren Schiffes schickten, retteten sie einer ungezählten Menge von Seeleuten die Gesundheit oder das Leben. Die Beschädigungen waren zwar erheblich und gerade in der Wasserlinie hatte das alte 50-Kanonen-Schiff viele Treffer kassiert. Es ist aber m.E. fraglich, ob die MARENGO der CENTURION noch vor Sonnenuntergang den Garaus hätte machen können.

Auf der MARENGO und der ATALANTE war man bezüglich der Verluste nicht so glücklich. Auf dem französischen Flaggschiff starben 2 Männer durch einen Volltreffer, der wohl auch wieder ausgerechnet von Land her kam. Dieselbe Kugel riß einem Fähnrich den Arm weg.
Auf der ATALANTE hatten die 32-Pfünder-Karronaden der CENTURION 3 Männer getötet und 6 verwundet, die SEMILLANTE blieb immerhin ohne Verluste.
Als Beute nahmen die Franzosen zwar einen recht gut beladenen Indienfahrer mit und hatten auch die BARNABY ins Verderben getrieben, doch wurde das Gefecht allgemein als eine Niederlage von Linois gewertet. Das der einst glänzende Sieger von Algeciras das englische Kriegsschiff nicht vernichten oder erobern konnte, verschlechterte seinen ohnehin schwer angeschlagenen Ruf und ließ ihn beim französischen Kaiser endgültig in Ungnade fallen. Nachdem der französischeKonteradmiral am 13. März 1806 mit der MARENGO (74) im Zweikampf gegen die englische LONDON (98 - Sir Harry Neale) unterlegen war und in englische Kriegsgefangenschaft geriet, wurde er bis zum Kriegsende 1814 auch nicht ausgetauscht. Böse Zungen spotteten, der unglückliche Flaggoffizier wäre in seinem Arrest auf der englischen Insel nützlicher für den Kaiser und seine Marine.
Kapitän Lind aber bekam 1805 den Ritterschlag. Leutnant Philips stieg am 15. März 1805 zum Commander auf und erreichte im Oktober 1807 Kapitänsrang.

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