Chronologie der europäischen Seekriege 1793 bis 1815, Band 1, bis 1802
Chronologie der europäischen Seekriege 1793 - 1815
Band 1 : Von 1793 bis zum Frieden von Amiens 1802

von Thomas Siebe
Sprache: Deutsch Broschiert - 224 Seiten - BoD
ISBN 978-3-8423-2883-9 Erschienen: September 2010
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von Stephen Desberg, Enrico Marini
Sprache: Deutsch
Broschiert - 48 Seiten - Carlsen Comic - Oktober 2004
 William Kite

William Kite
Bewährungsprobe auf der Enterprize

von Richard Woodman
Sprache: Deutsch
Taschenbuch - 349 Seiten - Ullstein Taschenbuch
Erscheinungsdatum: August 2006


Packet - Gegen erdrückende Übermacht

Das British Post Office unterhielt seit ca. 1700 spezielle Postboote, sogenannte packets. Diese transportierten offizielle wie auch private Post, Wertgegenstände, Bargeld und manchmal auch eine Handvoll Passagiere. Der Raum für Letztere war jedoch äußerst begrenzt, Gepäck natürlich auf ein Minimum beschnitten.
Seit 1793, also mit dem Beginn des Krieges mit Frankreich, begann das Post Office spezielle Schiffe für diese Dienste zu bauen bzw. in Dienst zu stellen. Dies waren leichte Zweimaster unter 200 Tonnen, mit einer Besatzung zwischen 22 und 30 Mann und mit bis zu 7 kleinen Geschützen. Natürlich war es nicht der Job der Crew zu kämpfen, weil ihnen selbst kleine Kanonenboote an Artillerie und Besatzungsstärke überlegen waren. Die Aufgabe der Postmänner bestand vielmehr darin, jedem potentiellen Feind aus dem Weg zu gehen, im Krisenfall in der schnellen Flucht ihr Heil zu suchen oder im schlechtesten Fall mit der rechtzeitigen Vernichtung der Post an Bord einem Feind diese Beute vorzuenthalten. Nur ganz selten wurde eines dieser Postboote oder Postschiffe in einen echten Kampf verwickelt und noch seltener endete er siegreich für das packet.

packet

Einen ganz seltener Fall eines solchen Kampfes mit einem höchst überraschenden Ausgang trug sich im Herbst 1807 vor Barbados zu:

Am Morgen des 1. Oktober 1807 stand das englische Postschiff WINDSOR CASTLE (6 - William Rogers) von den Leeward Inseln bei 13° 53' nördlicher Länge und 58° 1' westlicher Länge vor der Insel Barbados.
Das packet unter dem Kommando des stellvertretenden Kapitäns William Rogers war auf seinem Turn nach Barbados, um dann mit der Post aus der Karibik in seinen Heimathafen nach Liverpool zurückzukehren. Schon beim ersten Tageslicht hatte man an Bord der WINDSOR CASTLE in der Ferne ein fremdes Schiff ausgemacht, das sich offensichtlich auf die Fersen des packets gesetzt hatte und sich rasch näherte.
Nicht zu Unrecht vermutete Rogers in dem Fremden ein feindliches Schiff, denn französische Kaper hatten eine sichere Basis auf der strategisch günstig gelegenen Insel Martinique und kreuzten bevorzugt vor Barbados.
Auf dem Postschiff wurden alle Anstrengungen unternommen und alle seglerischen Risiken in Kauf genommen, dem anlaufenden Fremden zu entkommen, doch die WINDSOR CASTLE war dem Verfolger an Geschwindigkeit unterlegen. Aus diesem Grunde wechselte man auf der WINDSOR CASTLE bald wieder auf eine gediegene Besegelung und bereitete sich auf einen zähen Widerstand vor:
Die Geschütze wurden geladen, die Männer wurden bewaffnet und die Enternetze wurden ausgebracht.

Gegen Mittag eröffnete das fremde Schiff das Feuer aus einem seiner vorderen Sechspfündern und setzte gleichzeitig die Trikolore. Es handelte sich bei dem Verfolger um den französischen Kaper JEUNE RICHARD (7) unter dem Kommando von Kapitän Houx.
Die WINDSOR CASTLE erwiderte das Feuer aus ihrem beiden hinteren Vierpfündern und es entwickelte sich ein reges Jagdgefecht. Der Beschuss des Verfolgers konnte jedoch nicht verhindern, dass das französische Kaperschiff immer mehr zum packet aufschloss.
Schließlich kam der Franzose auf Rufweite an den Engländer heran und forderte ihn rüde zur Übergabe des Schiffes auf.
Rogers, zu diesem Zeitpunkt 24 Jahre jung und keineswegs gewillt, sein Schiff einfach aufzugeben, brüllte jedoch eine Zurückweisung dieser Aufforderung zurück.

Wenn der englische Kapitän freilich die Kräfteverhältnisse gekannt hätte, dann hätte er vermutlich die Flagge niedergeholt.
Der Franzose hatte nämlich 92 Mann Besatzung an Bord, während Rogers auf gerade 28 Mann zählen konnte. Auch wenn man davon ausgehen kann, das die Crew des packets von einer Handvoll Passagiere (Für höchsten 5 war Platz) unterstützt wurde, die jedoch im Bericht nicht auftauchen, so bedeutet dies doch eine drückende französische Überlegenheit.
Dem gegenüber nahm sich artilleristische Unterlegenheit des packets als geradezu nebensächlich aus:
Sechs französische Sechspfünder-Kanonen und ein langer Achtzehnpfünder auf einer quer über das Deck verlaufenden Schiene zielten auf sechs englische Vierpfünder-Kanonen und zwei Neunpfünder-Karronaden.

Dem schnelleren Kaperschiff gelang es schließlich auch mühelos, sich neben die WINDSOR CASTLE zu legen und sich mit zahlreichen Enterhaken an der Seite des Postschiffes festzusetzen. Angesichts der zahlenmäßigen Dominanz der französischen Entermannschaft hätte man nun einen schnellen Sieg der JEUNE RICHARD erwarten können.
Doch die Franzosen unterschätzten möglicherweise die Entschlossenheit des kleinen englischen Haufens und schickten zu wenig Männer zum Enterangriff auf das Schiff des Gegners.
Ein offensichtlich glänzend koordinierter Pikenangriff der Briten gegen die in den Enternetzen hängenden Franzosen schlug die Attacke unter großen französischen Verlusten zurück, gleich acht bis zehn Angreifer fielen.
Dieser effektvolle Gegenstoß der Engländer veranlasste nun den Kapitän des Kaperschiffes zu einer zweiten verhängnisvollen Fehleinschätzung der Stärke der feindlichen Truppe. In der Annahme, es mit wesentlich mehr als rund 30 Engländern zu tun zu haben, versuchten die Franzosen sich nun wieder von der WINDSOR CASTLE zu lösen, um sich ungestört neu zu organisieren oder auf eine Entscheidung durch die Artillerie zu vertrauen.
Sie kappten auch erfolgreich die Verbindungsleinen der Enterhaken, doch das Großsegel des packets hatte sich in der Takelage des Kapers verfangen, die JEUNE RICHARD konnte sich nicht von der WINDSOR CASTLE lösen.

The Arming and Fitting of English Ships of War, 1600-1815 (Conway's History of Sail)
von Brian Lavery
Sprache: Englisch
Gebundene Ausgabe - 320 Seiten - Verlag: Conway Maritime - Format 25 x 32 cm - Erschienen 1999
Seeschlacht.tk

Ein zähes Ringen quer über beide Schiffe hinweg setzte nun ein und im Feuer der Musketenkugeln und Kartätschen, unter den Explosionen der Handgranaten und Abschüssen der Geschütze mußten die Briten auch noch die umfangreiche Post mit sich schleppen und jederzeit bereit sein, die Schreiben und Pakete im Falle einer Niederlage in der See zu versenken.

Gegen 15:00 hatte man sich auf französischer Seite erneut zum entscheidenen Enterangriff formiert. Zuvor war der Besanmast der WINDSOR CASTLE gefallen und Kapitän Houx hatte inzwischen auch einen besseren Eindruck von der Anzahl seiner Gegner bekommen.
Die Masse der französischen Seeleute, diesmal angeführt durch ihren Kapitän, stürmte durch die inzwischen zerfetzten Enternetze auf das Deck der WINDSOR CASTLE - und wurde durch einen Volltreffer aus einem der englischen Neunpfünder im wirklichen Sinne des Worte weggefegt.
Eine doppelte Ladung aus Traubengeschossen, einem Kanistergeschoss und rund 100 Musketenkugeln hatte fast die gesamte französische Entermannschaft ausgeschaltet und Kommandant Houx getötet.
Wer von den Franzosen überlebte oder noch an Bord der JEUNE RICHARD war, flüchtete sich, durch den Tod ihres Kapitäns völlig führungslos geworden, unter dem Schock dieses scheinbar vernichtenden Schlages unter das Deck ihres Schiffes.
Kapitän Rogers und nur fünf seiner Männer genügten nun, um das Deck des Kaperschiffes gegen die letzten versprengten Gegner an Deck zu erobern und einen wirklich unglaublichen Sieg zu realisieren.

Dieser aber mußte erst einmal gesichert sein. Zwar hatten die Briten, wie sich später bei der Zählung herausstellte, 21 Feinde getötet und 33 verwundet, hatten jedoch selbst 3 Tote und 10 Verwundete zu beklagen, also fast die Hälfte der Crew. Damit waren die Franzosen zahlenmäßig noch immer in der Überzahl und große Vorsicht bei der Gefangennahme der unter Deck ausharrenden Gegner geboten. Man ließ sie nur Mann für Mann an Deck kommen. Infolge ihrer Überzahl mußten die französischen Seeleute in Eisen gelegt werden, die Bewachung der Gefangenen wäre sonst wegen der geringen Zahl der Sieger nicht möglich gewesen.

Rogers navigierte sein Schiff und die eroberte JEUNE RICHARD sicher in einen nahen Hafen auf Barbados. Sein Erfolg brachte ihm 1809 das Kommando über das gerade in Dienst gestellte neue Postboot COUNTESS OF CHICHESTER. Natürlich machte der sensationelle Sieg des kleinen Postbootes Schlagzeilen und hat auch heute seinen Platz in der marinehistorischen Geschichte, was gerade wegen der geringen Größe der beteiligten Schiffe ebenso bemerkenswert ist wie der Sieg der Männer von der WINDSOR CASTLE.

Ein Gemälde von Samuel Drummond aus dem Jahre 1808 verherrlicht die Eroberung der JEUNE RICHARD . Man kann es hier besichtigen


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