Chronologie der europäischen Seekriege 1793 bis 1815, Band 1, bis 1802
Chronologie der europäischen Seekriege 1793 - 1815
Band 1 : Von 1793 bis zum Frieden von Amiens 1802

von Thomas Siebe
Sprache: Deutsch Broschiert - 224 Seiten - BoD
ISBN 978-3-8423-2883-9 Erschienen: September 2010
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 Mutiny: A History of Naval Insurrection

Mutiny: A History of Naval Insurrection
von Leonard F. Guttridge
Sprache: Englisch
Taschenbuch
U S Naval Inst Pr
- 318 Seiten
Erscheinungsdatum:August 2006

 Seeschlachten und Zweikämpfe
Seeschlachten und Zweikämpfe zwischen 1775 und 1815

Ein Lied, das damals das Duell thematisierte:

Bright honor now calls each true Briton attend
Unto these few lines which here I have penn'd.
I sing of a battle that was fought at sea,
The Mars was the British, the French ship Hercu.

Chorus
Then fill up a glass to each tar stout and good,
Success to each seaman a tear for brave Hood.

We were cruising off Brest when the French we did spy:
We quickly gave chase, but they from us did fly;
We crouded each sail and gave them a broadside,
Fought them more than two hours and lower'd their pride.

Quelle


Duell der Linienschiffe - MARS (74) versus HERCULE (74)

In der Age of Sail bzw. zu Napoleons Zeiten stellte das Linienschiff die größte Kriegsschiffklasse dar. Die dreimastigen Schiffsriesen mit zwei oder mehr Artilleriedecks schlugen die entscheidenden Schlachten dieser Ära, wobei sie in Schlachtlinien geordnet aufeinander losgingen. Anders als Fregatten waren die Schlachtschiffe des 18. und 19. Jahrhunderts fast immer in Geschwadern unterwegs. Daher kam es zwar häufig zu reinen Zweikämpfen zwischen Fregatten, auch gab es Linienschiffduelle im Rahmen der Seeschlachten dieser Ära, ein echtes, also von anderen Schiffen unbeeinflusstes Duell zwischen zwei Linienschiffen gab es dagegen nur ein einziges Mal zwischen 1793 und 1815. Am 21. April 1798 kämpften vor Brest das französische 74-Kanonen-Schiff HERCULE (74) und die britische MARS (74) ein von anderen Schiffen, Wind und Wetter sowie Landbatterien unbeeinflusstes Gefecht, dessen Rahmenbedingungen eine gewisse Chancengleichheit für beide Kontrahenten herstellten.

Brian Lavery - The Ship of the Line. Vol. I: The development of the battlefleet 1650 - 1850.


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Der 21. April 1798 war ein Samstag. Es war kurz vor 11:00, an Bord des britischen Linienschiffs HMS MARS (74 - Alexander Hood) herrschte Schiffsroutine. Die MARS kreuzte bei Wind aus Nordost vor dem südlichen Rand der Iroise-See, dem Meeresbusen zwischen Ushant und der Ile de Sein. Tief eingebettet in diesen Teil des Atlantik lag der Hafen von Brest, in dem die französische Atlantikflotte ankerte.
Gemeinsam mit der RAMILLIES (74 - Henry Inman) und einer Handvoll Fregatten stellte die MARS das Beobachtungsgeschwader dar, das für die britische Flotte unter Lord Bridport jede Bewegung in der Iroise verfolgte.
Obwohl die Briten im Jahr zuvor große Seesiege gegen die mit Frankreich verbündeten Spanier und Holländer gefeiert hatten und bisher jeder Invasionsversuch der Franzosen auf den britischen Inseln zu krassen Fehlschlägen geführt hatte, war man in Großbritannien nervös. Nach wie vor hatte die Republik Frankreich durchaus die Mittel, den Landkrieg auf die englische Insel zu tragen oder in Irland das Feuer des Aufstandes zu schüren. Und der Schock der Meutereien im Spithead und auf dem Nore saß in der englischen Öffentlichkeit noch immer tief. Britische Schiffcrews hatten sich 1797 en masse geweigert, auszulaufen und die Franzosen zu bekämpfen. Konnte eine Flotte, die auf solche Männer bauen mußte, eine drohende Invasion verhindern ?
Die Männer der MARS hatten im Spithead zu den rebellierenden Besatzungen gehört. Über die Hälfte von ihnen war schon seit der Indienststellung des Linienschiffs im Jahre 1794 an Bord. Von diesen Seeleuten war kaum einer zum Dienst in der Royal Navy gepresst worden, die meisten waren freiwillig an Bord gegangen. Als Fachleute auf ihrem Gebiet und als Soldaten, die ihre Heimat verteidigten, genossen diese Männer seit Beginn des Krieges Ansehen in der Bevölkerung. Gerade die Crew der MARS fühlte sich offensichtlich als Mitglied einer Elite und dies nicht nur wegen ihrer Professionalität oder Vaterlandsliebe :
Die MARS gehörte zu einer Kriegsschiff-Klasse, die die absolute Spitzentechnologie der damaligen Marine repräsentierte. Es gab zwar ältere Linienschiffe, die größer und schwerer bewaffnet waren als die 74-Kanonen-Schiffe, doch zeigen einige Beispiele, dass ein 74-Kanonen-Zweidecker einem Dreidecker trotz dessen schwererer und zahlreicherer Artillerie Paroli bieten konnte. Während aber die meisten Dreidecker "segelten wie ein Heuschober", gehörte die MARS zu den schnellsten Kriegsseglern auf den Weltmeeren. Unter den 74-Kanonen-Zweideckern gehörte das Schiff zudem zu den "großen" Schiffen. Alle 74er hatten im unteren Artilleriedeck 30 Zweiunddreissigpfünder-Kanonen stehen. Im oberen Artilleriedeck aber standen bei den "kleinen" Schiffen dieses Typs 30 Achtzehnpfünder, die MARS war dagegen mit Vierundzwanzigpfündern bestückt. Ergänzt wurde ihre Bewaffnung an Deck durch 16 Neunpfünder-Kanonen, 6 Vierundzwanzigpfünder-Karronaden auf der Poop und 2 Zweiunddreissigpfünder-Karronaden auf dem Vorschiff. Diese Kanonen hatten sich bereits im Juni 1795 bewährt, als die MARS (74 - Charles Cotton) gemeinsam mit der TRIUMPH (74 - Erasmus Gower) die Flucht des kleinen Linienschiffgeschwaders von Admiral Cornwallis vor der französischen Flotte von Vizeadmiral Villaret-Joyeuse gedeckt hatten.
Die 634 Männer der MARS waren stolz auf ihr Schiff ; Sie waren alles andere als ein zusammengewürfelter Haufen von gequälten und gepressten Seeleuten, sondern versammelten zum großen Teil gut ausgebildete und durchaus selbstbewußte Spezialisten.
Trotzdem hatten diese Männer sich schließlich im April 1797 gemeinsam mit anderen Crews gegen die geradezu lächerliche Löhnung in der Royal Navy gewandt, hatten sich gegen das schlechte Essen und gegen andere Mißstände an Bord der Kriegsschiffe aufgelehnt. Und die Rebellen vom Spithead hatten einen Teilerfolg erzielt: Generalpardon des Königs und eine Verbesserung von Löhnung und Versorgung brachte die MARS und andere Linienschiffe wieder unter Segel. Doch auf dem Ankerplatz Nore in der Themse hatten andere Seeleute aus der Rebellion eine echte Meuterei gemacht. Das Ende der "Floating Republic" und ihres Rädelsführers Richard Parker war blutig gewesen, das Vertrauen der Öffentlichkeit und der Admiralität in ihre Schiffscrews wurde schwer erschüttert, das Ansehen der Seeleute in der englischen Öffentlichkeit wich skeptischem Unbehagen und Mißtrauen.

 British Napoleonic Ship-Of-The-Line

Diesen Wandel in der Haltung der englischen Öffentlichkeit gegenüber den Seeleuten muß auch James Blythe gespürt haben, 1798 Fähnrich und Midshipman auf der MARS. Dabei waren Blythe und seine neue Position als Offiziersanwärter gerade ein Symbol des neuen Verhältnisses zwischen Offizieren und Crew. Der Fähnrich war vor der Rebellion im Spithead noch Mitglied der Crew gewesen und avancierte im Verlaufe der Unruhen zu einem von zwei Delegierten der Mannschaft im Rat der Rebellierenden. Damit hatte Blythe an der Spitze der Beschwerdeführenden gestanden. Mit negativen Worten: Er war ein Rädelsführer der Meuterei gewesen. Nach der friedlichen Beilegung des Konflikts im Spithead wurde er zum Fähnrich befördert und stand nun als sichtbares Zeichen der Versöhnung zwischen Besatzung und Offizieren neben Kapitän Alexander Hood auf dem Achterdeck der MARS.
Hood kam aus ganz anderen Verhältnissen als Blythe. Er stammte aus einer einflussreichen Familie von hochrangigen Seeoffizieren, sein Cousin Lord Bridport war der Oberkommandierende der Kanalflotte. Im Februar 1797 hatte Hood das Kommando über die MARS angetreten und nur wenige Wochen später setzte ihn die Crew im Laufe der erwähnten Rebellion zwangsweise an Land. Nachdem Hood gegen Ende der Unruhen an Bord zurückgekehrt war, hatte die Crew ihm mehrfach signalisiert, dass sie hinter den Offizieren des Schiffes stände. Das waren keine leeren Worte der Anbiederung: Im Juni 1797 warnten Crewmen Kapitän Hood vor einer kleinen Gruppe von Unruhestiftern und zeigten so, dass sie an weiteren Unruhen nicht interessiert waren. Sie versicherten ihrem Kommandanten in einem von jedem Crewmitglied unterschriebenen Brief, das diese kleine Gruppe in der Crew keinen Rückhalt gehabt habe. Die Männer, die nach ihren eigenen niedergeschriebenen Worten stolz auf ihren Status und ihre Identität als britische Seeleute waren, brannten auf jede Gelegenheit, ihre Loyalität zu beweisen.

Hood konnte also auf diese Crew vertrauen, ebenso wie er vermutlich Blythe vertraute, der an diesem 21. April 1798 neben ihm auf dem Achterdeck gestanden haben mag oder vielleicht auch in der Takelage hing und nach Nordosten spähte, in die Iroise-See. Gegen 11:00 wurde dann die Schiffsroutine jäh durchbrochen: Die MARS sichtete zwei kleinere Schiffe. Es handelte sich um einen französischer Lugger, der dabei war, eine schwedische Brigg aufzubringen. Sowohl die MARS wie auch die RAMILLIES nahmen die Verfolgung der beiden Schiffe auf. Begleitet wurden sie von der Fregatte JASON (38 - Charles Stirling).
Doch nur wenig später gerieten östlich der MARS wesentlich größere Segel in das Blickfeld der Verfolger. Unter Land strebte ein großes Schiff kreuzend in Richtung Iroise. Das britische Verfolgertrio kontaktierte mittels Signalen Admiral Lord Bridport, dessen Flotte rund 10 Meilen westlich stand. Dies geschah über zwei der zurückgebliebenen Fregatten, die ebenfalls Teil des Beobachtungsgeschwaders gewesen waren. Diese Fregatten bildeten eine Signalkette zwischen der Flotte im Atlantik und den Jägern vor der Küste. Auf diesem Weg befahl Admiral Bridport seinem jüngeren Cousin, das Zielobjekt zu wechseln und nun das größere Schiff zu verfolgen. Der Admiral und der Kapitän, die durch Kontakte mit neutralen Schiffen und heimischen Fischern stets gut über die Vorgänge in französischen Häfen und Werften informiert waren, ahnten höchstwahrscheinlich sogar, welches Schiff an diesem Morgen danach trachtete, den Hafen von Brest zu erreichen.

 The Royal Navy: A History from the Earliest Times to 1900

The Royal Navy: A History from the Earliest Times to 1900
von William Laird Clowes
Sprache: Englisch
Taschenbuch - Chatham Publishing
Erscheinungsdatum: 1996

 The Naval Chronicle

The Naval Chronicle:
The Contemporary Record of the Royal Navy at War

von Nicholas Tracy
Sprache: Englisch
Gebunden, Erscheinungsdatum: Januar 1999

Am frühen Morgen des 21. April 1798 hatte ein neues französisches Linienschiff den Hafen von L'Orient verlassen, um zur Flotte in Brest zu stoßen. Kommandant der erst jüngst in Dienst gestellten HERCULE (74) war Kapitän Louis L'Heritier, ein Veteran der Seeschlacht des Glorious First of June, welche Ende Mai / Anfang Juli 1794 im Atlantik gefochten worden war. L'Heritier hatte damals die AMERICA (74) zäh verteidigt, doch sein Schiff war nach endlosem Beschuss entmastet worden. Mit über 60 % Verlusten hatte der Kapitän am Ende das verkrüppelte Linienschiff übergeben müssen und war in Kriegsgefangenschaft geraten. L'Heritier war aber nach wenigen Wochen ausgetauscht worden und nach Frankreich zurückgekehrt.
In L'Orient hatte er die Ausrüstung und Bewaffnung der HERCULE überwacht. Diese entsprach dem Standard eines französischen 74-Kanonen-Schiffes. Die HERCULE war unwesentlich größer und schwerer als die MARS und führte insgesamt 78 Geschütze: 28 Sechsunddreissigpfünder-Kanonen standen im unteren Artilleriedeck, im oberen Deck 30 Achtzehnpfünder und an Deck 16 Achtpfünder-Kanonen. Ergänzt wurden diese leichteren Geschütze durch 4 Sechsunddreissigpfünder-Karronaden. Obwohl die HERCULE vier Geschütze weniger führte als ihr späterer englischer Gegner, so wog ihre abgefeuerte Breitseite doch etwas mehr als die der MARS 1.
Ein Großteil der französischen Besatzung war aus Brest nach L'Orient transferiert worden. 680 Mann Besatzung und Offiziere gingen an Bord, ein Großteil von ihnen waren ebenfalls Veteranen aus diversen Gefechten auf See. Möglicherweise hatten diese Männer in der Summe sogar mehr Kampferfahrung aufzuweisen als ihre Kollegen von der MARS. Sie waren jedoch von verschiedenen Schiffen auf die HERCULE gekommen. Anders als das Gros der Crew von der MARS trug die HERCULE also keine Besatzung, die schon über einen längeren Zeitraum zusammen gewesen war. Neben der Crew nahm das Linienschiff eine unbekannte Zahl von Soldaten an Bord, die man nach Brest schaffen wollte. Es kann sich dabei jedoch um keine größere Truppe gehandelt haben, weil sie in dem späteren Bericht von William Butterfield, dem Ersten Offizier der MARS, nicht explizit erwähnt wurde.

Die Verfolgung

L`Heritier wußte um die britische Flotte vor Brest, doch hoffte er, unter Land bis in die Iroise zu kreuzen, ohne gesehen zu werden. Am Nachmittag aber sichteten seine Ausgucks von See her drei größere Schiffe, die offensichtlich die HERCULE verfolgten und ihr den Weg in den Atlantik abschnitten. Der Wind ließ zwar eine direkte Verfolgung nicht zu, alle beteiligten Schiffe kreuzten auf ihr Ziel zu. Doch an Bord der HERCULE war jedem klar, welches Ziel jeder Schlag der in der Ferne sichtbaren Segler hatte. Der französische Kapitän dürfte kaum einen Zweifel gehabt haben, dass es sich dabei um Schiffe aus Lord Bridports Flotte handeln mußte. Trotzdem war er vermutlich noch nicht beunruhigt. Derartige Jagdszenen an der französischen Atlantikküste waren alltäglich, die HERCULE hatte einen Vorsprung und die Franzosen waren auf einen Kurs in den Atlantik nicht angewiesen. Gegen Abend hoffte L'Heritier die Passage de Raz zu erreichen, ein Nadelöhr zwischen der Ile de Sein und dem Festland, das in die Iroise führte und ohne französischen Lotsen, insbesondere in der Dunkelheit, für die britische Übermacht kaum passierbar war.

Die Iroise-See

Auf den Verfolger-Schiffen war inzwischen das Jagdfieber erwacht, die Briten lieferten sich nun ein gegenseitiges Rennen. Bei solchen Gelegenheiten wurden stets mehr Segel gesetzt als üblich und die Belastungsgrenzen der Masten und Stengen ausgelotet. Stunde um Stunde wurde deutlicher, dass die sich nähernden Briten ein französisches Linienschiff verfolgten und der Ehrgeiz der Kapitäne wuchs mit jedem Schlag.
Die MARS hatte sich inzwischen an die Spitze des britischen Trios gesetzt und ließ ihre Kollegen immer weiter hinter sich. Kapitän Inman von der RAMILLIES schließlich mutete seinem vorderen Topp-Mast zuviel zu, das Holz hielt dem Druck des Windes nicht mehr stand. Gegen 18:30 brach der Mast und die RAMILLIES fiel sofort deutlich zurück.
Auf der MARS wurde dies den Chronisten folgend nicht mit Bedauern, sondern sogar mit Freude beobachtet. Die strenge kommunikative Hierachie an Bord eines britischen Linienschiffes dieser Zeit schien aufgehoben. Seeleute sprachen angeblich Kapitän Hood direkt an, äußerten ihre Vorfreude auf einen Kampf mit dem Franzosen, versicherten ihm ihre absoluten Loyalität und bezeichneten es als eine Ehre, unter ihm kämpfen zu dürfen. An Bord der MARS , ein möglicherweise blutiges Gefecht vor Augen, schien den Berichten nach eine heitere, erwartungsvolle Stimmung zu herrschen.
Ob die Chronisten hier die tatsächlich vorherrschenden Gefühle der Crew eingefangen haben, bleibt zu bezweifeln. Kein Zweifel dürfte aber angesichts solcher Schilderungen an dem Bemühen der zeitgenössischen Berichterstatter bestehen, das durch die Meutereien nachwirkende Mißtrauen in britische Crews in der Öffentlichkeit zu reparieren.
Was aber dürfte ein Maat auf der MARS angesichts des möglichen Duells mit der HERCULE wirklich bewegt haben ? Das Gefühl der Angst wäre absolut menschlich und natürlich. Daneben dürfte die Aussicht auf Prisen- und Kopfgeld bei dem ein oder anderen Crewmitglied durchaus die Stimmung beeinflusst haben. Denn sollte die MARS in einem möglichen Gefecht obsiegen, dann wäre die britische Flotte nicht in Sicht und auch die RAMILLIES wurde ja zunehmend abgehängt. Deswegen hätte man das zu erwartende Prisengeld nicht teilen müssen. Auch dürfte die Aussicht auf eine Bewährungsprobe für den ein oder anderen Mann nicht bedeutungslos gewesen sein. Ein Sieg in einem Duell machte auch vor dem Mast (Mannschaftsquartiere) den Weg frei für Beförderungen oder ließ zumindest vergangene Sünden vergessen. Endlich hätten die Seeleute ihren Ruf wieder hergestellt, eine Erwartung, die jeder kennt, der auf seinen Beruf und seine Fähigkeiten stolz ist.

An Bord der HERCULE dürfte die Hoffnung auf ein Entkommen unter den Männern dominant gewesen sein. Immerhin mußten die französischen Seeleute damit rechnen, gegen eine Übermacht zu kämpfen. Sie hatten in einem Duell nichts zu beweisen und kaum etwas zu gewinnen. Das Schiff war neu, die Besatzung in dieser Zusammensetzung ebenfalls. Dazu kam, dass der revolutionäre Enthusiasmus im Jahre 1798 weitgehend abgekühlt war. Die französischen Seeleute wußten zu diesem Zeitpunkt nicht genau, für was oder wen sie eigentlich kämpften.
Die Schnelligkeit der MARS beraubte Kapitän L'Heritier inzwischen endgültig der Option, die Passage de Raz zu vermeiden und die Insel Sein zu runden, wenn dies jemals seine Absicht gewesen sein sollte. Immerhin konnten die Franzosen noch beobachten, dass die RAMILLIES nicht mehr in Sicht war und die JASON bereits großen Rückstand auf die MARS aufwies.
Gegen 20:00, die Dunkelheit war bereits hereingebrochen, erreichte die HERCULE die Passage. Hier erwartete die Franzosen eine unangenehme Überraschung. Die Iroise ist starken Tide-Schwankungen ausgesetzt und die HERCULE stieß vor der Passage auf einen unerwartet starken Ebbstrom. L'Heritiers Versuche, gegen diese Strömung die Passage zu nehmen, scheiterten, das französische Linienschiff saß in der Falle, mit dem Rücken zur Wand. Die HERCULE mußte die Flut abwarten, um in die Iroise zu gelangen. Ihrem Kommandanten blieb nichts anderes übrig, als vor der Passage zu ankern und mittels einer Spring auf der Ankerkette, diesmal unterstützt von der starken Strömung, seine Breitseite nach dem Gegner bzw. seinen Bordlichtern auszurichten.

Der Schauplatz des Duells zwischen MARS und HERCULE

An Bord der MARS aber hatte man in der Dunkelheit den Gegner aus den Augen verloren. Sollte die HERCULE durch die Passage entkommen sein ? Leutnant George Argles, dritter Offizier an Bord und ein Kenner der Gewässer vor Brest, versicherte Kapitän Hood, dass dies bei der derzeitigen Strömung nicht möglich sei. Der Leutnant war diesbezüglich offensichtlich kundiger als der französische Kapitän, der es ja immerhin versucht hatte.
Endlich - gegen 20:45 - konnte man von der MARS aus Lichter sehen, die den Ankerplatz des feindlichen Schiffes anzeigten. Warum, so könnte man fragen, machte es L'Heritier der MARS so leicht, ihn zu finden ? Die vermutliche Antwort liegt wiederum in dem Ebbstrom der Passage, welcher ja durchaus französische Schiffe in Gegenrichtung durch die Passage hätte tragen können. Diese hätten mit einer unbeleuchteten HERCULE kollidieren können. Wie die meisten französischen Seeoffiziere dieser Zeit war L'Heritier zuerst Seemann, erst dann Taktiker und Soldat. Und er hatte eigentlich keinen Grund mehr, das Duell zu vermeiden, denn zu Beginn eines sich anbahnenden Gefechts hatte die HERCULE gegen den einzigen verbliebenen Verfolger zweifellos einen taktischen Vorteil. Sie lag sicher verankert in der starken Strömung und konnte ihre Steuerbord-Breitseite nach dem aus der Dunkelheit auftauchenden Gegner ausrichten. Hood dagegen mußte seine Position noch finden und dabei mit der Strömung kämpfen, die L'Heritiers Flucht verhindert hatte.
Als die Briten die HERCULE sichteten, versuchte der britische Kommandant tatsächlich zunächst, die relative Unbeweglichkeit des französischen Gegners auszunützen und den Zweikampf unter Segeln zu kämpfen. Hood wählte einen Kurs, der ihn vor den Bug oder das Heck der HERCULE bringen sollte. Gelang es ihm, mit seinem Schiff dort hin- und her zu kreuzen, konnte er die HERCULE unter Längsbeschuss nehmen. So kassierte die MARS bereits in der Annäherung eine Breitseite der französischen Kanoniere. Hood mußte jedoch erkennen, dass er in der starken Strömung ohne Anker wenig ausrichten konnte und ließ die MARS vor den Bug der HERCULE gleiten. Dort ließ er seinen Buganker fallen, der sich über den Buganker der HERCULE legte. Die MARS wurde von der Strömung zurückgedrückt und legte sich langsam direkt neben den Gegner, wobei sie eine Reihe von Stückporten-Klappen der unteren Batterie des Gegners abriss.
Während das englische Linienschiff sich drehte, fetzte eine französische Breitseite in das Vorschiff und den Bugspriet des Briten und richtete einigen Schaden an. Doch war es vielleicht diese Breitseite, die die Franzosen sich besser für die folgende dramatische Situation aufgehoben hätten.
Bug an Bug, Seite an Seite, Heck an Heck lagen schließlich die beiden ungefähr gleich langen Duellanten, mit nicht einmal einem Meter Abstand zwischen den Rümpfen und durch die Ankerketten quasi unlösbar miteinander verbunden. Es war 21:25 und nun brach für die Geschützmannschaften der beiden Artilleriedecks die Hölle los.

Kurz nach der Kapitulation der HERCULE - Im Hintergrund nähert sich die JASON

Das Duell

Wie bereits erwähnt, standen auf dem unteren Batteriedeck 14 französische Sechsunddreissigpfünder-Kanonen 15 britischen Zweiunddreissigpfünder-Kanonen gegenüber. Die Rohre berührten sich zum Teil sogar und man hat wohl kaum eine realistische Vorstellung davon, was in den nächsten Minuten passierte. Die Geschützmannschaften beider Schiffe mußten warten, bis ihre Offiziere das Feuer freigaben und dies Auge in Auge mit der Kanone genau auf der anderen Seite. Wer seine Rohre zuerst abfeuerte, ist zwar nicht bekannt, doch waren es mit hoher Wahrscheinlichkeit die britischen Kanoniere.
Um einen französischen Sechsunddreissigpfünder nachzuladen, bedarf es immerhin einiger Minuten. Die Franzosen hatten aber bekanntlich kurz zuvor schon eine Breitseite auf den Bug der MARS abgefeuert. Bestenfalls waren sie gerade rechtzeitig mit dem Neuladen fertig geworden, doch dürften sie kaum noch Zeit gehabt haben, Erhöhung und Richtung mittels Keilen und Handspaken zu korrigieren. Die Briten dagegen dürften genug Zeit gehabt haben, sich auf diese selbst für Schiffszweikämpfe dieser Zeit ungewöhnlich nahe Distanz und vielleicht sogar auf ein Ziel einzustellen.
Wahrscheinlich entluden sich also die Salven beider Schiffe beinahe gleichzeitig, doch jeder Schuss der Briten muß ein Volltreffer gewesen sein. Offenbar wurde dabei mindestens eine der schweren französischen Kanonen demontiert.
Auch im oberen Artilleriedeck, wo sich jeweils 15 Vierundzwanzigpfünder und Achtzehnpfünder-Kanonen gegenüber standen, wird es nach diesem ersten Austausch der Breitseiten gewesen sein, als hätten sich die Pforten der Hölle geöffnet. Dunkler Pulverqualm muß auch den letzten Rest von Laternenlicht verdeckt haben, Verwundete und Verstümmelte taumelten, halbtaub durch die Abschüsse, in der Dunkelheit herum, da und dort brachen kleine Feuer aus, wenn zerbrochene Laternen zu Boden geschleudert wurden oder sich Pulverreste entzündeten, Verletzte brüllten vor Angst und Schmerz, die Kanoniere, die die Kanonen neu laden wollten, stolperten über abgeschossene Arme und Beine und überall griff oder trat man in eine klebrige Flüssigkeit, das Blut der Zermalmten, Gefallenen oder Verwundeten.
Trotz dieses Horrors und praktisch blind luden die Geschützmannschaften ihre Kanonen erneut, ein klarer Vorteil für gut gedrillte und eingespielte Teams. Im untersten britischen Artilleriedeck ließ der kommandierende Leutnant John Bowker die Kanonen nur noch laden, aber gar nicht erst mehr ausrennen. Er ließ sie einfach innerhalb des Decks abfeuern. Damit riskierte Bowker den Ausbruch weiterer Brandherde durch herumfliegende, glühende Ladungsrückstände, sicherte der MARS damit aber einen womöglich entscheidenden Geschwindigkeitvorteil und seinen Kanonieren einen besseren Schußwinkel, um die feindlichen Kanonen anzugehen.

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Wahrscheinlich folgte auch das obere Artilleriedeck mit den Vierundzwanzigpfündern schon bald diesem Beispiel. Die zweite Breitseite der Briten kam den Salven der Franzosen jedenfalls zuvor und wer unter diesen Umständen zuerst schoß, hatte bei dieser Distanz definitiv den Vorteil.
Obwohl um sie herum ein unbeschreibliches Grauen geherrscht haben muß, liefen die französischen Kanoniere nicht davon. Die Kanonen, die funktionsfähig waren, schleuderten ihre schweren Geschosse in den Rumpf der MARS, zersplitterten die Stückpforten des Gegners, wühlten sich blutig durch die eine oder andere Gruppe von Briten und spiehen auf ihrem Wege Wolken von Holzsplittern als tödliche Geschosse in alle Richtungen.
Nach einigen Minuten aber wurde das Feuer von den beiden Artilleriedecks der HERCULE tatsächlich spürbar schwächer. Mindestens fünf der schweren französischen Kanonen waren inzwischen durch Treffer völlig demontiert worden, viele Geschütze waren zu schwer beschädigt, um noch von Nutzen zu sein und die Verluste auf den Artilleriedecks waren katastrophal.
An Deck standen mit den Acht- bzw. Neunpfündern und den Karronaden weniger schwere Geschütze, doch bahnten sich viele Kugeln aus den unteren Batterien ihren Weg nach oben, wie auch die britischen Karronaden mit Neigung nach unten feuerten und das Gemetzel in den französischen Decks noch vergrößerten. Im höheren Sinn war mit dem sich abzeichnenden Triumph der schweren britischen Artillerie das Gefecht schon nach wenigen Minuten, vielleicht schon nach der zweiten oder dritten Salve entschieden.
Doch während die schweren Sechsunddreissigpfünder der Franzosen schließlich ganz zum Schweigen gebracht wurden, feuerte die HERCULE von ihren anderen Decks aus weiter. Intensives Musketenfeuer der französischen Soldaten bereitete einen Enterversuch vor, der jedoch in einem brutalen Gemetzel auf dem Vorschiff steckenblieb. Die Briten, angeführt von den rotberockten Seesoldaten, konnten die Franzosen zurückschlagen, wobei viele - Briten und Franzosen - in die schmale Lücke zwischen den beiden Schiffen stürzten und dort von den rollenden Schiffsrümpfen zerquetscht wurden. Die MARS verlor bei diesem Angriff u.a. ihren Kapitän der Marineinfanterie, Joseph White. Schwer waren nun auch die Verluste auf britischer Seite, bezeichnenderweise fielen aber offensichtlich mehr Leute an Deck als darunter.

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Und während auch das obere Artilleriedeck der HERCULE schließlich kaum noch feuerte, traf eine Musketenkugel, abgefeuert aus den Wanten der HERCULE, den Oberschenkel Kapitän Hoods und zerriß dem britischen Kommandanten die Oberschenkelarterie. Der verblutende Hood mußte nach unten getragen werden, an seine Stelle trat der Erste Offizier William Butterfield.
Ungefähr zu diesem Zeitpunkt, also nach rund 30 Minuten, war das französische Feuer von den Artilleriedecks der HERCULE völlig zum Erliegen gekommen. Die französischen Geschützcrews waren buchstäblich in Stücke geschossen worden, die Überlebenden hatten sich unter Deck zurückgezogen. Lediglich an Deck kämpfte Kapitän L'Heritier mit seinen Männern noch weiter.
Leutnant Bowker, Kommandant der unteren Batterie der MARS, stieg in das mittlere Deck des Schiffes und erkundigte sich bei dem dort kommandierenden Leutnant Argles, ob die Franzosen bereits kapituliert hätten. Vermutlich konnten die beiden Leutnants angesichts ihrer eigenen ununterbrochen schießenden Kanonen die Abschüsse und das Musketenfeuer an Deck nicht wahrnehmen. Auch die vorübergehende Taubheit der Männer, Effekt der eigenen und fremden Artillerie, ließen die Geräusche des Kampfes an Deck vermutlich untergehen. Argles, selbst schwer verwundet, doch noch auf seinem Posten, konnte Bowker keine weiterführenden Informationen geben. Bowker begab sich auf das Achterdeck, um Instruktionen vom Kommandanten einzuholen.
Just zu diesem Zeitpunkt hatte offensichtlich Kapitän L'Heritier das Feuer einstellen lassen, um in einem letzten verzweifelten Enterversuch das Blatt noch zu wenden. Bowker fand auf dem Achterdeck keinen höheren Offizier vor. Kurz zuvor muß sein Kommandant von der erwähnten Kugel getroffen worden sein, was vielleicht das kommandomäßig verwaiste Achterdeck erklärt. Der so allein gelassene Leutnant ging angesichts der relativen Ruhe auf der HERCULE davon aus, dass das feindliche Schiff kapituliert hatte und sammelte ein Enterkommando um sich, welches das französische Linienschiff in Besitz nehmen sollte. Bowker lief mit seinen Männern jedoch genau in den französischen Angriff und wurde schwer verwundet. Ungewollt jedoch war er dem Enterangriff L'Heritiers, geführt von dessen Ersten Offizier, zuvorgekommen und verschaffte den Briten die Zeitspanne, den Franzosen mit stärkeren Kräften gegenüberzutreten. So wurde der letzte französische Versuch, die MARS zu nehmen, nach einem blutigen Handgemenge zurückgeschlagen.
Danach war der Widerstand an Deck der HERCULE gebrochen. Ein weiteres englisches Enterkommando sammelte sich an Bord der MARS, das Feuer der britischen Artillerie wurde eingestellt und das französische Linienschiff geentert. Kapitän L'Heritier kapitulierte um 22:30, nach 70 Minuten Kampf, und übergab seinen Säbel einem britischen Offizier, vermutlich dem verletzten Leutnant John Bowker, der es sich trotz seiner Wunden nicht hatte nehmen lassen, die HERCULE in Besitz zu nehmen. Bowker muß dann den Säbel weitergegeben haben, denn der Schiffskaplan der MARS, Reverend Thomas Morgan, brachte schließlich die Waffe unter Deck des englischen Linienschiffes, um sie Kapitän Hood zu präsentieren. Die später entstandenen Gemälde zur Kapitulation, die zeigen, wie der französische Kommandant seinen Säbel an Bord der MARS dem sterbenden Alexander Hood persönlich übergibt, sind unzutreffende Glorifizierungen dieses Moments. Hood starb zwar tatsächlich ungefähr zum Zeitpunkt der Kapitulation, doch gehe ich davon aus, dass er durch den Blutverlust bereits bewußtlos war und den Sieg wohl nicht mehr wahrgenommen hat. Neben Hood fiel auf dem Achterdeck auch Fähnrich James Blythe, wie und zu welchem Zeitpunkt, wird nicht berichtet.

 The Age of the Ship of the Line: The British and French Navies, 1650-1815

The Age of the Ship of the Line: The British and French Navies, 1650-1815
von Jonathan R. Dull
Sprache: Englisch
Gebunden - Univ of Nebraska - 268 Seiten
Erscheinungsdatum: Juni 2009

 Stephen Biestys Cross sections Man of War

Stephen Biestys Cross-Sections Man-of-War
von Stephen Biesty
Sprache: Englisch Format : 35,6 x 26,7 x 1,5 cm - Gebunden
Erscheinungsdatum: 1993 - 32 Seiten


Stephen Biesty's Man of war


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Die Briten hatten in den Minuten nach der Kapitulation reichlich damit zu tun, diverse Brandherde an Bord des eroberten Schiffes zu löschen. Der sich verziehende Pulverdampf enthüllte die völlig zerschmetterte und durchgehend geschwärzte, ehemalig gelbe Steuerbordseite der HERCULE. Zum Teil waren die Zwischenräume zwischen den Stückpforten völlig weggeschossen worden. Zahlreiche Treffer lagen sogar in der Wasserlinie, ganze Decksplanken waren der Länge nach aufgerissen worden. Im scharfen Kontrast dazu war die Takelage der HERCULE annähernd unbeschädigt.
Die MARS zeigte zwar auch ungezählte Einschüsse in ihrem Rumpf, sie hatte jedoch deutlich weniger gelitten als ihr Gegner. Dies ist ein Indiz dafür, dass die englische Artillerie im Duell der schweren Kanonen recht schnell die Oberhand gewonnen hatte.
In den Decks der HERCULE fanden die Briten Berge von Leichen, demontierte Geschütze, zerschmetterte Lafetten und überall Schwarzpulver, das sich als nach wie vor entzündlich herausstellte. Ein britischer Offizier äußerte die Meinung, dass nur die zwischen den Kanonen liegenden Leichen eine Kettenreaktion des Pulvers mit resultierenden Explosionen verhindert hatten.
20 Minuten nach der Kapitulation der HERCULE erreichte die Fregatte JASON (38 - Stirling) die beiden zerschlagenen Schiffe. Kapitän Stirling hatte sich in der Dunkelheit an den Mündungsfeuern des Gefechtes orientieren können und seine Männer waren eine willkommene Hilfe bei der Überführung der Gefangenen an Bord der britischen Schiffe. Auch Kapitän L'Heritier, ebenfalls verwundet, ging in Kriegsgefangenschaft.
Die MARS und die JASON schleppten in den nächsten Stunden die HERCULE hinaus auf die See und zur englischen Flotte. Eile war geboten, das stark leckende Schiff nach England zu bringen, denn das Aufkommen von Schlechtwetter hätte eine sichere Passage fraglich gemacht. Doch das Wetter hielt und die beiden Linienschiffe erreichten sicher Plymouth.

Danach

Die Zahl der französischen Opfer dieses Duells wird in keiner Quelle exakt genannt. Die Schätzungen der Verluste reichen von 290 bis 400 Toten und Verwundeten bei rund 700 Mann Besatzungstärke. Die Briten verloren 30 Männer, von denen 8 nie gefunden wurden - sie gehörten vermutlich zu den Unglücklichen, die während der Handgemenge zwischen die beiden Schiffe fielen. 60 verwundete Seeleute waren zu versorgen, darunter ein erstaunlich geringer Prozentsatz von Männern, die auf den Artilleriedecks die Kanonen bedient hatten, wie eine Quelle vermerkt.
Die MARS verlor ihren Kapitän, der französische Kommandant überlebte aber entgegen den verfrühten Nachrufen in der NAVAL CHRONICLE seine Verwundung und kehrte bald darauf nach Frankreich zurück, wo er wegen seines Einsatzes mit hohen Ehren empfangen wurde. In Frankreich war man stolz auf die Verteidigung der HERCULE, wobei man jedoch in manchen Berichten fälschlicherweise davon ausging, das Schiff habe sich gegen mehrere britische Schiffe behaupten müssen.
Der erste Offizier der MARS, William Butterfield, der die HERCULE nach Plymouth brachte, wurde umgehend zum Commander befördert. Dies war freilich die einzige Beförderung, die dieser doch einmalige Seesieg nach sich zog.
Das Echo in der britischen Presse und den literarischen Reflektionen betonte immer wieder die Rolle der MARS während der Meutereien und die Läuterung ihrer Crew im Duell mit der HERCULE. Es war symbolträchtig, dass es ein ehemaliges "Meuterer-Schiff" war, das der Welt in einem Eins-zu-Eins-Duell die Überlegenheit britischer Linienschiffe vor Augen führte.
Die MARS und ihre Crew blieben nach den notwendigen Reparaturen Teil der Flotte vor Brest und erregten im Juli 1800 noch einmal öffentliche Aufmerksamkeit, als sie vor Brest, in Sicht der französischen Flotte, ihr Schiff demonstrativ vom Bug bis zum Heck tünchten - Ausdruck eines provokativen Selbstbewußtseins.
Das Prisengeld für die HERCULE, die von der Royal Navy gekauft und unter ihrem anglisierten Namen in Dienst gestellt wurde, mußten die Männer von der MARS jedoch teilen. Die Argumentation des Prisengerichtes verwies darauf, dass die JASON und die britische Flotte während des Kampfes in Sichtweite waren - man hatte an Bord des Flaggschiffes von Lord Bridport ja schließlich die Mündungsblitze der Kanonen sehen können !

 The Marine Art of Geoff Hunt

Es ist mangels aussagekräftiger Daten schwer zu sagen, welche Folgen das einzige reine Linienschiffduell dieser Tage für die Kriegsführung hatte.
Das die Briten in einem Nacht-Duell zwischen diesen beiden Spitzen-Schiffen obsiegten, hatte aber sicher mehr als symbolischen Wert. Es ist davon auszugehen, dass das Duell für viele Briten als eine Bestätigung der Überlegenheit der britischer Schiffsartillerie über die französischen Kanonen galt, obwohl ich es für wahrscheinlich halte, das bereits die erste, aufgesparte Breitseite der schweren MARS-Artillerie die Entscheidung brachte. Britische Kommandanten konnten aber ihre Linienschiffe mit einem begründeten Gefühl der Überlegenheit ins Gefecht führen. Die britische Öffentlichkeit dürfte dieses Gefühl geteilt haben.
Interessant: Am 9. Mai 1798, also rund drei Wochen nach dem Duell, verließ Konteradmiral Horatio Nelson Gibraltar und sollte in den nächsten Wochen die Expeditions-Flotte Napoleon Bonapartes verfolgen, um schließlich am 1. August 1798 in der berühmten Schlacht vor Abukir das französische Begleitgeschwader der Expedition zu vernichten. Nelson hatte mit Sicherheit noch von den Einzelheiten des Gefechts vor der Passage de Raz gehört. Ist es nur ein Zufall, dass er im August des selben Jahres die französische Flotte in der Bucht von Abukir bei schwindendem Licht ohne Zögern angriff und in einem Nachtgefecht vernichtete ?
Über politische und soziale Folgen von Hoods Sieg kann man ebenfalls nur spekulieren. Vielleicht war das Gefecht für viele Menschen auf den britischen Inseln ein Schlußstrich unter die Rebellionen vom Spithead und Nore. Die britische Presse zumindest belebte in ihrer Berichterstattung das Bild vom integren und loyalen, stoisch kämpfenden und unbesiegbaren englischen Maat neu.
Auf der französischen Seite mag dieses Duell dazu beigetragen haben, dass die Franzosen in den nächsten Jahren einer großen Linienschiffschlacht aus dem Weg gingen. Denn man kann ja auch einmal fragen, was in den nächsten Monaten geschehen wäre, wenn die HERCULE dieses Duell für sich entschieden hätte ?!

Napoleonic Naval Armaments 1792-1815 Napoleonic Naval Armaments 1792-1815
(New Vanguard)
von Chris Henry, Brian Delf (Illustrationen)
Sprache: Englisch
Taschenbuch - 48 Seiten - Osprey -

Erscheinungsdatum: Mai 2004

Die Überlegenheit der Royal Navy basierte auf vielen Faktoren. Eine Basis für den Erfolg der Briten bestand zweifellos in ihrer überlegenen Artillerie. Dieses Buch vergleicht die englische Bewaffung mit der Ausstattung ihrer französischen, spanischen, dänischen, russischen und holländischen Opponenten.


Literatur / Quellen

Joseph Allen - England's Wooden Walls in: UNITED SERVICE MAGAZIN and NAVAL and MILITARY JOURNAL, Teil III, London 1842, 338 ff.

Leonard F. Guttridge - Mutiny: A History of Naval Insurrection, s.o.

William James, Andrew Lambert : The Naval History of Great Britain: During the French Revolutionary and Napoleonic Wars , Stackpole Books 2003

William Laird Clowes - The Royal Navy: A History From the Earliest Times to 1900, s.o.

Isaac Schomberg : Naval Chronology V5: Or a Historical Summary of Naval and Maritime Events, from the Time of the Romans, to the Treaty of Peace 1802 , Kessinger Pub. 2009

Nicholas Tracy - The Naval Chronicle: The Contemporary Record of the Royal Navy at War , s.o.


Fußnote

1 = William James errechnet für die beiden Breitseiten ein Verhältnis von 984 zu 985 Pfund. Was James an dieser Stelle nicht erwähnt: Die Pfundangaben bei Kanonen und Karronaden beziehen sich bei den Briten auf das britische Maß, bei den Franzosen aber auf ein französisches Maß. Ein französischer Sechsunddreissigpfünder z.B. entsprach so ungefähr einem britischen Achtunddreissigpfünder. M.E. ist das aber ohne Bedeutung, weil bei diesen Kalibern bzw. Breitseitengewichten 100 Pfund mehr oder weniger buchstäblich kaum ins Gewicht fallen.

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Der ganze andere Plunder

Links und Quellen


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