Interesting Facts Relating to the Fall and Death of Joachim Murat, King of Naples (Taschenbuch)
von Francis Maceroni
Sprache: Englisch - Xlibris Corporation , 176 Seiten, Erschienen im August 2008

Napoleon. Eine Biographie

Napoleon. Eine Biographie
von Johannes Willms
Sprache: Deutsch
gebundene Ausgabe - 900 Seiten ! - BECK
Erscheinungsdatum: März 2005


Wie Lord Exmouth Neapel eroberte

Die Rolle der englischen Flotte im Krieg Neapel gegen Österreich von 1815

Die Koaltitionskriege bzw. napoleonischen Kriege, die zwischen 1793 und 1815 tobten, haben thematisch in der Niederlage des französischen Kaisers bei Waterloo und seiner Abdankung einen dramatischen historischen Abschluß. Nimmt man es aber genau, wird das tatsächliche Ende dieser Kriege erst durch die Hinrichtung eines Mannes markiert, der seit Napoleon Bonapartes Niederschlagung des Pariser Aufstandes 1795 ein mehr oder weniger treuer Begleiter des korsischen Generals und späteren französischen Kaisers war.

Dieser Mann hieß Joachim Murat , geboren am 25. März 1767 in der Gascogne, Sohn eines Wirtes und späterer König von Neapel und Sizilien. Murat machte eine einmalige Karriere im Schatten Napoleons und setzte am Ende alles auf eine Karte, um seine Krone zu retten. Doch selbst in diesem Bemühen sollte er das Schicksal seines Vorgesetzten aus Jugendtagen teilen. Im Gegensatz zum korsischen Ursupator jedoch kostete ihn sein Scheitern auch gleichzeitig sein Leben.

Besiegelt wurde Murats Schicksal durch den Krieg gegen die österreichische Italienarmee, doch die Stadt Neapel selbst wurde von den Briten erobert bzw. eher genommen. Genauer gesagt, ergab sich Neapel einer englische Flotte unter dem Kommando des auf dieser Webseite recht bekannten Sir Edward Pellew, zu diesem Zeitpunkt bereits Vizeadmiral Lord Exmouth. Wie es dazu kam, schildern die folgenden Zeilen.

Joachim Murat

Der als einfacher Kavallerist 1787 eingetretene Murat wurde 1792 Offizier, half dem korsischen Artilleriegeneral Bonaparte 1795 bei der Niederschlagung des Pariser Aufstandes, diente sich auf italienischem Terrain unter Napoleon im Krieg gegen die Österreich nach oben und kommandierte bei der Invasion Ägyptens 1798 bereits die Kavallerie des französischen Expeditionskorps. 1799 kehrte er mit Napoleon Bonaparte nach Frankreich zurück, spielte eine wichtige Rolle bei dessen Machtergreifung und heiratete 1800 Caroline Bonaparte, die Schwester des später zum Kaiser aufgestiegenen Meisterstrategen. Aus dem Sohn eines Schankwirtes wurde nach der Krönung Napoleons ein Marschall von Frankreich und der Erzherzog von Berg und Kleve, ein Herzogtum, das in seiner Zusammensetzung übrigens ungefähr dem heutigen Nord-Rhein-Westfalen entspricht. Als Napoleons Bruder Joseph, bis dato König von Italien, im Jahre 1808 zum spanischen König gemacht wurde, bekam sein Schwager Murat vom französischen Kaiser das Königreich Neapel sowie Sizilien zugesprochen.

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Murats Krone

Murat trug die Krone seit dem 1. August 1808 und war in den nächsten Jahren weiterhin , dieses Mal mit seiner neapolitanischen Armee, ein treuer Verbündeter der Kaisers. Er blieb auch nicht wirkungslos in seinem Königreich, beseitigte den Feudalismus, führte den Code Napoleon ein und reformierte natürlich die Militärakademien. Außerdem förderte er die gesamtitalienische Idee, indem er z.B. diesbezüglich orientierte Geheimgesellschaften wie die Carbonari unterstützte. Dabei hatte Murat jedoch ein vereinigtes Italien unter seiner Herrschaft im Auge. Trotzdem könnte man ihn in dieser Hinsicht ideengeschichtlich als eine Art Vorläufer Garibaldis und seiner Genossen benennen. Und obwohl Murats neapolitanische Karriere undenkbar gewesen wäre ohne Napoleon Bonaparte, so darf man den ehemaligen Marschall des Kaisers nicht als unautonome Marionette des französischen Despoten sehen.

Beginnend mit dem Scheitern Napoleons in Rußland 1812 begann Murat mit dem Überlebensinstinkt des Machtmenschen seine eigenen Interessen über die des französischen Kaisers zu stellen. Nach Napoleons schwerer Niederlage bei Leipzig 1813 trat der naturalisierte Neapolitaner, den Zusammenbruch des französischen Kaiserreichs vor Augen, in Verhandlungen mit den Österreichern ein, um seinen Thron zu retten. Im Januar 1814 schloss der König von Neapel einen Vertrag mit dem österreichischen Kaiser, der eine Quasi-Anerkennung von Murats Regentschaft darstellt.

Österreich blieb allerdings der einzige einflussreichere Staat, der in den nächsten Monaten Murats Herrschaft in Neapel anerkannte. Die Briten z.B. akzeptierten die Herrschaft des Bonaparte-Weggefährten nicht. Der Ex-König von Neapel und Sizilien, Ferdinand IV, der nach der Niederlage von Austerlitz und dem Vertrag von Preßburg 1806 Neapel an Frankreich hatte geben müssen, war schon seit jeher ein Verbündeter Großbritanniens gewesen. Die Engländer betrieben folgerichtig auf dem Wiener Kongress ganz offen die Entmachtung Murats, unterstützt besonders von Frankreichs starkem Mann Talleyrand. Vermutlich hätte der amtierende Monarch Neapels am Ende die Krone tatsächlich wieder hergeben müssen, wenn auch vermutlich im Tausch gegen sein ehemaliges Erzherzogtum Kleve. Doch Murat, der früh von Napoleons Flucht von Elba (26. Februar 1815) erfuhr, setzte alles auf eine Karte. Er zog Truppen zusammen und bat Österreich um eine Durchmarschgenehmigung in den Süden Frankreichs. Damit hätte er sich alle Wege noch offen gehalten, doch Österreich verweigerte Murats Bitte und drohte den Ex-Kavalleriegeneral damit ganz aus dem Spiel zu nehmen. Dazu kamen pro-napoleonische Unruhen in Neapel selbst. Am 1. März 1815 betrat der Kaiser französischen Boden, am 7. März lief die Armee, die Napoleons Marsch auf Paris aufhalten sollte, zum zurückgekehrten französischen Kaiser über.

Am 15. März 1815, fünf Tage, bevor Napoleon an der Spitze der zu ihm übergelaufenen Armee in Paris eintreffen sollte, erklärte Joachim Murat Österreich den Krieg. Sein Ziel war es, durch einen Militärschlag Gebietsgewinne in Italien zu erzielen, womit er für alle Fälle Verhandlungsmasse in den Händen gehabt hätte. Ganz zwangsläufig geriet er so wieder auf die Seite seines Weggefährten und Schwagers Napoleon Bonaparte, den er im Januar1814 erstmals im Stich gelassen hatte.

König von Neapel und Sizilien -  Joachim Murat 1814
König Joachim Murat

Der Krieg

Mit rund 50000 Mann war die neapolitanische Armee nicht besonders groß, dafür aber gut ausgebildet, ausgerüstet, bewaffnet und durchorganisiert. Murat setzte besonders auf zwei Gardedivisionen unter dem Kommando der Generäle Livron und Pignatelli Strongoli , die den ersten Schlag führten und durch die sogenannten Papst-Staaten (Zentrum Rom) marschierten bzw. sie besetzten. Murat selbst ließ rund 10000 Mann als Schutz Neapels gegen eine Invasion von See her zurück, marschierte mit dem Rest seiner Truppen – drei Divisionen - nach Norden, besetzte und befestigte Ancona, eilte dann mit napoleonischer Geschwindigkeit Richtung Bologna und erreichte am 30. März Rimini.

Dort versuchte er durch ein Proklamation, die italienischen Nationalisten an seine Seite bzw. zum Aufstand gegen die österreichische Fremdherrschaft zu bringen. Wo diese Worte tatsächlich Italiener zu Unruhen anstachelten, wurden diese freilich sehr schnell von den Österreichern niedergeschlagen. Doch das Echo auf die Proklamation war eher schwach, Murat erschien den Italienern nicht als der Mann, der einen italienischen Nationalstaat errichten würde.

Inzwischen hatte Baron Johann Frimont, österreichischer Oberbefehlshaber in der Lombardei, 120000 Mann zusammengezogen und sich bei Piacenza positioniert, um einen neapolitanischen Vorstoß nach Mailand zu blockieren. Diese Truppenkonzentration war ursprünglich nicht gegen Murat gerichtet, sondern sollte ironischerweise genau die Aufgabe erfüllen, für die Murat sich vorgeblich eine Durchmarschgenehmigung erbeten hatte, nämlich in Südfrankreich einzufallen.

Die Vorhut des österreichischen Heers, ein Korps von 6500 Mann unter General Bianchi, stieß am 30. März 1815 in einem ersten größeren Gefecht bei Cesena auf neapolitanische Truppen unter General Carascosa und wurde zurückgeschlagen. Bianchi zog sich in Richtung Modena zum Panaro-Fluß zurück und errichtete dort eine Verteidigungslinie. Murat stieß nach, nahm am 2. April Bologna und schlug am nächsten Tag Bianchis zahlenmäßig schwächere Truppen in der Schlacht am Panaro. Die Österreicher zogen sich hinter den Po zurück, während die Neapolitaner Modena, Reggio Emilia und Carpi besetzten. Murat selbst führte den größten Teil seiner Truppen gegen Ferrara, stieß dort jedoch auf hartnäckigen Widerstand der Zitadelle. Kostbare Truppenteile und Artillerie wurden durch die Belagerung gebunden, während Murat zum Po vorstieß.

Am 8. April erreichte der neapolitanische König von Napoleons Gnaden den Po. Hier, jenseits des Po, wo die Herrschaft der Österreicher gegenüber denn Italienern noch drückender gewesen war als in der Lombardei, erhoffte sich der König von Neapel erneut großen Zulauf von Nationalisten – Gerüchte verhießen geschätzte 40000 Mann, Veteranen aus den napoleonischen Kriegen, die sich Murat anschließen würden, wenn er erst einmal Mailand genommen hätte.

Bei Occhiobello schien der Übergang über den Po am aussichtsreichsten, weil die Brücke nur von einer kleinen österreichischen Truppe unter Johann Freiherr von Mohr gehalten wurde. Murat hatte jedoch einen Großteil seiner Kanonen bei der Belagerung von Ferrara gelassen, Mohr dagegen verfügte über reichlich Artillerie, um den Angriff der Neapolitaner am 8. April 1815 zurückzuschlagen. Obwohl Murat noch über 25000 Mann verfügte, gelang es ihm an diesem Tage nicht, den Po zu überqueren. Prompt sank die Moral der vorher noch siegessicheren Truppen und der ehemalige Marschall von Frankreich verlor in der Nacht einen nicht unbeträchtlichen Teil seiner Truppen durch Desertion. Am 9. April 1815 hatte Baron Frimont dann in Eilmärschen rund 10000 Mann Verstärkung nach Occhiobello geschickt. Noch einmal rannten die Männer Murats gegen die Verteidiger der Furt bzw. Brücke an, doch schließlich musste der neapolitanische Herrscher sich zurückziehen und sich bereits auf den Gegenangriff des heranrückenden Frimont einrichten. Der neapolitanische Regent musste 2000 Verwundete und Tote auf die Verlustliste setzen, noch mehr Männer jedoch verlor Murat durch Desertion.

Murats Invasion Italiens

Die Niederlage bei Occhiobello war für Murat um so bitterer, weil am 8. April die beiden Gardedivisionen, die Rom genommen hatten, auch Florenz besetzen konnten und die österreichischen Truppen zunächst weiter vor sich her trieben. Dafür hatte inzwischen Großbritannien Neapel den Krieg erklärt und ein kleines Geschwader bzw. eine Flotille mit Stoßrichtung Ancona in die Adria entsandt. Dies alarmierte zwar den Ex-Marschall Napoleons, dabei handelte es sich bei der britischen „Flotte“ jedoch lediglich um die Fregatte UNDAUNTED (38 – Charles John Austen), das 22-Kanonen-Schiff GARLAND (22 – Richard Plummer Davies) und einige kleine Kriegsschiffe. Und Austen kam tatsächlich nur bis Brindisi, wo er bis zum Ende des Krieges zwei neapolitanische Fregatten blockierte. Ein kurzer nördlicher Vorstoß der UNDAUNTED führte zu keinerlei Kooperation mit den österreichischen Truppen.

Die Österreicher errichteten derweil bei Occhiobello einen starken Brückenkopf, von dem aus sie nun zur Rückeroberung der verlorenen Städte ansetzten. Die Schlacht bei Occhiobello war - so gesehen - bereits das vorentscheidende Gefecht für den Ausgang des Krieges.

Die Initiative ging nun auf die Österreicher über, deren Oberbefehlshaber Frimont einen Korps unter General Bianchi auf Carpi vorrücken ließ, wo General Pepe mit einer neapolitanischen Brigade stand. Gleichzeitig stieß eine österreichische Truppe in den Rückzugsweg Pepes vor und drohte ihn abzuschneiden. General Carascosa, der die Truppen um Modena kommandierte, erkannte die Gefahr und veranlasste den Rückzug aus Carpi, Reggio Emilia und auch seiner Truppen hinter den Panaro.

Murat setzte indessen trotzdem die Belagerung Ferraras fort, so das Frimont einen ganzen Korps unter General Niepperg in dessen rechte Flanke beorderte. Zwei weitere Korps marschierten frontal auf Murats Armee zu. Am 12. April griff einer dieser Korps unter Freiherr von Mohr bei Casaglia eine neapolitanische Division unter General Ambrosio an und vertrieb diese zum Teil in blutigen Häuserkämpfen aus dem Dorf. Murats Armee verlor weitere 1000 Mann an Verwundeten und Toten, ganz zu schweigen von den Deserteuren. Diese weitere Niederlage zwang Murat nun doch, die Belagerung Ferraras zu beenden und sich in Richtung Bologna zurückzuziehen.

Die Österreicher stießen rasch nach und versuchten am 14. April über den Panaro zu setzen, wurden aber zurückgeschlagen. Murat machte sich jedoch keine Illusionen, gegen die Überzahl war die Linie am Panaro nicht zu halten. Er zog sich weiter zurück und überließ am 16. April 1815 auch Bologna den Österreichern.

Nicht geklärt ist, warum auch die Garderegimenter unter Livron und Pignatelli Strongolî am 15. April Florenz räumten und sich in Richtung Heimat zurück bewegten. Sie gaben damit ohne jeden Kampf die Straße nach Florenz frei und zwangen Murat, sich nunmehr auf die Grenzen seines Reiches zurückzuziehen, denn die verbundenen Korps der Österreicher konnten nun ihre Überzahl voll ausreizen: Frimont schickte General Bianchi mit seinem Korps über Florenz nach Foligno, um den neapolitanischen Garderegimentern den Rückweg ins Königreich zu verlegen. Indessen verfolgte General Niepperg den sich auf der Straße nach Ancona zurückziehenden Murat.

Murat zog sich langsam zurück und konnte den nachstoßenden Gegner an den Flüssen Ronco und Save kurzfristig aufhalten. Sein weiterer Weg führte ihn über Rimini (24. April) nach Pesaro und Fano, wo er am 29. April den verfolgenden Österreichern das Terrain überlassen mußte.

Am 1. Mai 1815 kam es bei Somaglia zu einem Gefecht zwischen Murats Nachhut unter Carascosa und der österreichischen Vorhut. In der Nacht darauf zogen sich die Neapolitaner in Richtung Ancona zurück. General Bianchi war inzwischen von Florenz (20. April) über Arezzo (23. April) und Perugia (25. April) nach Foligno (26. April) marschiert, womit er Murat den direkten Rückzug nach Neapel verlegte.

Murat platzierte Carascosas Truppen, um den nachstoßenden Niepperg zu hemmen und setzte seine Truppen auf eine Route via Macerata und Tolentino in Marsch. Bianchi jedoch verlegte auch hier Murat den Weg, indem er in Eilmärschen nach Tolentino eilte und dort eine an den Flanken geographisch gut gesicherte Position vor der Stadt bezog: Seine rechte Seite stand vor einem Tal am Chienti-Fluß, die linke wurde durch einen anderen Fluß fast unangreifbar.

Immerhin stießen nun die beiden Gardekorps von Livron und Pignatelli Strongoli zu den neapolitanischen Truppen, die Murat auf der Höhe des Monte Milone (zwischen Macerata und Tolentino) aufbaute.

Napoleon. Eine Biographie

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Die Schlacht von Tolentino

Murat hatte rund 25500 Mann, rund 4800 Mann Kavallerie und 58 Kanonen, Bianchi dagegen nur 12000 Soldaten, 1400 Mann Reiterei und 28 Kanonen. Folgerichtig begannen die Neapolitaner am 2. Mai mit einer intensiven Kanonade. Noch am selben Tag griff Murat überraschend die rechte Flanke der Österreicher an und begann durch den Vorstoß die österreichische Armee zu umfassen. Als dies tatsächlich gelungen war, wurde Bianchi im letzten Moment durch die Hurra-Attacke eines Trupps ungarischer Husaren wieder befreit und konnte Stück für Stück, trotz der Gebietsgewinne seiner Gegner, seine exzellente Defensivposition wiederherstellen. Dieser Moment hätte den gesamten Krieg durchaus noch einmal drehen können, denn Murat wäre beinahe der gesamte feindliche Korps in die Hände gefallen.

Am nächsten Tag, dem 3. Mai, blieb das Glück den Österreichern treu. Dichter Nebel verzögerte den nächsten neapolitanischen Vorstoß. Diesmal versuchte Murat, frontal durchzubrechen, während er die Truppen von General Ambrosio und Pignatelli gegen die linke Flanke des Gegners sandte. Der Zeitverzug und der taktisch zu vorsichtige Vormarsch – Murat erwartete einen gegnerischen Kavallerieangriff und rückte deswegen in Quadraten statt auf breiter Front vor – führte zu schweren Verlusten durch den österreichischen Beschuss. Auf der anderen Seite hatte inzwischen General Mohr begonnen die rechte Flanke des Gegners einzudrücken. Der Angriff Murats blieb insgesamt stecken und die Nachricht von der Niederlage des zurückgelassenen Carascosa gegen Niepperg bei Scapezzano ließ den nächsten österreichischen Korps im Rücken von Murats Armee alsbald erwarten. Dazu kamen die Gerüchte von einer Truppenlandung durch die englische Flotte im Süden Italiens, die Neapel direkt bedrohte. Tatsächlich war ein englisches Geschwader gerade erst nach Neapel entsandt worden (s.u.) und dies vermutlich nur, weil im Hafen Neapels die zwei neapolitanischen Linienschiffe JOACHIM und CAPRI lagen. Eine englische Invasion von See her war zu diesem Zeitpunkt keines Falls geplant.
Die Gerüchte aber bestärkten Murat in seinem resignativen Entschluß: Der König von Neapel fügte sich in die Niederlage und zog sich zurück. Er verlor in der Schlacht von Tolentino über 4000 Mann, während der Gegner „nur“ 900 Tote und Verwundete zu beklagen hatte.

Murats Rückzug verlief an der Küste entlang, langsam wegen der schlechten Straßen und der zunehmenden Desorganisation in der neapolitanischen Armee. Er wurde verfolgt von den Österreichern unter General Mohr, die ihn über Tronto (8. Mai), Benedetto (9. Mai) und Pescara (12. Mai) verfolgten. Bei Pescara ließ Murat Trupppen zurück, um das Nachrücken Mohrs zu blockieren und marschierte mit dem Rest seiner Männer nach Popoli.
Das Gros der österreichischen Armee unter General Bianchi, über die besseren Straßen von Foligno nach Terni bzw. über den Pass zwischen Terni und Rieti anmarschiert, stand am 12. Mai bereits in Aquila und wandte sich nun nach Popoli und Sulmona.

Neapels Armee, annähernd in Auflösung begriffen, hatte bei der Überquerung der Bergketten wiederum Verluste an Deserteuren und Erschöpften zu beklagen. Geschätzte 15000 Mann hatte Murat noch zu Verfügung und die mußten sich nun einer weiteren österreichischen Bedrohung stellen. General Nugent war wegen der ausgezeichneten Straßen von Florenz aus über Rom sehr schnell nach Süden gelangt und erreichte die Küstenstraße bei Terracina, kaum gestoppt von kleineren Gefechten gegen die wild zusammengewürfelten bzw. rasch ausgehobenenen guerillamäßig operierenden Truppen unter General Montigni. Bei St. Germano stellte sich ihm Murat persönlich mit einer kleinen Truppe gegenüber, konnte den Vormarsch aber nicht hemmen, weil er permanent der Drohung gegenüber stand, umgangen und abgeschnitten zu werden. Am 16. Mai zog er sich mehr oder weniger geordnet ganz zurück und besetzte Capua.

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Bei Calvi vereinigten sich nun alle österreichischen Korps und rüsteten für den endgültigen Vorstoß ins Königreich. Murat, dessen gewahr, eilte allein nach Neapel, nur um dort von einem größer werdenden englischen Geschwader vor dem Hafen empfangen zu werden, das mit dem Bombardment der Stadt drohte.

Die Rolle der englischen Flotte

Mit der Rückkehr Napoleons nach Frankreich hatte die englische Flotte unter dem Kommando von Vizeadmiral Lord Exmouth aka Sir Edward Pellew die Blockade des wichtigsten französischen Mittelmeerhafens Toulon wieder aufgenommen. Auf den schon zuvor begonnenen Krieg Neapels gegen den englischen Verbündeten Österreich reagierte England zunächst gar nicht, dann eher zögerlich und ineffektiv. Der Vorstoß in die Adria wurde bereits erwähnt, im Thyrrenischen Meer blieb England zunächst untätig.

In Genua lag ein kleines Geschwader unter dem Kommando von Kapitän Robert Campbell von der TREMENDOUS (74). Neben dem Linienschiff hatte der Kommodore noch die Fregatte ALCMENE (38 – Jeremiah Coglan) und die Sloop PARTRIDGE (18) unter seinem Befehl. Das Trio setzte erst Anfang Mai 1815 die Segel, um dann am 11. Mai 1815 vor Neapel zu erscheinen. Dort lagen – wie bereits erwähnt – die beiden feindlichen Linienschiffe CAPRI und JOACHIM, vermutlich zwei alte venezianische 64-Kanonen-Schiffe und vermutlich auch nicht bereit für einen längeren Abstecher auf See. Die nicht unbeträchtliche Kanonenboot-Flottille Neapels war da wohl vergleichsweise noch bedrohlicher, hatte aber offensichtlich auch kaum eine Rolle beim Vorstoß der neapolitanischen Garde durch die Papst-Staaten gespielt.

Kommodore Campbell, der offenbar die tatsächliche Wehrlosigkeit oder auch die wachsende Kapitulationsbereitschaft der Stadt erkannte, nahm mittels Kapitän Coglan Kontakt mit den offiziellen Stellen Neapels auf und übermittelte die brutale Drohung, die Stadt beschießen zu lassen, wenn der Hafen nicht seinem Geschwader übergeben werde. Murat selbst scheint bei diesen Verhandlungen nicht mehr in Erscheinung getreten zu sein, vielmehr fällt hier der Name seines Generals Carascosa, der offenbar im Namen von Murats Gattin Caroline zu handeln vorgab. Ohne Zweifel gab es in der Stadt kaum noch einen Militär oder Offiziellen, der sich den Forderungen Campbells nicht gebeugt hätte. Nicht einmal Murat selbst hat offenbar versucht, irgend jemand zum Halten der Stadt zu bewegen.

Am 20. Mai 1815 stieß dann endlich ein Teil der Mittelmeerflotte unter Lord Exmouth persönlich zu dem vor dem Hafen kreuzenden Geschwader unter Robert Campbell und verlieh mit den drohenden Kanonen mehrerer Linienschiffe der Drohung einer Beschießung weitres Gewicht. Man kann aber davon ausgehen, das die Übergabeverhandlungen durch Campbell und Carascosa praktisch vor dem Abschluß standen und das Erscheinen der großen Flotte den Neapolitanern lediglich die Peinlichkeit einer Kapitualtion vor einem Linienschiff und einer Fregatte ersparte.
Der alte Fuchs Pellew hatte schon immer ein Gespür für Beute und kam sozusagen auf den Punkt genau rechtzeitig zur Verteilung, wie man nicht ohne eine gewisse Bewunderung bemerken darf.
Unter dem Druck der nunmehr potenzierten Drohung mussten die Neapolitaner den Hafen mit allen Schiffen und Ausrüstung also den Briten überlassen. Noch am selben Tag segelten die TREMENDOUS und die ALCMENE in den Hafen, legten sich neben die neapolitanischen Linienschiffe und nahmen sie in Besitz – die JOACHIM und die CAPRI wurden später nach Malta gebracht, beladen mit neapolitanischer Marineausrüstung aus den Arsenalen des Hafens. Dann ließ Lord Exmouth 500 Marines landen, die, unterstützt von der Ferdinand-treuen neapolitanischen Zivilgarde, den Hafen, Fort St. Elmo und zentrale Plätze besetzen.
Auf diese Weise – zur rechten Zeit am richtigen Ort – waren Exmouth und die Briten noch vor den Österreichern in der Stadt und beendeten das Königreich Murats, ohne selbst einen Schuss abgegeben zu haben.

Der Herzog von Gallo verhandelte am Ende die Kapitulation Neapels mit den Alliierten, die am 22. Mai 1815 unterschrieben wurde. Erst am 23. Mai 1815 übernahmen dann die Österreicher Neapel von den Briten. Der von den Engländern favorisierte König Ferdinand IV – Herrscher über Neapel und Sizilien bis 1799 – wurde wieder inthronisiert und zog am 17. Juni 1815 – übrigens einen Tag vor der Schlacht bei Waterloo - wieder in Neapel ein.

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Der Leser, der schon den ein oder anderen Aufsatz auf Seeschlacht.tk gelesen hat und geduldig bis hier gefolgt ist, wird angesichts der Nebenrolle der Royal Navy vielleicht fragen: "So what ?"
Was - neben der kurzen Schilderung dieses "kleinen" Krieges und den spärlichen, aber harten Fakten - ist denn so bemerkenswert an dem Einsatz der Engländer und Pellews, das es einen ganzen Artikel rechtfertigt ?

Nun: Das ausgerechnet der ehrgeizige Prisenjäger und "Fregattengott" Pellew aka Lord Exmouth den Stich in das schon nicht mehr schlagende Herz von Murats Königreich tat, hat für mich schon einen ironischen Aspekt. Pellew, der nie eine große Seeschlacht schlug und hier wie ein "Abstauber" die Hauptstadt des Königreichs von Napoleons Gnaden sozusagen beschlagnahmte, besiegelte das Ende eines vergleichbar ehrgeizigen Mannes. Interessant ist in diesem Zusammenhang vielleicht, das Pellew später auch Stellung zu Napoleons Schicksal genommen hat: Er sprach sich deutlich für die Hinrichtung des französischen Kaisers aus. Seine Meinung über Murat dürfte man aus dieser Stellungnahme erraten können. In gewisser Weise bekam der harte Seemann schließlich immerhin den Kopf von Napoleons Epigonen Murat.

Dabei gibt es gewissen Ähnlichkeiten zwischen Pellew aka Lord Exmouth und Murat aka König Joachim:
Beide Männer wurden durch die Kriege der vergangenen Jahre sowohl nach oben gespült wie sie auch oft zur richtigen Zeit am richtigen Ort waren, um die Stufen ihrer Karriere zu erklimmen. Beide verfolgten über ihre militärische Karriere hinaus hochstrebende ebenso politische wie eigennützige Ziele.
Das Murat zunächst neben Napoleon die glanzvollere Karriere machte und dann tief fiel, erscheint mir wie ein Ausgleich für die relative Glanzlosigkleit der Karriere des Seemannes, der vor allem das Beutegeld liebte und für seine gescheiterten und vergleichweise bescheideneren politischen Ambitionen weit weniger hart bestraft wurde.
Der eine, nämlich Murat, bekam dafür wenigstens seinen Platz in der Geschichte, der andere, Pellew, lebte noch bis 1833 und muß sich heute mit einem Platz in der Welt der marinehistorischen Romane zufrieden geben - wenn seine Seele denn Ruhe gefunden hat und nicht weiter auf der Suche nach Beute ist.

Epilog: Murats Ende

Weniger glanzvoll als seine soldatische Karriere und der spätere königliche Prunk war dann aber das Ende des Ex-Marschalls Napoleons:
Murat floh am 20. Mai 1815 aus Neapel in einem kleinen Boot nach Ischia und wenig später gelang ihm von dort auch die Flucht nach Frankreich. Am 25. Mai 1815 erreichte er Cannes und irrte dann wochenlang durch die Provence, wobei er darauf hoffte, Napoleon möge ihn an seine Seite rufen - vergeblich. Ob dies Frankreichs Geschichte geändert hätte ?

Murats großem Meister erging es nach hunderttägiger Herrschaft jedenfalls schlecht, bei Waterloo erlitt Napoleon am 18. Juni 1815 die legendäre Niederlage, die seine Ambitionen auf immer zu Staube zerfallen ließ und ihn am Ende ein prosaisch-elendiges Ende auf einem Felsen im Atlantik bescherte.

Murat selbst flüchtete nach Bekanntwerden der Katastrophe von Waterloo nach Korsika und zwar ausgerechnet in Napoleon Bonapartes Geburtsort Ajaccio. Was auf den ersten Blick anmutet wie eine Ironie oder Reminizenz ans Schicksal, hatte tatsächlich Methode: Denn gegen jegliche Faktizität der Niederlage gegen die Österreicher, aufgegeben hatte der ehemalige Marschall von Frankreich noch nicht. Nach dem Beispiel der Elba-Rückkehr Napoleons gedachte der Ex-König von Neapel und Ex-Marschall in Frankreich seinen Thron zurück zu erobern.

In Ajaccio fand Murat auch tatsächlich rund 1000 kampfwillige Bonapartisten, die sich ihm zunächst begeistert anschlossen. Am 28. September 1815 schiffte sich ein Teil dieser wild zusammengewürfelte Truppe ein und landete am 8. Oktober 1815 in Pizzo, einem kleinen kalabrischen Hafen.

Murats realitätsfremden Hoffnungen verflüchtigten sich jedoch schnell, die Bevölkerung war feindselig und die Truppen Ferdinands waren weit davon entfernt, zu Murat überzulaufen. Im Gegenteil: Sie machten kurzen Prozeß mit der schnell zusammengeschmolzenen Truppe Murats, die sich beim ersten Anzeichen eines Gefechts in alle Winde zerstreute. Der gescheiterte Umstürzler selbst wurde gefangen genommen und in der örtlichen Festung eingekerkert. König Ferdinand wartete gar nicht erst auf irgendwelche Interventionen anderer Staaten, sondern befahl bei der ersten Nachricht von der Gefangennahme seines Widersachers die sofortige Hinrichtung seines Vorgängers.

Am 13. Oktober 1815 wurde Joachim Murat in Pizzo standrechtlich erschossen. Damit erlitt Napoleons einst engster Freund und bester Soldat das Schicksal, dem der französische Kaiser wohl nur entgangen war, weil er sich am 15. Juli 1815 den Engländern ergeben hatte. Ob sich nämlich die anderen Alliierten mit der Verbannung nach St. Helena zufrieden gegeben hätten, darf man in Frage stellen.

Immerhin kennzeichnet deswegen Murats Tod den tatsächlichen historischen Schlusspunkt der napoleonischen Kriege. Am Ende dürfte diesbezüglich sein Name deswegen endlich und wenigstens einmal vor dem des korsischen Genies stehen – so operettenhaft und tragisch das Ende von Frankreichs erstem Kavalleristen auch war.

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