Chronologie der europäischen Seekriege 1793 bis 1815, Band 1, bis 1802
Chronologie der europäischen Seekriege 1793 - 1815
Band 1 : Von 1793 bis zum Frieden von Amiens 1802

von Thomas Siebe
Sprache: Deutsch Broschiert - 224 Seiten - BoD
ISBN 978-3-8423-2883-9 Erschienen: September 2010
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Seeschlacht.tk - Die Seekriege, Seeschlachten und Duelle auf See von 1775 bis 1815

British Napoleonic Ship-Of-The-Line (New Vanguard)
von Angus Konstam, Tony Bryan
Sprache: Englisch
Taschenbuch - 48 Seiten - Osprey Publishing (UK)
Erscheinungsdatum: 1. November 2001

 British Napoleonic Ship-Of-The-Line



Seeschlacht vor Sadras 1782 - Suffren versus Hughes Nr. 1


Der Master des britischen Linienschiffes EXETER war in Panik: Um ihn herum schlugen schwere französische Kanonenkugeln ein, zerfetzten über ihm die Takelage des Dreimasters, rasten über das Deck oder krachten in den Rumpf des 64-Kanonen-Schiffes. Gleich drei französische Kriegsschiffe hatten die EXETER umringt und bombardierten den Briten. Hinter diesen feuerspeienden Gegnern schickten sich offenbar weitere Schiffe mit französischer Flagge an, das Feuer auf britische Linienschiff zu eröffnen.
Das eigene Geschwader war weit voraus, durch den Pulverdampf nicht mehr zu erkennen, doch Hilfe war angesichts des schwachen Windes kaum zu erwarten, zumal auch das Schiff von Konteradmiral Edward Hughes im Zentrum der Linie in den Kampf involviert war.
Der Kapitän der EXETER, Henry Reynolds, war getroffen worden, verwundet oder bereits tot, doch Kommodore Richard King stand noch an Deck, unter dem nach wie vor die britischen 24-Pfünder und 18-Pfünder-Kanonen abgefeuert wurden und Widerstand gegen die zahlenmäßig überlegenenen Schiffe des französischen Kommodore Suffren leisteten. Doch die EXETER hatte schwer gelitten und würde eine Fortdauer des Gefechtes nicht überstehen.
"Was sollen wir tun, Sir ?" fragte schließlich der Master Kommodore King. King, der demonstrativ ruhig und bolzengerade an Deck stand, antwortete kühl: "Wir können nichts tun, außer weiter zu kämpfen, bis das Schiff sinkt." (MAHAN 1913, S.241 und MALLESON, S.24)
Offensichtlich sah es schlecht aus für die Briten an diesem 17. Februar 1782 vor Sadras an der indischen Coromandel-Küste. Wie war die EXETER in diese prekäre Lage geraten ? Und warum bekämpften sich die Briten und die Franzosen überhaupt und warum ausgerechnet im Indischen Ozean ?

Meine Texte auf XinXii

Begonnen hatte alles mit dem Kampf der nordamerikanischen Kolonisten um ihre Unabhängigkeit von England:
1778 wurden die Amerikaner durch das französische Königreich unterstützt, Spanien (1779) und die Niederlande (1780) wendeten sich anschließend ebenfalls gegen England - schlichte europäische Machtpolitik.
Durch das Engagement dieser europäischen Mächte wurde der zu Beginn auf die amerikanischen Kolonien beschränkte militärische Konflikt über die ganze Welt getragen und führte schließlich auch an der Coromandel-Küste bzw. Ostküste Indiens zu mehreren Seeschlachten innerhalb weniger Monate, ausgetragen zwischen einer englischen Flotte unter Konteradmiral Sir Edward Hughes und einer französischen Flotte unter Kommodore Baillie de Suffren.

Kommodore Suffren war jedoch nicht schon 1778 im Indischen Ozean. Zum Zeitpunkt des Kriegsausbruchs segelten im Indischen Ozean lediglich sechs französische Linienschiffe nebst einiger kleinerer Kriegschiffe unter Admiral Comte d'Ovres. Dieses Geschwader war zahlen- und kräftemäßig dem englischen Indiengeschwader unter Konteradmiral Hughes unterlegen. Um zu erklären, warum Suffren in den Indischen Ozean gekommen war und sogar mehr Schiffe als die Briten hatte, muß man weiter ausholen, denn dieser erste Waffengang vor Sadras ist nicht allein vor dem Hintergrund der englisch-französischen Feindseligkeiten zu verstehen, dieses Duell wurde auch besonders durch das Geschehen an Land beeinflußt.

Der Aufstieg der British Eastindia Company und Haidar Alis

Mitte des 18. Jahrhunderts begann der britische Einfluß in Gestalt der Honorable East India Company (HEIC) auf dem indischen Subkontinent zu expandieren. Die HEIC erwarb sich die Rechte, zum Schutz ihrer Gesellschaft eigene Truppen und sogar eine eigene Marine (Bombay-Marine) auszurüsten. Es etablierte sich der Typ des Kaufmann-Soldaten. Ein kleiner Company-Angestellter mit Namen Robert Clive machte dabei eine sagenhafte Karriere. Sein Sieg in der Schlacht von Plassey (23. Juni 1757) gegen die Truppen des Nawab von Bengalen sicherte den Briten die Vorherrschaft über ganz Bengalen, die Schlacht von Buxar 1764, in der die Briten unter Sir Hector Munro die Truppen des Großmoguls besiegten, brachte der HEIC schließlich die Kontrolle über ganz Ober-Indien.

Karte von Indien 1782

Währenddessen stieg im Königreich Mysore in zahlreichen Konflikten u.a. mit den Marathen und dem Nizam von Hyderabad ein kleiner mysorischer Hauptmann mit Namen Haidar Naik nach und nach in den Rängen der mysorischen Armee auf und erlangte 1759 das Oberkommando.
Durch Intrigen, geheime Bündnisse, Verrat und einem plötzlichen militärischen Schlag aus dem Exil heraus schwang er sich zum Dalwai (De facto-Herrscher, ähnelt dem japanischen Shogun) von Mysore auf.
In den nächsten Jahren vergrößerte Haidar durch Feldzüge das Reich von Mysore auf Kosten seiner Nachbarn. Insbesondere mit den Marathen gab er ständig militärische Konflikte. Haidar spielte auch die islamische Karte und suchte Kontakte zu herrschenden Glaubensbrüdern jenseits des Subkontinents, z.B. mit dem Schah von Persien oder dem türkischen Sultan. Seine Expansiongelüste brachten Mysore immer wieder in Konflikte auch mit der HEIC bzw. den Briten, welche sich mit dem ersten Krieg Mysores gegen die Marathen 1766 immer mehr in die Angelegenheiten im unteren Indien involvierten.
Im ersten Krieg zwischen Mysore und den Briten 1767 - 1769 erwies sich Haidar als gefährlicher Gegner und nötigte die Briten zu Garantien, Mysore im Falle eines Angriffs der Marathen beizustehen.

Auf Basis dieser Garantien bat Haidar die HEIC mehrfach um Hilfe, als 1770 eine Marathen-Armee in Mysore einfiel und schließlich sogar die Hauptstadt Seringapatam belagerte. Doch die Briten, obwohl selbst mit den Marathen mehrfach im Kriegszustand,standen nicht zu ihren Garantien, was Haidar und später sein Sohn Tipu nie vergaßen.
Mysore suchte nun zunehmend Kontakt zu den Franzosen, welche Haidar über ihren Hafen Mahe an der Malabar-Küste mit Waffen und miltärischer Ausrüstung versorgten. Weil Mahe für Haidar so wichtig war, stellte er sogar Truppen für die Verteidigung ab.

Der Ausbruch des Krieges zwischen Frankreich und England führte 1778 zu einem britischen bzw. HEIC-Schlag gegen die französischen Besitzungen in Indien. Die wichtigsten Häfen Pondicherry an der Ostküste und eben Mahe an der Westküste wurden erobert, letztere Kriegshandlung auch ein Schlag gegen Haidar. Diese führte den Dalwai von Mysore in eine eigenartige Allianz Mysores mit den Marathen und dem Nizam von Hyderabad. Der HEIC gelang es jedoch bis 1779, diese Allianz durch erfolgreiche Company-Diplomatie (Versprechungen, Drohungen, Geldzahlungen) zu sprengen, die Marathen und den Nizam friedlich zu stimmen und Haidar zu isolieren.
Doch der Dalwai gab nicht klein bei und holte zum Schlag gegen die HEIC aus. Er marschierte mit einer großen Armee von über 80000 Mann in den Carnatic ein und überraschte die Briten mit einem Vorstoß bis kurz vor Madras.

Final French Struggles in India and on the Indian Seas
Final French Struggles in India and on the Indian Seas
von George Bruce Malleson
Sprache: Englisch
Taschenbuch
314 Seiten
BiblioBazaar
Erscheinungsdatum: 2008

Die französischen Schiffe im Indischen Ozean

Plötzlich bekam auch das bis dahin recht wirkungslos agierende französische Geschwader unter dem Comte Thomas D'Ovres, stationiert auf Mauritius und den im Indischen Ozean operierenden britischen Marinekräfte unterlegen, große Bedeutung für den Machtkampf auf dem Subkontinent. Die Franzosen hatten bisher unbeschadet von Verhandlungen militärisch nicht mit Haidar kooperiert, weil der unfähige Oberkommandierende D'Ovres offenbar die Chance, die sich Frankreich bot, nicht erkannte. Aus reinem Zufall operierte sein Geschwader in Abwesenheit der britischen Flotte - diese war in Bombay - an der Coromandel-Küste, als Haidar zu seinem Überraschungsschlag ausholte und in Richtung Madras marschierte. Kurz gesagt geriet eine britische Armee zwischen Haidars Armee und d'Ovres Geschwader.
Die Chance, die Briten von jeglicher Versorgung abzuschneiden, lag auf der Hand, doch d'Ovres nützte sie nicht. Im Gegenteil zog er bald darauf sein Geschwader nach Mauritius zurück.
Dem an die Coromandel-Küste zurückgekehrten Hughes bot sich die Chance, britische Truppen unter Munro an Bord zu nehmen und am 4. Januar 1782 vor dem strategisch wichtigen Hafen von Trincomalee zu erscheinen. Der niederländische Gouverneur mußte angesichts der britischen Übermacht den in einer idealen Wetterzone liegenden befestigten Hafen übergeben. Das Versagen d'Ovres brachte die britischen Schiffe im Indischen Ozean in eine hervorragende Position.

Meine Texte auf XinXii

Zur gleichen Zeit war ein französisches Geschwader unter Kommodore Pierre-Andre Baillie de Suffren auf dem Weg in den Indischen Ozean. Über die Geschichte von Suffrens Reise kann man hier mehr lesen. Nur soviel:
Mit dem Kriegseintritt der Niederlande 1780 hatten die holländische Besitzungen in Indien bzw. Ostindien (Malaysia, Indonesien) und Südafrika große strategische Bedeutung, weil einige Häfen an der wichtigen Handelsroute China-Indien-England lagen. Die Holländer hielten immerhin große Teile Ceylons unter Kontrolle, insbesondere die strategisch wichtige Reede von Trincomalee.
Einer der wichtigsten strategischen Punkte auf dem Weg nach Indien, Ceylon und Niederländisch-Indien (Java, Sumatra) war das holländisch besetzte Kap der Guten Hoffnung bzw. die stad de goede hoop, kurz: Kaapstad (Capetown). Ende 1780 erfuhren die Briten, daß die Südspitze Afrikas nur über schwache Verteidigungsressourcen verfügte. Holländische Handelsschiffe aus Südostasien und Indien sammelten sich in der Bucht am Tafelberg, bis Kriegsschiffe für einen Konvoi zur Verfügung standen. Diese Eskorten fehlten den Holländern aber an allen Ecken der Welt und die z.T. reichbeladenen Schiffe stauten sich in der Tafel- und Falso-Bucht (Table Bay und False Bay).

Das Kap war also ein primäres Ziel, um einen vernichtenden Schlag gegen den holländischen Feind auszuführen. Folgerichtig begann die Royal Navy insgeheim mit Vorbereitungen, um die Südspitze Afrikas zu erobern. Also schickten die Briten eine Flotte zur Eroberung des Kaps aus, doch die Franzosen erfuhren davon und schickten ihrerseits Kommodore Suffren mit Truppen an Bord ebenfalls ins Rennen. Vor Porto Praya auf den Kapverden gerieten die beiden Geschwader aneinander (Siehe hier), doch das Gefecht blieb unentschieden.

The Influence of Sea Power Upon History, 1660-1783
The Influence of Sea Power Upon History, 1660-1783
von Alfred Thayer Mahan
Sprache: Englisch
Taschenbuch
640 Seiten
Dover Pubn Inc
Erscheinungsdatum: 1988

Nach dem Gefecht vor Porto Praya setzte das Geschwader Suffrens seinen Weg zum Kap der Guten Hoffnung fort und erreichte am 21. Juni 1781 die Table Bay.
Suffren landete Truppen zum Schutze des Kaps, ließ die Schäden an seinen Schiffen reparieren und setzte seinen Weg in den Indischen Ozean am 28. August 1781 fort 2. Ziel war Frankreichs wichtigster Stützpunkt in diesen Breiten, die Insel Mauritius, oder, wie sie damals hieß, die Ile de France.

Am 25. Oktober 1781 warf Suffren im Hafen von Port Louis Anker.
Dort fand er die sechs französischen Linienschiffe unter dem Kommando von Admiral Comte d'Orves vor. Auf der Insel selbst hatte der Gouverneur de Souillac nach und nach eine gut ausgebildete Truppe von 2850 Mann unter dem Comte du Chemin zusammengezogen, welche nach Vorstellung des französischen Oberkommandos in Süd-Indien gelandet werden sollte, um im Verband mit Haidar Ali, dem Herrscher von Mysore, die Briten auf dem Subkontinent zurückzudrängen.

Die Ankunft des Geschwaders von Suffren veränderte die Kräfteverhältnisse zwischen französischen und englischen Kriegsschiffen in der Region - die Franzosen hatten nun mehr Linienschiffe als die Briten unter Segeln, eine Konstellation, die umgehend genützt werden sollte. Doch die Vorstellungen des Admirals und seines Zweitkommandierenden Suffren gingen hier weit auseinander. Während in Port Louis die Soldaten Du Chemins eingebootet und verladen wurden, stießen die Meinungen aufeinander: D'Ovres plante zunächst eine Landung bei Trincomalee (Ceylon), um von dort aus weitere Operationen zu starten - eine langsame Strategie Schritt für Schritt. Suffren als Zweitkommandierender präferierte dagegen die sofortige Zusammenarbeit mit dem Herrscher von Mysore, Haidar Ali, und damit eine direkte Landung auf dem Subkontient. Er plante einen Stoß in das Herz der Briten in Indien und wollte nahe Madras, einem zentralen britischen Marine- und Handelszentrum, landen.
Als aber am 7. Dezember 1781 die französische Flotte Anker lichtete, war der Oberkommandierende noch immer unentschlossen. Wertvolle Zeit ging verloren.

Durch die Eroberung der britischen HANNIBAL (50 - Alexander Christie) am 22. Januar 1782 (Südostküste Indiens, nach CLOWES, S.549) erfuhren die Franzosen, dass britische Verstärkungen für die Coromandel-Küste auf dem Weg waren, aber auch, dass lediglich vier Linienschiffe vor Madras lagen - Letzteres eine freilich irreführende Information. Suffren erschien nach wie vor d'Ovres Plan, das strategisch wichtige Trincomalee zurückzuerobern, zu langsam. Um gegen vergleichsweise schwachen Widerstand in Indien zu landen, war laut der Nachrichtenlage im Gegenteil höchste Eile geboten. Doch d'Ovres zögerte noch immer, weitere wertvolle Zeit ging verloren. Am 9. Februar 1782 starb der Admiral jedoch und Kommodore Suffren war plötzlich Oberkommandierender der Flotte. Damit änderte sich auch das Ziel der französischen Expedition.

Suffrens Operationen

Suffren ließ Kurs auf Madras nehmen und , das von den Mysorern eroberte Pondicherry passierend, Haidar Ali über seine Absichten informieren. Als die französische Flotte und ihre Truppentransporter jedoch am 15. Februar 1782 vor Madras erschienen, lag dort bereits die 9 Schiffe starke Flotte von Konteradmiral Edward Hughes, unter ihnen auch die EXETER. Hughes war erst am 8. Februar mit sechs überholungsbedürftigen Schiffen von Trincomalee kommend vor Madras eingetroffen, am Tag darauf war ein Geschwader unter Kapitän James Alms, bestehend aus HERO (74), MONMOUTH (64) und ISIS (50) dazu gestoßen. Die Schiffe von Alms inklusive der HANNIBAL waren wohl genau die, über die man Suffren einen Monat zuvor informiert hatte. Die Briten trafen nun im Angesicht der zahlenmäßig überlegenen Franzosen alle Vorbereitungen zur Abwehr eines Angriffs, brachten Springs aus und richteten ihre Breitseiten seewärts, während von Land her die Batterien Probeschüsse abgaben, um die Reichweite zu prüfen. Doch Suffrens Angriff ließ auf sich warten.

Kapitän Seiner Majestät

Der Franzose wußte, dass jegliche Kooperation mit Haidar Ali von See her durch die Existenz der britischen Flotte erheblich erschwert wurde. Seine Strategie war, die Schlacht mit den Briten zu suchen, um dann freie Hand für marine Operationen unter Land zu haben ["The capture of Trincomalee and that of Negapatam, and perhaps of all Ceylon, should make us wish for a general action"]. Sogar seine Taktik im Falle des Aufeinandertreffens war bereits Tage vor dem Rendevous zwischen Briten und Franzosen mit seinen Kommandanten abgesprochen, wie ein Brief vom 6. Februar an Tromelin zeigt :
"If we are so fortunate as to be to windward, as the English are not more than eight, or at most nine, my intention is to double on their rear." MAHAN 2007, S.341.
Der französische Oberbefehlshaber hatte vor Madras jedoch nur mit den erwähnten vier bzw. drei britischen Linienschiffen gerechnet und erachtete einen Angriff auf die zusätzlich von Land her durch Kanonen gedeckten neun britischen Linienschiffe als zu risikoreich. Seine ausgearbeitete Taktik gegen Hughes Schiffe war nur für die offene See tauglich. Neben der Suche nach der Schlacht galt Suffrens Priorität zunächst dem Schutz bzw. der Landung der Truppen.
Nach einem umgehend einberufenen Kriegsrat mit seinen Kommandanten schickte Suffren die Truppentranporter unter Eskorte der Fregatte POURVOYEUSE (401 - Ruyter) nach Süden. Dort, bei Porto Novo, sollten Du Chemins Truppen nun angelandet werden und dann nach Norden marschieren, um zu den Truppen Haidar Alis zu stoßen. Ziel des Stoßes sollte die Stadt Cuddalore sein.

Suffren versuchte indessen, mit seinen Kriegsschiffen die Briten hinter sich herzulocken, weg von den Truppentransportern und hinauf auf die See. Die Fregatte FINE (32 - Perrier de Salvart) sollte die Briten beobachten.
Als die Franzosen davonsegelten, ließ Hughes auch tatsächlich Anker lichten und lief mit seinen Schiffen aus. In der Nacht vom 16. auf den 17. Februar 1782 aber verlor Perrier die Briten aus den Augen und am Morgen zeigte sich, dass Hughes mit seiner Flotte viel weiter südlich gesteuert war, als Perrier zuvor gemeldet hatte. Der Brite hatte Suffrens Flotte im Osten "liegenlassen" und sich zwischen die französischen Linienschiffe und die Truppentransporter zu positioniert, welche er nun jagte.
Sozusagen im Vorübergehen hatten die Briten dabei fünf von den Franzosen zuvor erbeutete Prisen zurückerobert und dabei zusätzlich auch noch einen ganz besonderen Fang gemacht. Als Geschenk für den Herrscher von Mysore hatten die Franzosen die große en flute segelnde Fregatte LAURISTON gedacht. Das Schiff war beladen mit Kanonen, Munition, militärischen Gütern und 300 gut ausgebildeten Soldaten, die nun Kapitän Thomas Lumley von der englischen ISIS (50) in die Hände fielen (CUST, S. 304).

Suffren hatte einen groben Fehler gemacht, indem er sich auf die Beobachtung durch nur eine Fregatte verlassen hatte. Nun ließ der französische Kommodore alle Segel setzen, um die Briten zu verfolgen und abzufangen. Dabei profitierte er davon, das 1782 noch nicht alle Kriegsschiffe einen gekupferten Unterwasserrumpf zum Schutz vor Muschelbewuchs hatten und damit die Segelgeschwindigkeit der Schiffe in einem Geschwader sehr unterschiedlich sein konnte.

 The 50-Gun Ship: A Complete History with Other

The 50-Gun Ship:
A Complete History with Other (Shipshape) (Taschenbuch)

von Rif Winfield
Sprache: Englisch
Taschenbuch - 128 Seiten - Mercury Books London
Erscheinungsdatum: April 2006

Der englische Konteradmiral hatte auf der Jagd nach den Truppentransportern natürlich seine gekupferten Schiffe vorausgeschickt, während seine Segler mit blankem Rumpf hinterhersegelten. Nun mußte Hughes feststellen, dass die Franzosen wesentlich schneller als seine veralteten Linienschiffe waren und sich relativ rasch annäherten. Hughes Nachhut drohte also abgeschnitten und erobert zu werden.
Dem englischen Konteradmiral blieb keine Wahl: Obwohl die französische Flotte deutlich in der Überzahl und auch nach Kanonen (710 zu 596) überlegen war, ließ Hughes beidrehen, rief seine schnellsten, auf der Jagd nach den Transportern vorgepreschten Schiffe zurück und versuchte, seine Schiffe zusammenzuschließen.
Nur langsam verringerten sich die Abstände, während das britische Geschwader ziemlich behäbig nach Süd / Südost segelte - die langsamsten Schiffe, unter ihnen die EXETER, gaben das Tempo vor.

Die Sicht war an diesem Tag schlecht, es gab zeitweise Regenschauer, der ebenso leichte wie unregelmäßige Wind kam aus Nordost, dann und wann zwischen Böen und Flaute wechselnd.
Vor dem Wind segelnd begannen die Franzosen, sich in zwei Geschwader bzw. zwei Linien zu formieren und näherten sich nun schneller den britischen Nachzüglern, weil sie von kurzen Böen, sogenannten puffs, profitierten. Die Teilung in zwei Geschwader deutete darauf hin, dass der französische Kommandant schon jetzt einen besonderen Plan verfolgte und hätte die Briten eigentlich warnen sollen.

Hughes, der darauf gehofft hatte, die im Februar vor Madras übliche Seebrise aus Süd bzw. Ost würde bald einsetzen und ihm die Möglichkeit geben, den Gegner noch zu luven, mußte inzwischen erkennen, dass er an diesem Tage vergeblich auf das Umschlagen bzw. Auffrischen des Windes wartete, während Suffren in seinem Anmarsch von den unregelmäßigen Windverhältnissen am meisten profitierte. Weil der Wind die Franzosen immer zuerst erreichte, konnten diese aus einer quasi Luvposition heraus agieren, während Hughes mit seinen Schiffen lediglich reagieren konnte, wenn überhaupt.

Schließlich, den Verlust seiner Nachhut vor Augen, ließ Hughes nach Osten wenden, alle Schiffe auf den Backbordschlag legend, und präsentierte sich den heranrückenden Franzosen als eine Linie, die freilich große Löcher hatte. Besonders die EXETER hing ziemlich weit zurück und da sie einer der schlechtesten Segler war, war abzusehen, dass sie kaum in der Lage sein würde, aufzuschließen.
Deswegen stellt sich auch die Frage (MAHAN 2007, S. 343), warum Hughes nicht seine Kampflinie auf den Steuerbordschlag legte, nach Westen steuernd, so das die EXETER zur Spitze der Vorhut geworden wäre. Damit hätten die Briten ihre Linie schnell sanieren können.
Hoffte der englische Konteradmiral noch immer auf die Seebrise, um Suffrens Schiffe zu luven ? Erkannte er in der Formation der Franzosen nicht die drohende Gefahr ? Oder überschätzte er die Möglichkeiten seiner Nachhut ?
Mit seinem Kurs blieb Hughes jedenfalls gegenüber den Franzosen in der denkbar passivsten Postion, ohne eine Möglichkeit, die Schwächen seiner Linie zu beheben.

Suffrens zwei Geschwader näherten sich, mal von kurzen Böen, mal von minimalem Wind getrieben. Auch zahlenmäßig durfte Suffren sich nun alle Hoffnungen machen:


Briten in der Reihenfolge von Osten nach Westen:

  • EAGLE (64 - Ambrose Reddal),
  • MONMOUTH (64 - James Alms),
  • WORCESTER (64 - George Talbot),
  • BURFORD (704 - Peter Rainier),
  • SUPERB (74 - Konteradmiral Sir Edward Hughes, Kapitän William Stevens +),
  • HERO (74 - Charles Wood),
  • ISIS (54 - Thomas Lumley).
  • MONARCA (683 - John Gell),
  • EXETER (64 - Kommodore Richard King, Kapitän Henry Reynolds +),  

     

     

     

     

  • Franzosen in zwei Gruppen von Süden nach Norden:

    Suffrens Luv-Geschwader

  • HEROS (74 - Kommodore de Suffren, Kapitän de Moissac),
  • ORIENT (74 - de la Palliere),
  • SPHINX (64 - du Chilleau),
  • VENGEUR (64 - de Forbin),
  • HANNIBAL (50 - Morard de Galles)

    Tromelins Lee-Geschwader

  • ANNIBAL (74 - Kommodore de Tromelin),
  • AJAX (64 - Bouvet),
  • ARTESIEN (64 - Bide de Maurville),
  • BRILLANTE (64 - de Saint-Felix),
  • SEVERE (64 - Villeneuve-Cillart),
  • BIZARRE (64 - Lalandelle)
  • FLAMAND (54 - de Cuverville),

  • Englische Namen aus BEATSON (S. 297 f.), französische Namen nach CUNAT (S.111 f.)


    Wie man sehen kann, hatten die Franzosen ein 50-Kanonen-Schiff, nämlich die eroberte HANNIBAL, mehr und verfügten gegenüber den Briten über je ein zusätzliches 64- und 74-Kanonen-Schiff. Es gibt übrigens einige Quellen (z.B. BEATSON S.297), die die BIZARRE (64) überhaupt nicht erwähnen und mitzählen. Möglicherweise nahm das Schiff durch die erwähnte Kollision (s.u.) beim Anmarsch Schaden und fiel so für die Schlacht mehr oder weniger aus.

    Die Franzosen setzten ihren Kurs auf die englische Linie fort, noch immer in zwei mehr oder weniger geordneten Linien segelnd, und steuerten zunächst die englischen Schlußlichter, die in der Linie ziemlich zurückgebliebenen MONARCA und EXETER, an. Hughes, der kaum Wind hatte, war nach wie vor nicht in der Lage, die Abstände innerhalb seiner Linie zu sanieren.

    Suffren plante, diesen Vorteil für sein Geschwader optimal auszunützen. Er beabsichtigte, die Briten vom Zentrum bis zur Nachhut zu doppeln:
    Suffren Gruppe sollte im Luv die britische Linie bis zum Zentrum attackieren, während Tromelins Gruppe nach Lee durchbrechen und auf dieser Seite Hughes Geschwader bekämpfen sollte.
    Suffren sah voraus, dass er die britische Vorhut vom Kampf ausschließen konnte und in der Schlacht die Kräfteverhältnisse auf 2 : 1 zugunsten der Franzosen ändern konnte. Ein voller Erfolg sollte der Anmarsch freilich nicht sein, denn in Tromelins Gruppe kam es schon bald zu der o.g. Kollision zwischen BIZARRE und SEVERE (CUNAT, S.112) und daraus resultierender Unordnung.

    Histoire du Bailli de Suffren
    Histoire du Bailli de Suffren
    von Charles Marie Cunat
    Sprache: Französisch
    Taschenbuch
    443 Seiten
    Adamant Media Corporation
    Erscheinungsdatum: 2001

    Die HEROS näherte sich indessen unbeirrt der britischen Schlachtlinie, luvte an und eröffnete auf der Backbordseite der Briten das Feuer. So begann gegen 15:30 am 17. Februar 1782 die Seeschlacht vor Sadras, in der bald darauf die EXETER kurz vor der Kapitulation stehen sollte.

    Die Seeschlacht vor Sadras

    Die folgende Seeschlacht ist ebenfalls bekannt als Seeschlacht vor Madras (Heute: Chennai), welches rund 70 km nördlich von Sadras liegt. Ob die unterschiedliche Benennung von der Namensähnlichkeit beider Städte herrührt, ist mir nicht bekannt. Der damals noch holländische Handelsstützpunkt bzw. die indische Stadt Sadras liegt jedoch auf dem Breitengrad, auf dem die hier erwähnte Schlacht tobte, weswegen die Bezeichnung "Seeschlacht vor Sadras" korrekt ist.

    Uneinigkeit gibt es auch zum Verlauf des Schlachtbeginns:
    Leider ist nämlich nicht wirklich genau bekannt, wie Suffren die Schlacht eröffnete.
    Aus seinem Bericht haben einige Quellen geschlossen, dass die HEROS das letzte Schiff in der britischen Linie, also die EXETER, attackierte (z.B. MALLESON, S.24 f. und CLOWES, S. 550 f.) und dann die Linie hinaufsegelte bis zum britischen Flaggschiff SUPERB . Hinter ihm müssten dann ORIENT (74), SPHINX (64), VENGEUR (64) und HANNIBAL (50) gefolgt sein, welche dabei nach menschlichem Ermessen ihre Breitseite in die EXETER entladen haben dürften.

    MAHAN gibt aber zu bedenken, dass der von Suffren geschilderte Weg der HEROS dem französischen Flaggschiff jeweils die Breitseiten von EXETER, MONARCA, HERO, ISIS und SUPERB gesichert hätte. Das Risiko Suffrens, dabei durch Treffer in die Takelage der HEROS manövrierunfähig zu werden und die gesamte französische Luv-Linie auf ihrem Weg zum Zentrum des Gegners zu blockieren, läßt MAHAN diese Version des Angriffs bezweifeln.
    Dazu kommt aus meiner Sicht noch, das ja schon die britische Linie auf ihrem Kurs kaum Wind hatte. Wie sollte das französische Flaggschiff angesichts dieser Windverhältnisse den offenbar recht weiten Weg von der EXETER bis zur SUPERB zurücklegen ?
    Die von Hughes in seinem Bericht beschriebene Version wäre laut MAHAN einfach das bessere Manöver gewesen:
    Nach Hughes Bericht nämlich greift Suffrens Gruppe mit der HEROS an der Spitze sofort das britische Zentrum an. Zwischen der EXETER und der HEROS hätte es demnach keinen Feuerwechsel gegeben und der Weg der HEROS an die Backbordseite von Hughes Flaggschiff wäre kürzer gewesen. Tatsächlich erscheint diese Version jedenfalls sinnvoller, denn für die britische Nachhut wären immerhin noch sieben französische Schiffe übrig geblieben.

    Warum aber sollte Suffren in seinem Bericht das Manöver anders schildern als es tatsächlich ablief ? Tat er das überhaupt ? Auszug aus seinem Bericht:

    "Ich hätte das englische Geschwader zerstören müssen, weniger wegen der Überzahl als vielmehr wegen der vorteilhaften Position, aus der ich es angriff. Ich griff das Schluß-Schiff an und positionierte mich bis hin zum sechsten. So machte ich drei von ihnen nutzlos, so das wir zwölf gegen sechs waren. Ich begann den Kampf um 15:30 am Nachmittag, übernahm die Führung und gab Signale, die Linie so gut wie möglich zu formen..." (Nach MAHAN 2007, übersetzt aus dem Englischen vom Autor)

    Denys Arthur Rayner's
    The long fight


    Wenn Suffren schreibt, er habe das Schluß-Schiff der Briten, also die EXETER, angegriffen und sich bis hin zum sechsten Schiff (von der EXETER aus gesehen) positioniert, dann könnte er mit "ich" auch sein Geschwader unter seinem Kommando meinen.
    Interessant ist auch die Formulierung: "Ich übernahm die Führung...", was bedeutet, die HEROS war an der Spitze seiner Schiffe und eröffnete das Feuer.
    Und da Suffren sich " bis hin zum sechsten positionierte", kann es eigentlich nur so gewesen sein, wie MAHAN es sich auch vorstellt, auch wenn Suffren sich seltsamerweise verzählte. Die HEROS griff nicht das sechste Schiff, von Westen in der britischen Linie an, sondern das fünfte und machte sogar vier britische Schiffe in der Vorhut, nämlich die MONMOUTH (64 - James Alms), WORCESTER (64 - George Talbot), BURFORD (70 - Peter Rainier) und EAGLE (64 - Ambrose Reddal), nutzlos. Dies kann man auch sehr gut an den fehlenden Verlusten auf den genannten Schiffen sehen.
    Worum es aber eigentlich geht: Suffrens Bericht ist in dieser Frage nicht zwingend ein Widerspruch zu Hughes Bericht.

    Man kann also davon ausgehen, dass die HEROS sich dem britischen Zentrum näherte und dann - wie die Briten - den Bug nach Osten wendete. Die Distanz zwischen SUPERB und HEROS war zu diesem Zeitpunkt laut CLOWES (S. 551) "half cannon-shot", wörtlich also ein "halber Kanonenschuß". Damit ist nach meinen Erfahrungen nicht wirklich die halbe Reichweite einer Kanone gemeint, sondern vermutlich eine Entfernung zwischen 150 und 250 Metern.

    Suffren ließ das Feuer eröffnen und im Zentrum entwickelte sich alsbald ein Feuergefecht zwischen den beiden Flaggschiffen, aber auch zwischen 4 von 5 anwesenden 74-Kanonen-Schiffen. Betrachtet man die Verlustliste, so kämpften hier offensichtlich in den nächsten Stunden HEROS, ORIENT, SPHINX und VENGEUR besonders gegen SUPERB, HERO und ISIS, möglicherweise auch MONARCA.

    Am Ende der britischen Linie aber kam nun die zurückhängende EXETER, der gerade noch die MONARCA etwas Hilfe bringen konnte, in große Bedrängnis. Die BRILLANTE und vielleicht auch die 50-Kanonen-HANNIBAL durchbrachen vor dem Bug von Kings Flaggschiff die englische Linie und setzten sich auf die Leeseite der englischen Linie, kamen allerdings nie bis auf die Höhe des Flaggschiffs.
    Drei weitere Schiffe aus Tromelins Gruppe, darunter vermutlich das Flaggschiff des Kommodore, die ANNIBAL (74), stürzten sich auf das englische Schlusslicht, das schnell umringt war, während die anderen französischen Schiffe der Gruppe sich noch dahinter drängten, offenbar aber nicht weiter vorstießen. So kam die EXETER in die am Anfang beschriebene verzweifelte Lage.

    Was für die EXETER in einen verzweifelten Existenzkampf mündete, wurde für Kommodore Suffren freilich zur Ursache großen Ärgers. Wie bereits erwähnt, hatte er befohlen, dass Tromelins Schiffe sich auf die Leeseite der Briten setzen sollten. Nun aber gab es dort aber nur die BRILLANTE, möglicherweise auch noch die HANNIBAL. Lediglich rund um die EXETER (64) standen die ANNIBAL (74 - Tromelin) , zwei 64-Kanonen- Schiffe und zumindest für einige Zeit auch die FLAMAND (54).
    Drei weitere französische Linienschiffe scheinen zu Beginn gar nicht in die Schlacht eingegriffen und später bestenfalls auf große Distanz geschossen zu haben, unter ihnen jedenfalls die möglicherweise beschädigte BIZARRE (64).

    Seeschlacht vor Sadras 17. Februar 1782

    Suffrens Plan hatte bis hier immerhin teilweise funktioniert, denn die britische Vorhut konnte nicht in die Schlacht hinter ihr eingreifen.
    Hughes hatte zwar das Signal zum Wenden für MONMOUTH (64 - James Alms), WORCESTER (64 - George Talbot), BURFORD (70 - Peter Rainier) und EAGLE (64 - Ambrose Reddal) aufziehen lassen, doch noch nicht aufreissen lassen. Hughes wußte, dass der Wind allein schon für die SUPERB nicht ausreichte, um das Wende-Manöver durchzuführen. Es war ebenfalls sinnlos, einen unmöglich auszuführenden Befehl signalisieren zu lassen.
    Doch selbst wenn die Vorhut die Wende versucht hätte: Die bewußt noch weiter Abstand haltende HEROS wäre den Briten dann in die Quere gekommen. Dies war die taktische Feinheit, mit der Suffren die Vorhut aussperren wollte. Bei einer vollen Wende, die einige Zeit in Anspruch genommen hätte, hätten sich die britischen Schiffe mit dem Bug zur vorbeisegelnden HEROS extrem verwundbar präsentiert.
    Doch auch diese Maßnahme Suffrens schien ein Bumerang zu werden. Der französische Kommodore, der noch immer hoffte, Tromelins Schiffe würden die englische Linie hochkommen, gab gegen 16:00 den Befehl, auf Pistolenschußweite (25-50 Meter) an den Feind heranzurücken. Die HEROS selbst blieb aber auf ihrer Position in größerer Distanz, um einer möglichen Wende der bisher tatenlos zusehenden britischen Vorhut entgegenzustehen.
    Suffrens Befehl wurde von den Schiffen in Sicht bestätigt, doch kein französischer Kommandant führte den Befehl aus, offenbar darauf bedacht, immer auf der Höhe der HEROS zu bleiben.
    MAHAN interpretiert diese "Befehlsverweigerung" damit, dass Suffren führte und jeder Kommandant darauf wartete, dass Suffren selbst mit dem Manöver beginnen würde.
    Suffrens schon Tage zuvor vorsorglich ausgearbeiteten Pläne, Hughes Geschwader zu zerschlagen und dann freie Hand an der Coromandel-Küste zu haben, scheiterten offensichtlich nicht an der mangelnden Loyalität seiner Offiziere (oder an mangelndem Wind), wie Suffren es später vermutete, sondern vielleicht gerade an deren blinder Befehlshörigkeit.

    Kein weiteres Schiff erschien auf der britischen Leeseite, kein französisches Schiff kam den Briten näher als die HEROS. Zwei Stunden lang währte der Eisenhagel und forderte ungeachtet der für eine Schlacht eher größeren Schussdistanz seinen Tribut und dies nicht nur unter den Crews. Kapitän Stevens wurde, neben Konteradmiral Hughes auf der Kampanje stehend, von einer Kanonenkugel getötet.
    Die Franzosen lagen nichstdestotrotz mit ihrem Feuer eher hoch, ihre Kugeln fetzten meistens durch die Takelage. Die Briten hielten dagegen eher tiefer, weswegen so manche Kugel in spitzem Winkel auf die Wasseroberfläche prallte und von dort in die Bordwand der HEROS oder ORIENT krachte.

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    Während der Kampf im Zentrum ausgeglichen schien, bahnte sich am Ende der Schlachtlinien ein Drama an:
    Die EXETER feuerte nach beiden Seiten, doch war sie inzwischen einem Wrack ähnlicher als einem stolzen Segelschiff. Immerhin gelang es Kapitän Gell von der MONARCA zeitweise, wenigstens die FLAMAND zu Feuerwechseln mit einem Teil ihrer Breitseiten von der EXETER abzulenken. Außerdem profitierten die Engländer in der Nachhut weiterhin davon, dass die Franzosen auf Distanz blieben, dass das ein oder andere französische Schiff sogar zeitweise gar nicht feuerte, weil man sich gegenseitig verdrängte (CUNAT, S.114), im Weg war oder die Distanz zu groß war und die Gefahr, eigene Schiffe zu treffen, als zu groß erachtet wurde. Trotzdem war die Uhr der EXETER nahezu abgelaufen.

    Es war der fortgeschrittene Tag, der Kommodore King vor der französischen Gefangenschaft bewahrte. Suffren versäumte aus welchen Gründen auch immer, selbst auf Nahdistanz zur SUPERB zu gehen und seine anderen Schiffe "mitzunehmen". Vermutlich traute der Kommodore seinen Kapitäns-Kollegen, die größtenteils ihr ganzes Offiziersleben auf Mauritius stationiert waren, nicht. Wertvolle Zeit verrann und Suffrens Chancen, Hughes zu schlagen, sanken mit jeder Minute Kampf und schwindenden Licht.
    Dann, gegen 18:00 und bereits in der Abenddämmerung, schlug der Wind nach Südosten um und brachte die Briten in die Luvposition. Nun konnte die britische Vorhut in den Kampf eingreifen und Suffren begann, seine Schiffe aus dem Gefecht zu ziehen und nach Nordosten zu steuern.

    Für die EXETER kam der Windwechsel keine Minute zu früh. Einige französische Quellen schreiben, sie hätte zu diesem Zeitpunkt bereits die Flagge gestrichen, vielleicht war der Fetzen aber auch nur weggeschossen worden. Neben den schweren Schäden an Masten und Tauwerk war Kommodore Kings Schiff so leck geschossen worden, dass 5 Fuß Wasser im Schiff standen.
    Die hereinbrechende Dunkelheit sorgte nun dafür, dass gegen 18:30 die Waffen endgültig verstummten. Hughes, dessen ebenfalls schwer angeschlagenes Schiff SUPERB offensichtlich das Ziel der Kugeln von gleich zwei 74-Kanonen-Schiffen war, sammelte seine Schiffe um das angeschlagene Flaggschiff und setzte sich mit der noch schwerer beschädigten EXETER nach Süden ab, während Suffren die Nacht über vor Sadras blieb, um am Morgen gegebenenfalls den Kampf wieder aufzunehmen. Am nächsten Morgen aber war die englische Flotte außer Sicht.

    Unter feindlicher Flagge

    Danach

    Die britischen Verluste waren nicht einmal so schwer, wie man nach über zwei Stunden Dauergefecht hätte befürchten müßen:
    Die schwer beschädigte EXETER hatte 10 Tote und 45 Verwundete, die SUPERB 11 Tote und 26 Verletzte, die HERO 7 Tote und 17 Verwundete. MONARCA und ISIS hatten jeweils nur ein Todesopfer bei 5 bzw. 3 Verletzten zu beklagen, insgesamt also 30 Tote und 96 Verwundete.

    Die französischen Verluste werden nicht genau beziffert, CUNAT (S.117) schreibt von 30 Toten und 100 Verwundeten. Tote und Verwundete hatten, ihm folgend, nur die Schiffe HEROS (74 - Suffren), ORIENT (74 - de la Palliere), SPHINX (64 - du Chilleau), VENGEUR (64 - de Forbin), HANNIBAL (50 - Morard de Galles), BRILLANTE (64 - de Saint-Felix) und FLAMAND (54 - de Cuverville).
    Freilich hat CUNAT aufgrund seiner Darstellung Suffrens und seiner Offiziere offensichtlich ein gewisses Interesse daran, Tromelins Geschwader als wenig engagiert zu kennzeichnen.

    Suffren hatte eine Chance verpasst, gleich zu Beginn der Kampanje im Indischen Ozean die Briten entscheidend zu schlagen. Der französische Oberkommandierende, dessen Plan fehlschlug, schrieb dieses Versagen seinen Kommandanten zu, die nicht an die Lee-Linie des Feindes segelten und auch nicht näher an den Gegner rückten. Vermutlich war diese Zuschreibung Suffrens aber nicht gerecht. Man muß doch fragen, wie Tromelin die Lee-Linie der Briten hätte hochsegeln sollen, wenn nicht einmal genug Wind für die britische Vorhut zum Wenden vorhanden gewesen ist. MAHAN schreibt zwar, es habe genug Wind gegeben:
    "There was wind enough; for two captains actually engaged to leeward, one of them without orders, acting, through the impulse of his own good will and courage..." (MAHAN 2007: 344),
    vergißt dabei aber offenbar selbst, dass die BRILLANTE auch nicht bis zum britischen Flaggschiff vorstoßen konnte und das zweite Schiff ( HANNIBAL ?) eher durch Chance als durch Streben auf seine Position gelangte.
    Die Franzosen hätten den Tag sowieso nur dann für sich entscheiden können, wenn sie auch wirklich auf kürzeste Distanz an die Briten herangerückt wären. Suffren gab dieses Signal offenbar nur einmal und danach nicht wieder. Warum ? Offenbar mißtraute er seinen Kommandanten oder auch den Schießleistungen seiner Kanoniere und versuchte lieber, die Briten auf Distanz manövrierunfähig zu machen. Doch dazu blieb am Abend des 17. Februar offensichtlich nicht genug Zeit.

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    Soweit die erste Auseinandersetzung zwischen Suffren und Hughes. Vier weitere Schlachten sollten noch folgen. Und rund 16 Jahre später sollte ein britischer Konteradmiral mit Namen Horatio Nelson Suffrens Plan des Doppelns auf Nachhut und Zentrum des Gegners gegen ein ankerndes französisches Geschwader umsetzen und vor dem ägyptischen Hafen von Abukir einen legendären Sieg feiern.

    Hughes zog sich mit seinen beschädigten Schiffen nach Trincomalee zurück. Immerhin das hatte Suffren erreicht. Die französischen Truppen Du Chemins konnten bei Porto Novo landen und gemeinsam mit den Soldaten Haidar Alis die britisch dominierte Hafenstadt Cuddalore erobern. Doch Suffren wußte, dass der Feldzug Haidar Alis aus französischer Sicht nur erfolgversprechend war, wenn die englische Flotte in der Region ausgeschaltet wurde. Und Suffren wußte auch, dass Verstärkung für die Briten auf dem Weg war. Zwei weitere Linienschiffe drohten, zu Hughes zu stoßen und der französische Kommodore plante, diese abzufangen.

    Fortsetzung : Seeschlacht vor Providien


    Quellen:

  • Robert Beatson : Naval and military memoirs of Great Britain, from 1727 to 1783, Band 6
  • William Laird Clowes : The royal navy, a history from the earliest times to present, Band 3,
  • Charles Marie Cunat : Histoire du Bailli de Suffren, Rennes 1852
  • Sir Edward Cust : Annals of the wars of the eighteenth century, Band 3, London 1858, S. 303 ff.
  • Hughes Bericht: Biographical memoirs of the late Sir Edward Hughes, in: The Naval Chronicle, Band 9, January - Juli 1803, S. 92 ff.
  • Alfred Thayer Mahan : The Major Operations Of The Navies In The War Of American Independence, London 1913
  • Alfred Thayer Mahan : The Influence of Sea Power Upon History, 1660-1783, London 2007, 320 ff.
  • George Bruce Malleson : Final French Struggles in India, London 1884

    Fußnoten:

    1 = Die Angabe der Größe der Fregatten Suffrens variiert in den Quellen. Einige Quellen lassen die POURVOYEUSE vor Sadras sogar in der Linie mitsegeln. Möglicherweise war die POURVOYEUSE aber nur ein 36-Kanonen-Schiff, während BELLONE und FINE 32er waren, siehe CLOWES (S.550).

    2 = Das Geschwader war inzwischen um die beiden Fregatten CONSOLANTE und FINE angewachsen.

    3 = Die MONARCA (68) war zuvor ein spanisches Schiff der 68-Kanonen-Klasse. Nach der Eroberung durch die Briten segelte es unter englischer Flagge. Einige Autoren behalten die Angabe (68) bei, andere stufen das Schiff als 64 oder 70-Kanonen-Schiff ein.

    4 = Die BURFORD (70) gehörte zur alten 70-Kanonen-Klasse. Diese war aber nicht kampfkräftiger als ein 64-Kanonen-Schiff


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