Seeschlacht
Brian Lavery - The Ship of the Line. Vol. I: The development of the battlefleet 1650 - 1850.


Chronologie der europäischen Seekriege 1793 bis 1815, Band 1, bis 1802
Chronologie der europäischen Seekriege 1793 - 1815
Band 1 : Von 1793 bis zum Frieden von Amiens 1802

von Thomas Siebe
Sprache: Deutsch Broschiert - 224 Seiten - BoD
ISBN 978-3-8423-2883-9 Erschienen: September 2010
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Beispiel-Seiten
Beispiel 1 - Beispiel 2 - Beispiel 3


Zweikampf vor Flamborough Head

USS BONHOMME RICHARD versus HMS SERAPIS


Die englische Insel, Flamborough Head markiertNeben der Seeschlacht von Chesapeake 1781 zwischen Briten und Franzosen, die entscheidende Bedeutung für die spätere Kapitulation der Briten bei Yorktown hatte, ist das Duell vor dem Flamborough Head das vielleicht berühmteste Seegefecht der amerikanischen Revolution bzw. des Unabhängigkeitskrieges.
Nur wenige Meilen vor der Küste Yorkshires traf am späten Nachmittag des 23. September 1779 ein kleines Geschwader von amerikanischen und französischen Kaperschiffen unter dem Kommodore 7 und späteren Revolutionshelden John Paul Jones auf einen aus der Ostsee kommenden Konvoi von 41 britischen Handelsschiffen, der von einer britischen Fregatte und einer britischen Hilfskorvette aus Scarborough eskortiert wurde. Bei diesem Treffen kam es zu einem rund 4 Stunden andauernden, erbitterten und außerordentlich blutigen Duell. Im Zentrum stand dabei das Gefecht zwischen den beiden größten Schiffen, der englischen Fregatte SERAPIS und der amerikanisch-französischen BONHOMME RICHARD. Am Ende feierten die Amerikaner einen ebenso legendären wie - vertraut man den gängigen Berichten - erstaunlichen Sieg. Wie es dazu kam, darüber gibt es bei genauerer Betrachtung allerdings abweichende Aussagen der beteiligten Protagonisten. Ich hoffe jedoch, etwas mehr Licht in die blutige Nacht vor dem Flamborough Head bringen zu können als zumindest die Legende bis heute der Nachwelt spendet. Die Geschichte, die ich erzähle, läßt jedoch Helden im herkömmlichen Sinn vermissen.

Historischer Background

In den nordamerikanischen Kolonien kam es nach der "Boston Tea Party" 1773 zu einer zunehmenden Spannung zwischen den Kolonialisten 5 und dem Mutterland England, die sich 1775 in offenen Feindseligkeiten entlud. Neben der Aufstellung einer Landarmee mußten die Amerikaner auch der Verteidigung und dem Schutz ihrer Küstengewässer Rechnung tragen. Im Dezember 1775 begann der Aufbau einer anfänglich nur aus 5 Schiffen bestehenden Flotte.
Aufgrund der geringen Flottenstärke konnten die Amerikaner den Briten auf See offensiv natürlich nur im Kreuzer- und Handelskrieg Probleme bereiten. Die zunehmende Unterstützung Frankreichs, das als erster Staat die amerikanischen Kolonien als unabhängigen Staat anerkannte, erleichterte es dem amerikanischen Kongress, den Krieg zur See schließlich auch unmittelbar vor die englischen Küsten zu tragen. Sinn dieses Unternehmens war erklärtermaßen und vor allen Dingen eine Beeinflussung der öffentlichen Meinung in England gegen den Krieg. Diesem Ziel entsprechend wurde vielleicht auch die Wahl des Mannes getroffen, der in England mit seinen Unternehmungen von sich reden machen sollte.

Die Vorgeschichte

Im November 1777 war einer der erfolgreichsten amerikanischen Kaperkapitäne, John Paul Jones, mit der Korvette RANGER (18 Kanonen) in Frankreich eingetroffen. Jones, ein aus Schottland stammender ehemaliger Handelsskipper, hatte sich zwar zuvor - gelinde gesagt - als sehr schwieriger, aber andererseits für bestimmte Zwecke wiederum recht nützlicher Charakter erwiesen. Seine vornehmste Funktion für die amerikanische Sache war wahrscheinlich weniger militärischer Natur, sein Einsatz hatte vielmehr psychologische Zielsetzungen. Der Krieg gegen die wirtschaftlich ohnehin schon langem als Ballast empfundenen nordamerikanischen Kolonien war im englischen Mutterland mit jedem Tag unpopulärer geworden. Jones sollte die bereits kriegsmüden Engländer noch kriegsmüder machen, um die englischen Militärs durch die öffentliche Meinung unter Druck zu setzen. Der streitbare schottischstämmige Kapitän wurde in Frankreich vom dortigen amerikanischen Gesandten, dem schon damals berühmten Benjamin Franklin, unter die Fittiche genommen. Franklin gelang es recht gut, Jones größte Tugenden - seine Kompromiss- und Rücksichtslosigkeit - zu bändigen und für die amerikanische Sache einzusetzen, während er andererseits nicht mit dem schwierigen Kapitän aneinandergeriet - was wahrscheinlich angesichts des mißtrauischen und sturen Schotten das größere Kunststück darstellte. Für den extrem ehrgeizigen Jones galt nämlich offensichtlich zeitlebens: Viel Feind, viel Ehr.

Im Frühjahr 1778 machte Jones mit französischer Unterstützung seine erste Kaperfahrt in die Gewässer der englischen Inseln und sorgte mit der RANGER umgehend für Angst und Schrecken, wenngleich natürlich nicht jeder seiner Landüberfälle und Angriffe von Erfolg gekrönt wurde. Jones richtete immerhin einigen Schaden an, beunruhigte die gesamte Insel und führte vor Carrickfergus am 24. April 1778 ein berühmt gewordenes und gefeiertes einstündiges Seegefecht gegen die freilich in jeder Hinsicht unterlegene englische Korvette DRAKE (14) unter Kapitän Burden (†) 16.
Militärisch gesehen blieb das ganze Unternehmen jedoch ein Nadelstich und gestaltete sich sowohl wirtschaftlich als auch sozialpsychologisch eher suboptimal, was nicht zuletzt an dem eigenwilligen und mit brutaler Härte kommandierenden amerikanischen Kapitän lag, dessen Mannschaften auch später ständig kurz vor der Meuterei standen. In seinem Bemühen, militärische bedeutsame Schläge auszuführen, ließ Jones unberücksichtigt, daß es sich bei dieser Fahrt um eine Kaperfahrt und damit auch eine Fahrt im ökonomischen Interesse handelte. So ließ er manch´ dicken Fisch schwimmen, weil er sich z.B. einen weniger erfolgversprechenden, dafür aber um so gefährlicheren Landangriff in den Kopf gesetzt hatte. Damit verärgerte er nicht nur seine Mannschaften, sondern enttäuschte auch die französischen Hoffnungen. Jones erwies sich auch - selbst gegen seine Offiziere - als unberechenbar 1, hielt prinzipiell jede geringe Abweichung von seinen Befehlen für Meuterei, so daß es einerseits an selbstbewußter Eigeninitiative und andererseits an Kooperation seiner natürlich auch nicht perfekten Untergebenen mangelte.
Die Probleme mit Jones wurden zwar von Benjamin Franklin abgefangen, doch den verbündeten und wahrscheinlich eher enttäuschten Franzosen behagte der Schotte offensichtlich nicht. Sie setzten die Amerikaner zunächst - in aller Höflichkeit und mit großen Versprechungen - auf´s Trockene.

Der Feind im eigenen Geschwader

Nach dem propagandamäßig glänzend ausgeschlachteten Erfolg gegen die DRAKE wurden zunächst hochfliegende Pläne entworfen und präsentiert: Eine Invasion Englands oder Irlands - ein alter französischer Traum - in Kooperation mit den Franzosen unter der Führung Lafayettes wurde angestrebt. Doch im Verlaufe der nächsten, ergebnislosen Monate ließ die Euphorie nach, die geplanten militärischen Projekte wurden immer kleiner und es wurde wohl auch immer offensichtlicher, wie pleite der französische Staat schon damals war. Am Ende blieb eine schlichte Kaperfahrt 2 einiger weniger Schiffe als Option übrig. Zu diesem Zweck bekam der schifflose Jones von den Franzosen einen ehemaliger französischer Ostindienfahrer, die DUC DE DURAS. Ob das alte Schiff den Amerikanern geschenkt oder nur geliehen wurde, blieb ungeklärt 3.

John Paul Jones

Jones bekam die Zusage für dieses Schiff im Februar 1779 und hatte die in BONHOMME RICHARD umgetaufte Fregatte Anfang Mai gerade seetüchtig gemacht , als die amerikanische Fregatte ALLIANCE in Brest einlief, unter dem Kommando des für die Kolonialisten kämpfenden Franzosen Pierre Landais: Er hatte den Marquis Lafayette zurück nach Frankreich gebracht und hatte Order, mit Munition und militärischer Ausrüstung nach Nordamerika zurückzukehren. Die ALLIANCE war das modernste und kampfkräftigste Schiff, das die US-Navy zu diesem Zeitpunkt zu bieten hatte, war also der BONHOMME RICHARD ohne Zweifel vorzuziehen. Benjamin Franklin kam die Fregatte gerade recht, denn die ALLIANCE konnte das Geschwader auf der geplanten Kaperfahrt um England herum verstärken. Ohne viel Umstände setzte er Landais ursprüngliche Befehle außer Kraft und stellte den erfahrenen Franzosen unter das Kommando 4 von John Paul Jones.
Der Kapitän der ALLIANCE war alles andere als begeistert.
Landais und Jones verstanden sich nämlich offensichtlich bereits bei der ersten Begegnung nicht. Landais als der ältere und zweifelsohne erfahrenere der beiden Männer schien von Beginn an Jones Kompetenz, später seine Autorität in Frage zu stellen oder gar nicht anzuerkennen - zumindest verhielt er sich nach Jones Meinung in dieser Weise. Jones auf der anderen Seite war Landais, der bereits mit Bougainville um die Welt gesegelt war und der arrogant genug war, dies den geltungssüchtigen Schotten immer wieder spüren zu lassen, vermutlich zutiefst verhaßt. Die wachsende Feindschaft der beiden auf Geltung bedachten und konkurrierenden Männer wurde vermutlich aus beiden Quellen gespeist und durch die verfahrene und mehrdeutige Situation um die BONHOMME RICHARD noch begünstigt. Vor dem Auslaufen des Geschwaders aus L´Orient unterschrieb Landais - wie alle Kommandanten des Geschwaders - zwar eine Übereinkunft, die die Rangfolge bei gemeinsamen Operationen regelte 18. Diese Übereinkunft stellte Landais aber nicht generell unter das Kommando von Jones, schon gar nicht, falls dieser ein französisches Schiff kommandierte. Landais beschloß jedenfalls - so vermerkte es Jones - gleich zu Beginn der Operationen des Geschwaders, die anderen Schiffe als privateers, sprich: als Kaperschiffe und nicht Kriegschiffe zu betrachten und machte sich später folgerichtig, wann immer es ihm einfiel, selbstständig.
Zuvor aber, am 20. Juni 1779, gerade einen Tag auf See, stießen die ALLIANCE und die BONHOMME RICHARD während der ersten Operationen des gemischten Geschwaders zusammen, was beträchtlichen Schäden
24 auf Jones´ Schiff zur Folge hatte - dies dürfte den letzten Ausschlag für die unversöhnliche Haltung auf beiden Seiten gegeben haben, denn natürlich beschuldigte der Amerikaner schottischer Herkunft umgehend Landais. Die Schuld wurde jedoch durch eine kriegsgerichtliche Untersuchung dem 1. Offizier der BONHOMME RICHARD, Robinson, zugeschrieben, der daraufhin aus dem Dienst entlassen wurde. Für Jones wurde diese erste "Niederlage" immerhin später ein Gewinn: Robinson wurde durch Leutnant Dale ersetzt, der Jones vor Flamborough Head unbeirrt treu bleiben sollte 25.

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ISBN 978-3-8391-0218-3 Erscheinungsdatum: Mai 2009
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Der Beginn des Unternehmens

Auf diesem ersten Turn des kleinen Geschwaders machte Jones die Erfahrung, daß kleinere britische Kriegsschiffe seinem Geschwader aus dem Weg gingen, eine Wahrnehmung, die möglicherweise seine spätere Selbstüberschätzung gegenüber der SERAPIS beeinflußte.
U.a. wegen der durch die Kollision entstandenen Schäden mußte das Geschwader zunächst wieder zurück in einen französischen Hafen und lief am 30. Juli in Croix ein. Erst am 14. August lief die kleine französisch-amerikanische Flotte wieder aus. Sie bestand zu diesem Zeitpunkt aus BONHOMME RICHARD, ALLIANCE, PALLAS, CERF, VENGEANCE, GRANVILLE und MONSIEUR. Die französische MONSIEUR verließ schon 2 Tage später das Geschwader, am 25. August gingen auch GRANVILLE und CERF eigene Wege.
Jones steuerte mit den verbliebenen Schiffen zunächst die irische See an, sein erklärtes Ziel jedoch war ein halbjährlich aus der Ostsee kommender britischer Konvoi, der reiche Beute an Holz und militärischen Gütern versprach. Während der Fahrt ergaben sich dann die o. g. Probleme zwischen Landais und Jones - Landais mißachtete laut Jones Befehle, ging eigene Wege, ohne allerdings das Geschwader endgültig verlassen.
Fehlten Jones die Mittel, den französischen Kommandanten der amerikanischen ALLIANCE zur Verantwortung zu ziehen oder war er selbst unsicher, wie weit seine Machtbefugnisse gingen ? Bekam die "Eigeninitiative" des Franzosen erst angesichts der späteren Entwicklung eine andere Bedeutung ?
Dem ökonomischen Erfolg der Unternehmung zumindest schien diese Affäre aber nicht sonderlich zu schaden, denn Jones´ Flotte machte im Gegenteil in den nächsten 4 Wochen reiche Beute und brachte zahlreiche Prisen und auch englische Gefangene ein. Dagegen scheiterte der ein oder andere spektakuläre und auf publizistische Wirkung angelegte Plan, den Jones ersonnen hatte, bereits im Ansatz, z.B. ein Angriff im Firth of Forth. Bei diesem Raubzug im Uhrzeigersinn um die englische Insel herum kamen also die Kaperer auf ihre Kosten, während Jones in seinen Zielsetzungen, spektakuläre militärische Erfolge zu verbuchen, weitgehend scheiterte. Auch die nur langsam segelnde BONHOMME RICHARD vermochte die Laune des Kommodore bei der Jagd auf Beute nicht verbessern. In diesen Wochen kam und ging die ALLIANCE, aber die PALLAS verhielt sich laut Logbuch genauso - beide Schiffe brachten gute Prisen ein. Auch war die ALLIANCE am 22. September, einen Tag vor dem erwünschten Zusammentreffen mit dem baltischen Konvoi, vor Ort - wie nach Verabredung.
Man kann nicht so weit in der Vermutung fehlen, das zumindest einige Klagen gegen den französischen Kapitän in amerikanischen Diensten erst nach den frustierenden Wochen auf See und nach dem Gefecht vor dem Flamborough Head erhoben wurden. In den Logbüchern selbst ist wenig von Landais "Eigeninitiative" zu lesen - seine An- und Abwesenheit wird lediglich vermerkt.

Die Schlacht

Am 22. September suchte Jones vor der Mündung des Humber nach Beute und wartete auf den ersehnten Konvoi von Handelsschiffen aus der Ostsee. Im Verlaufe dieses Tages stieß er wieder auf die PALLAS und die ALLIANCE - dieses pünktliche Zusammentreffen ist ein Indiz dafür, daß sich beide Schiffe in Absprache nur zeitweise vom Geschwader entfernten . Am Morgen des 23. September verfolgte die BONHOMME RICHARD bei schwachem Wind eine Brigg und ließ eines ihrer Beiboote mit dem 2. Offizier Lunt und 16 Mann aussetzen, um die schnelle Brigg zu fassen - die BONHOMME hatte dazu keine Chance.
20 Meilen nördlich hielt die britische Kriegsfregatte SERAPIS unter dem Kommando von Kapitän Richard Pearson die Spitze eines Konvois aus 41 Handelsschiffen. Die meisten Schiffe waren mit Holz, Seilen, Segeltuch und anderer nautischen Ausrüstung beladen, von der ein großer Teil für die britische Navy bestimmt war. Es war der von Jones erwartete sogenannte baltische Konvoi.

Der Tag der Schlacht

Acht Tage lang hatte die Reise der britischen Handelsschiffe aus der Ostsee gedauert und war bis zum 23. September ohne Zwischenfälle verlaufen. Zunächst schien der Morgen für Kapitän Pearson ebenso ruhig zu verlaufen, doch dann - am späteren Vormittag - bekam er Flaggensignale von Land - wahrscheinlich von Scarborough Castle - daß ein feindliches Geschwader vor der Küste gesichtet worden war. Kurz darauf nahm er Kontakt mit einem Fischerboot auf, daß ihm von Jones bzw. einem feindlichen Geschwader berichtet, daß man am Tag zuvor südlich gesichtet hatte.
Vorerst behielt die SERAPIS Kurs bei, doch die Aufmerksamkeit der Briten war gespannt.
Um ca. 13:00 - vor dem Flamborough Head - wurden die Mastspitzen der Kaperschiffe sowohl auf der SERAPIS wie auch auf einigen Handelsschiffen gesichtet und Pearson gab Signale an seine Schutzbefohlenen, Schutz in Scarborough zu suchen. Er mußte einige Zeit signalisieren und ließ sogar nach eigenem Bericht blinde (ohne Kugeln) Kanonenschüsse abgeben, um auch den langsamsten Schafen seiner Herde den Ernst der Lage zu verdeutlichen. Zur Verteidigung des Konvois schloß die britische Korvette COUNTESS OF SCARBOROUGH zur SERAPIS auf. Dieses nicht sonderlich kampfkräftige Schiff gehörte zur Küstenverteidigung. Die SERAPIS und die COUNTESS OF SCARBOROUGH schoben sich nun zwischen den Konvoi und Jones langsam auflaufendes Geschwader.

Flamborough Head

Auf der BONHOMME RICHARD war ebenfalls kurz nach Mittag ein englisches Schiff nach dem anderen gesichtet worden, ein wahrer Wald von Segeln war da am nördlichen Horizont vor dem Flamborough Head aufgetaucht und der amerikanische Kommodore war sich schnell sicher, daß er nun auf den Konvoi gestoßen war, den er schon zu Beginn seiner Kaperfahrt im Visier hatte. Jones setzte von nun alles daran, einige dieser Schiffe vom Ufer abzuschneiden und signalisierte den anderen Schiffen "Allgemeine Jagd". Doch nur langsam schloßen die Kaperschiffe zu dem nun Richtung Scarborough kreuzenden Konvoi vor ihnen auf - der Wind war und blieb schwach - und um ca. 16:00 wurde obendrein klar, daß sich ihnen nun ein größeres britisches Kriegsschiff entgegenstellte. Der gelb gestrichene Rumpf der großen Fregatte konnte auf der BONHOMME RICHARD schließlich deutlich ausgemacht werden, daneben blieb nun ein weiteres, kleineres Schiff zurück. Das Beiboot der BONHOMME unter Leutnant Lunt blieb zwar derweil seinem Mutterschiff auf den Fersen, konnte am Ende jedoch nicht mehr aufgenommen werden, so das Jones die Männer später im Gefecht fehlten.

Die Kräfteverhältnisse

Ungefähr um 17:00 waren die Kräfteverhältnisse auf beiden Seiten zumindest zahlenmäßig klar: Eine große britische Fregatte und eine Korvette standen gegen zwei kleinere bzw. weniger kampfkräftige amerikanisch-französische Fregatten und zwei Korvetten.
Die britische SERAPIS, ein Zweidecker von über 950 Tonnen und kommandiert von Kapitän Richard
Pearson, war gerade im März 1779 vom Stapel gelaufen und in Dienst gestellt worden. Sie führte 44 Kanonen 6, davon 20 Achtzehnpfünderkanonen. An Bord befanden sich 320 Mann, davon waren 45 Seesoldaten. Sie war dem amerikanischen Flaggschiff BONHOMME RICHARD (42) bezüglich der Artillerie, Schnelligkeit und Manövrierbarkeit deutlich überlegen.
Für den Schutz des britischen Konvois segelte noch die britische Hilfskorvette COUNTESS OF SCARBOROUGH unter dem Kommando von Kapitän Thomas Piercy. Sie führte 20 Sechspfünderkanonen und hatte rund 130 Mann an Bord.

Das kampfkräftigste Schiff auf amerikanisch-französischer Seite war zweifellos die amerikanische 900 t-Fregatte ALLIANCE unter dem in die amerikanische Navy übernommenen französischen Kapitän Pierre Landais. Die ALLIANCE verfügte über 36 neue Kanonen, davon 28 Zwölfpfünder und 8 Neunpfünder. Die Besatzungsstärke lag knapp über 200 Mann - die amerikanische Fregatte hatte zu diesem Zeitpunkt zwar nicht die volle, aber eine ausreichende Besatzungsstärke.
Die BONHOMME RICHARD war bekanntlich ein ehemaliger französischer Ostindienfahrer von rund 1000 t, 1765 gebaut und in Brest für Kaperfahrten umgerüstet. Sie hatte 6 alte und, wie sich herausstellen sollte, defekte Achtzehnpfünderkanonen und 28 Zwölfpfünderkanonen an Bord. Auch bei den kleineren Kalibern wog die englische Breitseite der SERAPIS schwerer. Einzig bei der Besatzungsstärke verfügten die Amerikaner über Vorteile gegenüber der britischen Fregatte, denn an Bord der BONHOMME RICHARD befanden sich insgesamt 375 Mann, davon 137 französische Soldaten mit Musketen. Manche sprechen in diesem Zusammenhang von Scharfschützen, aber Übertreibung und Verfälschung gab es nach der Schlacht auf beiden Seiten. Es besteht kein Grund, eine Art Elitetruppe
8 an Bord des legendären amerikanischen Schiffes anzunehmen. Der Rest der Besatzung der BONHOMME RICHARD bestand aus 79 Amerikaner, 83 Engländern, Iren und Schotten, ca. 30 Portugiesen, einigen Skandinavier und viele ganz kleine Gruppen oder Individuen anderer Nationalitäten. Es handelte sich also um einen recht bunten Haufen, alles andere als gut gedrillt und diszipliniert.
In Jones´ Verband segelte auch die französische PALLAS unter Kapitän Ricot. Die PALLAS war ein umgebautes Handelschiff mit 32 Kanonen - 26 Neunpfünder und 6 Vierpfünder. Die Besatzungsstärke betrug rund 250 Mann. Die VENGEANCE - eine kleine französische Brigg mit 12 Dreipfündern unter Kapitän Cottineau - griff in den folgenden Kampf überhaupt nicht ein und fiel angesichts der größeren Schiffe auch kaum in´s Gewicht.

Ein Modell der britischen Fregatte SERAPIS
Ein Modell der HMS SERAPIS - mit freundlicher Genehmigung der Portsmouth Period Model Ships

Alles in allem hätte die kleine amerikanisch-französische Flotte bei einem konzentrierten Angriff sicherlich militärische Vorteile gehabt. Das gilt vielleicht auch bei einem Vergleich der Kommandanten, wenn Jones und Landais denn "teamfähig" gewesen wären. Kapitän Richard Pearson von der SERAPIS konnte bis zu diesem Zeitpunkt auf keine herausragende militärische Karriere zurückblicken, sein Verhalten im späteren Zweikampf ist auch nicht das eines erfahrenen Kämpfers. Die Amerikaner verfügten insofern ohne Zweifel mit ihrem Kommandanten über einen gewissen Vorteil, denn Jones war einerseits mit der kompromisslosen, brutalen Rücksichtslosigkeit ausgestattet, die im Krieg erfolgreich macht... und / oder auch Massaker verursacht - - andererseits hatte er aber offensichtlich keine Erfahrung mit der Wirkung einer Breitseite aus Achtzehnpfündern, denn sonst hätte er sich möglicherweise nicht - schon gar nicht allein - an die Fregatte herangewagt. Pierre Landais hatte dafür - wie übrigens auch Kapitän Pearson - im Siebenjährigen Krieg einschlägige Erfahrungen gesammelt und wußte sehr wohl die Breitseiten einer großen britischen Fregatte einzuschätzen.
Vielleicht scheute der Franzose deswegen tatsächlich den Kampf, als Jones seiner kleinen Flotte signalisierte, sie möge sich in einer Schlachtlinie formieren. Ein genauerer Blick auf die Situation entblößt diese durch die Legende verbreitete Version jedoch als reine Spekulation und vielleicht sogar als Mäntelchen für die Fehler von Jones. Wir sind hier an einem wichtigen Punkt des Geschehens vor dem Flamborough Head angelangt. .

Landais´ Verrat oder Jones´ Alleingang ?

Keines der Schiffe des amerikanisch-französischen Geschwaders reagierte auf Jones´ Signale geschweige denn formierte sich zum Angriff.
Dafür gäbe es zunächst eine ganz einfache Erklärung: Zu diesem Zeitpunkt war die Dämmerung bereits hereingebrochen und es wäre absolut plausibel, wenn die Signale von Jones nicht gesehen oder erkannt wurden - ein zu diesen Zeiten auf See häufig anzutreffendes Problem.
Jones jedoch präsentiert eine andere Erklärung: Er unterstellt in seinem Bericht, Landais habe seine Befehle ignoriert, habe sich vor dem Kampf drücken und den Angriff sabotieren wollen. Interessanterweise nennt der amerikanische Kommodore übrigens nur den Kapitän der ALLIANCE, obwohl auch die PALLAS und VENGEANCE der BONHOMME RICHARD nicht folgten. Die Behauptung von Jones könnte aber nur dann mehr als eine Unterstellung sein, wenn Landais und die anderen Kommandanten in dieser Situation nachdrücklich die Gefolgschaft gegenüber dem Kommodore verweigert hätten. Jedoch berichtet Jones nicht einmal von einer Wiederholung seines Signals geschweige denn einem Beidrehen oder Zuwarten der BONHOMME RICHARD, um sich der Kooperation oder auch Verweigerung zu vergewissern.
Dafür impliziert Jones Bericht, er habe die überlegene Fregatte bereits im Bewußtsein eines möglichen Verrats durch Landais angesteuert.
Das aber wäre ohne Rücksicht auf mögliche Unterstützung durch die ALLIANCE keine Heldentat, sondern eine unglaubliche Dummheit gewesen. War Jones wirklich so inkompetent, daß er annahm, er könne allein mit der lahmen BONHOMME RICHARD und 6 alten Achtzehnpfünderkanonen die 20 Achtzehnpfünder der britischen Fregatte schlagen ?
Ich denke, Jones war kein solcher Narr
19. Als er später die SERAPIS anging, rechnete er meiner Meinung fest damit, daß die ALLIANCE die BONHOMME RICHARD und die SERAPIS spätestens nach Eröffnung der ersten Breitseiten lokalisieren und finden würde. Bis dahin hoffte er jedoch, einige Vorarbeit geleistet zu haben...und damit vielleicht den ganzen Ruhm einzustreichen. Eine verhängnisvolle Fehleinschätzung der Breitseiten der SERAPIS ! Aber eine doch überraschend positive Einschätzung des später so gescholtenen Kapitäns der ALLIANCE !
Doch warum beginnt die Legende von John Paul Jones, an der der geltungssüchtige Schotte selbst kräftig mitgestrickt hat, bereits an diesem Punkt der Trennung vom Geschwader das Bild vom verräterischen Franzosen Landais zu formen ?
Landais berichtete, er habe kein Signal von Jones gesehen und seinerseits dem entschwindenden Amerikaner signalisiert. Der habe jedoch nicht geantwortet, sondern sei schlicht in der hereinbrechenden Dunkelheit verschwunden - diese Version läßt Jones Verhalten als rücksichtslosen und unprofessionellen Alleingang erscheinen. Jones wird auch von seinen eigenen Offizieren in dieser Phase der Trennung von den anderen Schiffen als äußerst ungeduldig beschrieben. Ging es ihm nicht schnell genug, so daß er die heraufziehende Dunkelheit unberücksichtigt ließ ? Hatte er Angst, die SERAPIS in der Dunkelheit zu verlieren ? Oder wollte er auf jeden Fall zuerst an den Feind kommen, um den größten Teil des Ruhms zu ernten ? Es war jedenfalls ein Fehler, den Kontakt zum Geschwader mutwillig, möglicherweise aus purer Ruhmsucht fahren zu lassen. Es bedeutet natürlich für einen Geschwaderchef ein Fehlverhalten, sozusagen seine Truppe zurückzulassen. Die Legende (und Jones) mußte diese Situation zu Ungunsten des "unkooperativen und verräterischen" Landais umdeuten, weil sonst der Alleingang benannt werden müßte. In Verbindung mit diesem Fehler steht dann aber auch Jones´ möglicherweise aus mangelnder Erfahrung mit schweren Kalibern geborene Fehleinschätzung der britischen Achtzehnpfünderkanonen, die die BONHOMME RICHARD schließlich in eine schwierige Situation brachte.
Jones´ spätere Schuldzuweisungen passen zu einem Bestreben, die eigenen Fehler - aus Ungeduld oder Ruhmsucht und offensichtlicher Selbstüberschätzung heraus begangen - zu kaschieren, deren er sich wohl mit seinem Vorpreschen schuldig machte.
Landais auf der anderen Seite hatte ja im siebenjährigen Krieg sowohl das schwere Kaliber als auch die Feuerdisziplin britischer Schiffe kennengelernt und war sich sicherlich darüber klar, daß ein Gefecht mit der SERAPIS selbst gegen BONHOMME und ALLIANCE sehr eng und sehr blutig werden würde - mit durchaus zweifelhaften Erfolgsaussichten, zumal Kooperation für den vorgepreschten Jones offensichtlich ein Fremdwort war. So mag - später an diesem Tag - das Handeln des Franzosen bei so mancher Entscheidung wirklich von dem Respekt gegenüber den Achtzehnpfünderkanonen der Briten beeinflußt worden sein.
Man kann sicherlich angesichts des Charakters des nicht minder geltungssüchtigen und ehrgeizigen französischen Offiziers auch nicht ausschließen, daß er in seiner Haltung später eine Niederlage des streitbaren amerikanischen Kommodore in Kauf nahm. Denn : Wenn zwei Schiffe aufeinander schoßen, konnte sich später womöglich ein drittes Schiff freuen. Es bleibt aber festzuhalten: Zum hier diskutierten Zeitpunkt handelte es sich um einen Alleingang von Jones - kein Verrat durch Landais !

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Feuer frei

Von den bis zu 130 Meter hohen Klippen des Flamborough Head konnten die nur rund drei Meilen entfernten Schiffe auch in der hereinbrechenden Dunkelheit noch längere Zeit gut ausgemacht werden und es fand sich auch eine größere Anzahl von Fischern und anderen Beobachtern ein, die die ganze Nacht über ausharrten. Sie konnten noch beobachten, wie die BONHOMME RICHARD und die SERAPIS sich einander näherten. Schließlich, bei beginnendem Gefecht, konnten sie jedoch nur noch die Flammenzungen der Geschütze sehen.
Ungefähr um 19:00 nämlich, bei bereits hereingebrochener Dunkelheit und nach wie vor schwachem Wind - der Mond beleuchtete nach Jones Aussagen erst ab ca. 20:00 die Szenerie - trafen die BONHOMME RICHARD und die SERAPIS aufeinander. Jones bezog seine Stellung auf dem Achterdeck und stationierte auf dem erhöhten Heck der BONHOMME eine größere Truppe Seesoldaten. Einen großen Teil seiner Musketentruppe - rund 40 Mann - schickte er in die Topps, während sich rund die Hälfte seiner Schützen längs der Decks verteilten.
Kapitän
Pearson rief die nun auf Musketenschußweite herangekommene BONHOMME RICHARD an, die sich bis jetzt bezüglich ihrer Nationalität noch nicht erklärt hatte. In manchen Quellen wird auch unterstellt, Jones habe bis dahin britische Flaggen wehen lassen 9. Der amerikanische Kapitän - offensichtlich nun im Bestreben, Zeit zu gewinnen 20 - gab die BONHOMME RICHARD zunächst als einen britischen Ostindienfahrer aus, doch natürlich ließen sich die Briten weder täuschen noch hinhalten. Kapitän Pearson drohte nunmehr mit einer Breitseite, es war jedoch die BONHOMME RICHARD, die endlich die US-Flagge hißte und gleichzeitig ihre erste Breitseite auf das britische Schiff abfeuerte - dies muß zwischen 19:15 und 19:30 gewesen sein.
Die SERAPIS antwortete sofort und schon der erste Austausch der Breitseiten zeigte die große artilleristische Überlegenheit des britischen Schiffes. Auch bei den folgenden Manövern erwies sich der britische Zweidecker als wendiger, schneller und schlagkräftiger -
Jones Versuche, hinter ihr Heck oder vor ihren Bug zu schlüpfen, scheiterten hoffnungslos. Im Gegenteil geriet er bereits nach dem dritten Austausch der Breitseiten selbst unter den gefüchteten Längsbeschuß der britischen Achtzehnpfünder.
Doch damit nicht Ungemach genug für den amerikanischen Kommodore - auch seine sechs alten französischen Achtzehnpfünder, auf die er große Hoffnung gesetzt hatte, erwiesen sich wortwörtlich als Rohrkrepierer 10. Zwei der drei Kanonen auf einer Seite explodierten beim ersten Schuß und töteten und verwundeten ihre Bedienungen bzw. nahe beistehende Seeleute. Insgesamt konnte er mit diesen Kanonen nur 8 Schüsse abgeben, bis sie entweder vom Feuer der SERAPIS untauglich geschossen wurden oder von selbst den Geist aufgaben.
Jones Bericht selbst impliziert, daß die BONHOMME RICHARD bereits zu diesem Zeitpunkt die ersten Treffer unter die Wasserlinie hinnehmen mußte und es sich erwies, daß die schwachen Verbände der umgebauten Fregatte für Achtzehnpfünderkugeln wie Papier waren. Wenn Jones sich denn hätte zurückziehen können, wäre dies zu diesem Zeitpunkt die vernünftige Lösung gewesen. Doch damit wäre der Kampf verloren - sowohl gegen die Briten wie auch gegen den hochmütigen Landais. Es ist anzunehmen, daß Jones Rückzug deswegen gar nicht in Betracht zog und sich stattdessen auf die Entertaktik konzentrierte - ein in Hinsicht auf die Geschwindigkeit des ehemaligen Ostindienfahrers wahrlich verzweifeltes Unternehmen.

Das letzte Gefecht der GLORIOSO

PALLAS versus COUNTESS OF SCARBOROUGH

Einen freilich eher geringen Vorteil zog der amerikanische Kommodore wenigstens aus der Unerfahrenheit der Briten, denn die englische Korvette COUNTESS OF SCARBOROUGH, die dem Artillerieduell zunächst zugesehen hatte, lief schließlich ab, ohne das sie irgendwie in das Duell eingegriffen hatte. Warum Kapitän Piercy sich so entschied, ist nicht bekannt. Hätte er mit seinen 20 kleinen Sechspfündern überhaupt Einfluß auf das Artillerieduell der großen Schiffe nehmen können ? Vielleicht hatte er den Eindruck, die SERAPIS brauche keine Hilfe und wollte sich deswegen den anderen, nun anlaufenden feindlichen Schiffen entgegenstellen. Handelte es sich vielleicht sogar um ein Ablenkungsmanöver 17 ? Oder war Piercy vielmehr auf der Flucht vor der anlaufenden ALLIANCE ? Die britische Korvette passierte jedenfalls auf ihrem Weg die ALLIANCE auf größere Distanz, wobei es zu einem kurzen und fruchtlosen Schußwechsel kam und rannte dann wenige Minuten später sozusagen der PALLAS direkt in die Arme - oder stürzte Piercy sich sogar auf sie ?
Beide Schiffe gerieten jedenfalls umgehend in einen artilleristischen Nahkampf und entfernten sich vom Duell der beiden großen Schiffe nach Lee, gefolgt von der offensichtlich zunächst zögernden ALLIANCE. Landais hätte hier Jones wahrscheinlich schon zur Hilfe kommen können, doch die entschwindende britische Korvette war gegenüber den schmetternden Breitseiten einer britischen 44-Kanonen-Fregatte sicherlich die bessere Wahl und zumindest eine gute Ausrede. Laut dem gängigen bzw. Jones´ Bericht war der Kampf der Korvetten - also zwischen der PALLAS und Piercys Korvette - dann bereits nach einer Stunde entschieden, ohne das übrigens die ALLIANCE eingegriffen hätte. Von der Höhe der Klippen des Flamborough Head konnten die zwei auseinanderdriftende Kampfszenen beobachtet werden. Laut Piercy dauerte sein Widerstand aber zwei Stunden - eines der vielen Beispiele für die abweichenden Wahrnehmungen und Aussagen der Zeugen an diesem Tag. Ob die Kapitulation Piercys schließlich erst durch das Eintreffen bzw. Eingreifen der ALLIANCE erzwungen wurde, diese Frage kann hier zum ersten Mal nicht sicher beantwortet werden. Das Auftauchen von Landais Fregatte dürfte den englischen Korvettenkapitän aber auch nicht gerade ermutigt haben, weiterzukämpfen. Es war schließlich die PALLAS, die das Prisenkommando für die britische Korvette stellte, während die ALLIANCE wieder in der Dunkelheit verschwand und nun offensichtlich Kurs auf SERAPIS und BONHOMME RICHARD nahm.

Ein schwerer Fehler

Im Artillerieduell der Fregatten hatte inzwischen die SERAPIS der BONHOMME RICHARD schwere Schäden zugefügt, viele Kanonen wurden bereits vor dem späteren Nahkampf demontiert, Jones schreibt selbst von weiteren Treffern unter der Wasserlinie und bereits starkem Wassereinbruch. Doch dann - ungefährt nach 45 bis 60 Minuten Gefecht - muß dem bis zu diesem Zeitpunkt offensichtlich überlegen agierenden Pearson ein schwerer Fehler unterlaufen sein, der Jones und die BONHOMME RICHARD zumindest vorerst rettete.
Es geschah ca. um20:00: Trotz der weit überlegenen Manövriereigenschaften der SERAPIS gelang es dem Amerikaner tatsächlich, sich längs der SERAPIS zu legen. Angesichts seiner artilleristischen Überlegenheit und natürlich auch, weil er jederzeit mit Verstärkung für seinen Gegner rechnen mußte, hätte Pearson dies natürlich um jeden Preis vermeiden müßen. Möglich, daß dieser Fehler auch in einer verhängnisvolle Fehleinschätzung des Zustandes der amerikanischen Verteidigung bestand und Pearson deswegen einen Nahkampf zuließ.
Spätere Anmerkung: Das folgende Manöver der SERAPIS entspricht exakt dem sogenannten Salamis-Manöver. Dies beweist, daß Pearson tatsächlich beabsichtigte, die BONHOMME RICHARD zu entern.
Wie genau es dazu kam, darüber gibt es widersprüchliche Aussagen 11, jedenfalls rammte die SERAPIS bei geringer Geschwindigkeit mit dem Bug die quer vor ihr liegende BONHOMME RICHARD in der Höhe zwischen Heck und Besanmast, wobei sich zunächst nur Rahen ineinander verhakten.
Skizze der Kollison und späteren PositionJones persönlich, der auf dem Heck für den dort zuvor verwundeten Zahlmeister eingesprungen war, ergriff diese wohl letzte Chance und vertäute den Bug der englischen Fregatte an der BONHOMME RICHARD. Noch waren dies aber zarte Bande und ein entschlossenenes Manöver hätte womöglich die beiden 1000-Tonnen-Schiffe wieder getrennt. Der Wind in den Segeln der SERAPIS trieb aber dann ihr Heck gegen den Bug des amerikanisch-französischen Schiffes, so das beide Schiffe Seite an Seite und jeweils Bug an Heck lagen. Es kam aber noch schlimmer für Pearson: Der Bug der SERAPIS lag nämlich nicht ganz am Ende der BONHOMME RICHARD, sondern ungefähr dort, wo das altmodische und sehr hohe Heck des ehemaligen Ostindienfahrers begann. Aus diesem Grunde war ein nicht geringer Teil des feindlichen Hecks für die Kanonen der SERAPIS nicht mehr zu bestreichen. Zum Glück der Amerikaner standen auf diesem Teil des Schiffes noch zwei funktionsfähige Neunpfünderkanonen, die nun annähernd der Länge nach das Deck der SERAPIS beschießen konnten. Dort am Heck und in den Topps bzw. knapp über dem Deck baute sich die amerikanische Verteidigung auf und begann einen zweiten Vorteil zu nützen: Ihre Überzahl an Seesoldaten und die weiter reichenden Feuerwaffen. Zu spät erkannte Pearson offensichtlich die Gefahr, denn er versuchte - eine bereits recht verzweifelte Aktion - durch das Werfen eines Ankers wieder vom Gegner klar zu kommen. Es war indessen zu spät, die Amerikaner hatten ihr Schiff mit vielen Wurfhaken auch am Heck der SERAPIS fest vertäut und ließen nun einen Kugelregen auf das obere Deck der SERAPIS niedergehen.

Nahkampf

Die beiden Schiffe lagen so eng beieinander, daß auf der SERAPIS die unteren Geschützpforten z.T. weggesprengt oder weggeschoßen werden mußten, damit man die Kanonen laden konnte. Zu diesem Zwecke ragten die Wischer sogar auf die BONHOMME RICHARD herüber. Zwar schoß die Achtzehnpfünderbatterie der Engländer trotz Musketen- und Kartätschenfeuers von der BONHOMME RICHARD unverdrossen weiter und machte in ihrer Höhe Kleinholz aus dem gegnerischen Schiff, doch z.T. fanden ihre abgefeuerten Geschosse später nicht einmal mehr Widerstand und flogen einfach durch das amerikanische Schiff hindurch 12. Auch schwiegen auf amerikanischer Seite bald alle Geschütze in Reichweite der englischen Kanonen, dagegen brachte Jones mit ein paar Männern einen Neunpfünder von seiner Leeseite zu den zwei anderen feuernden Kanonen am Heck und bestrich mit Kartätschen das Deck des Engländers, auf dem sich bald kein Gegner mehr halten konnte.
Meiner Meinung nach waren es vor allem diese drei für die SERAPIS offensichtlich unverwundbaren Kanonen, die zunächst eine Art Patt herbeiführten. Dabei ist ein Detail im Bericht von Jones auffallend. Er ließ mit einer dieser Kanonen den in der Dunkelheit gut sichtbaren, gelb angestrichenen Hauptmast der Briten beschießen. Jones orientierte sich bei seinem Artilleriefeuer nicht nur an dem Mast, er wollte ihn sogar erklärtermaßen zu Fall bringen. Ein eindeutiges Indiz, daß er auch die Manövereigenschaften der SERAPIS eleminieren wollte, obwohl dies der BONHOMME RICHARD unmittelbar gar nichts nützen konnte - im Gegenteil. Jones hoffte nach wie vor auf Verstärkung, die selbst im Falle seiner Niederlage die zusammengeschossenen Schiffe hätte "aufsammeln" können. Tatsächlich hatte das amerikanische Feuer den Mast bald schwer beschädigt und bereits segeluntüchtig gemacht.

Dafür schoßen die Briten dem Amerikaner im Verlaufe der nächsten Minuten offensichtlich die Flagge weg, denn Kapitän Pearson bemerkte plötzlich, daß das amerikanische Hoheitszeichen verschwunden war. Er hielt es für möglich, daß die BONHOMME RICHARD angesichts der gewaltigen Schäden die Flagge gestrichen hatte 13 und rief sie an: "Do you ask for quarter ?" 14. Angeblich antworteten ihm sowohl der Schiffszimmermannsmeister als auch der Stück-und Waffenmeister und schließlich auch der erste Kanonier - ohne Rücksprache mit Jones - in dem Sinne, daß das Schiff kapituliere. Jones schreibt, daß er Pearson daraufhin in aller Deutlichkeit zu verstehen gab, das man weiterkämpfe. An dieser Stelle soll er den berühmten Satz gesagt haben: I have not yet begun to fight - Ich habe noch gar nicht angefangen zu kämpfen. Dies ist lediglich eine unter vielen Freiheiten bzw. Erfindungen, die sich spätere Jones-Biographen und Geschichtenerzähler herausgenommen haben - es ist deswegen an dieser Stelle uninteressant, wer den Satz erfand. Laut Jones eigenem Bericht bzw. seinem Journal war der Amerikaner verständlicherweise nicht ganz so schlagfertig, sondern antwortete: "Ich denke nicht daran zu kapitulieren, aber ich bin entschlossen, Sie zur Kapitulation zu veranlassen. "15.
Zu diesem Zeitpunkt hatte ihn die Hiobspost aus den unteren Decks über den Zustand des Rumpfes offensichtlich noch nicht erreicht.
Im weiteren Verlauf des Kampfes vertäuten Leute von der BONHOMME RICHARD die Rahen der BONHOMME mit denen der SERAPIS und kletterten sogar in die gegnerische Takelage. Sie warfen Granaten auf das Deck der englischen Fregatte, auf der immer wieder Brandherde entstanden, oder sie nahmen wesentliche Punkte wie z.B. das englische Steuerrad unter Beschuß.

Doch das Wasser in der BONHOMME stieg bedrohlich und Jones wurde von seinen Männern bedrängt, daß die Pumpen zum größten Teil zerschossen seien und daß das Schiff bald sinken würde. Dazu mußten auch auf der BONHOMME RICHARD immer wieder neue Brandherde gelöscht werden, die durch den Nahbeschuß entstanden. Jones durfte in dieser Phase davon ausgehen, daß ihm das Schiff jeden Moment unter den Füßen wegsackte. An dieser Stelle muß man daran erinnern, daß sich an Bord der BONHOMME RICHARD rund 200 englische Gefangene befanden, die von den in den Wochen zuvor eingebrachten Prisen an Bord gekommen waren. Diese hätten im Falle eines Wegsackens der BONHOMME nicht den Hauch einer Chance gehabt, sich zu retten - Jones Entscheidung könnte deswegen ein ungünstiges, angesichts seiner Biographie aber durchaus nicht überraschendes Licht auf seinen Charakter werfen. Vielleicht kann man aber zu seinen Gunsten noch annehmen, daß der Chronologie seines Berichtes folgend zu diesem Zeitpunkt ein Ereignis eintrat, daß ihn hoffen ließ, die SERAPIS schnell zu überwältigen. Denn im Lichte des Mondscheins näherte sich nun die ALLIANCE den beiden ineinander verbissenen Schiffen.

 Meuterei auf der Bounty

Meuterei auf der Bounty und Die Piratenjagd der Fregatte Pandora 1787 - 1792
von William Bligh, George Hamilton
Sprache: Deutsch
Gebundene Ausgabe
EDITION Erdman

Erscheinungsdatum: 2002

Jones´ Version

Jones schrieb, daß er hoffte, die ALLIANCE würde sich nun auf der anderen Seite der britischen Fregatte längseits legen. Doch "zu seiner äußersten Überraschung" feuerte die ALLIANCE im Passieren eine Breitseite auf beide Schiffe, so das sowohl die BONHOMME RICHARD als auch die SERAPIS getroffen wurde. Widersprüchlich wird darüber berichtet, wo die ALLIANCE beide Schiffe passierte und wo Geschosse der ALLIANCE die BONHOMME RICHARD trafen. Selbst Jones schreibt in seinem Bericht, die erste Breitseite der ALLIANCE habe das Heck der SERAPIS, vor allem aber die BONHOMME RICHARD getroffen. Später in seinem freilich sehr "literarisch" geprägten Journal - sozusagen eine Bewerbungsmappe für den französischen König - berichtet er dann aber, die Breitseite habe das Heck der BONHOMME RICHARD und den Bug der SERAPIS getroffen. Dabei betont Jones dann die Treffer unter Wasser und macht Landais praktisch für den späteren Untergang der BONHOMME RICHARD verantwortlich. Vielleicht wird eines Tages das Wrack des amerikanischen Schiffes diese und andere Fragen beantworten können.

Unbestritten ist immerhin, daß die ALLIANCE (auch) auf die SERAPIS feuerte. Nicht wenige Legendenerzähler schreiben, der Kommandant der ALLIANCE habe behauptet, er habe die Schiffe nicht unterscheiden können und deswegen auch die BONHOMME RICHARD getroffen. Das ist natürlich abwegig und von dem erfahrenen Seemann Landais sicher nie als Argument vorgebracht worden. Das Heck der BONHOMME war typisch für sie, altmodisch hoch und wenn man das Schiff überhaupt sah, unverwechselbar. Die Behauptung der Verwechslung diente später lediglich einigen "amerikanischen Patrioten" als "Ausrede" für den Franzosen, möglicherweise, um seine Schuld noch glaubhafter darzustellen. Immer und immer wieder stößt man auch heute noch 21 auf diese Geschichte , wonach der verräterische Franzose Landais dem amerikanischen Helden in den Rücken fällt und sein Schiff - und nur sein Schiff ! - beschießt .
Landais hätte indessen einen plausibleren Grund für seine erste Breitseite und den Verzicht auf den umgehenden Enterkampf anführen können. Das die ALLIANCE zum Zeitpunkt ihres Eintreffens nichts über den Verlauf des Kampfes wußte, ist sicher. Auf den ersten Blick hätte Landais auch davon ausgehen können, daß die BONHOMME niedergerungen war, möglicherweise sogar gerade die Flagge gestrichen hatte. Diese war ja auch weggeschossen worden und selbst Pearson nahm ja zeitweise eine Kapitulation an. Möglicherweise wurde die ALLIANCE sogar schon beim Aufkreuzen beschoßen ( Siehe auch Fußnote 12 ).
Man darf jedenfalls davon ausgehen, daß die ALLIANCE mit ihrer Breitseite die SERAPIS treffen wollte - immerhin mußte Landais ja damit rechnen, selbst bald Bekanntschaft mit den Achtzehnpfünderbatterien zu machen. Es wäre im Sinne der eigenen Selbsterhaltung auch bei der größten Mißgunst Unsinn gewesen, seine Kugeln an die BONHOMME RICHARD zu verschwenden.
Auch Jones Erwartung einer sofortigen Enterattacke hört sich nur zunächst wie eine zumutbare Erwartung an, wäre aber bodenloser Leichtsinn von Landais gewesen. Kein erfahrener Kommandant "bindet" sich an eine Kampfsituation, deren Kontext er noch gar nicht aufgeklärt hat. Der Grund für den Beschuß liegt indessen doch klar auf der Hand. Die mächtige SERAPIS war verwundbar, weil an die BONHOMME RICHARD gekettet . Wenn Landais diese Schwäche der englischen Fregatte ausnutzen wollte, mußte er in jedem Fall in Kauf nehmen, das Schiff von Jones zu treffen.
Es ist sehr wahrscheinlich, daß dieser Beschuß die Schlacht vor dem Flamborough Head entschied, dazu aber später.

Folgt man zunächst dem Bericht von Jones, geschah nach der ersten Breitseite wirklich etwas Verwunderliches, vielleicht gar Ungeheuerliches: Anstatt nämlich nun die beiden Schiffe weiter zu beschießen oder gar die SERAPIS von der anderen Seite zu entern, segelte die ALLIANCE zunächst einmal davon.
Verrat ? Selbst wenn man Jones´ Version unbedingt Glauben schenkt - und wir dürfen inzwischen starke Zweifel haben - ließe sich für dieses Verhalten immerhin noch eine alternative Erklärung finden. Möglichweise wollte Landais testen, ob die SERAPIS sich nun von der BONHOMME RICHARD trennen würde und könnte, um den Kampf mit der ALLIANCE aufzunehmen ? Schon zuvor war offensichtlich, welch großen Respekt Landais vor der SERAPIS hatte - nicht völlig zu Unrecht, betrachtet man das Schicksal der BONHOMME.
Jones´s Version der Geschehnisse als wahr vorausgesetzt, könnte es aber natürlich durchaus so gewesen sein, daß Kapitän Landais nach seiner Breitseite durch die bestürzten Zurufe von der BONHOMME RICHARD nun besser über die Lage informiert war - und den eigensinnigen Jones im eigenen Saft schmoren lassen wollte. So ein Schlag mit einer Fregatte kann schon einige Zeit dauern, wenn man sich eine günstige Position ersegeln will . Das wäre dann allerdings - nur eben kaum zu beweisender - Verrat gewesen.

 Historische Schiffsmodelle
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Sprache: Deutsch
Gebundene Ausgabe - 384 Seiten - Orbis
Erscheinungsdatum: 1. August 2003
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Den witterte der nun unter äußerstem Druck stehende Jones gleich zweifach, wie er selbst berichtet. Denn kaum war die ALLIANCE davongesegelt, da füllte sich plötzlich das Deck der BONHOMME RICHARD mit den englischen Gefangenen. Der Stückmeister hatte die Männer freigelassen, weil er offensichtlich ein Wegsacken des Schiffes befürchtete. Er führte sie nun an Deck und bemühte sich gleichzeitig um die Kapitulation, denn laut dem gängigen Bericht rief er die SERAPIS in diesem Sinne an. Es ist dies erneut ein entscheidender Moment in diesem Kampf der Irrungen und Wirrungen, dessen Bedeutung und chronologische Einordnung jedoch schwierig zu beurteilen ist. Möglicherweise hat sich dieses Ereignis noch vor dem Eintreffen der ALLIANCE abgespielt und hatte weniger Bedeutung, als Jones ihm zuschreibt.
Die traditionelle Version geht so: Jones handelte sofort, als er den Aufzug der Gefangenen bemerkte und legte in seiner Entrüstung zunächst auf seinen Offizier an, drückte ab... doch die Pistole versagte. Also stürzte er sich auf den Stückmeister und schlug ihn mit der Waffe nieder. Einen Moment lang hing der Ausgang dieser überraschenden Konfrontation zwischen Jones und den Gefangenen in der Schwebe, als die Briten Anstalten machten, sich auf den amerikanischen Kapitän zu stürzen. Doch die Geistesgegenwart bzw. die verzweifelte Entschlossenheit des Revolutionshelden und die Feuerwaffen seiner Männern retteten die Amerikaner: Währendsie von wenigen Leuten in Schach gehalten wurden, befahl Jones den Gefangenen, an die noch nicht zerschossenen Pumpen zu gehen, um nicht "in den nächsten Minuten schwimmen zu gehen". Die meisten Seeleute konnten damals noch nicht schwimmen, weswegen Jones die Männer schnell überzeugte und so die Krise überstand.
Viele Erzähler schildern diese Situation, als hätte der Kapitän der BONHOMME mit ein paar Getreuen durch bloßen Bluff zweihundert oder mehr Gefangene in Schach gehalten. Es ist dann allerdings ein Rätsel, wie in kürzerer Zeit all diese Gefangenen an Deck gelangen konnten und sich dann die Konfrontation unter dem andauerndem Beschuß durch die SERAPIS ohne Blutbad innerhalb dieser Menschentraube hat abspielen können. Es ist eher wahrscheinlich, daß - wenn überhaupt - höchstens ein Bruchteil der Gefangenen an Deck gelangte oder bereits an den Niedergängen gestoppt wurde.
Während all dieser Ereignisse war der Kampf zwischen SERAPIS und BONHOMME weitergegangen und ein glückliches Ende für Jones überhaupt nicht absehbar. Wohl konnte sich auf dem Oberdeck der SERAPIS kein Seemann mehr halten, auch verloren die Engländer durch Beschuß mit Bomben bzw. Handgranaten sicherlich weiter Leute, doch der Zustand der BONHOMME war inzwischen dramatisch und die Verluste ebenso erheblich.
Nun geschieht diese angedeutete Gefangenenrevolte bzw. der Verrat ( Überall Verrat !) angeblich nach dem geisterhaft anmutendem Auftauchen und Verschwinden der ALLIANCE. Jones kann nach dem offensichtlichen und offenen Verrat von Landais - einseitiger Beschuß und unterlassene Hilfe - mit keinerlei Hilfe mehr rechnen, dazu steht ihm das Wasser bis zum Hals - Gefangene an den Pumpen oder nicht - und seine eigenen Leute wollen immer wieder kapitulieren. Mit welcher Perspektive außer dem Sinken seines Schiffes und dem Verlust einer nicht schätzbaren Zahl seiner Leute an Bord kämpft der Amerikaner nach dieser Version überhaupt weiter ? Offensichtlich ließe sich das nur durch die Erwartung eines Wunders rechtfertigen. Und das Wunder... geschieht !

Jones schildert den Moment der Entscheidung nach seiner Version als glücklichen "Wurf": Eine der amerikanischen Bomben traf - durch die Hauptladeluke in´s Schiff fliegend - einen Haufen mit Bereitschaftsmunition bzw. Pulverkartuschen. Die Explosion löste eine Kettenreaktion aus, Munitionshaufen um Munitionshaufen soll in die Luft geflogen sein und habe "bis zu 50 Mann auf einen Schlag getötet oder verletzt". Diese Kettenreaktion wird auch durch Kapitän Pearson bestätigt und obwohl man ihre verheerende physische Wirkung in diesem Ausmaß bezweifeln darf, so ist doch die Wirkung auf die Moral vielleicht verheerend gewesen, möglicherweise ein ähnlicher Effekt, wie er von heutigen Blendgranten hervorgerufen wird. Jedenfalls habe laut Jones´ Bericht Pearson - durch dieses Ereignis entscheidend geschwächt oder entnervt - nun die englische Flagge gestrichen. Dies soll zwischen 23:00 und 23:30 gewesen sein.

Die andere Version

Der englische Kapitän Pearson benennt jedoch ganz andere Gründe für seine Übergabe. In seiner knappen Schilderung des Gefechts ordnet er den Vorfall mit der Explosion der Bereitschaftsmunition bereits um 21:30 in das Geschehen ein, bestätigt immerhin die große (auch physische) Wirkung - viele Geschütze bzw. Männer seien dadurch ausgefallen. Von Kapitulation ist bei dem Kommandanten der SERAPIS aber keine Rede. Um 22:00 sei die SERAPIS dann von der BONHOMME RICHARD aus angerufen worden, daß man die Flagge streiche. Pearson habe dann dreimal den Kapitän der BONHOMME angerufen, aber keine Antwort bekommen. Dann habe er befohlen, das amerikanische Schiff zu entern, doch seine Entermannschaft sei in einen Hinterhalt geraten und zurückgeschlagen worden. Um 22:30 schließlich sei dann die ALLIANCE erschienen und habe begonnen, die SERAPIS zu beschießen. Wohlgemerkt spricht Pearson in seinem Bericht von mehr als einer Breitseite und erwähnt auch keinen Beschuß der BONHOMME RICHARD durch die ALLIANCE. Weil er sich gegen diesen neuen Feind nicht mehr habe wehren können, habe Pearson dann um ca. 23:00 kapituliert. Demnach wurde die SERAPIS erst durch das Eingreifen der ALLIANCE endgültig bezwungen.

Pearson übergibt seinen Degen an John Paul Jones
Die Übergabe der SERAPIS
Mit Kopfverband und Epauletten: Jones

Soweit also Pearsons natürlich ebenso subjektive Version der Übergabe der SERAPIS. Man darf vermuten, daß auch seine Version durch das während des Kampfes herrschende Chaos und die Wahrung eigener Interessen verzerrt ist : Pearson dachte in seinem Bericht sicherlich schon an die unvermeidliche Untersuchung durch das Kriegsgericht. So ist diesem Bericht erwartungsgemäß nicht zu entnehmen, wie es dem trägen amerikanischen Kriegsschiff gelang, längseits der SERAPIS zu gehen. Jones ausführlicherer Bericht auf der anderen Seite ist jedoch nicht allein in seiner Wahrnehmung verzerrt oder bleibt an bestimmten Stellen unpräzise - er ist im Gegenteil an manchen Stellen bemerkenwert ausführlich... und falsch ! Man darf deswegen den Schluß ziehen, daß Jones zum Teil und zwar zu seinen Gunsten schlicht lügt. Er ist deswegen in toto unglaubwürdig und Pearson als Zeuge jedenfalls vorzuziehen. Ich denke deswegen natürlich, daß Pearsons Version der Wahrheit wesentlich näher kommt und der wesentliche Grund fürdie Kapitulation der SERAPIS tatsächlich das Eingreifen der ALLIANCE war.

Die Legende des Duells vor dem Flamborough Head ist offensichtlich eine in wesentlichen Punkten falsche Darstellung der Ereignisse. Der tatsächliche Ablauf der Ereignisse, soweit er zu rekonstruieren ist, ist für keinen der beteiligten Kommandanten ruhmvoll und ist schnell erzählt:
Jones inhomogenes Geschwader wird durch den eigenen Kommodore, der offensichtlich im Jagdfieber ist, bei hereinbrechender Dunkelheit zerstreut. Jones - vermutlich aus purer Ruhmsucht, Selbstüberschätzung und/oder Rivalität - greift im Alleingang eine überlegene britische Fregatte mit begleitender Korvette an. Dabei unterschätzt der amerikanische Kommandant die Feuerkraft der SERAPIS, während er seine eigenen Ressourcen wiederum überschätzt. Die zweite amerikanische Fregatte unter Pierre Landais verfolgt zunächst die flüchtende oder ablenkende ( Siehe Fußnote 17) britische Korvette, anstatt sich dem Feuer der SERAPIS auszusetzen. Eine berechnende Entscheidung des französischen Kapitäns ? Gar Verrat ? Oder eine nüchterne Einschätzung der Feuerkraft der SERAPIS ? Jedenfalls kein Ruhmesblatt, Jones muß zunächst allein kämpfen. Die BONHOMME RICHARD wird zusammengeschoßen und gerät in eine schwierige Lage. Doch Jones hat großes Glück - seinem Gegner, dem englische Kapitän Pearson, unterlaufen bei seinen Manövern schwere Fehler. Die BONHOMME RICHARD kann sich jedenfalls längseits der SERAPIS legen, festsetzen, das Gefecht durch eine Laune des Zufalls sogar ausgeglichen gestalten und dem Gegner schwere Verluste zufügen. Das amerikanische Schiff droht zwar zu sinken, doch Jones nimmt davon keine Notiz, sondern aus zweifelhaften Motiven sogar in Kauf, daß hilflose Gefangene ertrinken. Am Ende kommt die ALLIANCE - möglichweise sogar in letzter Minute - zur Hilfe und beschießt die SERAPIS. Dabei trifft sie unvermeidlich auch die BONHOMME RICHARD. Der englische Kapitän Pearson - an die BONHOMME RICHARD gekettet und wehrlos gegenüber dem Beschuß der ALLIANCE - kapituliert in vermeintlich aussichtsloser Lage 22. Das ist nicht die Geschichte eines ruhmreichen Kampfes, wie man sie sich vorstellt.
Der große Held John Paul Jones entpuppt sich eher als ruhmsüchtiger Hassadeur, Ehrgeizling und unfähiger Kommandant, angesichts seines Berichtes möglicherweise auch als mißgünstiger Intrigant und Lügner. Der französische Kapitän Pierre Landais bewährt sich günstigsten Falls als (allzu) vernünftiger Kommandant, wobei sein Verhalten zumindest zwischenzeitlich durchaus fragwürdig ist - möglichweise ebenfalls motiviert durch menschliche Untugenden wie z.B. Mißgunst oder persönliche Feindschaft. Kapitän Richard Pearson begeht im Gefecht mindestens einen, wahrscheinlich mehrere schwere Fehler - das amerikanisch-französische Duo gewinnt das Gefecht nicht, Pearson verliert vielmehr die Schlacht. Immerhin kapituliert er am Ende gegen eine Übermacht und damit wohl auch gerechtfertigt.
Offensichtlich scheint mir, daß an diesem Tag die meisten Leute durch grobe Fehler, Ruhmsucht, Mißgunst und andere menschliche Schwächen der Kommandanten sterben mußten. Am Ende hatte dieses Gefecht keine Helden, es hatte auch keinen strahlenden Sieger.


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Alexander Kent´s Richard Bolitho
Englischer Titel - Deutscher Titel
To Glory We Steer 1968 - Bruderkampf
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Signal - Close Action! 1974 - Eine letzte Breitseite
Richard Bolitho - Midshipman 1975 - Die Feuertaufe
Passage To Mutiny 1976 - Fieber an Bord
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Midshipman Bolitho And The Avenger 1978 - Strandwölfe
The Inshore Squadron 1978 - Galeeren in der Ostsee
Stand Into Danger 1980 - Kanonenfutter
A Tradition Of Victory 1981 - Admiral Bolithos Erbe
Success To The Brave 1983 - Der Brander
Colours Aloft! 1986 - Donner unter der Kimm
Honour This Day 1987 - Die Seemannsbraut
With All Dispatch 1988 - Der Königs Konterbande
The Only Victor 1990 - Mauern aus Holz, Männer aus Eisen
Beyond The Reef 1992 - Das letzte Riff
The Darkening Sea 1993 - Dämmerung über der See
For My Country's Freedom 1995 - Dem Vaterland zuliebe
Cross Of St. George 1996 - Unter dem Georgskreuz
Sword Of Honour 1998 - Das letzte Gefecht

Nach der Schlacht

Denn die BONHOMME RICHARD war nicht mehr zu retten. In dem Artillerieduell, daß die Schlacht einleitete, hatte sie nicht nur zuviele Treffer unter die Wasserlinie bekommen, durch den weiteren Beschuß der SERAPIS war auch ihre gesamte Struktur in Mitleidenschaft gezogen worden. Ganze Decks drohten einzustürzen. Tatsächlich blieb an ihr sozusagen nichts intakt. Die Zahl der Toten und Verwundeten auf beiden Seiten ist heute wohl kaum noch zu ermitteln, die Angaben aus den Quellen sind ungenau und z.T. weit voneinander abweichend. Einig sind sich die Zeugen lediglich in der relativen Aussage, daß es auf beiden Seiten hohe Verluste gegeben habe. Jones spricht davon, daß über der Hälfte seiner Besatzung entweder getötet oder schwer verwundet worden sei. Andere Quellen sprechen von insgesamt 120 Toten unter Amerikanern und Engländern 23.

Umgehend nach der Kapitulation der SERAPIS ließ Jones die Verwundeten auf die SERAPIS evakuieren - für die Toten blieb angeblich keine Zeit - und begann dann - wiederum gegen den Rat seiner Schiffsoffiziere - mit dem wohl aussichtslosen Versuch, die BONHOMME RICHARD zu retten. Der alte Ostindienfahrer drohte permanent, sofort wegzusacken, ganz zu schweigen vom zerschossenen Ruder und den schwer beschädigten Decks. Am Morgen nach dem Gefecht - nach den meisten Berichten um 9:00 - blieb der steigende Wasserpegel schließlich Sieger und Jones gab die BONHOMME RICHARD auf. Danach soll das Schiff umgehend gesunken sein.

Folgt man andererseits den Augenzeugenberichten von Land her, muß die BONHOMME RICHARD jedoch noch rund 24 Stunden länger geschwommen sein. Danach hätte Jones seine am Ende erfolglosen Rettungsversuche noch länger durchgehalten. Dies hat besondere Bedeutung, weil es einerseits Hinweise für die Lage des Wracks liefern könnte, andererseits die vernichtende Kritik an Jones Qualitäten als Kommodore ergänzen würde, weil er seine Schiffe natürlich dadurch einem britischen Gegenschlag länger aussetzte - womöglich aus fachlicher Sicht ungerechtfertigt. Wahrscheinlich sank die BONHOMME RICHARD also erst am übernächsten Morgen nach dem Gefecht, am 25. September zwischen 9:00 und 11:00.

Wenn das Wrack, das man 2002 in der Filey Bay lokalisierte, tatsächlich die BONHOMME RICHARD ist, würden diese Berichte bestätigt. Man muß zur Zeit jedoch noch berücksichtigen, daß in Filey Bay und den Gewässer vor dem Flamborough Head außergewöhnlich viele Wracks gerade auch von Holzschiffen liegen. Das betreffende Schiff auf dem Grund der Nordsee stimmt zwar in vielerlei Hinsicht mit Jones´ Schiff überein - z.B. sind die Maße sehr ähnlich, es gibt Feuerspuren und die Überreste sind rund 200 Jahre alt - aber es mangelt besonders an einem echten Beweis wie z.B. einer Schiffsglocke oder einem Namenszug. Auch hat man meines Wissens bislang noch keine Kanonen gefunden.
Viele Kohlenschiffe ähnlichen Alters mit ähnlichen Maßen sind in diesen Gewässern gesunken, nicht selten auch durch Brände an Bord. Deswegen muß man dem Fund gegenüber wohl noch eine gewisse Skepsis bewahren.

Linienschiffschlachten 1794 - 1806 Download

Zurück in das Jahr 1779 vor dem Flamborough Head: Nach dem Untergang seines Schiffes machte sich Jones auf der mit einem Notmast segelnden SERAPIS und dem Geschwader auf den Weg nach Holland, mit Kurs auf Texel. Seinen Stückmeister, der angeblich immer wieder kapitulieren wollte und die Gefangenen vorübergehend befreien wollte, hatte John Paul Jones nicht vergessen. Kaum war die BONHOMME RICHARD gesunken, ließ er ihn in Eisen legen. Mehrere Tage mußte das Geschwader durch die Nordsee kreuzen, bevor Jones am 3. Oktober Texel erreichte. Es ist bemerkenswert, daß es der britischen Marine trotz schnellstmöglicher Kenntnisnahme von dem Gefecht nicht gelang, das amerikanisch-französische Geschwader auf seinem Kurs nach Holland auch nur in Sicht zu bekommen. Erst Anfang November blockierte ein britisches Geschwader Texel.

Der Sieg über die SERAPIS brachte Jones viel Ruhm, aber auch viel Ärger ein. Die SERAPIS wurde nämlich von der französischen Regierung beansprucht und durch einen französischen Prisenagenten an die französische Flotte verkauft. Sie segelte schließlich nur wenige Monate unter den französischen Lilien, dann stieß im Juli 1781 jemand versehentlich eine brennende Kerze in ein offenes Faß mit Rum - am Ende verbrannte die SERAPIS an der Küste Madagaskars. Jones kämpfte sein Leben lang um die volle Summe des Prisengeldes, doch dieser Sieg war ihm nicht vergönnt. Auch war sein Ruhm zu Lebzeiten von recht kurzer Dauer, er bekam - natürlich noch zu Kriegszeiten - zwar den Dank des amerikanischen Kongresses, doch am Ende war John Paul Jones fast vergessen. Als er 1792 in Paris starb, wurde er in einem namenlosen Grab beerdigt. Sein Intimfeind Pierre Landais wurde wegen seinem Verhalten im Gefecht vor dem Flamborough Head niemals kriegsgerichtlich belangt oder auch nur angeklagt. Immerhin hatte Jones aber doch noch die Genugtuung, daß sein Rivale auf der Rückfahrt in die USA als Kommandant der ALLIANCE seines Kommandos enthoben wurde - Begründung Geisteskrankheit ! - und später durch ein Kriegsgericht aus der Navy entfernt wurde. Doch im Gegensatz zu Jones machte Pierre Landais in der französischen Marine doch noch Karriere: Er stieg bis zum Vizeadmiral auf und überlebte Jones - übrigens bei völliger geistiger Gesundheit - um 28 Jahre. Ironischerweise verbrachte er seine letzten Jahre in New York.
Der eigentliche Sieger des Gefechts am Flamborough Head war aber am Ende der vermeintlich Unterlegene: Kapitän Richard Pearson wurde nach seiner Entlassung aus der Gefangenschaft 1779 von einem Kriegsgericht sozusagen zum Sieger erklärt, ohne das sein schwerer Fehler im Gefecht überhaupt zur Sprache kam. Er wurde zum Ritter geschlagen und erhielt eine Pension. Wahrscheinlich hat der eher durchschnittliche Kapitän - vor dem Gefecht am Flamborough Head oft übergangen - sich dann ins Privatleben zurückgezogen und starb 1807.

Als wäre es ein Ausgleich für seinen frühen Tod: John Paul Jones wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Kontext des Aufstiegs der USA zu einer imperialistischen Macht als Revolutionsheld neu entdeckt und glorifiziert. Weder ein Blick auf sein Leben noch auf das berühmt gewordene Gefecht qualifiziert ihn jedoch als einen militärischen Vorreiter, schon gar nicht als ein militärisches oder menschliches Vorbild. Zwar darf man dabei nicht vergessen, daß die Wahl von nationalen historischen Vorbildern - nicht nur in den USA - selten einer zeitgenössischen Prüfung standhält und oft auf mehr oder weniger großen Geschichtsverfälschungen aufgebaut ist. Menschen sind nun einmal "fehlerhaft" und Helden sind nicht Helden per se, sondern werden Helden durch Zuschreibung von außen - in den wenigsten Fällen bleibt diese Zuschreibung unumstritten. Aber die Legende von John Paul Jones - z.T. bis in das 21. Jahrhundert hinein aufrechterhalten - ist eine durchsichtige Verfälschung der Geschichte. In der legendenumwobenen Seeschlacht am Flamborough Head gab es offensichtlich keine Helden und nicht einmal Sieger, nur Menschen und Verlierer - insofern bietet dieses Gefecht das Bild, daß aus einer bestimmten Sicht alle Kriege bieten.

 Trafalgar
Seeschlacht in der Bucht von Abukir


Fußnoten

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1 = Ein Beispiel war sein Prisenoffizier für die DRAKE, Leutnant Simpson, der am 26. April das Kommando auf der DRAKE bekam, auf ein Flaggensignal nicht reagierte, ohne Verzug abgesetzt und durch Leutant Hall ersetzt wurde. Folgen hatte diese Aktion dann für Simpson aber nicht. Im Gegenteil: Zwei Monate später schlug Jones Simpson sogar für das Kommando der nach Amerika rückkehrenden RANGER vor, natürlich in der Hoffnung auf ein größeres Schiff für sich ( In Amerika wären die Chancen weit geringer gewesen) - eine Parallele zu seiner späteren Haltung gegenüber einem abreisenden Pierre Landais. Simpson wurde bei einer Untersuchung des Vorfalls mit der DRAKE dann im September von allen Vorwürfen freigesprochen.

2 = Frankreich brauchte dringend Geld. Man kann davon ausgehen, daß der französische Marineminister in Jones tatsächlich nur den Kaperfahrer sah. Die DUC DE DURAS wurde wohl in diesem Sinne ausgehändigt.

3 = Dieser Streit könnte demnächst durchaus wieder aufflammen. Wenn es sich erweist, daß das im September 2002 in der Filey-Bucht entdeckte Wrack die BONHOMME RICHARD ist, wird die USA vermutlich Anspruch auf das Wrack im britischen Hoheitsgewässern erheben. Immerhin ist dieses Schiff Teil der Revolutionsgeschichte und somit sozusagen ein säkulares Heiligtum. Man muß dazu wissen, daß nach US-Bergungsrecht jedes amerikanische Schiff - wo immer es sinkt - Eigentum der USA bleibt. Jedoch: Ist die BONHOMME RICHARD ein amerikanisches Schiff gewesen ?

4 = Jones (1776) war zwar nominell rangdienstälter als Landais (1778), aber Landais war in der französischen Marine ja bereits bis zum Flaggoffizier aufgerückt. Er mußte die Befehle von Franklin als Zumutung empfinden, doch Franklin andereseits hätte schlecht auf die ALLIANCE verzichten können. Das Unglück wollte, daß hier mit Jones und Landais zwei übermäßig arrogante und ehrgeizige Offiziere aufeinandertrafen, was vielleicht später einigen Männern mehr als nötig das Leben kostete.

5 = im folgenden ungenau, aber bequemer schlicht Amerikaner genannt.

6 = In manchen Quellen werden hier 50 Kanonen unterstellt. Tatsächlich bezieht sich die Angabe hinter den Schiffsnamen, wie z.B. SERAPIS (44), vorerst lediglich auf die Konstruktion und besagt, daß ein Schiff für die genannte Zahl an Kanonen gebaut wurde, meistens aber nicht, das es auch soviel Kanonen an Bord hatte. Viele Kommandanten rüsteten auch tatsächlich an Kanonen noch nach, doch im Fall der SERAPIS bestätigt selbst Jones die 44 Kanonen. Sicherlich müßte man dann hinter der BONHOMME RICHARD statt einer 42 eine 36 vermerken oder besser noch: gar keine Zahl. Denn das Schiff war ja ursprünglich kein Kriegsschiff.

7 = Jones war natürlich "nur" Kapitän zur See. Der Rang Kommodore bezieht sich hier nicht auf einen Flaggoffizier bzw. auf den speziellen Rang, sondern bezeichnet ganz allgemein einen Offizier, der einen kleinen Verband kommandiert.

8 = Die Idee der "Elitetruppe" kommt indessen nicht ganz aus dem Nichts. Es handelte sich bei dieser Truppe zwar um reguläre Marinesoldaten. Für die begehrte weil ökonomisch lohnende Fahrt an Bord von Kaperschiffen mußte man aber sicherlich die Leute nicht suchen oder kommandieren, sondern mußte vielmehr unter vielen Freiwilligen aussuchen. Aus dieser Sicht stellte diese Truppe sicherlich eine Auslese dar. In dem später stattfindenden Nahkampf stellten diese Soldaten jedenfalls die am besten ausgebildete Truppe dar, zumindest an Bord der BONHOMME RICHARD !

9 = Dies wäre eine zur damaligen Zeit durchaus erlaubte Kriegslist gewesen. Erst die Feindseligkeiten unter falscher Flagge zu beginnen, galt damals als Verstoß gegen die meisten rechtlichen Kriegsrechtstandards. Jedenfalls sahen das die unter falscher Flagge segelnden Schiffe so. Vice versa dürfte die überraschte Partei da vielleicht manchmal anderer Meinung gewesen sein.

10 = Die beiden Achtzehnpfünder krepierten entgegen den meisten späteren und patriotisch verzerrten Berichten wohl nicht bei der ersten Breitseite, sondern standen zu diesem Zeitpunkt noch auf der Feuerleeseite. Erst bei der dritten oder vierten Breitseite explodierten die Rohre, dann aber schon beim ersten Schuß. Vor dem Installieren der Geschütze wurde offensichtlich versäumt, die alten Kanonen auf ihre Funktion hin zu überprüfen.

 Seeschlachten und Schiffsduelle zwischen 1775 und 1815
Der Kurs der PHOENIX - Seeschlacht vor Kap Ortegal

11 = Es gibt verschiedene Versionen von Jones, Pearson, Leutnant Dale und Fähnrich Fanning, wobei sich Jones Version liest wie eine zwingende ;-) Kombination beim Schachspiel und Pearsons Bericht eine unglückliche Verkettung von Umständen aufzählt. Die Berichte von Fanning und Dale erwähnen eine zuvor unintendierte Kollision der BONHOMME RICHARD mit dem Heck der SERAPIS, die dann "irgendwie" zu der späteren Position führte.

12 = Diese Tatsache eröffnet für die Geschichte dieses Gefechts einen sicherlich etwas abwegigen, aber doch interessanten Gedanken. Ist es möglich, daß später Geschosse von der SERAPIS die anlaufende ALLIANCE bzw. ihre nähere Umgebung trafen, nachdem sie durch den Rumpf der BONHOMME RICHARD flogen ? Könnte Kapitän Landais vielleicht den Eindruck gehabt haben, er würde bereits beim Anlaufen beschossen ? Vielleicht sogar von den BONHOMME RICHARD ? Man darf dabei nicht vergessen, daß auf der BONHOMME RICHARD Artilleriefeuer gegen die Briten nur noch vom Heck ausging, alle anderen Kanonen waren verstummt - demontiert oder wegen dem englischen Achtzehnpfünderhagel zeitweise verlassen.

13 = Pearson soll Gesprächsfetzen eines lautstarken Wortwechsels zwischen Jones und einem seiner Männer mit angehört haben, in dem Jones die Kapitulation nahegelegt wurde.

14 = Wörtlich: "Bitten Sie um Gnade ?" Frei und sinngemäß übersetzt : "Kapitulieren Sie ?"

15 = Jones´ Bericht in seinem französisch verfassten Journal folgend antwortete er Kapitän Pearson mit folgenden Worten: "Je ne songe point a me rendre, mais je suis determine a vous faire demander quartier."

16 = Die Mannschaft der DRAKE inklusive der Offiziere bestand zum größten Teil aus völlig unerfahrenen Bewohnern von Carrickfergus. Die Männer reagierten auf eine "Herausforderung" seitens den RANGER und liefen im sattsam bekannten hurrapatriotischen Rausch aus. Die DRAKE wurde zunächst sogar von einer Flotille von Booten begleitet, die gepackt voll mit Zuschauern bzw. Gaffern waren. Das die ganze Sache kein Ritterturnier war, bemerkten die Leute auf der DRAKE zu spät. Die RANGER benötigte nur wenige Minuten, um das sowieso schlecht gesteuerte englische Schiff zusammenzuschießen. Cowshooting - Kühe schießen - sagte man wohl damals zu einem solchen militärischen Erfolg.

17 = Ein Ablenkungsmanöver erscheint nicht ganz abwegig. Zwar war die SERAPIS nicht in Not, ganz im Gegenteil - das konnte Piercy, der näher am Geschehen war als die ALLIANCE, sicherlich erkennen. Angesichts der schwer getroffenen und langsamen BONHOMME RICHARD käme die ALLIANCE im Sinne eines britischen Sieges zu diesem Zeitpunkt "etwas ungelegen". Zwar unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich, daß Piercy von diesem Gedanken geleitet wurde. Er hätte dabei dann "nur" die PALLAS vergessen oder in der Dunkelheit übersehen. Piercy der einzige, tragische Held am Flamborough Head ?

18 = Die genaue Formulierung lautet: ...commanded by the oldest officer of the highest grade....

Das letzte Gefecht der GLORIOSO

19 = Man kann natürlich nicht völlig ausschließen, daß Jones zu diesem Zeitpunkt die "Bodenhaftung" verloren hatte und glaubte, er könne sich erfolgreich allein mit der SERAPIS anlegen. Der "Triumph" gegen die DRAKE, dem Kampf ausweichende britische Kriegsschiffe zuvor und ein der ALFRED (Das Schiff, auf dem Jones zuvor Leutnant war) überlegenes Schiff unter seinem Kommando - das könnte Jones zu einer drastischen Fehleinschätzung verleitet haben. Es ist indessen wenig wahrscheinlich.

20 = Das mag lediglich eine taktische Finesse gewesen sein, um z.B. seinen Kanonieren und Schützen mehr Zeit zu verschaffen, könnte aber auch darauf hindeuten, daß Jones seinem Geschwader Gelegenheit zum Aufschließen verschaffen wollte.

21 = Vor einiger Zeit wurde ich Zeuge, wie in einer Newsgroup über den Krieg im Irak ein armer französischer Poster damit konfrontiert wurde, als es um die Haltung Frankreichs zum o.g. Einmarsch ging. So erwachte - nebenbei - mein Interesse für dieses Gefecht :-). Übrigens: Der so mit dem "verräterischen Landais" beschossene Franzose konterte - ebenfalls das eigentliche Thema völlig verfehlend - mit "Chesapeake", wurde dann aber begreiflicherweise völlig sprachlos, als sein amerikanischer Widerpart behauptete, diese Schlacht hätte Jones auch gewonnen. Das haben die Franzosen nun davon, daß sie den armen Cornwallis damals vom Nachschub abgeschnitten haben ;-).

22 = Es ist aus heutiger Sicht kaum zu beurteilen, ob Pearson vielleicht zu früh aufgab, weil er möglicherweise die Verluste auf der SERAPIS überschätzte - siehe auch Fußnote 23. Seine Breitseite auf der freien Seite war vielleicht doch noch voll einsatzfähig, während auf der anderen Seite die BONHOMME RICHARD einen gewissen Schutz bot. Raimundo Kamikahan ( "Os Duelos Das Fragatas" Sao Paulo 1983) meint, Pearson hätte den Längsbeschuss durch die ALLIANCE zumindest zeitweise in Kauf nehmen können, weil dieser Beschuß ihm möglichweise auch die BONHOMME vom Hals geschafft hätte. Der brasilianische Autor stellt m.E. jedoch nicht ausreichend in Rechnung, daß zumindest der Hauptmast der SERAPIS wohl nicht mehr belastet werden konnte. Auch wenn die BONHOMME RICHARD gesunken wäre, hätte die SERAPIS wohl die Flagge streichen müßen.

23 = R. Kamikahan dagegen behauptet, daß es auf englischer Seite "nicht mehr" als 20 - 25 Tote gegeben hat, während mit der BONHOMME RICHARD die Leichen von mindestens 80 Besatzungsmitglieder der BONHOMME versanken. Er führt u.a. an, daß man nach dem Gefecht deswegen auf eine höhere Zahl toter Engländer kam, weil man Verluste unter den englischen Gefangenen zu den Toten der SERAPIS addierte. Das hört sich ganz schlüssig an, seine Rechnung beruht aber offensichtlich größtenteils auf Prämissen - Quellen dazu nennt er nicht.

24 = Die BONHOMME RICHARD verlor u.a. ihren Klüverbaum.

25 = Diese Treue bezieht sich nicht nur darauf, daß laut Jones Leutnant Dale offensichtlich der einzige Offizier an Bord der BONHOMME RICHARD war, der nicht kapitulieren wollte - er befehligte übrigens die verbliebenen und zeitweise schweigenden Zwölfpfünder im unteren Artilleriedeck - sondern sich auch in seiner nicht minder widersprüchlichen Aussage teilweise an Jones anlehnte ;-).


 The Naval Chronicle

The Naval Chronicle: The Contemporary Record of the Royal Navy at War,
1793-1798 (The Naval Chronicle , No 1)

von Nicholas Tracy
Sprache: Englisch
Gebundene Ausgabe Erscheinungsdatum: Januar 1999

 Master & Commander

Master & Commander (Special Edition, 2 DVDs)
Darsteller: Russell Crowe, Paul Bettany Regie: Peter Weir
In Deutsch und Englisch, Bildformat: 2.35:1
DVD Erscheinungsdatum: 15. April 2004 , Produktion: 2003
DVD Features: Mehr als 3 Std. Bonusmaterial, Making- of- Featurette, Dokumentation 'Visuelle Effekte' Unveröffentlichte Szenen, HBO Special


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