Chronologie der europäischen Seekriege 1793 bis 1815, Band 1, bis 1802
Chronologie der europäischen Seekriege 1793 - 1815
Band 1 : Von 1793 bis zum Frieden von Amiens 1802

von Thomas Siebe
Sprache: Deutsch Broschiert - 224 Seiten - BoD
ISBN 978-3-8423-2883-9 Erschienen: September 2010
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 Der politische Mord. Von der Antike bis zur Gegenwart

Der politische Mord.
Von der Antike bis zur Gegenwart

von Franklin F. Ford
Sprache: Deutsch
Junius Verlag GmbH
- 511 Seiten
Erscheinungsdatum:1998

 Seeschlachten und Zweikämpfe
Seeschlachten und Zweikämpfe zwischen 1775 und 1815


Villeneuve - Tod in Rennes

Wurde Napoleons Admiral ermordet ? Oder beging er Selbstmord ?

Am 22. April 1806 starb in Rennes (Frankreich) Vizeadmiral Pierre Charles Villeneuve. Der Verlierer der berühmten Seeschlacht von Trafalgar hatte wenige Tage zuvor im Austausch gegen britische Kriegsgefangene England verlassen, war am 9. April bei Morlaix gelandet und hatte sich auf den Weg nach Paris gemacht. Einige Tage später stieg er im Gasthaus Hotel De La Patrie ab. Am Morgen des 22. April fand man den Admiral tot in seiner Kammer. Sein Körper wies Stichwunden in der Brust auf.
Der vermeintlich mysteriöse Tod Villeneuves gab in den letzten 200 Jahren zu wilden Spekulationen Anlass. War er ermordet worden ? Hatte Napoleon Villeneuve töten lassen ? Hatten des Kaisers Minister Fouche oder Decres ihre Hände im Spiel gehabt ? Oder war ein Mitstreiter Villeneuves bei Trafalgar, Kapitän Magendie, der Mörder seines Admirals ? Fast ein Jahrhundert lang spekulierten vor allem britische Publikationen über einen Mord an dem Admiral.

Dabei waren die ersten publizierten Reaktionen auf das Geschehen in Rennes explizit fern jeder Mord-Theorie 1. Wohl hat man von Beginn an - übrigens besonders in Frankreich - den Verdacht gehabt, dass der Selbstmord fingiert gewesen sei, doch in den Publikationen dominiert in den ersten Jahren eher die Betonung der Plausibilität eines Freitodes des Admirals 2. In England überrascht das ein wenig, denn der mysteriöse Todesfall des kriegsgefangenen Royal Navy-Kapitäns John Wesley Wright hatte 1805 zu ganz konkreten Mordvorwürfen gegen den französischen Kaiser geführt. Freilich wurden in der englischen Öffentlichkeit die veröffentlichten französischen Untersuchungsergebnisse dieses Falles als unzureichend wahrgenommen.
Im kaiserlichen Frankreich äußerte sich der Mordverdacht bezüglich Villeneuve natürlich nicht in der Presse, aber man kann sich ein Bild von den Gerüchten, besonders auch in der französischen Marine, machen, wenn man in Rechnung stellt, dass sich Villeneuves Mitgefangener und späterer Adjutant des Marineministers, Kapitän Magendie, 1814 öffentlich in einem Schriftstück 3 gegen Beschuldigungen wehren mußte, er habe auf Anweisung des Marineministers Decres seinen Admiral erstochen. Die Familie von Villeneuve weigerte sich bis 1828, einen Selbstmord Villeneuves in Betracht zu ziehen, änderte dann aber wohl ihre Meinung - wir werden weiter unten noch sehen, warum. Im Ausland indessen beschuldigte man Napoleon zwar, an der verzweifelten Tat Villeneuves Mitschuld zu tragen, aber die meisten glaubten wohl doch an einen Freitod von Nelsons ehemaligem Gegner.

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Nach dem Krieg und dem Tode Napoleons 1821 beginnt sich das Blatt besonders in Großbritannien zu wenden. Veröffentlichungen beginnen vermehrt von einem Mord und / oder einem Mordkomplott zu sprechen, z.B. 1824 Edward Pelham Brenton in seiner Naval History of Great Britain. Den Anstoß für diese Wende hat möglicherweise eine umstrittene Publikation im Jahre 1822 gegeben. Der Chirurg Barry Edward O'Meara (1786 - 1836), Bordarzt des Linienschiffs BELLEROPHON (74), hatte 1815 Napoleon nach St. Helena begleitet und wurde auf der Insel für einige Zeit der persönliche Arzt des Ex-Kaisers.
In Erinnerung an die Gespräche mit dem Verbannten veröffentlichte O'Meara sein kritisches Buch "Napoleon in Exile, or A Voice From St. Helena". Darin erhob der Arzt u.a. schwere Vorwürfe gegen den Gouverneur von St. Helena, Hudson Lowe (1769 - 1844), bezüglich dessen Behandlung des gefangenen Ex-Kaisers. Das Buch erregte großes Aufsehen. So bekam wohl auch eine Stellungnahme Napoleons zum Tode von Villeneuve größere Bedeutung. Der verbannte Ex-Kaiser entwirft in O'Mearas Publikation eine eigenartige Selbstmord-Version des Todes seines Admirals. Sprachen alle Quellen zuvor noch von einem Messer als Tatwaffe, so präsentieren O'Meara bzw. Napoleon eine Art anatomische Selbstmord-Vorrichtung, die dabei half, einen Stab exakt so auszurichten, das er ins Herz getrieben wurde. Diese hätte sich Villeneuve zuvor besorgt bzw. angefertigt.
Schon damals wurde diese absurd erscheinende Version als indiskutabel bzw. als durch Zeugenaussagen widerlegt verworfen, vielleicht aber hat sie in besonderem Maße zum Erblühen der Mord-Theorie geführt. Denn nach 1822 rollte eine Welle der Spekulationen durch die britischen Publikationen. Plötzlich tauchten immer mehr, dafür aber immer weniger glaubwürdige Zeugen bzw. Aussagen in der Öffentlichkeit auf, die die Mord-Theorie stützten.

Napoleon in Exile: Or, A Voice from St. Helena
Napoleon in Exile: Or, A Voice from St. Helena

von Edward Fraser
Sprache: Englisch
Taschenbuch - 350 Seiten - BiblioBazaar
Erschienen: 10. Februar 2009

 Sergeant Guillemard: The Man Who Shot Nelson?
Sergeant Guillemard: The Man Who Shot Nelson?

von Robert Guillemard
Sprache: Englisch
Taschenbuch
268 Seiten - Leonaur Ltd
Erscheinungsdatum:18. Juli 2007

Dabei entstanden auch geradezu klassische Räuberpistolen wie die Abenteuer des französischen Sergeanten Robert Guillemard 4, welcher bezeugte, Villeneuve sei einem Mordanschlag mehrerer Attentäter zum Opfer gefallen. Es erregte auch keinen Verdacht beim Publikum, dass sich dieser Guillemard im selben Buch brüstete, bei Trafalgar die tödliche Kugel auf Nelson abgefeuert zu haben. Der Sergeant galt - für einige offenbar sogar bis heute - als reale Person.
Möglicherweise der Hast, mit denen Publikationen nun auf den Markt geworfen wurden, ist zum Beispiel eine Verwirrung über das Todesdatum Villeneuves geschuldet. Die NAVAL CHRONICLE hatte 1806 1 als eine der ersten britischen Zeitungen den Tod Villeneuves gemeldet, sich dabei freilich aus französischen Zeitungen bedient. Dieser Notiz folgend landete Villeneuve in der Nacht vom 22. auf den 23. April überhaupt erst in Frankreich, also an seinem eigentlichen Todestag. Laut der NAVAL CHRONICLE stirbt der Admiral dann am 26. April 1806. Dieses falsche Datum zieht sich nun durch die meisten britischen Veröffentlichungen der nächsten Jahrzehnte bzw. des 19. Jahrhunderts 5 und kann auch heute noch da oder dort bestaunt werden.
Dasselbe kann man über die Mord-Theorie sagen, die noch weit verbreitet ist. Auch wer sie nicht vertritt, erwähnt in der Regel wenigstens die Möglichkeit, Villeneuve könnte auf Veranlassung Napoleons ermordet worden sein - das gilt nicht zuletzt für uns selbst, Seeschlacht.tk. Über unsere Gründe werde ich weiter unten noch referieren.

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Folgen wir zunächst einmal dem Weg Villeneuves nach seiner Niederlage bei Trafalgar:
Der französische Admiral wurde zusammen mit dem Kapitän 6 seines Flaggschiffes BUCENTAURE, Jean-Jacques Magendie, an Bord der englischen Fregatte EURYALUS (36 - Henry Blackwood) nach England gebracht, wo er am 29. November 1805 im Spithead ankam. Er landete zusammen mit Magendie am Strand von Gosport, begleitet von Kapitän Taylor von der Sloop CAMILLA.
Man übernachtete in Portsmouth. Bereits dort ging es Villeneuve offenbar nicht gut, denn er litt unter Krämpfen und musste einen Arzt konsultieren. Nach einigen Tagen in einem Quartier in Bishops Waltham wurde er mit Magendie nach Reading verlegt, wo die beiden auf ihre Kollegen Jean Lucas und Louis-Antoine Infernet trafen.
Infernet und Lucas reisten während der nächsten Wochen öfter nach London, besonders Lucas war auf Empfängen gefragt. Villeneuve und Magendie dagegen nahmen lediglich an der Trauerfeier für den gefallenen Nelson teil. Villeneuve wird als gefasst, aber melancholisch beschrieben.
Nach 5 Monaten in Gefangenschaft wurde er Anfang April im Austausch gegen vier englische Offiziere freigelassen, einige Wochen nach Lucas, Infernet und Magendie. In Begleitung seines Dieners reiste der Admiral von Reading zur Küste von Sussex und nahm dort ein Boot, welches ihn an die Küste der Bretagne brachte. Am 9. April 1806 landete er nahe Morlais.
In Morlais schrieb Villeneuve einen Brief an den Marineminister Decres, in dem er mitteilte, das er dessen Antwort und weitere Instruktionen in Rennes erwarte. Dann machte sich der Heimkehrer auf den Weg nach Paris. Am Nachmittag des 17. April 1806 erreichte er Rennes und stieg im Hotel de la Patrie ab. Dort erfuhr der Admiral durch Zeitungen, dass Lucas und Infernet zu Konteradmiralen befördert worden waren und zu einem Empfang beim Kaiser bestellt wurden. Villeneuve schrieb daraufhin an Lucas und schloss an seine Gratulation die Bitte an, in Paris zu bleiben, denn er, Villeneuve, werde auf einer Untersuchung der Schlacht von Trafalgar bestehen, um die Schuldigen zu ermitteln. Der über Zweifel erhabene Lucas möge sich als Zeuge zur Verfügung stellen. Diese Zeilen eines sicherlich authentischen Briefes hören sich freilich nicht melancholisch, sondern eher kämpferisch an.

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Doch die Stimmung des Admirals änderte sich offenbar schon bald, denn auch am Abend des 21. April 1806 hatte Villeneuve offenbar noch immer keine Nachricht von Decres. In vielen Publikationen wird aber gerade ein solcher Brief mit für Villeneuve negativen Inhalt erwähnt und sogar als Grund für den anschließenden Freitod genannt. Ob Villeneuve einen derartigen Brief bekommen hat, ist zweifelhaft - ein weiterer Mosaikstein für Verschwörungstheoretiker.
Und damit kommen wir zu den Theorien über einen Mord an dem Admiral, die man am einfachsten nach "Verdächtigen" zusammenfasst.
Eine der ersten Versionen vergleicht den angeblichen Mord an Villeneuve mit den Fällen des o.g. Kapitän Wright (1769 - 1805) oder General Jean Charles Pichegru (1761 - 1804), bei welchen ebenfalls ein Selbstmord nur vorgetäuscht worden wäre. Der Kaiser persönlich habe den Mord angeordnet, damit Villeneuve nicht über die Niederlage von Trafalgar bzw. ihre Vorgeschichte aussagen könne. Napoleon habe den Polizeipräfekt von St. Cloud, Barrere, mit der Durchführung beauftragt. In der Nacht vom 21. auf den 22. April hätten Gendarmen in Zivilkleidung Einkehr ins Gasthaus gehalten, hätten des Kaisers Auftrag ausgeführt und seien wieder verschwunden.
Abgesehen von einigen später noch zu erwähnenden Fakten muss man die unterstellten Motive Napoleons und auch die Vorgehensweise in Frage stellen. Es entspach keinesfalls dem Stil des französischen Kaisers, seine Gegner auf diese Weise zu beseitigen. Im Falle des Herzogs von Enghien z.B. hat er dies in aller Öffentlichkeit getan und sich dabei der Militärjustiz bedient. Auch nach dem Tode von Villeneuve gibt es einige einschlägige Beispiele dafür, dass Marineoffiziere, die bei Bonaparte in Ungnade gefallen waren, auf diese quasi-legale Weise kaltgestellt wurden - wofür man sie nicht immer erschießen musste. Bonaparte hatte immer eine Präferenz für (vermeintliche ?) Legalität.
Ähnliche Motive wie Napoleon schreibt man auch Decres zu, doch der Marineminister hätte kaum die Mittel und die Zeit gehabt, auf Villeneuves unangekündigte Ankunft in Frankreich zu reagieren. Seine Weisungsbefugnisse hätten die Organisation eines Mordkomplotts wohl nur mit der Unterstützung des Kaisers oder des folgenden "Verdächtigen" zugelassen.
Der Name des Polizeiministers Fouche fiel damals wohl auch nur deswegen, weil man dem Polizeiminister so ziemlich alles zutraute. In seinem Fall mangelt es schlicht an einem plausiblen Motiv, den Verlierer von Trafalgar töten zu lassen.
Kapitän Magendie geriet wohl wegen seiner Personalunion als Mitarbeiter des Marineministers und Teilnehmer an der Schlacht ins Fadenkreuz der Verschwörungsanhänger. Er galt als opportunistischer Karriere-Streber, wird in zeitgenössischen Quellen aber als wenig kompetent und auch ansonsten wenig schmeichelhaft beschrieben - der ideale Schuldige und Täter für jede Verschwörungstheorie. Magendie war jedoch zum Zeitpunkt der Tat nicht einmal in der Nähe von Rennes.
Mindestens einen Mitverschwörer 7 müsste der Urheber eines Mordes an Villeneuve jedenfalls noch gehabt haben, nämlich den Präfekt des Departements, zu dem Rennes gehörte, Mounier. Dieser leitete nämlich nach dem Fund der Leiche Villeneuves am Morgen des 22. April 1806 umgehend eine Untersuchung ein, unterstützt von einem Colonel Camas und zwei Friedensrichtern. Eine Kommission aus drei Medizinern obduzierte Villeneuve. In den nächsten Zeilen folge ich Edward Fraser, "The Enemy at Trafalgar", London 1906:

The Enemy at Trafalgar: An Account of the Battle from Eyewitnesses' Narratives and Letters and Dispatches from the French and Spanish Fleets
The Enemy at Trafalgar:
An Account of the Battle from Eyewitnesses' Narratives and Letters and Dispatches from the French and Spanish Fleets

von Edward Fraser
Sprache: Englisch
Taschenbuch - 492 Seiten - Kessinger Publishing
Erschienen: Januar 2010

Diese etwas vergessene Publikation liegt als Faksimile vor. Die Vorgeschichte und die Schlacht selbst wird aus französischer und spanischer Sicht geschildert. Das Buch enthält u.a. auch Villeneuves offiziellen Bericht von der Schlacht. Fraser enthüllt auch das Schicksal der französischen und spanischen Crews nach Trafalagar.

Die Mediziner fanden sechs Messerstiche in der Brust, Herz und Lunge waren verletzt. Das Messer, ein herkömmliches Tafelmesser aus dem Hotel, steckte bis zum Heft in einer der Wunden. Am Körper des Toten gab es keine Spuren eines Kampfes. Mounier und seine Beisitzer fanden auch für die Anwesenheit anderer Personen in Villeneuves Schlafzimmer zum Zeitpunkt des Todes keine Anhaltspunkte. Im Gegenteil war die Tür zur Kammer des Admirals von innen verschlossen gewesen, der Schlüssel steckte auf der Innenseite.
Nachdem man sich Eintritt verschafft hatte, fand man Villeneuve halb bekleidet auf seinem Bett, auf dem Rücken liegend. Auf dem Tisch lag ein Brief an seine Frau und eine in mehrere Haufen geteilte Summe Geldes, mit beschrifteten Zetteln, wem die jeweilige Summe zugedacht war. Ebenso beschriftet waren sein Fernrohr (An Infernet) und sein Megaphon (Für Lucas), welche sich im Gepäck fanden.
Villeneuves Bediensteter sagte aus, der Admiral sei bereits zuvor melancholisch gewesen. Er habe die Schusswaffen aus dem persönlichen Gepäck seines Herren unbrauchbar gemacht und auch darauf geachtet, dass der Admiral kein Messer für sich behalte. Wie Villeneuve trotzdem in den Besitz des Messers gelangte, konnte der Diener nicht erklären.
Die Herberge in Rennes war offenbar ein recht großes Etablissement mit vielen Gästen, denn Mounier und Camas präsentierten am Ende eine Liste mit rund 20 befragten Personen. Ich gehe davon aus, dass keiner dieser Zeugen etwas Außergewöhnliches auszusagen hatte, denn die Ermittler kamen schließlich zu dem Ergebnis, dass sich Villeneuve durch Stiche in Herz und Lunge selbst tötete.

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Soweit der Inhalt des Untersuchungsberichts. Mounier gab die gefundenen Habseligkeiten sowie die Papiere an Fouche in Paris weiter. Fouche oder Decres händigten sie dann Villeneuves Witwe aus, mit einer Ausnahme: Der Brief des Admirals an seine Frau wurde zurückgehalten, Madame Villeneuve bzw. Villeneuves Bruder Jules bekam am Ende nur eine Kopie, was die Zweifel an der Suizid-Version innerhalb der Familie sicher nicht zerstreut hat.
Erst 1728 erschien der Wortlaut des Briefes dann in den ANNALES MARITIMES, Band 36, herausgegeben vom französischen Marineministerium. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich die Theorie von einem Mord an Villeneuve in England bereits eine feste Position in den Veröffentlichungen geschaffen, so dass der Abschiedsbrief des Admirals an seine Frau entweder unterging oder als fingiert dargestellt wurde. Hier zunächst einmal der Wortlaut in der o.g. französischen Version:

Rennes, le 21 avril 1806.

A Madame Villeneuve, nee Dantoine, a Valensole (Basses- Alpes).

Ma tendre amie, comment recevras-tu ce coup ? Helas, je pleure plus sur toi que sur moi. C'en est fait, j'en suis arrive au terme ou la vie est un opprobre et la mort un devoir. Seul ici, frappe d'anatheme par l'empereur, repousse par son ministre, qui fut mon ami, charge d'une responsabilite immense dans un desastre qui m'est attribue, et auquel la fatalite m'a entraine, je dois mourir ! Je sais que tu ne peux gouter aucune apologie de mon action. Je t'en demande pardon, mille fois pardon, mais elle est necessaire et j'y suis entraine par le plus violent de'sespoir. Vis tranquille, emprunte les consolations des doux sentiments de religion qui t'animent ; mon esperance est que tu y trouveras un repos qui m'est refuse. Adieu ! adieu ! seche les larmes de ma famille et de tous ceux auxquels je puis etre cher. Je voulais finir, je ne puis. Quel bonheur que je n'aie aucun enfant pour recueillir mon horrible heritage et qui soit charge' au poids de mon nom ! Ah ! je n'etais pas ne pour un pareil sort; je ne l'ai pas cherche, j'y ai ete entraine malgre moi. Adieu ! adieu !

Villeneuve.

Ich konnte die erste Publikation des Briefes in England nicht zurückverfolgen. Die älteste mir bekannte ist Colburne's UNITED SERVICE MAGAZINE 1854, Teil 3, S.276, welche den Brief über ein Vierteljahrhundert später im (englischen) Wortlaut publizierte :

My sweet friend, how will you bear this blow ? Alas, I mourn for you more than for myself. All is lost. I have come back to that point at which life is a disgrace, and death a duty. Desolate, cursed by the Emperor, repulsed by his minister, who was once my own friend, loaded with all the responsibility of a catastrophe which men attribute to me, but to which I was led on by destiniy, I must die. I know you can accept no apology for an action such as mine. Pardon, a thousand time pardon ! It must be done, and the fiercest despair urges me on. May you live peacefully, and borrow consolation from the sweet religious sentiments which animate you ; my hope is that in them you may find a repose which is not granted to me. Farewell, farewell ! Dry the tears of my family, and of all who love me - I was going to leave off, but I cannot. How happy it is that I have no child to receive my dreadful inheritance, and bear the weight of my name ! Never was I born for such a fate ; never have I sought it ; I have been dragged into it in spite of myself ! Farewell ! Farewell !

Villeneuve

Und eine deutsche Übersetzung:

Rennes, den 21. April 1806

An Madame Villeneuve, geborene Dantoine, in Valensole (Basse-Alpes)

Meine schöne Freundin, wie wirst du diesen Schlag verkraften ? Ach, ich weine um dich mehr als um mich selbst. Alles ist verloren. Ich bin an dem Punkt angelangt, an dem das Leben eine Schande und der Tod eine Pflicht ist. Ganz allein hier, belegt mit dem Bannfluch des Kaisers, abgewiesen von seinem Minister, der einmal mein Freund war, belastet mit der unermeßlichen Verantwortung für ein Desaster, das man mir zuschreibt, in das mich aber das Schicksal hineingezogen hat, muß ich sterben. Ich weiß, dass du keine Entschuldigung für meine Tat annehmen kannst. Ich bitte um Verzeihung, tausendmal um Verzeihung, aber es ist notwendig und größte Verzweiflung treibt mich an. Mögest du in Frieden leben und Trost schöpfen aus den süßen religiösen Gefühlen, die dich beseelen. Meine Hoffnung ist, dass du in ihnen die Ruhe findest, die mir verwehrt ist. Adieu, adieu ! Trockne die Tränen meiner Familie und aller der, die mich außerdem lieben. Ich wollte es stoppen, kann es aber nicht. Wie gut, dass ich kein Kind habe, das mein schreckliches Vermächtnis ernten und die Last meines Namens tragen muss. Für ein solches Los war ich nicht bestimmt, danach habe ich nicht getrachtet, ich wurde gegen meinen Willen hineingezogen. Lebwohl ! Lebwohl !

Villeneuve

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Stammt dieser Brief von der Hand des Admirals ? Nichts spricht m.E. dagegen. Tatsächlich gibt es einige Anhaltspunkte dafür, dass dies ein derartig persönlicher Abschiedsbrief eines Mannes an seine Frau ist, dass ihn nur der Gatte von Madame de Villeneuve geschrieben haben kann. Denn ganz subtil, zwischen den Zeilen, scheint Villeneuve hier auch mit seiner Frau abzurechnen. Besonders die Passage über Villeneuves nie geborenen Stammhalter scheint mir geradezu ein gegen die Gattin gerichteter Stachel zu sein. Könnte ein Fälscher soviel Insiderwissen haben, diese Gefühle von Villeneuve einzuarbeiten ?
Ein weiteres Argument für die Authenzität des Briefes: Bei einer Verschwörung durch einen der genannten "Verdächtigen" wäre das Kaiserreich sicher daran interessiert gewesen, den Brief zu veröffentlichen, um die Selbstmord-Version zu stützen. Das der Brief bis zum Niedergang des Kaiserreiches quasi unter Verschluss gehalten wurde, spricht eher für seine Authentizität als dagegen. Denn warum sollte man einen Brief fingieren oder fälschen, wenn man ihn danach nicht benützt ?
Und natürlich ist der auf den Suizid bezogene Wortlaut des Schriftstücks ein Beweis für den Freitod des Admirals.

Viele Vertreter einer Mord-Theorie werden den Brief trotzdem für irrelevant halten, denn besonders gewichtig erscheinende Argumente in der Frage "Mord oder Selbstmord" waren auch für uns von Seeschlacht.tk die sechs Messerstiche, die Villeneuve sich selbst beigebracht haben soll. Zweifler - und die waren wir vor zwei Jahren noch - halten es für unmöglich, dass ein Mensch sich selbst sechsmal in die Brust stechen kann und dabei sowohl die Lunge als auch das Herz verletzt.
Betrachtet man aber die Suizid-Forschung, so stößt man auf Methoden des Freitodes, die einem unmöglich erscheinen - bis sich jemand ihrer bedient. Jean Amery ( Hand an sich legen : Diskurs über den Freitod ) erzählt zum Beispiel vom unglaublichen Fall eines Schmiedes, der seinen Kopf in den Schraubstock steckte, zudrehte und seinen eigenen Schädel sprengte. Auch hatte das Erstechen, schon zur Zeit der Römer "populär" gerade für Soldaten, aber mit dem 20. Jahrhundert selten geworden, zuvor noch seinen festen Platz in einer makaberen Aufzählung der Methoden. Es war auch im 19. Jahrhundert keine seltene, wenn auch wenig zuverlässige Methode des Freitodes.
Aus medizinischer Sicht spricht ebenfalls nichts dagegen, dass ein Mensch sich sechs Messerstiche nach dem Muster Villeneuves zufügen kann.
Inzwischen sind wir also der Meinung, dass anatomisch und praktisch eine Selbsttötung Villeneuves absolut plausibel ist.
Meines Wissens hat kein Mitglied der Untersuchungskommission später sein Urteil revidiert oder auf Unregelmäßigkeiten hingewiesen. Es ist außerdem kein Zeuge namentlich bekannt, der einer Mord-Theorie ein verwertbares Indiz hinzugefügt hätte.
Wie man gesehen hat, hätte im Falle einer Verschwörung die Zahl der Mitwisser recht groß sein müssen. Es wäre sehr seltsam, wenn dann alle "dicht" gehalten hätten !
In der Summe spricht alles für einen Freitod von Vizeadmiral Pierre Charles Villeneuve. Die Mord-Theorie aufrecht zu erhalten, erscheint vor diesem Hintergrund nur noch spekulativ.


 The Royal Navy: A History from the Earliest Times to 1900

The Royal Navy: A History from the Earliest Times to 1900
von William Laird Clowes
Sprache: Englisch
Taschenbuch - Chatham Publishing
Erscheinungsdatum: 1996

 The Naval Chronicle

The Naval Chronicle:
The Contemporary Record of the Royal Navy at War

von Nicholas Tracy
Sprache: Englisch
Gebunden, Erscheinungsdatum: Januar 1999

Fußnoten

1 = Siehe z.B. NAVAL CHRONICLE Jan. - Jun. 1806, Nr. 15, S. 456.

2 = z.B. in THE GENTLEMAN'S MAGAZINE 1806, Band 99, S. 482.

3 = Siehe Victoires, conquetes, desastres, revers et guerres civiles des Francais Band 8, 1856, S. 412.

4 = Guillemard erzählt in "Memoirs of a french serjeant" angeblich seine Lebensgeschichte. Die erfundenen Memoiren dieser erfundenen Person wurden tatsächlich von C. O. Barbaroux und A. J. Lardier verfasst. Niemand weiß, wessen Kugel Nelson traf, wohl am wenigsten der Schütze. Dafür war die Szenerie in der Schlacht zu sehr von Qualm verdeckt und waren die damaligen Musketen zu zielungenau. Selbst wenn der damalige Schütze auf jemanden gezielt hatte und dieser nach dem Schuss umfiel, konnte der Schütze kaum sicher sein, dass er der Urheber war.

5 = William Laird Clowes z.B. nennt ebenfalls den 26. April 1806, William James "landet" Villeneuve am 22. April 1806 in Morlais. Die Encyclopædia Britannica 1911, Band 28, hat dann wieder das korrekte Datum 22. April 1806 als Todestag des Admirals.

6 = Magendie war bei Trafalgar allerdings nicht Villeneuves Flaggkapitän. Dieser hieß Prigny.

7 = Damit ist gemeint, dass die Rolle Mouniers innerhalb eines möglichen Komplotts weit über Handlanger-Dienste hinausgehen würde.


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Personen und Biografien

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Der ganze andere Plunder

Links und Quellen


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